Georgi / Benninghoff | Soundtrack Deutschland | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch

Reihe: Edition Michael Fischer / EMF Verlag

Georgi / Benninghoff Soundtrack Deutschland

Wie Musik made in Germany unser Land prägt
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7459-0460-4
Verlag: Edition Michael Fischer / EMF Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Wie Musik made in Germany unser Land prägt

E-Book, Deutsch

Reihe: Edition Michael Fischer / EMF Verlag

ISBN: 978-3-7459-0460-4
Verlag: Edition Michael Fischer / EMF Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Musik als Spiegel unserer Gesellschaft Musik aus Deutschland war noch nie so vielfältig wie heute: Das sind Legenden wie Peter Maffay, Marius Mu?ller-Westernhagen, Fanta 4, Reinhard Mey, Klaus Meine oder Urgestein Heino, aber auch die junge Generation - etwa Judith Holofernes, Felix Jaehn, Fynn Kliemann, Adel Tawil oder Silbermond. Gemeinsam haben sie alle eines: Ihre Musik spiegelt unsere Gesellschaft wider, große Themen wie Heimat, Wiedervereinigung, Fremdenhass oder Emanzipation finden sich in ihren Liedern. Und genau daru?ber sprechen sie mit den beiden Autoren, den FAZ-Redakteuren Oliver Georgi und Martin Benninghoff. 'Soundtrack Deutschland' vereint 23 große Stars der hiesigen Musikszene, 23 sensibel wie klug gefu?hrte Interviews geben tiefe Einblicke in die Gedanken der Ku?nstler zu unserem Land.

Martin Benninghoff und Oliver Georgi sind nicht nur Redakteure bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, sie sind auch selbst Musiker und bestens vernetzt in der Welt der Musiklegenden und Deutschpopstars. Soundtrack Deutschland ist ihr erstes gemeinsames Buch.
Georgi / Benninghoff Soundtrack Deutschland jetzt bestellen!

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Break I

The Punk of Today

Pop, Punk und Rock waren einmal das Medium der Provokation und des Aufbegehrens der Jugend gegenüber dem Establishment. Was ist davon übrig geblieben, und welche Rolle spielt Gangsta-Rap?

Wie leicht es doch früher war, die Öffentlichkeit in Wallung zu bringen. Als die damals vierundzwanzigjährige Nina Hagen am 9. August 1979 zum herrlich drögen Thema »Was ist los mit der Jugendkultur?« im österreichischen Fernsehen in der Talkshow »Club 2« die besten Masturbationsstrategien an der eigenen schwarzen Lederhose vorführte und durch die Hose andeutete, wie Frauen über direkte Stimulation der Klitoris zum Orgasmus kommen (»in front of … is the point of woman sex«), zog die Ungeheuerlichkeit wochenlange Diskussionen nach sich und die Redaktion erstickte in kritischen Briefen (»sittliche wie geistige Bankrotterklärung«).

Wo ist der Skandal?, fragt man sich heute. Mit Masturbationshandgriffen sollte es zwar immer noch gelingen, für hohe Einschalt- und Klickquoten zu sorgen, das lässt sich ja heutzutage besser messen denn je. Allerdings dürfte sich die Aufregung in Grenzen halten. Wahrscheinlich würde ein solches Video, bei YouTube hochgeladen und bei Instagram geteilt, für einen kurzen Aufmerksamkeitshype raketengleich abheben, um danach in der Vielzahl ähnlicher und noch viel drastischerer »Provokationen« zu verglühen. Andererseits hagelt es schnell Shitstorms, wenn man ein falsches Wort sagt oder eine saloppe Bemerkung macht. Zwischen Lethargie und Hysterie liegt ein schmaler Grat.

Die Frage ist eng verbunden mit Musik, vor allem mit der Pop- und Rockmusik, die von Anfang an ein Medium der Provokation und Identitätsfindung war und deshalb schnell zum Ausdrucksmittel der Jugend avancierte, egal, ob sich Teenager Elvistollen frisieren ließen oder sich Ketten mit Vorhängeschlössern um den Hals legten, damit sie ihrem Idol Sid Vicious von den Sex Pistols nacheifern konnten. Rockmusik sollte die Eltern schocken oder sie zumindest herausfordern, ganz anders als bei der klassischen Musik oder dem Jazz, dem Soundtrack der eher Älteren und Gesetzten. Das Tragen eines Nirvana-T-Shirts war für Teenager in den Neunzigerjahren auch das Bekenntnis zur Melancholie und zur Verweigerung in einer Elterngesellschaft, die immer mehr Leistung einforderte: Ich nehme mir heraus, schlecht drauf zu sein, egal, was ihr von mir erwartet, so wie es Kurt Cobain getan hätte. Wer sich heute allerdings in ein Nirvana- oder Type-O-Negative-Shirt wirft, trägt entweder noch seine alte Garderobe auf oder hat es frisch im Modegeschäft oder gar beim Discounter erstanden. Die einstigen Heiligen der Popkultur werden längst auf dem Grabbeltisch der Kommerzialisierung verramscht.

