Gast Kundschafterin des Friedens
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-95841-519-5
Verlag: edition berolina
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
17 Jahre Topspionin der DDR beim BND
E-Book, Deutsch, 448 Seiten
ISBN: 978-3-95841-519-5
Verlag: edition berolina
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gabriele Gast, 1943 in Remscheid geboren, wurde 1968 während einer Studienrecherche vom DDR-Geheimdienst angeworben. 1972 promovierte sie zum Dr. phil. Von 1973 bis 1990 arbeitete sie beim Bundesnachrichtendienst, dort im Sowjetunion-Referat der Politischen Auswertung. 1991 zu einer Freiheitsstrafe von 6 Jahren und 9 Monaten verurteilt, wurde sie 1994 vorzeitig aus der Haft entlassen.
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2 Im Visier der HV A
Wohl niemand hätte an meiner Wiege vorauszusagen gewagt, dass ich einmal im Knast landen würde. Nur eine Mitgefangene, Angehörige rumänischer Sinti, meinte, aus den Linien meiner Hand dieses Schicksal herauszulesen. Weissagungen dieser Art sind jedoch im Gefängnis an der Tagesordnung.
Bis zu meiner Verhaftung war mein Lebensweg geradlinig verlaufen. Ich hatte zwar nicht Karriere gemacht, auch nicht im BND, wie in zahllosen Publikationen ohne jedwede Sachkenntnis behauptet wurde. Doch hatte ich mich stetig emporgearbeitet und eine geachtete berufliche Position und sichere Lebensgrundlage erreicht. Nichts deutete auf einen Absturz hin, obwohl ich, als es schließlich passierte, fast mein halbes Leben mit einem Bein im Gefängnis gestanden hatte.
In den letzten Kriegsjahren geboren, hatte ich trotz der wirtschaftlich schwierigen Verhältnisse im Nachkriegsdeutschland eine weitgehend unbeschwerte Kindheit verlebt. Der Krieg hatte auch in meiner Heimatstadt tiefe Wunden hinterlassen. Doch war ich noch zu jung gewesen, um das ganze Ausmaß des Grauens und dessen Ursachen zu begreifen. Die Trümmergrundstücke, in denen ich mit meinen Freundinnen spielte, waren mir abenteuerlich und weniger gespenstisch erschienen. Schon frühzeitig musste ich häusliche Arbeitspflichten übernehmen. Den meisten meiner Freundinnen erging es nicht anders. In einer Zeit, die ganz dem Wiederaufbau des zerstörten Landes und der Schaffung neuer Lebensgrundlagen gewidmet war, galt es als selbstverständlich, dass auch die Kinder ihren Teil zur Bewältigung der alltäglichen Aufgaben beitrugen. Manchmal lehnte ich mich auf, dass meine Schwester und ich, allerdings nicht mein Bruder zur Mithilfe bei der Hausarbeit herangezogen wurden. Das erschien mir ungerecht.
Die familiäre Situation, in der ich aufwuchs, war patriarchalisch, geprägt von der starken Persönlichkeit meines Vaters. Er war um einiges älter als die Mutter und als Teilnehmer beider Weltkriege, zwischen denen er eine selbständige berufliche Existenz aufgebaut hatte, lebenserfahrener und ernster. Die Strenge des Vaters glich die Mutter mit ihrer Unbeschwertheit und ihrem Frohsinn aus. Ihre Rolle als dienende Ehefrau, die für die damaligen restaurativen Verhältnisse typisch war, ertrug sie mit nur gelegentlichem Murren und der wehmütig scheinenden Erinnerung an die Kriegsjahre, in denen sie die Sorge für Heim und Kinder aus eigener Kraft bewältigt hatte.
Schulische Probleme kannte ich nicht. Das Lernen fiel mir leicht, und ich ging gerne zur Schule. Da ich auch Freude und einiges Geschick für Handarbeiten und Kochen hatte, schickten die Eltern mich auf eine Frauenoberschule, wo ich Anfang der sechziger Jahre das Abitur ablegte. Schon früh war ich fest entschlossen, später eine Berufstätigkeit auszuüben, in die ich meine Talente einbringen könnte und die es mir erlauben würde, selbst für meinen Lebensunterhalt zu sorgen. Auf keinen Fall wollte ich in einer Ehe vom Mann finanziell abhängig sein, so wie es das Schicksal der Frauengeneration meiner Mutter war, die aufgrund der althergebrachten, längst verfassungswidrigen Familiengesetzgebung in der Adenauer-Zeit in einer fatalen Abhängigkeit vom Ehemann und Unterordnung unter dessen Bestimmungsgewalt stand.
