E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Reihe: HarperCollins
Gerritsen Der Anruf kam nach Mitternacht
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-95967-669-4
Verlag: HarperCollins
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Reihe: HarperCollins
ISBN: 978-3-95967-669-4
Verlag: HarperCollins
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nichts Gutes passiert nach Mitternacht ...
Nacht in einem Haus in Washington, D. C. Das Telefon klingelt. Als Sarah Fontaine kurz darauf das Gespräch beendet, ist ihre Welt eine andere: Man hat ihr gerade mitgeteilt, dass ihr Mann Geoffrey bei einem Hotelbrand ums Leben gekommen ist. In Berlin. Dabei sollte er doch auf Geschäftsreise in London sein! Zusammen mit dem Botschaftsmitarbeiter Nick O'Hara macht Sarah sich vor Ort auf die Suche nach Antworten. Was sie findet, ist ein perfider Racheplan ...
'Ein excellent verbrochener Krimi der es in sich hat. Für eingefleischte Krimifans ein Muss.' (Magazin Köllefornia)
'Tess Gerritsen ist eine der besten in ihrem Metier' - USA Today
'Diese Geschichte überzeugt mit Aktion, unerwarteten Wendungen und viel Power.' - bookviews.at - die österreichische Lesecommunity
Tess Gerritsen studierte Medizin und arbeitete mehrere Jahre als Ärztin, bis sie für sich das Schreiben von Romantic- und Medical-Thrillern entdeckte. Die Kombination von fesselnden Stories und fundierten medizinischen Kenntnissen brachte ihr den internationalen Durchbruch. Die Bestseller-Autorin lebt mit ihrem Mann in Maine.
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2. KAPITEL
Sarah setzte an zu sprechen, aber ihre Stimme verweigerte ihr den Dienst. Wie eine Statue saß sie erstarrt auf ihrem Stuhl, unfähig sich zu bewegen, unfähig irgendetwas anderes zu tun als den Mann vor sich anzustarren.
„Ich dachte, das sollten Sie wissen“, sagte Nick. „Ich musste es Ihnen erzählen, weil wir jetzt Ihre Hilfe benötigen. Die Berliner Polizei braucht Informationen über die Aktivitäten Ihres Mannes, seine Feinde … Gründe, warum er umgebracht worden sein könnte.“
Sie schüttelte wie betäubt den Kopf. „Mir fällt nichts ein … Ich meine, ich weiß einfach nicht … Mein Gott!“, flüsterte sie.
Die sanfte Berührung seiner Hand auf ihrer Schulter ließ Sarah zusammenzucken. Sie schaute auf und sah die Besorgnis in seinen Augen. Er fürchtet, dass ich ohnmächtig werde, dachte sie. Er sorgt sich, dass ich mich auf seinen schicken, dicken Teppich übergeben und uns alle blamieren könnte. Irritiert schüttelte sie seine Hand ab. Sie brauchte niemandes einstudiertes Mitleid. Sie musste alleine sein – weg von den Bürokraten und ihren unpersönlichen Akten. Unsicher stand sie auf. Nein, sie würde nicht ohnmächtig werden. Nicht vor diesem Mann.
Nick griff nach ihrem Arm und drückte sie sanft zurück auf den Stuhl. „Bitte, Mrs. Fontaine. Noch eine Minute, mehr brauche ich nicht.“
„Lassen Sie mich los.“
„Mrs. Fontaine …“
„Lassen Sie mich los.“
Die Schärfte in ihrer Stimme schien ihn zu schockieren. Er ließ sie los, trat aber nicht zurück. Während sie dort saß, war sie sich der verschiedenen Aspekte seiner Anwesenheit bewusst – dem leichten Duft nach Aftershave und Müdigkeit, dem dumpfen Glanz seiner Gürtelschnalle, den zerknitterten Ärmeln seines Hemdes.
„Es tut mir leid“, sagte er. „Ich wollte Sie nicht bedrängen. Ich habe mir nur Sorgen gemacht, dass Sie … nun ja …“
„Ja?“ Sie schaute in diese schiefergrauen Augen. Etwas, das sie darin sah – die Ruhe, die Stärke –, weckte in ihr den plötzlichen, allen Instinkten widersprechenden Wunsch, ihm zu vertrauen. „Ich werde nicht ohnmächtig, falls Sie das meinen“, sagte sie. „Bitte. Ich würde jetzt gerne nach Hause gehen.“
„Ja, natürlich. Aber ich habe noch ein paar Fragen.“
„Ich habe aber keine Antworten. Verstehen Sie das nicht?“
Er schwieg einen Moment. „Dann werde ich mich später bei Ihnen melden“, sagte er schließlich. „Wir müssen über die Vorkehrungen für die Überführung des Leichnams sprechen.“
„Oh. Ja. Der Leichnam.“ Sie stand auf und blinzelte eine neue Welle an Tränen zurück.
