E-Book, Deutsch, Band 14, 160 Seiten
Reihe: wtb Wieser Taschenbuch
Gauß Tinte ist bitter
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-99047-011-4
Verlag: Wieser Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Literarische Porträts aus Barbaropa
E-Book, Deutsch, Band 14, 160 Seiten
Reihe: wtb Wieser Taschenbuch
ISBN: 978-3-99047-011-4
Verlag: Wieser Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Karl-Markus Gauß: 1954 geboren, veröffentlichte seine ersten Bücher vor 25 Jahren im Wieser Verlag. Seither sind über zwanzig Bände mit Essays, Reportagen, Journalen und anderer Prosa von ihm erschienen, die in viele Sprachen übersetzt und mit etlichen Preisen wie dem Prix Charles Veillon, dem Vilenica-Preis für mitteleuropäische Literatur oder dem Österreichischen Kunstpreis ausgezeichnet wurden. Karl-Markus Gauß im Wieser Verlag: Tinte ist bitter (1988); Vernichtung Mitteleuropas (1991); Ritter, Tod und Teufel (1994). Als Herausgeber: Das Buch der Ränder - Prosa (1992); Das Buch der Räder - Lyrik (gemeinsam mit Ludwig Hartinger, 1995)
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Vorwort
Vor 25 Jahren war die Zukunft besser. Binnen wenigen Monaten brach eine Herrschaft zusammen, die das politische und soziale Leben vom Schwarzen Meer bis zur Ostsee, vom Balkan zum Baltikum reglementiert hatte. Grenzen, schwer bewacht und schier unüberwindlich aufgerüstet, wurden durchlässig und endlich niedergerissen, Staaten, die wie für ewige Zeiten abgeblockt und der brüderlichen Vormacht der Sowjetunion unterworfen waren, errangen ihre Souveränität, und Millionen Menschen, die keine staatsfrommen Untertanen bleiben wollten, brachen auf, ihre Obrigkeiten zu stürzen und ihr Schicksal zu wenden. Was die Literatur Mitteleuropas vorweggenommen hatte, spielerisch und ketzerisch, polemisch und poetisch, schien mit einem Male gesellschaftliche Realität werden zu können. Es waren gerade die kleinen Staaten Mittel- und Südosteuropas, diese historischen Regionen und Landschaften, auf die das ausschließende Prinzip des Nationalstaats niemals gepasst hatte, die jetzt ihre Tributpflicht aufkündigten und in die Geschichte zurückkehrten. Der tschechische Schriftsteller Milan Kundera hatte für dieses Zwischenland den alten und vielfach missbrauchten Begriff »Mitteleuropa« ins Spiel gebracht und damit eine gar nicht vage, sondern konkrete Hoffnung verbunden: dass in Europa, das so lange in einen Westen und einen Osten geteilt war, auch etwas Drittes geschichtsmächtig werden könnte; eben jenes Mitteleuropa, von dem in den Jahren vor dem Zusammenbruch des Ostblocks so viele schwärmten und das auf zahllosen Kongressen von klugen und altklugen Leuten beschworen wurde.
Wenn Mitteleuropa weder Westen noch Osten war, worin bestand dann sein Anderssein? Darauf wurden jede Menge kulturhistorische, mythologische, politische, ideologische, ökonomische Antworten gegeben. Die einen führten den humanen Skeptizismus an, den die Mitteleuropäer, belehrt durch ihre historischen Erfahrungen, gegenüber den großen Verheißungen des Fortschritts hegten, gleich ob dieser mit der Entfesselung der kapitalistischen Marktkräfte oder der Entfaltung einer klassenlosen Gesellschaft verbunden wurde. Andere bezogen sich auf die alte Donaumonarchie, als wäre sie eine kakanische Idylle der vielen Völker gewesen, nach deren Maß aktuelle Konflikte mit lebensweisem Pragmatismus gelöst werden könnten. Nicht wenigen erschien Mitteleuropa als Vision, dass sich zwischen Kapitalismus und Kommunismus ökonomisch etwas Drittes entwickeln würde, ein Modell für die ganze Welt, über die so lange die Alternative verhängt war, sich entweder diesem oder jenem zu ergeben. Nicht zuletzt aber sollte die Europäische Union durch die aufbegehrenden Mitteleuropäer, die sich aus der Bevormundung befreit hatten, wichtige Impulse erhalten, was das Selbstbewusstsein der zivilen Gesellschaft, die kulturelle Vielfalt in einer Ära der Globalisierung anbelangt.