Das ursprünglich progressive Element der Popmusik – die Grenzverschiebung – ist vielleicht ihr charakteristischstes Merkmal nach dem Zweiten Weltkrieg. Um beim Sex zu bleiben: Das Thema hat Liedermacher und Komponisten zuvor ja kaum weniger interessiert als die Künstler heute. Das berühmt-berüchtigte »Donaulied«, das es allein aus dem 19. Jahrhundert in mehreren Textfassungen gibt, handelt von einem Mann, der sich am Donauufer über ein schlafendes Mädchen hermacht. Solche teilweise sogar gewalttätigen Männerfantasien waren nie auf Freiheit gemünzt, zumindest nicht auf die Freiheit der Frau, sondern zementierten die Machtverhältnisse in einer patriarchalen Gesellschaft. Josephine Baker, Sinnbild des verruchten Berlins in der Weimarer Republik, war da schon von anderem Schlag, auch wenn es schwerfällt, sie, die als Schwarze im Baströckchen vor weißen Männern in Nachtlokalen tanzte, als Feministin zu bezeichnen.

Dumpfe Pseudomoral

Mit diesen zarten Pflänzchen von Freiheit und Emanzipation machten die Nazis mit ihrer dumpfen kleinbürgerlichen Pseudomoral Schluss, sogar über die Zeit ihrer zwölfjährigen Regentschaft hinaus. Die Adenauerepoche war zwar vielleicht nicht ganz so prüde, wie sie vor dem Hintergrund der selbst erklärten sexuellen Revolution der Achtundsechziger erscheint, aber zumindest das Entertainment und die Musik zeigten sich in der jungen Bonner Republik biederer denn je. 1951 konnte Hildegard Knef noch mit der Andeutung nackter Brüste im Film »Die Sünderin« einen Skandal auslösen, auch weil der Streifen gleich noch andere Tabus der Zeit verhandelte: Prostitution, Sterbehilfe und Suizid. Ansonsten wirkten die autoritären Erziehungsmuster von Kaiser- und Nazireich noch nach: Ordnung, Gehorsam, Disziplin. Musik sollte erbauen, aber nicht entgrenzen.

Ein Klima, in das die deutsche Musikergeneration der heute 65- bis 80-jährigen hineingeboren wurde: Peter Maffay, Udo Lindenberg, Katja Ebstein, der etwas jüngere Herbert Grönemeyer, Wolfgang Niedecken, Inga Rumpf, Klaus Meine, Marius Müller-Westernhagen. »Meine Generation hat von vorneherein eingeimpft bekommen, das Wichtigste sei Geldverdienen«, erzählt uns Westernhagen, 1948 in Düsseldorf geboren, im Interview für dieses Buch. »Dass man sich anpasst und eine Rolle spielt, das war den Eltern […] sehr wichtig.« Und: »Wir wollten nicht wie unsere Eltern werden.« Deren Musikstars, das waren Rudi Schuricke (»Capri-Fischer«), Vico Torriani (»Grüß mir die Damen aus der Bar«) oder etwas später Peter Alexander (»Die kleine Kneipe«, im Original von Vader Abraham), die allesamt verdienstvolle, begabte Musiker und Entertainer waren, bei vielen Jugendlichen aber als konservativ und spießig galten, mitunter sogar als reaktionär wie Freddy Quinn mit seinem unsäglichen Lied »Wir«, mit dem er 1966 gegen Studenten, Protestler und allgemein Langhaarige wetterte: »Wer will nicht mit Gammlern verwechselt werden? Wir!« Immerhin, dieser Song löste schon damals eine Kontroverse aus.

Sicher, hüben wie drüben gab es Verletzungen, und die jungen Achtundsechziger schossen gelegentlich übers Ziel hinaus, wie der BAP-Sänger Wolfgang Niedecken in Distanz zu seinem damaligen Ich berichtet. Sein Vater war Mitglied der NSDAP, »mit sechzehn oder siebzehn hatte ich natürlich spitzgekriegt, dass ich ihn damit kriegen konnte«. Bei den Diskussionen zu Tisch habe er ihn oft »unbarmherzig in die Ecke gedrängt«, erinnert sich Niedecken. Sein Vater, der kein Nazi, aber wie viele seiner Generation »angepasst« gewesen sei, habe dabei »hilflos« reagiert und sich kaum gegen seinen Sohn wehren können. Klaus Meine, der 1948 in Hannover geboren und als Sänger der Scorpions weltweit bekannt wurde, beschreibt das Klima der Zeit in seiner Heimat so: »Junge Menschen wie mich hat das erdrückt, wir wollten raus aus dem Spießertum und den miefigen vier Wänden, uns von der Elterngeneration abnabeln, die den Wahnsinn des Krieges überlebt hatte.«