„Ich lasse Sie jetzt nach Hause bringen, Mrs. Fontaine.“ Er ging langsam auf sie zu, wie, um sie nicht zu verschrecken. „Das mit Ihrem Mann tut mir leid. Wirklich leid. Rufen Sie mich gerne jederzeit an, wenn Sie noch Fragen haben.“
Sie wusste, dass keines seiner Worte von Herzen kam, dass keines von ihnen wirkliches Mitgefühl enthielt. Nick O’Hara war ein Diplomat. Er sagte, was zu sagen er gelernt hatte. Was auch immer für eine Katastrophe geschah, das US-Außenministerium hatte immer die richtigen Worte parat. Vermutlich hatte er das Gleiche schon zu Hunderten anderer Witwen gesagt.
Jetzt wartete er auf ihre Reaktion, also tat sie, was von jeder Witwe erwartet wurde. Sie riss sich zusammen, streckte die Hand aus, um seine zu schütteln, und bedankte sich bei ihm. Dann drehte sie sich um und verließ das Büro.
„Glaubst du, sie weiß es?“
Nick starrte auf die Tür, die sich gerade hinter Sarah Fontaine geschlossen hatte. Dann drehte er sich um und sah Tim Greenstein an. „Weiß was?“
„Dass ihr Mann ein Spion war?“
„Verdammt, dass wissen ja nicht einmal wir.“
„Nick, mein Freund, diese ganze Sache riecht nach Spionage. Geoffrey Fontaine gab es bis vor einem Jahr überhaupt nicht. Dann taucht sein Name auf einmal auf einer Heiratslizenz auf, er hat eine nagelneue Sozialversicherungsnummer, einen Reisepass und was weiß ich nicht alles. Das FBI scheint überhaupt nichts über ihn zu wissen. Aber die CIA – die haben eine streng geheime Akte über ihn! Bin ich doof oder was?“
„Vielleicht bin ich der Doofe“, murmelte Nick. Er ging zu seinem Schreibtisch und ließ sich auf den Stuhl fallen. Dann sah er mit grimmiger Miene die Fontaine-Akte an. Tim hatte natürlich recht. Dieser Fall stank zum Himmel. Aber Spionage? Internationale Verbrechen? Ein ehemaliger Zeuge der Regierung, der sich vor dem Mob versteckte?
Wer zum Teufel war Geoffrey Fontaine?
Nick sackte zusammen und ließ den Kopf gegen die Rückenlehne seines Bürostuhls sinken. Verdammt, er war müde. Aber er bekam Geoffrey Fontaine nicht aus dem Kopf. Oder Sarah Fontaine.
Er war überrascht gewesen, als sie sein Büro betreten hatte. Er hätte eine etwas erfahrenere Frau erwartet. Ihr Ehemann war ein Geschäftsmann, der um die Welt reiste, ein Kerl, der durch London, Berlin und Amsterdam sauste. So ein Mann sollte eine Frau haben, die schlank und elegant war. Stattdessen war diese dünne, ungelenke Kreatur hier hereingekommen, die beinahe, aber nicht vollkommen hübsch war. Ihr Gesicht hatte zu viele Ecken und Kanten; hohe, scharfe Wangenknochen, eine schmale Nase, eine eckige Stirn, die nur von einem spitzen Haaransatz etwas weicher gemacht wurde. Ihre langen Haare hatten einen dunklen Kupferton und waren selbst zum Pferdeschwanz gebunden schön. Ihre Hornbrille hatte ihn irgendwie amüsiert – sie hatte zu weit auseinanderstehende, bernsteinfarbene Augen umrahmt, die definitiv ihr bestes Merkmal waren. Ohne Make-up und mit diesem blassen, zarten Teint hatte sie wesentlich jünger gewirkt als die dreißig Jahre oder so, die sie sein musste.
