E-Book, Deutsch, Band 2, 333 Seiten
Reihe: Follow Me Back
Geiger Tell Me No Lies
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7363-1046-9
Verlag: LYX.digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 2, 333 Seiten
Reihe: Follow Me Back
ISBN: 978-3-7363-1046-9
Verlag: LYX.digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Was ist mit Eric Thorn geschehen?
Wo ist Eric Thorn? Ist er am Leben? Tessa Hart ist die Einzige, die die Wahrheit kennt. Aber sie hat beschlossen, ihre Eric-Thorn-Fangirl-Zeiten ein für alle Mal hinter sich zu lassen - und nie wieder in die Nähe einer Twitter-App zu kommen. Denn auch wenn sie sich inzwischen traut, ihr Zimmer zu verlassen, so fürchtet sie sich noch immer vor der Vergangenheit. Doch genau dieser muss sich Tessa früher stellen als gedacht ...
'Von Anfang bis Ende ein fesselnder Pageturner!' ANNA TODD über FOLLOW ME BACK
'Der nächste große YA-Thriller.' ALI NOVAK
Die packende Fortsetzung von FOLLOW ME BACK!
A.V. Geiger lebt mit ihrer Familie in New Jersey. Sie begann ihre Autorenkarriere mit dem Schreiben von Fanfiction und veröffentlicht ihre Geschichten heute sehr erfolgreich auf »Wattpad«. Für ihren Debütroman konnte sie aus ihren Erfahrungen aus den Bereichen Fankultur und Social Media schöpfen.
Weitere Infos & Material
KAPITEL 1
Tote Prominente
1. Februar 2017 (drei Monate zuvor)
»Und diese brandheiße Meldung hat uns soeben erreicht: Mehrere Quellen in der Schweiz haben bestätigt, dass das Facebook Live-Video authentisch ist. Der Mann, den man in jenem Video sieht, ist tatsächlich Dorian Cromwell –«
Tessa betrachtete mit zusammengekniffenen Augen das winzige Bild auf dem Display ihres Handys und versuchte angestrengt, die verschwommenen Gesichtszüge zu erkennen. In dem dreißig Sekunden langen Clip fuhr ein Mann auf Skiern einen vereisten Hang hinunter. Dabei hielt er den Kopf gesenkt und den Blick fest auf den unebenen Untergrund gerichtet. Doch am Ende des Videos blickte er auf und hob grüßend einen Skistock.
Das war Dorian Cromwell? Wieso waren sich da alle so sicher? Für Tessa sah der Mann mit dem zotteligen Bart und den zerzausten, ungewaschenen Haaren, die ihm bis über die Schultern reichten, eher wie eine Mischung aus Hippie und Obdachlosem aus. Möglicherweise war eine gewisse Ähnlichkeit mit dem ehemals so adretten Boyband-Frontmann festzustellen, aber da musste man sich schon sehr anstrengen. Der buschige Bart verdeckte seine komplette untere Gesichtshälfte, und das Video war aus zu großer Entfernung aufgenommen worden, um sein Alter oder seine Augenfarbe richtig erkennen zu können.
Jemand hatte das Video vor zwei Tagen auf Facebook gestreamt, versehen mit dem Geo-Tag Münster, Schweiz, und einer Clickbait-Überschrift:
Guten Tag, Dorian. #DorianCromwell #Quicklebendig
Ein paar Tage zuvor hatte sie auch schon auf TMZ eine entsprechende Meldung gelesen, ihr zu jenem Zeitpunkt aber noch keine große Beachtung geschenkt. Sie hatte sie lediglich für ein Gerücht gehalten, das von irgendeinem Wichtigtuer in die Welt gesetzt worden war. Bei Eric war das genauso. Seitdem er vor ungefähr einem Monat spurlos aus Texas verschwunden war, war er bereits von Dutzenden Fans auf der ganzen Welt »gesichtet« worden. Doch diese Meldungen waren selbstverständlich durchweg falsch. Es handelte sich immer um alte Fotos, die per Photoshop manipuliert worden waren. Für alle, die Eric in den sozialen Medien auch nur halb so aufmerksam folgten, wie Tessa das seit jeher tat, war das mit Leichtigkeit zu erkennen.
