Gernhardt | Weiche Ziele | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

Gernhardt Weiche Ziele

Gedichte 1984-1994
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-10-402613-8
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Gedichte 1984-1994

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

ISBN: 978-3-10-402613-8
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Mal melancholisch, mal heiter, mal nachdenklich und mal nur der reinen Komik verpflichtet durchstreift Robert Gernhardt die Gefilde des Allzumenschlichen. Meisterlich karikiert er körperliche Lust und Beziehungsfrust, verständliche Irrungen und manch lächerliche Verwirrungen. Dabei balanciert er leichtfüßig auf dem Hochseil seiner Sprachkunst und zaubert unnachahmliche Gedichte.

Robert Gernhardt (1937-2006) lebte als Dichter und Schriftsteller, Maler und Zeichner in Frankfurt am Main und in der Toskana. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Heinrich-Heine-Preis und den Wilhelm-Busch-Preis. Sein umfangreiches Werk erscheint bei S. Fischer, zuletzt »Toscana mia« (2011), »Hinter der Kurve« (2012) und »Der kleine Gernhardt« (2017).
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Weiche Ziele


1994

I Zu Paaren


Sehen und hören und fühlen
und denken


Sieh, wie rasch sich Augen finden,

Arme lockern, Finger binden.

Hör, wie zart es Lippen treiben,

Zungen spielen, Wangen reiben.

Fühl, wie tief sich Menschen lieben,

Schenkel spreizen, Knie schieben.

Denk! wie hoch sie sich verschulden,

Herzen brechen, Seelen dulden.

Gelungener Abend


Kommst du mit rein?

Aufn Schluck Wein.

Setzt du dich hin?

Aufn Schluck Gin.

Bleibst du noch hier?

Aufn Schluck Bier.

Gehn wir zur Ruh?

Aufn Schluck Du.

Schweigen und Freude


Es ist viel Schweigen

zwischen Männern und Frauen.

Viel Fremdheit auch,

wenn sie einander beschauen,

und Kummer.

Es eint viel Freude

die, die sich lieben,

Frauen und Männer. Sie

lächeln und schieben

noch eine Nummer.

Die Vielfältige


Sehr vielfältig bist du, Schöne, du hast:

Zwei Beine, die einander sehr gleichen

und beide bis zu dem Boden reichen:

Du hast schöne Beine.

Zwei Arme, einen an jeglicher Flanke.

Sah ich je schmalere? Ich schwanke:

Du hast schöne Arme.

Zwei Brüste, jede mit Händen zu greifen,

Pfirsichen gleich, die im Halbschatten reifen:

Du hast schöne Brüste.

Zwei Augen, beide sehr grün und sehr wach.

Sie blicken so stark, und sie machen so schwach:

Du hast schöne Augen.

Zwei Männer, jeder an seinem Platz.

Der nennt dich Liebling, und der ruft dich Schatz:

Du hast schön dumme Männer.

Verdrehter Kopf


Das muß ich erst hinterfragen,

sagt der Kopf

Ich glaube, sagt die Liebe

Das kann ich nicht so stehenlassen,

sagt der Kopf

Ich vertraue, sagt die Liebe

Das wird mich Kopf und Kragen kosten,

sagt der Kopf

Ich liebe, sagt die Liebe

Und wenn alle so dächten wie du?

fragt der Kopf

Komm, sagt die Liebe

Ich weiß gar nicht mehr, wo mir der Kopf steht,

klagt der Kopf

Am Arsch, sagt die Liebe.

Zur Beherzigung


Man soll nicht hängen

sein Herz an Dinge,

an Tiere nicht

und nicht an Menschen.

Durch die Zeit sinken sie

wie Steine durchs Wasser.

Weh dem, der sich ihnen

verbunden.

Das Herz ist ein Falke.

Je freier, je höher

reißt es empor

aus dem Strudel der Zeiten,

was es ergreift,

ob Ding oder Wesen.

Wohl dir, wenn dich eines

mitreißt.

Stadtnacht


Mädchen, die zum Vögeln gehen

Nicht, daß sie gevögelt würden

Diese vögeln selber. Hürden

Überspringen sie gleich Rehen

Die dem Bock beweisen müssen

Daß er ungleich mehr genösse

Wenn er sich nur nicht verschlösse

Ihren Wünschen, ihren Küssen–:

Und so ward er denn genommen.

Morgens aber in den Städten

Sieht man stolz ins Zwielicht treten

Mädchen, die vom Vögeln kommen.

Die natürlichste Sache der Welt


Natürlich gibt es Wollust

Natürlich gibt's Begehren

Das wäre ja noch schöner

Wenn auch die zwei nicht wären

Wir wären ja verloren

Wenn uns die zwei nicht hätten

Und schwiegen ungeboren

In ungemachten Betten.

Fatum


Nicht anders als das Lamm zum Block

Nicht anders als zum Beil der Bock

Nicht anders als zum Spieß die Sau

Nicht anders geht der Mann zur Frau:

Mit Schmerz in den Gedärmen

Mit Zagen und mit Härmen

Mit furchtbarem Getue

Mit Angst um seine Ruhe

Mit inwendigem Brüllen

Und ohne eignen Willen.

So schmale Handgelenke


So schmale Handgelenke,

wie können die überhaupt eine Hand halten,

ohne andauernd abzubrechen? Die Frage

will mir schier den Verstand spalten.

So schmale Handgelenke,

sie lassen sich mit Daumen und kleinem Finger umfassen.

