Geerdts / Fuhse | Virginia | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 112 Seiten

Geerdts / Fuhse Virginia

Reise nach Beirut
3. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7543-8718-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Reise nach Beirut

E-Book, Deutsch, 112 Seiten

ISBN: 978-3-7543-8718-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



"Virginia - Reise nach Beirut" fußt auf Hans Werner Geerdts Beirutreise Anfang der 1960er Jahre. Drei Personen werden hier zufällig miteinander konfrontiert, der Antiquitätenhändler Pedro Juan Juan, die Antiquitätenhändlerin Virginia sowie der Maler Elmar. In kriminalistischer Manier entwirft Geerdts hier in seinem Gesellschaftsroman eine Verwicklungsgroteske, die die Geschlechter und deren Rollenklischees seziert sowie ein vielschichtiger Aufruf zu Toleranz und Meinungsfreiheit ist.

Hans Werner Geerdts (1925-2013) war Künstler und Schriftsteller. Durch die Kriegstraumata als Soldat im 2. Weltkrieg nachhaltig geprägt, wandte er sich der bildenden Kunst zu und studierte schließlich bei Willi Baumeister in Stuttgart. 1963 ließ er sich in Marrakech nieder, wo er bis zu seinem Tod lebte und arbeitete. Er unternahm zahlreiche Reisen rund um die Welt, immer auf der Suche nach dem Ursprünglichen.

