Gauß | Ruhm am Nachmittag | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 288 Seiten

Gauß Ruhm am Nachmittag


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-552-07320-3
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

ISBN: 978-3-552-07320-3
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In der deutschen Provinz erschießt ein schüchterner Schüler Lehrer und Klassenkameraden; waggonweise wird im Jahr der Finanzkrise Geld verbrannt, das bereits vorher nicht existiert hat; Lieblinge der Medien und Günstlinge der Politik halten ihren Vorteil für die einzige Wahrheit, der sie sich verpflichtet fühlen. In seinen Texten verwandelt Gauß die Dinge des Lebens: Im Marginalisierten zeigt er das Bedeutsame, im Unscheinbaren Schönheit, Würde, Renitenz. Von Leben und Tod erzählt dieser Grenzgänger der Epochen, Länder und Genres aus Österreich. Und zuletzt geht es um die Frage, wie man gegen die Anfechtungen der Zeit ein richtiges Leben führen kann und dabei den Anspruch auf das Glück nicht preisgibt.

Karl-Markus Gauß, geboren 1954 in Salzburg, wo er auch heute lebt. Seine Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt und oftmals ausgezeichnet, darunter mit dem Prix Charles Veillon (1997), dem Johann-Heinrich-Merck-Preis (2010) und dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung (2022). Bei Zsolnay erschienen zuletzt »Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer« (2019), »Die unaufhörliche Wanderung« (2020), »Die Jahreszeiten der Ewigkeit« (2022) und »Schiff aus Stein« (2024).
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Unablässig schneite es weiche weiße Flocken, bis die nächtliche Straße zu glitzern begann. Ihre Freude, als sie im selben Moment merkten, wie unter den Schuhen der Schnee ihrer Kindheit knirschte. So gingen sie zu Silvester vom alten ins neue Jahr zurück.

Ein klarer, eisiger Winternachmittag; auf der hügelan führenden Augustinergasse, kurz vor der Müllner Kirche, kommt mir ein alter Mann entgegen. Er setzt seine Schritte, als würde ihn das Knie oder der Rücken schmerzen. Er hat das, was man früher eine Stoppelglatze genannt hat, mattblonde Haare, die stachelartig aufgestellt sind. Seine Gesichtshaut ist gerötet, er sieht müde aus, in sich gekehrt und traurig. Als er nur mehr ein paar Meter entfernt ist, holt er im Gehen einen silbernen Taschenkamm aus der Jacke und fährt sich mechanisch von vorne nach hinten durch das Haar. Mein Gott, das hat er auch früher, das hat er schon immer getan. Es ist Manni E., der fünf, höchstens sieben Jahre älter ist als ich und den ich, als er ein Bäckerlehrling und ich ein Volksschüler war, so bewunderte wie sonst keinen aus der Siedlung. Er war ein kräftiger, hilfsbereiter Bursche, im Sommer spielte er mit uns Jüngeren, die Schulferien hatten, bis sieben Uhr abends im Hof Fußball, dann rief ihn sein Vater, und er lief die zwanzig Meter bis zum Haus und kletterte durch das geöffnete Fenster in die Wohnung im Parterre. Er musste bald schlafen gehen, denn als Bäckerlehrling hieß es früh, kaum dass die Sonne aufging, aus dem Bett. Er trug schon damals immer einen Kamm bei sich und hat jede Stunde sein Haar zurückgekämmt, dass es sich steil aufstellte. So macht er es heute noch. Mehr als vierzig Jahre habe ich ihn nicht gesehen, jetzt bin ich ihm dankbar, dass er seinen Blick nicht von dem eisigen Weg hebt, der Held meiner Kindheit.

Kleine Mathematik des Jahreswechsels: Selbst wenn er 81 Jahre alt wird, hat er jetzt schon zwei Drittel seines Lebens hinter sich. Und wenn er es immerhin auf 72 bringt und damit auf drei mehr als sein Vater, auf dreizehn mehr als dessen Vater, dann wird er nur mehr ein Viertel vom Ganzen vor sich haben. Was er früher von den Alten, die ihm damals richtig alt erschienen, zu hören bekam, aber nicht wirklich aufnahm mit Herz und Verstand, die Klage nämlich, dass die Jahre erschütternd schnell vergangen waren, bald wird es auch die seine.

