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E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Gendrot Bulle

Undercover in der Polizei von Paris (mit einem Nachwort von Günter Wallraff)
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-455-01157-9
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Undercover in der Polizei von Paris (mit einem Nachwort von Günter Wallraff)

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

ISBN: 978-3-455-01157-9
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Aus dem Inneren der Polizei: Der Sensationsbericht aus Frankreich Undercover in der vielleicht härtesten Polizei Europas. Valentin Gendrot wollte wissen, wie es wirklich ist, ein Bulle im härtesten Pariser Arrondissement zu sein. Sein Erfahrungsbericht hat Frankreich schockiert und ist zu einem der erfolgreichsten Sachbücher des Jahres 2020 geworden. Noch nie ist es einem Journalisten gelungen, die Polizei zu infiltrieren und aus erster Hand über Rassismus, Gewalt und Überforderung in ihren Reihen zu berichten. Valentin Gendrot lässt sich in nur drei Monaten zum Hilfspolizisten ausbilden, bekommt eine Waffe in die Hand gedrückt und muss fortan auf den Straßen des gefährlichsten Pariser Bezirks für Ordnung sorgen. Seine Kollegen beleidigen und misshandeln migrantische Jugendliche, tauschen sich in rassistischen Chats aus und folgen auf der Straße ihrer eigenen Rechtsvorstellung. Gendrot lässt sich auf ihre Welt ein, deckt sie, wenn Straftaten im Amt vertuscht werden sollen, erfährt von fehlender Unterstützung vom Staat, schlechter Bezahlung und fehlender Achtung. Bis sich ein Kollege schließlich das Leben nimmt ... Ein dringendes, wichtiges Buch, sowohl für die Opfer von Polizeigewalt als auch für die Polizei selbst, von dem wir in Deutschland viel lernen können.    'Zwei Jahre undercover in der Pariser Polizei. Zwei Jahre Rassismus, Gewalt und Missbrauch staatlicher Macht ertragen und drüber berichten. Das ist eine journalistische Meisterleistung.' - Thilo Mischke 'Ein bewundernswert überzeugender Selbstversuch bis zur Selbstverleugnung. Aufklärerisch-entlarvend, nicht denunzierend. Nachahmenswert sicher auch für Deutschland.' - Günter Wallraff

Valentin Gendrot, 32 Jahre alt, ist ein unabhängiger Journalist, Er hat sich auf Undercover-Reportagen spezialisiert und schon viele Artikel und Fernsehbeiträge zum Thema veröffentlicht. 2017 veröffentlichte er unter Pseudonym das Buch Les Enchaines bei Les Arènes, für das er ein Jahr schlecht bezahlte Jobs annahm und das prekäre Milieu seiner Kolleg*innen beschrieb.
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Weitere Infos & Material


Cover
Verlagslogo
Titelseite
Vorbemerkung der Herausgeber
Widmung
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Dank
Nachwort von Günter Wallraff
Fußnoten
Biograpien
Impressum


Kapitel 14


Ich kutschiere Verrückte. Ich bin ein Irrenchauffeur. Eine schnelle Recherche auf meinem Smartphone sagt mir, dass die  – die I3P für Eingeweihte – im 14. Arrondissement liegt, direkt neben dem Krankenhaus Sainte-Anne und dem Santé-Gefängnis.

Im zweiten Stock eines Gebäudes in der Rue Cabanis nehme ich einen gesicherten Fahrstuhl und erreiche schließlich einen langen Korridor mit ausgeblichenen Wänden. Einige Pfleger unterhalten sich aufgeregt miteinander. Es geht um einen Patienten, der am Vorabend eingeliefert wurde. Auf ihren Kitteln tragen sie den rot-blauen Wappenhahn der Pariser Polizeipräfektur.

Ich habe einen Termin bei einer Dame der Leitung des I3P, die mir gelangweilt entgegenblickt. Sie schüttelt mir fest und ohne ein Lächeln die Hand, ich folge ihr in ihr Büro.

»Ihre Arbeit besteht hauptsächlich darin, Patienten an verschiedene psychiatrische Fachkliniken zu fahren. Sie sind außerdem für die Betankung und Reinigung des Fahrzeugs verantwortlich.«

Das betreffende Fahrzeug steht unten, ein Citroën-C8-Krankenwagen.

In meiner sperrigen Ausrüstungstasche, die ich die ganze Zeit mit mir herumschleppe, habe ich die Uniform und meine Kampfstiefel dabei, frisch gewachst und bereit zum Einsatz. In der linken Hand halte ich die schwarze kugelsichere Weste.

»Das werden Sie hier alles nicht brauchen, Sie arbeiten in Zivil«, erklärt mir die Beamtin.

»Und meine Dienstwaffe? Ich soll sie eigentlich am Freitag abholen.«

»Die brauchen Sie auch nicht. Hier gibt es keine Waffen.«

Bei der Antwort auf meine naive Frage lächelt die Dame zum ersten Mal. Sie schildert mir das System der Schichtarbeit: Auf drei Tage Bereitschaft folgen jeweils drei Tage Freizeit.