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I
Die Passagiere der Lydia waren an Deck gekommen. Früher als an Tagen auf offener See, um sich das Schauspiel eines Sonnenaufgangs an einer malerischen Küste nicht entgehen zu lassen. Malerisch, weil das eintönige Blau des Himmels sie Tag für Tag empfing und der Blick über die Wasserfläche bis zum Horizont sie ermüdete. Das Schiff nähert sich der Reede Beiruts. – Sieh, dort ist der Leuchtturm! – Kannst du Menara erkennen? Die Promenade mit der englischen Botschaft. – Das ist die amerikanische Universität! – Dort die Taubengrotte! Einheimische und Bekannte überschlugen sich, die Entdeckungen preiszugeben. Sie konnten ihrer Erregung über das Wiedererkennen kaum Herr werden. Die Ausrufe waren Zeichen der Begeisterung. Neuankömmlinge enthielten sich der Stimme und nahmen das Bild, dass ihnen die Küste mit den Ballungen von Häusern bot, schweigend zur Kenntnis. Was sollten die sagen, die Schiffseinfahrten in Venedig, Rio oder Sydney erlebt hatten, deren Landkulisse mehr bot, als einen weiß zusammengewürfelten Haufen von Häuserkuben, lediglich von einer Gebirgslinie im Hintergrund begleitet? Pedro Juan Juan kannte Beirut von früheren Besuchen. Auf Geschäftsreisen hatte er die Levanteküste gestreift. Der Eindruck, den sie hinterließ, war nachhaltig: Er fühlte sich in dem Land, dem biblischen, in dem Milch und Honig flossen, wohl. Beirut war ihm eine Fundgrube, die seinen Wünschen entgegenkam. Er suchte römische Bronzen, auch phönizische und hethitische, ohne sich festzulegen auf zeitlich und räumlich starr umrissene Gebiete. Wenn er Stücke kaufte, hielten sie seinem unbestechlichen, unfehlbaren, durch Wissen vertieften Urteil stand. Sollte ein außergewöhnlich schönes Stück selbst von zweifelhafter Herkunft durch seine Hände gehen, zögerte er nicht, es zu erwerben. So viel war sicher: Er hatte die Drehscheibe von Ost und West, wie er Beirut nannte, immer zufrieden verlassen, was seine Geschäfte, als auch sein Privatleben betraf. Warum sollte ihm dieser Aufenthalt weniger Zufriedenheit bringen? Er war bereit, in die offene Feldschlacht einzutreten, wie er unter Freunden, den wenigen, gerne äußerte. Er meinte, dass er für alle Überraschungen, die ihn beträfen, aufgeschlossen sei, die er abwäge und sondiere. Pedro Juan Juan, unter diesem Namen kannten ihn alle, mit denen er ein Wort wechselte, lief nur bei offiziellen Stellen, amtlichen Behörden, wie Botschaften oder Konsulaten, unter dem Namen, der im Pass eingetragen war: Hans Peter Hansen. Er war in der Erscheinung ein typischer Nordländer. Das machte die Namensnennung für viele unbegreiflich: Große Statur, blondes gescheiteltes Haar, leicht durchblutete Wangen unter klaren, blauen Augen, blassbraune Hautfarbe mit einem Hauch von Rot. Jeder, der ihn sah, vermutet einen Jens oder Niels in der Hülle aus Fleisch und Blut. Der Widerspruch des Namens mit dem Bild seines Trägers gab zu unterschiedlichen Anteilnahmen Anlass: Die einen, die den Namen hörten, beteuerten ihre Überraschung freudig, andre, die seinen Namen auf der Visitenkarte lasen, die er gern nach japanischer Sitte verteilte, waren bemüht, ihre Bedenken ja, ihre Enttäuschung zu verbergen. Beiden war die Neugierde gemein, den Ursprung dieser Diskrepanz, der rätselhaften Namensgebung, zu ergründen. Darauf ließ sich Pedro Juan Juan nur in notwendigen Fällen ein. Was brachten die langen Erklärungen und ausgiebige Erläuterungen andres, als gegenseitiges Verstehen, einer Annäherung, auf die er in den meisten Fällen der Begegnung keinen Wert legte. Bei längeren Bekanntschaften, wenn sie schon zustande kamen, zeigte sich auch, dass sein Aussehen nicht mit dem Alter übereinstimmte. Die Züge seines Gesichts und häufig auch die Bewegungen seiner Arme waren jungenhaft. Wenn er lachte, gab ihm jeder der Zuhörer nicht mehr als 30. Nach dem Erzählen, gewürzt mit reicher Lebenserfahrung, musste man annehmen, dass er ein buntes Leben hinter sich hatte. Laut Pass war er 35 Jahre alt. Verwirrendes Sein-als-ob-Spiel. Über Herkunft und Alter ließ er jeden im Zweifel, auch die Geschäftsleute, mit denen er verbindlichen Kontakt pflegte. Von den flüchtigen Bekanntschaften, die er suchte oder nicht suchte, ganz zu schweigen. Die kindliche, wenn nicht kindische Spielerei verleitete ihn dazu, eine Undurchsichtigkeit, etwas Schleierhaftes, dass so vielen Vermutungen Raum ließ, um sich zu dulden, wenn nicht sogar zu schaffen. Dennoch