Genzmer | Das perfekte Spiel | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 380 Seiten

Genzmer Das perfekte Spiel

Roman
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-95824-402-3
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Roman

E-Book, Deutsch, 380 Seiten

ISBN: 978-3-95824-402-3
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Rasant, gewitzt und ungewöhnlich: 'Das perfekte Spiel' von Herbert Genzmer jetzt als eBook bei dotbooks. Felix Gidden schlägt sich mit kleinen Betrügereien gerade so durch. Doch dann wirft eine simple Verwechslung sein bisheriges Leben völlig aus der Bahn. Der eigentlich harmlose Gauner und Betrüger wird versehentlich in Machenschaften hineingezogen, die ihm schnell über den Kopf wachsen. Er muss beweisen, dass er nicht der ist, für den er gehalten wird. Seine rasante Reise führt ihn in die Türkei und zu einem Mann, der ihn die Kunst des professionellen Lügens lehrt. Das perfekte Spiel beginnt ... 'Mit Thomas Manns Figur Felix Krull hat Gidden zwar mehr als nur den Vornamen gemein, doch erinnert er ebenso an Patricia Highsmiths talentierten Mr. Ripley. Eine abenteuerliche, süffig erzählte Lebensreise.' FAZ Jetzt als eBook kaufen und genießen: 'Das perfekte Spiel' von Herbert Genzmer. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks - der eBook-Verlag.

Herbert Genzmer, geboren 1952 in Krefeld, studierte Kunstgeschichte, Linguistik und Anglistik und promovierte zum Thema Lügenstrategien. Genzmer lebte zeitweilig in Berlin, Singapur, Karlsruhe, München, als Dozent in Berkeley und bis 2013 als Gastprofessor in Georgetown, Texas. Inzwischen hat er mehr als 30 Bücher unterschiedlicher Genres veröffentlicht - Romane, Kurzgeschichten sowie Sachbücher - und ist außerdem als freier Übersetzter tätig. Heute lebt Herbert Genzmer in Berlin und Spanien.
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Frisiersalon


»Wir waren alle unglaublich heiß damals, jung, schnell, mit uns konnte keiner, wir kannten alle Tricks ... an dem Morgen damals hatte ich noch eine Sache mit Zürich abgemacht, und am Mittag war ich mit einem Partner zum Essen verabredet, steige also aus der Straßenbahn und will gerade über die Königsallee, als ich ihn sehe: Guardiola, der, mit dem zusammen ich die Abwicklung der Hamburggeschichte gerissen hatte ... sein Vorname liegt mir auf der Zunge ... fantastischer Kartenspieler, ungeschlagen, immer wie aus dem Ei gepellt, dunkle Haare, glatt nach hinten gekämmt, frische Gesichtsfarbe, sprühende Augen, strotzt vor Gesundheit, hat nie schlechte Laune, denn gute Laune ist sein Programm ... also, er sieht mich auch und kommt mit ausgebreiteten Armen auf mich zu und schüttelt mir mit der Rechten auf seine überschwängliche Weise fest die Hand, während er mit der Linken meinen Arm am Ellbogen greift. Sie hätten ihn kennenlernen sollen, diesen Guardiola. Das war einer. Da kommen immer zwei Hände auf einen zu, wenn er einen begrüßt, und am Ende muss man nachschauen, ob man noch alles hat. Der hat flinke Hände, und beim Sprechen berührt er einen überall, fasst hier an, packt dort zu, presst links, unvermittelt schließt er einen in die Arme, lacht immer – fast zu viel, um als ehrlich durchgehen zu können –, aber wenn er redet, leuchten seine Augen vor Begeisterung ... begnadeter Spieler, sagenhafter Verkäufer ... wickelt jeden ein, der nicht schnell genug den Absprung schafft ... Verdammt! Ich werde alt, mein Guter, der Vorname fällt mir partout nicht ein ... Guardiola gibt immer die Karten, die er will. Mit dem darf man sich nie auf ein Spiel einlassen, der kann gar nicht anders. ›Glückwunsch!‹, sagt er. ›Das müssen wir unbedingt feiern, da kommt eine große Gelegenheit auf uns zu‹, er lacht auf seine gewinnend hinterhältige Art und lässt mich keine Sekunde los, bis er schließlich einen Schritt zurücktritt, so auf die Art: Lass dich mal richtig ansehn!, sich schräg nach hinten lehnt, um mehr Abstand zu kriegen, und sagt: ›Sagenhafter Anzug, sensationeller Mantel! Wo hast du die Krawatte gekauft? Superelegant!‹ Dann schaut er mir ins Gesicht, dann auf meine Haare und stöhnt: ›So willst du doch bitte nicht zum Essen gehen!‹ Ich schaue an mir runter, denke noch, ich hätte mich irgendwie beschmutzt oder mein Hosenstall steht offen oder so was, als er schon auf meinen Kopf zeigt und meint, ich müsse unbedingt meine Haare schneiden lassen. Er dehnt das Unbedingt mit dieser unschlagbaren Dringlichkeit in die Länge, die nur ihm so spielerisch gelingt, als ginge es um Leben und Tod. So könnte ich mich da nicht blicken lassen, tönt er, sonst würde ich bei denen nie den Fuß in die Tür kriegen. ›Wo geh'n wir überhaupt essen?‹

Guardiola will immer alles wissen.