Trotzdem, allein der Gedanke an tote Prominente ließ Tessas Herz schneller schlagen. Sie setzte sich auf ihrem Platz im hinteren Teil des Campingbusses zurecht und straffte den Rücken. Das dünne, faltbare Polster, auf dem sie schlief, ächzte unter ihrem Gewicht. Als sie das Geräusch hörte, zuckte ihr Blick unwillkürlich zu dem getönten Autofenster neben ihr. Sie hatte es einige Minuten zuvor geöffnet, um die kühle Bergluft hereinzulassen. Die Dämmerung war bereits hereingebrochen, und die langen Schatten der Pinien verdunkelten das Innere des Busses. Niemand konnte sie hier drinnen sitzen sehen. Der rationale Teil ihres Verstandes wusste das – und dennoch musste sie gegen den Drang ankämpfen, das Fenster zu schließen.
»Nein«, murmelte Tessa. Ohne frische Luft würde sie hier drinnen irgendwann ersticken. Sie schloss die Augen, atmete tief ein und zählte dabei im Kopf mit.
Eric eins … Eric zwei … Eric drei …
Besser.
Niemand beobachtete sie von dort draußen. Tessa hatte inzwischen gelernt, dieses anhaltende, unterschwellige Gefühl der Furcht mit kühler Distanziertheit wahrzunehmen. Das war die Angststörung, die sich zeigte. Eine Eigenart ihrer Hirnchemie. Mehr nicht. Nichts Reales. Der Bus parkte im hinteren Bereich eines dicht bewaldeten Campingplatzes, der in den Ausläufern einer mexikanischen Bergkette lag. Hier war nicht viel los. Bei den Hütten auf der anderen Seite des unbefestigten Geländes parkten nur ein paar vereinzelte Wagen.
Niemand beobachtete sie. Niemand interessierte sich für einen schäbigen, alten VW-Campingbus mit texanischem Kennzeichen.
Tessa atmete langsam aus, um die Anspannung zu lösen. Sie widmete ihre Aufmerksamkeit wieder ihrem Handy. Die Story über Dorian entwickelte sich zu weitaus mehr als hohlem Twittertratsch. Tessa hatte den Livestream eines US-amerikanischen Nachrichtensenders aufgerufen, der seine Abendnachrichten extra unterbrochen hatte, um über die sensationelle Neuigkeit zu berichten. Sie wünschte, das Bild würde eingefroren, damit sie die Gesichtszüge der Person in dem Video genauer studieren könnte. Die Pausetaste zu drücken wagte sie jedoch nicht, weil sie befürchtete, die Verbindung zu verlieren.
Als Werbung eingeblendet wurde, blickte Tessa wieder zum Fenster. Sie zog sich einen der Kopfhörerstöpsel aus den Ohren und lauschte, ob sich womöglich Schritte näherten. Dabei schluckte sie schwer und versuchte, die aufsteigende Unruhe zurückzudrängen.
An ihre Ohren drangen aber nur die leisen Geräusche der hereinbrechenden Nacht. Der entfernte Ruf einer Eule. Das Plätschern des Bachs, der ganz in der Nähe vorbeifloss. Der leichte Wind, der durch die Äste der Bäume strich. Menschliche Laute waren nicht dabei.
In Sicherheit.
Wenn sie das doch nur auch ihrem Verstand begreiflich machen könnte …
Tessa runzelte nachdenklich die Stirn. Sie wusste, dass sie ihr Augenmerk lieber auf das Positive richten sollte. Zwar würde sie ihre Ängste höchstwahrscheinlich niemals vollständig loswerden, aber trotzdem war sie seit Dezember schon weit gekommen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Laut der GPS-Daten, die ihr Handy anzeigte, war sie 543,2 Meilen von ihrem Zuhause in Midland entfernt. Verrückt, wenn man bedachte, dass sie vor einem Monat noch befürchtet hatte, nie wieder einen Fuß vor die Tür zu setzen.
So viel zu kleinen Schritten. Bei dem Gedanken an ihre ehemalige Therapeutin Dr. Regan und die qualvollen Desensibilisierungsübungen, die sie ihr verordnet hatte, schürzte Tessa die Lippen. Was für eine riesige Zeitverschwendung. Am Ende hatten die kleinen Schritte nirgendwohin geführt. Alles hatte sich binnen einer Nacht verändert. Sie hatte einen großen Sprung gemacht.