war er, ob er wollte oder nicht, eigenes Opfer seiner Neugierde, wenn es sein musste. Ihm bereitete es sinnliches Vergnügen, unter dem spanischen Namen aufzutreten. Spanisch war der eingetragenen Name seiner Firma und diese Firma war er allein, keine Gesellschaft, schon gar nicht eine mit beschränkter Haftung. Er allein: Pedro Juan Juan war die Firma und die Firma war er. Der Name war legitim und es gehörte nur Unverfrorenheit und Kaltblütigkeit dazu, sich über alle Skrupel hinwegzusetzen, um Beanstandungen und gehässige Bemerkung, die seinen Namen betrafen, vom Tisch zu fegen. Der Name bürgt für Qualität, war die lässigste und freundlichste Formulierung, die er vorbrachte, wenn er in guter Laune war. Schneidende, bissige Kälte zeigt er denen, die ihm boshaft erschienen. Durch Pedro Juan Juan haben sich öffentliche Sammlungen in der Welt vergrößert, Museen Lücken aufgefüllt und Liebhaber von Altertümern ihre Säle, Räume mit außergewöhnlichen Schätzen geschmückt. Jedes Staunen in den Gesichtern, dass auf die Namensnennung folgte, registriert er mit genüsslichem Lächeln, so dass dem Gesprächspartner Worte der Kontaktaufnahme fehlten. Die leichte Beklemmung war ihm, dem Feinschmecker, mehr wert, als das beste Hummuspüree, dass ihm wie Honig durch die Kehle rann. Dieses, wenn auch nicht offensichtliche Streben nach Bewunderung durch andre, war nichts als Eitelkeit, die ihn aufblähte, seinem Geltungsbedürfnis schmeichelte. Die Gelegenheit bot sich oft und die Leute, die ihm das erste Mal gegenüberstanden, urteilten unbewusst: Er sei ein Fatzke, ein eingebildeter, arroganter Philister. Ein Schlitzohr. Er würde sich nicht unterstehen, ohne Krawatte zum Dinner zu erscheinen. Oder einen Anzug anzuziehen, hell oder dunkel, wenn er nicht auf Millimeter seinen Arm- und Beinlängen, dem Brustumfang und der Schulterbreite angemessen wäre. In Badehose auf dem Sonnendeck zu liegen, setzte voraus, dass der schützende Bademantel rechts und links von ihm herabhing, das unverzichtbare Relikt musste seinen Körper, sobald er aufstand, bedecken. Er zeigte sich nicht halbnackt unter Menschen. Ein feiner Herr mit durchtrainierten Körper. Jetzt, angesichts der Stadt, wusste er nicht, ob er sich mehr über den Sonnenaufgang oder das Wiedersehen freuen sollte. Wiedersehen mit wem? Hatte er Geschäftsfreunde hier, Bekannte? Wo steckten Sie? Er ließ die Frage auf sich beruhen, was er immer tat, auch dann, wenn Antworten und Entschlüsse sofort zu äußern waren. Er hielt auch die Frage nach der Umgebung keiner Antwort für würdig, weil er sie für unbedeutend hielt. Obwohl nicht der geringste Anlass vorlag, über seine Tätigkeit Auskünfte zu verweigern, denn er war weder Spion oder Opiumhändler – auch wenn er manchmal heimlich wünschte, Rauschgift- oder Waffenhändler zu sein –, schnitt er das Thema: Beruf. Über dieses Eindringen in die Privatsphäre, als solche fasste er schon Andeutungen auf, die seinen Beruf betrafen, und glitt darüber hinweg: – Ich habe viel zu tun in Beirut. Oder: An der Küste werde ich Ferien machen und, wenn der Zufall es will, einige Altertümer kaufen. Natürlich ahnte er, dass Auskünfte über seine Tätigkeit, fremden Mäulern zum Fraß, Vermutungen über Einkünfte, Geschäftslagen und über Verbindungen zulassen. Offiziellen Stellen nannte er Kaufmann als Beruf, wenn die Angabe schon sein musste. Damit waren alle Fragen, die seinen persönlichen Bereich betrafen, erschöpfend beantwortet. Er sprach Spanisch so gut wie Französisch, und Deutsch besser als Englisch. Wer ihn in einer Sprache hörte, glaubte die Muttersprache zu vernehmen. Während der Reise konnte er seine Sprachbegabung anbringen, denn internationales Publikum reiste mit der Lydia von den italienischen und griechischen Häfen, auch alexandrinischen nach Beirut. Doch keine der flüchtigen Bekanntschaften, die er schloss, die zum Wortwechsel führten, werden die Ankunft des Schiffes in Beirut überdauern. – Gute Zeit, schönen Aufenthalt, werden die letzten Worte sein, die er von der Gangway zurückrufen würde. Dass Pedro Juan Juan auf Französisch um eine englische Zeitung bat oder auf Englisch um eine französische, obwohl unter den Snobs in Beirut gang und gäbe, wie ein Kenner zu berichten wusste, dazu verstieg er sich nicht. – Lernen Sie Arabisch, riet der Ägypter, der ein alter Fuchs zu sein schien, nach allem, was er erzählte, dann werden Sie die Fähigkeiten der...



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