»Ihr Arbeitstag geht von 10 bis 20 Uhr. Ab 18 Uhr können Sie, wenn Sie alle Aufträge erledigt haben, auch früher Feierabend machen. Sie arbeiten im Wechsel mit einem anderen ADS. Hier am I3P herrscht Diskretion. Ich muss Sie auf die Schweigepflicht hinweisen, besonders im Hinblick auf mögliche prominente Patienten.«

Ende 2017 ist der russische Aktivist Pjotr Pawlenski höchstpersönlich hier gelandet (das war noch bevor er das Sextape veröffentlicht hatte, das dann Benjamin Griveaux veranlasste, seine Kandidatur als Oberbürgermeister von Paris aufzugeben), weil er an der Tür einer Filiale der Banque de France Feuer gelegt hatte.

Ich frage mich plötzlich, was ich hier soll, so weit entfernt von meinem eigentlichen Ziel. Reicht es, wenn ich hier zwei oder drei Monate abreiße, bevor ich die Versetzung an ein Polizeirevier beantragen kann? Bei geplanten neun Monaten undercover (drei Monate Ausbildung, ein halbes Jahr auf einem Revier) wäre das eine akzeptable Verzögerung. Schließlich kann bei Undercoverreportagen immer etwas Ungeplantes passieren. Als ob die Dame meine Gedanken lesen könnte, fügt sie hinzu:

»Als ADS bleiben Sie ein Jahr hier.«

Ein Jahr! Diese präzise Auskunft macht mir die Entscheidung leicht. Ein Jahr ist viel zu lang, kommt nicht infrage. Was soll ich tun? Kündigen? Aber was fange ich dann mit meinen drei Monaten Polizeischule an? Soll ich vielleicht einen Artikel über die Ausbildung bei der Polizei schreiben? Haha. Was für eine Scheiße.

Zum Abschluss des Gesprächs empfiehlt mir die Dame von der Klinikleitung, in den Pausenraum zu gehen, um mir dort die Arbeitsabläufe erklären zu lassen. Ich schiebe mich durch eine Schwingtür, hinter der die Zellen der Irren liegen, eine Reihe granatfarbener Türen, von schwachen Lichtern erhellt. Eine Putzfrau zieht von einer zur anderen und sammelt die Reste von den Essenstabletts ein.

Linker Hand auf dem Gang komme ich an einer Küche vorbei, dann rechts der Pausenraum. Darin treffe ich einen bärtigen Mann im blauen Kittel an.

»Guten Tag, sind Sie der neue Arzt?«, fragt er mich lächelnd.

»Nein, ich bin der neue ADS und …«

»Ach, du bist der neue Krankenwagenfahrer! Herzlich willkommen! Ich bin Jocelyn. Ich bin Aufseher hier.«

Die Aufseher tragen einen blauen, die Pfleger einen weißen Kittel. Der Typ wirkt sympathisch, aber ich bin nicht zum Plaudern aufgelegt. Ich will einfach alleine sein, um ein bisschen nachzudenken.

»Das Gute an der Stelle hier ist, dass man Zeit hat, sich auf die Bewerbung als regulärer Polizist vorzubereiten.«

»Klingt nicht schlecht«, erwidere ich.

Mein Gesprächspartner scheint mit Arbeit nicht gerade überhäuft zu sein. Gemächlichen Schrittes entfernt er sich in die Küche, um Tee zu kochen. Ein anderer Mann in Zivil setzt sich zu mir. Jérémy, der andere ADS, mein Kollege als Fahrer. Angesichts meines mutlosen Gesichtsausdrucks lächelt er.

»Ich kann dir sagen, dass ich genauso geschmollt habe wie du, als ich hier ankam.«

Der Kollege erklärt mir den Dienst.

»Im Prinzip geht’s hier ganz gemütlich zu. Für die Verlegungsfahrten musst du dir noch auf dein Smartphone runterladen, das ist eine App. Ich gebe dir die Adressen der Kliniken, die wir anfahren. Die sind überall in der Île-de-France.«

»Bist du schon lange hier?«

»Über anderthalb Jahre. Ich habe einen kleinen Jungen, da war das einfach praktischer.«

Draußen im Gang schlurft ein junger Mann im schwarzen Jogginganzug vorbei. Er ähnelt dem jungen Blonden aus , dem Gus-Van-Sant-Film. Sein Kopf ist im Gewirr der blassblonden Haarsträhnen kaum zu erkennen, sein Blick ins Leere gerichtet. Die Jogginghose ist ihm zu groß. Jetzt rutscht sie ihm herunter, blaue Boxershorts aus Lycra kommen zum Vorschein. Seine Unterarme sind mit einem weißen Ledergurt an den Oberkörper gefesselt.