Doch im Grunde konnte sie ihrer Therapeutin keine Vorwürfe machen. Von sich aus hätte Tessa diesen Trip niemals gewagt. Sie hatte es nur getan, weil die äußeren Umstände sie dazu gezwungen hatten. Noch immer sehnte sie sich nach dem sicheren Kokon ihres Zuhauses, doch sie wusste, dass sie nie mehr dorthin zurückkehren konnte. Nicht nach alldem, was in der Neujahrsnacht geschehen war. Das Haus selbst war inzwischen ein einziger Trigger für sie. Wenn Tessa nur an die verrottete, alte Veranda dachte, bekam sie einen trockenen Mund.
Nein, ihre alte, sichere Zuflucht war für sie verloren – wie eine leere Gebärmutter. Sie war das Kind, das man dort herausgerissen und in die kalte, harte Welt geworfen hatte. Als an Neujahr der Tag angebrochen war, hatte sie begriffen, dass sie nicht bleiben konnte. Sie hatte gewusst, was zu tun war.
Inzwischen war ein Monat vergangen. Das viele Blut … das an ihren Händen geklebt hatte, an ihren Kleidern, am Flurteppich ihrer Mutter … Wie sie vorsichtig mit dem Ferrari über die nicht geräumten, verschneiten Straßen gefahren war, während sein Besitzer versteckt im Kofferraum gelegen hatte …
Und dann die hektische Flucht über die Grenze. Am zweiten Januar hatte Tessa bei Einbruch der Dunkelheit den Wagen auf diesen Zeltplatz gesteuert. Die Fahrt hierher hatte ihr alles an mentalem Durchhaltevermögen abverlangt, was sie aufzubringen imstande gewesen war. Kaum hier angekommen, war sie zusammengebrochen. Sie hatte eine doppelte Dosis Beruhigungstabletten geschluckt und dann hinten im Bus vierundzwanzig Stunden durchgeschlafen. Aber sie hatte es geschafft. Wenn es hart auf hart kam, war sie doch stärker als gedacht.
Tessa nickte nachdenklich. Sie wandte dem geöffneten Fenster den Rücken zu und beugte sich über das Handy. Der Livestream wechselte zurück ins Nachrichtenstudio, und Tessa steckte sich den Kopfhörerstöpsel wieder ins Ohr.
»Nochmals, falls Sie gerade erst zugeschaltet haben: Ein Pressesprecher hat bestätigt, dass Dorian Cromwell nicht tot ist. In den vergangenen sieben Monaten hat er in einer dünn besiedelten Region der Schweizer Alpen gelebt, die nur zu Fuß oder auf Langlaufskiern erreichbar ist …«
Tessa widerstand dem Drang, das Telefon zu schütteln. Diese ganze Geschichte ergab überhaupt keinen Sinn! Dorian konnte seinen Tod nicht vorgetäuscht haben. Sie hatten seine Leiche in der Themse gefunden. Es hatte einen Mordprozess gegeben, und seine Mörderin war in einer psychiatrischen Anstalt gelandet. Wie hätte er das alles inszenieren sollen?
»– bleiben noch einige offene Fragen.« Der Nachrichtensprecher verstummte, drückte gegen seinen Ohrhörer und lauschte. Tessa beugte sich gespannt nach vorn und wartete auf neue Informationen. »Okay. Ich erfahre gerade, dass –«
Doch das Ende des Satzes bekam Tessa nicht mehr mit.
Der Ton brach urplötzlich ab. Tessa riss den Kopf hoch. Schemenhaft erkannte sie einen menschlichen Arm, der sich durch das Fenster hinter ihr geschoben hatte. Sie sprang auf, um die Vorhänge zu schließen. Doch zuvor blickte sie in ein Paar Augen, die sie aus der Dunkelheit anstarrten.
»Oh mein Gott«, flüsterte sie und schlug die Hand aufs Herz. »Du hast mich erschreckt!«
Ihr Reisebegleiter antwortete nicht. Er schob die Bustür auf. In der Hand hielt er ihren Kopfhörer.
»Tut mir leid, Sweetpea«, sagte Eric, nachdem er sich auf seiner Hälfte der breiten Matratze niedergelassen hatte. »Du sahst so angespannt aus. Was schaust du dir gerade...