Sehe ich so schmale Handgelenke, dann kann ich

dieses Umfassen nur schwer unterlassen.

So schmale Handgelenke,

die in Fingern wie Reisig enden.

Sie knistern unter deinem Händedruck,

und du bist Wachs in diesen Händen:

Sie sind schon Danaergeschenke,

so schmale Handgelenke.

Bildnis des Künstlers als
alternder Filou


Bist du bei mir,

fragt sie ihn.

Bist du wirklich bei mir?

Ich bin bei dir,

sagt er ihr.

Ich bin wirklich bei dir.

Er sagt wirklich:

Ich bin bei dir.

Als sie ihm sagte: schau nicht so


Ach Kind, ich hab nur diesen Blick,

doch den will ich dir schenken.

Ich werfe diesen Blick zurück

auf dich und mich und unser Glück,

mußt deinen Blick nicht senken.

Du gehst ja nun ein bißchen fort,

ich kann den Blick entbehren.

Die Zukunft ist ein dunkler Ort,

zum letzten Blick ein letztes Wort:

Da, nimm. Halt ihn in Ehren.

Bitte um Trennung


Ich muß dir weh tun, bitte hilf mir, ich

Muß dir jetzt sagen, bitte, sag du selbst,

Was du längst weißt, daß ich es sagen muß:

Es läuft nichts mehr.

Ich, bitte hilf mir, tu mir doch nicht weh

Und sag doch selbst, was ich jetzt sagen muß,

Daß nichts mehr läuft, was du doch wissen mußt:

Weil's nicht mehr läuft.

Siegfried


Zigmal den Verlust geübt,

manches Wässerchen getrübt.

Jede Trennung ernst gemeint,

schon mal auf Verdacht geweint.

Mich in Drachenblut gestählt

und dann trotzdem rumgequält,

als ich an der Quelle stand

und dein Pfeil die Stelle fand.

Das mir


Da mir die Liebste fortging,

war ich froh.

Ich trank und war

guter Dinge.

Ich lachte mit Freunden, und so

lief die Zeit ab.

Die, die mir blieb

fürs Erinnern.

Die, die ich hatte

zum Trauern.

Bis eine solche Gelegenheit wiederkommt,

das kann dauern.

Überraschung


Nach Jahr und Tag

dann wieder ein Brief

Die Handschrift schräg

und die Marke schief

und du wagst ihn gar nicht zu öffnen

Du drehst ihn um

Kein Absender drauf

So lange her

doch da ist er schon auf

Und du wolltest ihn gar nicht lesen

Dann liest du ihn doch

und denkst schon entspannt

Es wird ja weder Roß

noch Reiter genannt

Und die beiden kennst du persönlich

Da erwischt sie dich wieder

kalt diese Schrift

Sie teilt dir nichts mit

doch sie ist immer noch Gift

Und du schaffst es gerade zum Waschbecken.

Lang her


Vor Jahren schrieb ich ein Gedicht,

das versteh ich heute nicht:

Deiner Schritte auf der Treppe,

Schöne, Hämmern treibt den Nagel

mir in Herz und Eingeweide,

draus mein Hammer mächtig auffährt,

dich zu nageln, Schöne, die du

lächelnd eintrittst. Sorglos, da du

weißt, wie ganz und gar zuschanden

das Genagel meines Hammers

da wird, wo wir immer enden:

In der Zange deiner Lenden.

Wer kann, der will


Will keine Verlierer mehr sehn

Gehöre zu den Gewinnern

Wann ich selber zuletzt verlor?

Kann mich nicht erinnern:

Das begann in diesem Lokal

Wo ich so tierisch gut drauf war

Mann, hatten wir vier einen Spaß

Solange der Laden da auf war

Danach hätte ich heimgehen sollen

Statt dessen ging ich noch mit

Irgendwo haben wir Paul verloren

Da waren wir nur noch zu dritt

Axel, Beate und ich

Wir drei also rauf zu Beate

Was wir zwei von der einen wollten

Lass ich mal aus. Man rate

Er hat dann den Kürzeren gezogen

Mit dieser ganz linken Nummer

Versteht: Wenn einer klüger ist

Ist zwangsläufig einer dummer

Der Dumme war übrigens er

Das macht: Ich war einfach klüger

Es heißt doch: Der Klügere gibt nach

Und im Nachgeben blieb ich Sieger

Das ist nun schon elend lang her

Eine Woche? Zwei Wochen?

Ist egal, Karl. Mir steckt dieser Sieg

Auf jeden Fall noch in den Knochen:

Kann keine Verlierer mehr sehn

Gehöre zu den Gewinnern

Wann ich selbst zuletzt verlor?

Will mich nicht...


Gernhardt, Robert
Robert Gernhardt (1937–2006) lebte als Dichter und Schriftsteller, Maler und Zeichner in Frankfurt am Main und in der Toskana. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Heinrich-Heine-Preis und den Wilhelm-Busch-Preis. Sein umfangreiches Werk erscheint bei S. Fischer, zuletzt 'Toscana mia' (2011), 'Hinter der Kurve' (2012) und 'Der kleine Gernhardt' (2017).

Robert GernhardtRobert Gernhardt (1937–2006) lebte als Dichter und Schriftsteller, Maler und Zeichner in Frankfurt am Main und in der Toskana. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Heinrich-Heine-Preis und den Wilhelm-Busch-Preis. Sein umfangreiches Werk erscheint bei S. Fischer, zuletzt 'Toscana mia' (2011), 'Hinter der Kurve' (2012) und 'Der kleine Gernhardt' (2017).



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