*

Ein paar schnelle Recherchen zeigen mir, dass die I3P den Ruf einer Blackbox hat, aus der nichts nach außen dringt.

»Wenn es einen vor der Öffentlichkeit verborgenen Ort gibt, dann diesen. Niemand, auch kein Journalist, erfährt, was in dieser in Frankreich einmaligen und zunehmend umstrittenen Einrichtung passiert, wo Personen ›untergebracht‹ werden, die von der Polizei aufgegriffen wurden und sich psychisch auffällig verhalten«, schrieb die Journalistin Cécile Prieur 2006 in 9

Die meisten der etwa 2000 Patienten, die jährlich hier eingewiesen werden, wurden wegen strafbaren Verhaltens von der Polizei in Gewahrsam genommen. Die I3P dient als psychiatrische Notaufnahme ausschließlich für die Pariser Polizei und ist damit eine in Europa einmalige Anstalt, ein Erbe aus der napoleonischen Zeit. Man denkt unwillkürlich an die , mit denen die französischen Könige nach Belieben und ohne Rechtsgrundlage unbequeme Männer in den Kerker werfen, ins Exil treiben oder in Hausarrest sperren ließen. Kritiker der I3P sprechen von willkürlichen Einweisungen gegen den Widerstand der Betroffenen.

Claude Finkelstein, Vorsitzende der (Fnapsy), des Verbandes gegenwärtiger und ehemaliger Psychiatriepatienten, meint über die I3P: »Es ist längst an der Zeit, dieses entwürdigende System abzuschaffen, das an die erinnert.« Serge Blisko, früherer Abgeordneter und Bürgermeister des 13. Arrondissements für die Sozialisten, nannte die Anstalt während seiner Amtszeit ein »psychiatrisch-polizeiliches System«.

Wird in Frankreich jemand im Delirium auf der Straße aufgegriffen, wird er zunächst einem Arzt vorgeführt und dann gegebenenfalls in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Außer in Paris. Hier kommt er vor eine UMJ (, eine ärztliche Kommission) und landet dann – gewöhnlich 24 bis 48 Stunden lang – an meinem neuen Arbeitsplatz.

Der Papst der Undercoverreportage selbst, Albert Londres, wollte sich hier einschleichen. Am Anfang seines 1925 erschienenen Buchs berichtet er, wie er sich als angeblich Geisteskranker in der Aufnahme der damaligen Infirmerie spéciale du dépôt, der heutigen I3P, vorstellt, vom seinerzeitigen Chefarzt prompt enttarnt wird und sein Vorhaben aufgibt.

Es ist also wahrscheinlich, dass ich, weil mir die Stelle zufällig zugewiesen wurde, der erste Journalist überhaupt bin, der ohne Einschränkung in diesen Korridoren herumspazieren darf.

Hinter der Tür einer von außen verschlossenen Zelle brüllt ein Mann, der sein Neuroleptikum nicht nehmen will.

»Dieses Zeug macht, dass ich keinen mehr hochkriege. Ich will aber einen hochkriegen! Ich habe seit 21 Jahren keinen mehr hochgekriegt!«

Ich muss zugeben, dass dieser neuentdeckte Planet voller Außerirdischer den Voyeur in mir reizt. Bei jedem Undercoverprojekt ist ja mein Ziel, in ein Paralleluniversum, eine unbekannte Welt einzutauchen. Andererseits habe ich schon für ein Buch über die französische Polizei unterschrieben.

Ich versuche abzuwägen. Ich habe mich bisher nie länger als zwei oder drei Monate irgendwo eingeschleust und bin deswegen in den letzten vier Jahren wie ein Wanderarbeiter herumgezogen. Wenn ich ein Jahr hier an der I3P bleibe, habe ich endlich mal wieder einen festen Aufenthaltsort und...


Gendrot, Valentin
Valentin Gendrot, 32 Jahre alt, ist ein unabhängiger Journalist, Er hat sich auf Undercover-Reportagen spezialisiert und schon viele Artikel und Fernsehbeiträge zum Thema veröffentlicht. 2017 veröffentlichte er unter Pseudonym das Buch Les Enchaines bei Les Arènes, für das er ein Jahr schlecht bezahlte Jobs annahm und das prekäre Milieu seiner Kolleg*innen beschrieb.

Bayer, Martin
Martin Bayer, Jahrgang 1967, studierte Vergleichende Sprachwissenschaft und Anglistik und übersetzt aus dem Englischen und Französischen, u. a. Werke von Michel Butor, Josiah Ober und Brent Schlender.

Valentin Gendrot, 32 Jahre alt, ist ein unabhängiger Journalist, Er hat sich auf Undercover-Reportagen spezialisiert und schon viele Artikel und Fernsehbeiträge zum Thema veröffentlicht. 2017 veröffentlichte er unter Pseudonym das Buch Les Enchaines bei Les Arènes, für das er ein Jahr schlecht bezahlte Jobs annahm und das prekäre Milieu seiner Kolleg*innen beschrieb.



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