Im April 1943 wird der ungarische Erzähler, Dramatiker und Journalist Sándor Márai 43 Jahre alt. Seit zehn Jahren ist er der populärste Schriftsteller seines Landes, alle seine Romane werden Bestseller, und um ihn als Mitarbeiter zu halten, zahlt ihm die Zeitung Pesti Hírlap für sein sonntägliches Feuilleton den dreifachen Monatslohn eines Arbeiters. Im Haushalt glänzt seine Frau Lola, die ihn später über alle Stationen des Exils mit seinen materiellen und existentiellen Krisen begleiten wird, als elegante Gastgeberin, standesgemäß unterstützt von Köchin und Haushälterin. Das bürgerliche Glück eines Schriftstellers, der das Bürgertum welthistorisch für berufen hielt, die Menschheit kulturell zu veredeln, scheint vollkommen; aber es mehren sich, auf allen Ebenen des privaten, beruflichen, nationalen Lebens, die Zeichen des Untergangs.

Vier Jahre vorher war das einzige Kind des Ehepaars bald nach der Geburt gestorben. In seinen Tagebüchern spricht Sándor Márai nur selten und meist in lapidaren Worten von diesem Sohn, kühler als von seinen geliebten Hunden, aber je länger der Tod zurückliegt, umso deutlicher wird ihm: »Mein größter Schmerz: der Tod des kleinen Kindes. Nicht sofort; später, Jahre später.« Im Winter dieses Jahres 1943 wirft ihn, den robusten Vielarbeiter, eine schmerzhafte Nervenentzündung nieder, drei Monate muss er das Bett hüten. Und wovon er lange Zeit wenig Kenntnis nehmen wollte, dass sich Ungarn nämlich im Krieg befindet und noch dazu auf der Seite von Nazi-Deutschland, das dringt mit düsteren Meldungen von der Front und erschreckenden Beobachtungen, die er in den Straßen von Budapest macht, immer störender in seinen Alltag; in den Alltag eines Mannes, der bisher penibel getrachtet hatte, sein Leben ganz auf die Arbeit auszurichten: »Ein Leben nach Stundenplan. Die Unterordnung des Gemeinschaftslebens, des Essens, ja des Geschlechtslebens unter das Schreiben.«

Jetzt, da ihm der tote Sohn in den Sinn kommt, sein eigener Körper sich als anfällig erweist, rundum die Sekurität des großbürgerlichen Lebens brüchig wird und der Krieg, in fremde Länder getragen, in das eigene zurückkehrt, geht in Márai eine erstaunliche Veränderung vor. Es ist eine Veränderung, die seine ganze Existenz erfasst und eine bedeutende literarische Wirkung zeitigt. Der Erfolgsautor, der mit stupender Schnelligkeit Buch um Buch, Artikel um Artikel publizierte, verliert nämlich die Freude an dieser Art von schriftstellerischer Existenz. Ein fundamentaler Zweifel fasst ihn an, für den er zunächst einen simplen Namen findet: Alter.

Aber es ist mehr als die Wahrnehmung, dass die Jugend dahin ist und eine Zeit kommt, in der manches, was er sich bisher wie selbstverständlich zumuten konnte, seinen Tribut verlangt, etwa die tägliche Vergiftung mit Nikotin. Auf der Höhe seines Ruhmes gerät der erfolgreiche Autor vielmehr in die »erste große Krise meines Lebens, die Krise des verlorenen Glaubens, des Glaubens an meine Arbeit«. Das hat weniger damit zu tun, dass er das Zutrauen in seine schöpferischen Kräfte verloren hätte, als mit dem Zerfall jener Schicht, auf die er als Autor zeitlebens bezogen war, auf das ungarische, das mitteleuropäische Bürgertum.