In dieser Zeit, in der die Zukunft besser war als vorher und nachher, habe ich zwei Bücher im Wieser Verlag veröffentlicht, in denen es um die Literatur jenes so häufig angerufenen und in so vielen ideologischen Scharmützeln benutzten Mitteleuropa ging. Der erste Band, »Tinte ist bitter. Literarische Porträts aus Barbaropa«, erschien 1988, der zweite, »Die Vernichtung Mitteleuropas«, 1991. Zusammen vereinten sie 24 Porträts von ermordeten oder totgeschwiegenen, vertriebenen oder verlachten Schriftstellern aus Mähren und Galizien, Ungarn und Rumänien, Serbien, Kroatien, Slowenien, aus Triest, Prag und Wien. Mein Vorsatz, gar nicht bescheiden, war ein doppelter: Zum einen den realen Reichtum, den die mitteleuropäische Kultur seit dem 19. Jahrhundert ausgebildet hatte, bekannt zu machen; und zum anderen diesen Reichtum nicht gleich an jene zu verraten, die gerade dabei waren, mit ihm neues Schindluder zu treiben. Denn wie oft wurden damals ketzerische Geister, die von der habsburgischen Obrigkeit verfolgt worden waren, missbraucht, um nachträglich für jene Welt von gestern zu zeugen, gegen die sie einst angeschrieben hatten! Wie gedankenlos wurde von einem »versunkenen Europa« gesprochen, das doch alles andere als hübsch melancholisch untergegangen, vielmehr ausgelöscht, vernichtet worden war! Und erst die Phrase, dass Polen, Ungarn, Bulgarien endlich nach »Europa zurückgekehrt« wären! Ja, lagen diese Länder denn vorher in Asien? Mit der Floskel von der Rückkehr der einst unter kommunistische Kuratel gestellten Länder wurde wie nebenhin die Selbstheiligsprechung Europas vollzogen. Wo Diktatur herrscht, dort kann nicht Europa sein, als wäre der Faschismus von den Asiaten, der Stalinismus und Kolonialismus von den Afrikanern erfunden worden … Kurz, ich wünschte, dass die lebendige Vielfalt der mitteleuropäischen Literatur entdeckt, aber zugleich verhindert werde, sie ihres subversiven Wesens zu berauben und aus dem Funken der Revolte eine Bußkerze des Konservativismus zu machen. Lese ich heute diese Porträts, staune ich über die leidenschaftliche Identifikation, in die ich mich mit diesen hundert oder immerhin fünfzig Jahre vor mir geborenen Autoren begab, und über den stilistischen Furor, mit dem ich meine Dauerbereitschaft zur Empörung bekundete. Zugleich wird mir die Stimmung jener Jahre gegenwärtig, die Hoffnung, dass vieles, was Europa gehemmt und verunstaltet hatte, nun von ihm abfallen werde, und der Zweifel, ob die großen politischen Weichen nicht bereits anders gestellt sein könnten und mit der Geschichte von gestern, vorgestern auch manche ihrer Gespenster wieder auftauchen würden.