***

Ich will gerade antworten, da zieht er mich schon am Arm mit sich weg. Als ich dann zurückschieße, es gäbe in der Gegend keinen gescheiten Barbier, bleibt er auf seine dramatische Art stehen ... löst aber seinen Griff keine Sekunde von meinem Oberarm ... und wiederholt das Wort Barbier, als hätte ich ihm gerade eine ehrliche Wette vorgeschlagen. ›Barbier‹, flüstert er wie zu sich selbst, schüttelt den Kopf, und dann fast beleidigt: ›Ich hätte nicht gedacht, du gehst zu Barbieren.‹ Dabei dehnt er das –ie– so übertrieben affektiert und skandalös laut in die Länge, dass ich schon keine Zweifel mehr daran hege, er ist ... aber er schiebt mich um die Ecke und ohne Umwege auf einen Damensalon zu. ›Barbier!‹, wiederholt er noch einmal, als wir den Laden betreten, und schüttelt sich angewidert. Ich habe gar keine Zeit, darüber nachzudenken, wo ich gelandet bin und was er eigentlich vorhat, als er mich schon aus dem Vestibül in einen angrenzenden Raum schiebt, wo eine junge Frau auf mich zukommt, mir Mantel und Hut abnimmt, und er mich in einen der Sessel drückt. Seit ich ein kleiner Junge war, bin ich nicht mehr in einem Friseursalon gewesen. Meine Oma hatte mich immer mitgenommen, und ich durfte an den Flakons und Cremetiegeln riechen, während sie die Haare gemacht bekam. Also, ich sauge das Aroma des Orts tief in mich ein, und alle Erinnerungen steigen duftend in mir auf, und ich schaue mich um, da betritt eine umwerfend attraktive Frau, älter, bestimmt schon Ende 20 – die Chefin – den Raum durch einen schweren burgunderroten Vorhang, und Guardiola geht auf sie zu und begrüßt sie, wie er zuvor mich begrüßt hat, mit diesem unbändigen Elan. Dann zeigt er auf mich und erklärt mit großen Worten, warum wir hier sind und was mit mir zu geschehen hat. Natürlich spricht er auf seine ihm ganz eigene Art und lässt mich um ein Haar schlecht wegkommen, das ist auch typisch Guardiola, du bist am Ende immer ein klein bisschen so wie ein Hinterwäldler oder ein Junge aus dem Waisenhaus, der ich ja tatsächlich einmal war. Selbstverständlich erwähnt er das ihm unsägliche Wort Barbier, spricht es aus, als sagte er etwas Unanständiges, und erklärt, warum wir hier sind. Irgendwie glaube ich, er tat das nie absichtlich, er war einfach so. Ich will natürlich aus meinem Sessel aufstehen, aber er schiebt mich zurück und stellt mir die Dame vor: ›Aysha Arkassajan, das ist Felix Gidden‹, flötet er. Natürlich wehre ich mich und stehe gegen seinen Widerstand auf, begrüße sie, spiele aber Guardiolas Spiel mit – das tun wir alle immer – und bin ganz der Ungelenke, der, der fast gegen seinen Willen vom Freund an diesen Ort geschleppt worden, aber schon nach wenigen Minuten von der Atmosphäre derart eingenommen ist, dass er es kaum erwarten kann, sich ihren fachkundigen Händen zu überlassen. Sie wirft ihren Kopf in den Nacken, und ihre zum Bubischnitt getrimmten rotbraunen Haare wippen aus der Stirn, und sie gibt mir eine schmale Hand. ›So gefällst du mir schon besser‹, lacht Guardiola aus dem Hintergrund und verabschiedet sich winkend: ›In Eile‹, tönt er. ›Unaufschiebbare Termine‹, tutet er. Er wirft der Dame eine Kusshand zu, nachdem er ihr noch mit sprühenden Augen etwas ins Ohr geflüstert, losgeprustet und dann laut in den Raum gerufen hat, sie solle etwas aus mir machen, heute sei ein großer Tag für mich, ich wisse es bloß noch nicht. Dann zu mir: ›Wir sehen uns später!‹, und weg ist er.