Nein, sie war nicht wirklich hübsch. Aber während der Befragung hatte Nick sich immer wieder dabei ertappt, ihr Gesicht anzuschauen und sich über ihre Ehe zu wundern. Und über sie.
Tim erhob sich. „Hey, diese ganze Trauer macht mich hungrig. Gehen wir in die Kantine.“
„Nein, nicht in die Kantine. Lass uns rausgehen. Ich sitze schon den ganzen Morgen in diesem Gebäude und werde langsam wahnsinnig.“ Nick zog sein Jackett über und gemeinsam gingen sie an Angies Schreibtisch vorbei zum Treppenhaus.
Draußen blies ihnen ein frischer Frühlingswind ins Gesicht, während sie den Bürgersteig entlanggingen. Die Knospen an den Kirschbäumen waren schon dick und rund. In einer Woche würde die ganze Stadt in einem Rausch aus Weiß und Pink erblühen. Es war Nicks erster Frühling in D. C. seit acht Jahren – er hatte vergessen, wie hübsch es sein konnte, zwischen den Bäumen zu spazieren. Er steckte die Hände tief in die Taschen und zog die Schultern gegen den Wind zusammen, der durch sein Wolljackett blies.
Vage fragte er sich, ob Sarah Fontaine schon wieder in ihrer Wohnung war, ob sie jetzt quer über dem Bett lag und sich die Augen ausweinte. Er wusste, dass er hart zu ihr gewesen war. Es hatte ihm nicht gefallen, ihr so zuzusetzen, aber jemand hatte ihre Wand aus Leugnung durchbrechen müssen. Sie musste die Fakten verstehen. Nur so würde sie sich jemals von ihrer Trauer erholen können.
„Wohin gehen wir, Nick?“, fragte Tim.
„Wie wäre es mit Mary Jo’s?“
„Der Salatbar? Bist du auf Diät oder so?“
„Nein, aber da ist es ruhig. Ich habe im Moment keine Lust auf laute Unterhaltungen.“
Nach zwei weiteren Blocks betraten sie das Restaurant und suchten sich einen Tisch. Fünfzehn Minuten später brachte die Kellnerin ihnen ihre Salate, die mit hausgemachter Mayonnaise und Estragon angemacht waren. Tim betrachtete den Kopfsalat und Rucola auf seiner Gabel und seufzte.
„Das ist Kaninchenfutter. Das würde ich jeden Tag gegen einen fettigen Burger eintauschen.“ Er stopfte sich die Gabel voll Salat in den Mund und schaute Nick quer über den Tisch hinweg an. „Also, was stört dich? Hat der neue Posten dich schon mürbe gemacht?“
„Der ist ein verdammter Schlag ins Gesicht, das ist er“, sagte Nick. Er trank seinen Kaffee aus und bedeutete der Kellnerin, nachzuschenken. „Vom zweitwichtigsten Mann in London zum Bürohengst in D. C. degradiert zu werden.“
„Warum hast du dann nicht gekündigt?“
„Vielleicht tue ich das noch. Seit dem Fiasko in London ist meine Karriere im Arsch. Und jetzt muss ich mich mit diesem Scheißkerl Ambrose herumschlagen.“
„Ist er immer noch unterwegs?“
„Noch eine Woche. Bis dahin kann ich meine Arbeit so machen, wie ich es will. Ohne den ganzen bürokratischen Unsinn. Verdammt, wenn er noch weitere meiner Berichte umschreibt, um sie den ‚Verwaltungsrichtlinien‘ anzupassen, kotze ich.“ Nick legte seine Gabel ab und betrachtete seinen Salat mit grimmiger Miene. Die Erwähnung seines Vorgesetzten hatte ihm den Appetit verdorben. Vom ersten Tag an hatten Nick und Ambrose sich aneinander gerieben. Charles Ambrose liebte das bürokratische Karussell, während Nick stets darauf bestand, direkt auf den Punkt zu kommen, so unangenehm das auch sein mochte. Es war unausweichlich, dass sie ständig aneinanderrasselten.
„Dein Problem ist, Nick, dass du zwar auch ein Eierkopf bist, aber du redest nicht so einen Kauderwelsch wie die anderen. Du verwirrst sie. Sie mögen niemanden, den sie nicht verstehen. Außerdem bist du ein weichherziger Liberaler.“
„Na und? Das bist du auch.“
„Aber ich bin auch ein zertifizierter Nerd. Denen gestehen sie gewisse Freiheiten zu....