Ein Star wie Peter Alexander, der zwar im Krieg Flakhelfer, aber kein Nazi gewesen war, war für die Achtundsechziger indiskutabel. Das galt auch für die vermeintlich lockeren und jüngeren »Rock’n’Roller« wie Peter Kraus und Ted Herold, die in den Fünfzigerjahren populär wurden. Die Plattenindustrie vermarktete Kraus als jungen Wilden, der Little Richards »Tutti Frutti« eindeutschte. So stellten sich die behornbrillten Programmmacher Rock’n’Roll in Deutschland vor: Es ging darum, den »dreckigen« afroamerikanischen Rhythm’n’Blues und den schwarz-weißen Rock’n’Roll vom Schlage Richards, Bill Haleys, Muddy Waters und Chuck Berrys für den deutschen Geschmack zu domestizieren und bis zur Unkenntlichkeit zu verweichlichen. Nichts sollte die Eltern und Großeltern verschrecken, nichts provozieren. Kraus feierte mit seinen Songs (»Sugar Baby«) zwar große Erfolge, aber letztlich blieb seine Musik der biedere Abklatsch einer ungemein faszinierenden neuen Graswurzelmusik, die eine Geschichte zu erzählen hatte. Das galt umso mehr für die in jeder Beziehung weich gespülten Schnulzenstars wie Heintje (»Mama«) oder Roy Black (»Ganz in Weiß«), Lieblinge der Omas und angepasst bis zur Selbstverleugnung.

Einflüsse von außen wurden, wo möglich, einmal durch den Schlagerwolf gedreht, harmonisiert und möglichst glatt gebügelt, eine Strategie, die im Schlager bis auf wenige Ausnahmen auch heute noch vorherrscht. Politische und friedensbewegte Jugendliche hielten sich natürlich eher an die amerikanischen Originale der schwarzen Blues- und Rock’n’Roll-Szene oder, etwas später, an die amerikanischen und britischen musikalischen Versuchslabore von The Velvet Underground mit Lou Reed, Crosby, Stills and Nash oder Pink Floyd. In Deutschland kamen während der Studentenbewegung Bands wie Amon Düül auf, deutscher Krautrock, die in verschiedenen Besetzungen ebenfalls ein Experimentierlabor für Noten und andere bewusstseinserweiternde Substanzen wurden. Aus diesem Dunstkreis entsprangen Musiker wie Lothar Meid, der später mit Westernhagen dessen Durchbruchsalbum »Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz« produzierte. Auf der Scheibe befindet sich auch der Song »Dicke«, mit dem der Deutschrocker 1978 noch provozieren konnte: »Und darum, ja darum bin ich froh, dass ich kein Dicker bin/Denn dick sein ist ’ne Quälerei«. Radiostationen boykottierten das Lied, Westernhagen wollte und will den Text bis heute aber ironisch verstanden wissen.

Mitte der Achtzigerjahre wurde der Deutsch-Rock dann endgültig zum Mainstream, und auch der ehedem subversive Punk von Extrabreit, den Toten Hosen und den Ärzten nahm seinen Weg vom Underground in die Teenagerzimmer. Eine wirkmächtige Provokation für die Elterngeneration war er allerdings immer noch. Aber auch das änderte sich im folgenden Jahrzehnt. 1997 musste sich Tote-Hosen-Sänger Campino noch bei der NDR-Talksendung »3 nach 9«...


Georgi, Oliver
Martin Benninghoff und Oliver Georgi sind nicht nur Redakteure bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, sie sind auch selbst Musiker und bestens vernetzt in der Welt der Musiklegenden und Deutschpopstars. Soundtrack Deutschland ist ihr erstes gemeinsames Buch.

Benninghoff, Martin
Martin Benninghoff und Oliver Georgi sind nicht nur Redakteure bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, sie sind auch selbst Musiker und bestens vernetzt in der Welt der Musiklegenden und Deutschpopstars. Soundtrack Deutschland ist ihr erstes gemeinsames Buch.

Oliver Georgi, geboren 1977 in Hamburg, arbeitet als politischer Redakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und spielt schon seit seiner Kindheit auf allem, was Tasten hat. Soundtrack Deutschland ist sein zweites Buch.

Martin Benninghoff ist Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Der Fernost-Experte und Buchautor tourte als Gitarrist schon mehrfach durch China. Er wurde 1979 in Bonn geboren und lebt in der Nähe von Frankfurt a. M.



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