Die Helden der Finanzwelt werden nacheinander als Hochstapler und Betrüger oder arrogante Versager enttarnt. Unvorstellbar ist die Schadenssumme, die der amerikanische Investmentbanker Bernard Madoff angehäuft hat, sofern man Gelder, die am Ende fehlen, anhäufen kann, in Form von Türmen des Verlusts gewissermaßen, auf die auch viele wissenschaftliche und karitative Institutionen gesetzt haben, etwa die Harvard University oder der Elie-Wiesel-Fonds.

Ein ähnlicher Bernard hat es in meiner Jugend zur Berühmtheit gebracht, der legendäre Hochstapler Bernie Cornfeld, ein Amerikaner, der die Deutschen an seinem betrügerischen Wesen von ihrem Wohlstand genesen ließ, indem er sie in den sechziger Jahren zu Anlageformen überredete, die ihrer Gier entsprachen und ihnen, anstatt sagenhafte Gewinne zu bescheren, schwer, aber redlich verdiente Verluste sicherten. Als er im Gefängnis landete, wurde bekannt, dass Cornfeld in jüngeren Jahren auf Jahrmärkten als »Alters- und Gewichtsschätzer« aufgetreten war, er wettete, wie alt und schwer jemand war und hatte ein untrügliches Gespür dafür. Die vereinten Bernies aller Alters- und Gewichtsklassen wetten heute darauf, ob Firmen, Konzerne, Volkswirtschaften untergehen oder überleben werden, und ob sie gewinnen oder verlieren, hängt weniger von diesen ab als von ihnen, wie viele sie sind und wie viel sie in das Spiel um den Niedergang, der ihr Gewinn ist, zu investieren bereit sind.

An der Universität wird die Finanzwirtschaft als Wissenschaft gelehrt, deren Gesetzen nachgerade naturwissenschaftliche Gültigkeit zukommt. Statt sie mit fragwürdigen Theorien zu verwirren, sollte man die Studenten mit bewährten Hochstaplern zusammenbringen, damit sie begreifen, wie diese denken, nach welchem Rhythmus sie ticken und wie sie die Leute, die betrogen zu werden wünschen, zu betrügen wissen. Zu jedem Betrugsfall gehören nämlich zwei, der Betrüger ist nichts ohne den, der betrogen werden will. Was man Neoliberalismus nennt, ist ein System, das beider bedarf, des Spekulanten, der Geld mit nichts als Geld schafft und dem alles, was es auf der Welt gibt und selbst das, was es nicht gibt, zum Geld wird — und jener, die ihn dafür bewundern, die ihm nachfolgen, von ihm reich gemacht werden möchten. (Und, natürlich, gehören zum Neoliberalismus auch die Ungezählten, die ihm schon zum Opfer fallen, solange für die Börsianer, die Groß- und die Kleinanleger, die Profiteure der großen Verbrechen und die Erbsenzähler des kleinen Vorteils die Welt der Spekulationen noch ganz in Ordnung ist.)

Es stimmt aber gar nicht, dass dem Spekulanten alles zum Geld wird. Er bemisst zwar alles in Geld, und er handelt mit ihm. Was er auf diese Weise vermehrt, ist aber Papier, und zwar nicht in der Weise, wie jedes Geld Papier oder Münze ist. Kein Finanzwissenschaftler weiß dem ratlosen Publikum aus betrogenen Betrügern zu sagen, wo die ungeheuren Summen von Geld, die in den vergangenen Wochen...


Gauß, Karl-Markus
Karl-Markus Gauß, geboren 1954 in Salzburg, wo er auch heute lebt. Seine Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt und oftmals ausgezeichnet, darunter mit dem Prix Charles Veillon (1997), dem Johann-Heinrich-Merck-Preis (2010) und dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung (2022). Bei Zsolnay erschienen zuletzt »Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer« (2019), »Die unaufhörliche Wanderung« (2020), »Die Jahreszeiten der Ewigkeit« (2022) und »Schiff aus Stein« (2024).



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