Ein stürmischer Mensch, dieser Guardiola.

***

Sie fragen sich wahrscheinlich, warum ich Ihnen das erzähle, das sehe ich an Ihrem Gesicht, Herr Doktor. Geduld, Sie werden es gleich verstehen, denn es ist der Grund, warum alles kam, wie es kam, und ich damals in die Türkei ging. Begreifen Sie mal eins: Wenn Sie mich verstehen wollen, müssen Sie meine Geschichte kennen und wissen, wie ich zu dem wurde, der ich war, denn was ich heute bin«, er lacht, und ein Hustenanfall schüttelt ihn, »ist kaum noch der Rede wert. An dem Wrack ist wirklich keiner mehr interessiert.

Aysha Arkassajan, die Besitzerin des Salons, eine Schönheit. Armenische Türkin ... Aysha ... stellen Sie sie sich vor, in ihrem wundervoll offenen Gesicht mit seiner samtenen Haut, dessen Züge wie gemeißelt wirken, so ebenmäßig sind sie, liegen von seidenen Wimpern umflorte fast schwarze Augen. Ich sehe nichts anderes als diese bodenlosen Augen, vor denen ihre glatten, schweren Haare wie ein Vorhang hin und her fließen. Diese Augen sind so tief, dass mir schwindlig wird, als sie mich anschaut, und ich wie von einem Strudel hineingesogen werde. Ein bisschen wie Ihre Augen übrigens, die ja auch ungewöhnlich dunkel sind und diesen besonderen Glanz haben. Besonders hier in Deutschland. Das muss Ihnen nicht unangenehm sein, Herr Doktor, das ist so. Sie haben ungewöhnlich schöne und auch dunkle Augen für dieses Land der Blauäugigen. Sehen Sie mich an! Kornblumenblau. Immer schon. Doch Aysha ... selbstsicher sagt sie mit ihrem betörenden Akzent: Krawatte und Hemd ablegen, Kittel anziehen. Danach die Anweisungen an das Mädchen: Haare waschen, Hände in lauwarmes Seifenwasser legen, anschließend mit der Maniküre beginnen, Dampfstrahler für die Tiefenreinigung der Haut vorbereiten – fast bekomme ich einen Schreck. Wer soll das alles zahlen, frage ich mich auch. Ich will mich noch gegen all diese Anwendungen wehren, schütze wenig Zeit, dringende Termine vor, aber sie geht gar nicht darauf ein, hört mir, wie es scheint, nicht einmal zu. Ich bin in einer Art Separee, und weder sehen mich andere Kundinnen, noch sehe oder höre ich jemanden, also beginne ich zu entspannen und lasse alles mit mir geschehen, giere nur ... das merke ich deutlich, immer wieder dem Moment entgegen, wenn sie kommt und letzte Hand anlegt oder kurz anordnet, wie alles gemacht werden soll. Als ich endlich mit glühendem Gesicht und tropfnassen Haaren mit einem Handtuch als Turban auf meinem Sessel sitze und so locker bin, wie ich mich in jenen Jahren selten gefühlt habe, kommt sie und beginnt, mir die Haare zu schneiden. Sie bewegt sich wie in einem Tanz um mich, schneidet mit einer winzigen Schere und prüft immer nach ein paar Schnitten die Länge der Haare, vergleicht die linke mit der rechten Seite und steht dabei so dicht, dass mich ihr Duft berauscht. Ich könnte ewig so sitzen und mich von ihr berühren lassen. Natürlich gibt es keine Anzüglichkeiten, das versteht sich von selbst, keine auch nur im Entferntesten als persönlich zu wertenden Gesten oder Berührungen. Als sie mich bittet, die Augen zu schließen, und anfängt, mit behutsamen Bewegungen einzelne, lange Haare aus meinen Brauen zu klippen und ich also nichts mehr sehe und mich rein dem Fühlen und Riechen überlasse, muss ich einen derart entkrampften und so blödsinnigen Gesichtsausdruck gemacht haben, dass sie plötzlich laut auflacht und gleichzeitig einen Fußhebel betätigt, der die Rückenlehne des Sessels mit Schwung...


Genzmer, Herbert
Herbert Genzmer, geboren 1952 in Krefeld, studierte Kunstgeschichte, Linguistik und Anglistik und promovierte zum Thema Lügenstrategien. Genzmer lebte zeitweilig in Berlin, Singapur, Karlsruhe, München, als Dozent in Berkeley und bis 2013 als Gastprofessor in Georgetown, Texas. Inzwischen hat er mehr als 30 Bücher unterschiedlicher Genres veröffentlicht – Romane, Kurzgeschichten sowie Sachbücher – und ist außerdem als freier Übersetzter tätig. Heute lebt Herbert Genzmer in Berlin und Spanien.



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