25 Jahre später, was ist aus den Hoffnungen, was aus den Befürchtungen geworden? Im Jahr 2014 gedenkt Europa des Kriegsausbruchs von 1914, als wäre dieses Gedenken schon der beste Beitrag, den es zum Frieden von heute leisten könne; ein Frieden, der nirgendwo gesichert ist und, wenn er doch da und dort immerhin seit Jahrzehnten hält, beständig von Meeren des Krieges umbrandet wird. 2014 ist der Krieg nach Europa selbst zurückgekehrt, in die Ukraine an einem der Ränder Europas, wo seit jeher verschiedene Nationalitäten aufeinandertreffen, die in Wahrheit doch stets aufeinander bezogen und ineinander verwoben waren. Bald nach 1989 hatte der Krieg Jugoslawien erfasst und diesen Staat, der einer der Erben der Donaumonarchie war und mehrere Nationalitäten vereinte, ungemein blutig zerfallen lassen. Der Zerfall geschah paradoxerweise just zu einem Zeitpunkt, an dem etwas ganz anderes auf die europäische Tagesordnung gesetzt wurde, nämlich die Vereinigung vieler Staaten, die dafür immer mehr von ihren nationalen Kompetenzen an die übernationalen Institutionen der gemeinsamen Union abzugeben hätten. Europa, hatte Miroslav Krleža gesagt, wird größer und kleiner zugleich, und ich befürchtete schon 1989, dass es sogar das Kunststück zuwege bringen werde, sich zu vereinen und zugleich zu zerfallen. Nicht nur in Italien, wo es angefangen hat, sondern auch anderswo arbeiten regionalistische Bewegungen längst daran, dass ihr Staat in Regionen zerfalle; sie tun das aber nicht, weil es gegen eine faschistische Staatsmacht anzukämpfen gälte, die den Menschen autoritär sogar das Recht auf ihre Muttersprache bestritten hat, sondern um den Wohlstand, den sie inzwischen erlangt haben, nicht mit jenen Regionen teilen zu müssen, die vom ökonomischen Fortschritt abgehängt wurden. Überall regen sich regionalistische Bewegungen, die gewissermaßen reichsunmittelbar zu Brüssel, zu Straßburg, den Zentralen der Union selber werden möchten, also auf Zerfall und Vereinigung gleichzeitig setzen. Auf der anderen Seite ist der Appetit auf neues Land, das man dem eigenen angliedern, anschließen könnte, noch längst nicht überall gestillt. Unverschämt meldet die ungarische Regierung ihre Ansprüche auf Regionen und Städte in der Slowakei, in Serbien und Rumänien an, wo zahlreiche Ungarn leben. Selbst die Überzeugung, dass wenigstens innerhalb der Union der Nationalismus und Rassismus nie mehr wieder werde mobilmachen können, erweist sich nicht nur am ungarischen Exempel als trügerisch.
Und was ist, da die Grenzen fielen, aus den ost- und südosteuropäischen Staaten geworden, ihrem alten kulturellen Erbe und ihrer im Kampf gegen die sowjetische Vormacht gewonnenen Renitenz? Ach, jenes Mitteleuropa, von dem Kundera sprach, ist uns heute ferner, als es damals war, da weite Teile von ihm noch hinter dem Eisernen Vorhang verborgen lagen. Der freie Austausch von Gedanken, er hat der sich erst bildenden europäischen Gesellschaft keineswegs so reiche Früchte eingetragen wie der Austausch von Waren und Arbeitskräften jener Elite, die entschlossen daranging, sich ein grenzenloses Europa des Profits unter den Nagel zu reißen. Ökonomisch hat sich der Westen den Osten einverleibt, der dafür umgekehrt dem Westen nicht seine besten, sondern seine gefährlichsten und reaktionärsten Traditionen als Dankesgabe anbietet. Das alles hat natürlich auch damit zu tun, dass die europäische Osterweiterung der Union just zu einem Zeitpunkt erfolgte, in dem der Neoliberalismus sich riesige neue Gebiete zu erschließen versuchte, ein Unterfangen, für das rücksichtlose Geschäftemacher in manchen Institutionen der Europäischen Union dienstbare Gehilfen fanden. Mit der Wirtschaftskrise, die jene, die sie...