Mit dem Abitur der Frauenoberschule befand ich mich jedoch in einer Sackgasse. Ich wollte Berufsschullehrerin werden, doch der erlangte Schulabschluss ließ nur eine Ausbildung zur Volksschullehrerin zu. Deshalb musste ich noch einmal büffeln und eine Zusatzprüfung ablegen, um die Zulassung zum angestrebten Studium zu erhalten. Nach einer einjährigen fachpraktischen Ausbildung schrieb ich mich bei der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen ein.
Auch das Studium absolvierte ich mühelos. Sicher wäre ich nach Ablegung des Staatsexamens unverzüglich in das Referendariat und damit in den Schuldienst gegangen, hätte nicht eine Begebenheit während meines Studiums eine einschneidende Wende gebracht. Meinem schon zur Schulzeit starken Interesse am politischen Geschehen folgend, hatte ich als eines der Studienfächer Politische Wissenschaft gewählt. Das führte mich in die Vorlesungen und Seminare des Ostexperten Klaus Mehnert, der damals an der TH Aachen lehrte. Seine Vorlesungen gehörten zu den interessantesten Veranstaltungen, die die Hochschule zu bieten hatte. Aufgrund seiner langjährigen journalistischen Tätigkeit, seiner vielfältigen Kontakte zu führenden Persönlichkeiten des politischen Lebens und seiner auf zahlreichen Reisen gewonnenen Detailkenntnis unzähliger Länder wusste er die theoretische Lehre durch eine Fülle praktischer Erfahrungen zu ergänzen und zu vertiefen. Darüber hinaus beherrschte er die Kunst der freien Rede ebenso wie die der vergleichenden Analyse. Ältere Kommilitonen hatten mir berichtet, welch atemberaubendes Ereignis die Antrittsvorlesung Mehnerts für den damaligen, zum Dozieren neigenden Studienbetrieb gewesen war. Jeder schwärmte von dem frisch gebackenen Professor, der mit der »Prawda«, der »New York Times« und der »Neuen Zürcher Zeitung« als einzigen Unterlagen ans Pult getreten war, daraus die jeweilige Darstellung eines politischen Ereignisses vorgelesen hatte und dann die Gründe für konträre Sichtweisen und die dahinter stehenden politischen Ziele ausgeleuchtet hatte. Eine Darstellung, spannend wie ein Kriminalroman, dazu flüssig vorgetragen und klar gegliedert, wie in einem ausgefeilten Manuskript – doch dies alles in freier Rede und nur mit einigen wenigen Notizen zur Gedächtnisstütze.
So hatte auch ich die Vorlesungen von Mehnert erlebt und mich angespornt gefühlt, politische Vorgänge nicht eindimensional zu betrachten, sondern aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln zu beleuchten und Motive und Zielsetzungen der Akteure zu hinterfragen. Ein derart differenziertes Herangehen an politische Probleme war mir keineswegs fremd. Schon die Diskussionen mit meinem Vater, seine kritische Reflexion über die Kriegserlebnisse an der Ostfront, die seine im Grunde national-konservative Gesinnung vergessen machte, hatten meinen Blick geöffnet für die politischen Anschauungen und Interessen anderer Menschen und Staaten und deren geographisch-kulturelle und sozio-ökonomische Wurzeln. Der Vater hatte zwar nur widerstrebend über die Kriegsereignisse gesprochen. Doch immer hatten seine Worte ein tiefes Mitgefühl für die Menschen in der Sowjetunion enthüllt, über die der deutsche Aggressor ein so unsägliches Leid gebracht hatte, und Abscheu vor der menschenverachtenden Arroganz, mit der der deutsche Militarismus in einem blutigen Fanal andere Völker dem Wahn vom »Herrenmenschentum« unterworfen hatte. Mit tiefem Ernst und großer Sorge, die sich in eigentümlicher Weise auf mich übertrugen, hatte der Vater deshalb die hitzigen Bundestagsdebatten über die deutsche Wiederbewaffnung verfolgt, die wundersame Wandlung von Nazis in Ur-Demokraten und deren unaufhaltsame Rückkehr in staatliche Ämter und Würden.
In jenen Jahren hatte ich intuitiv erfahren, dass die Politik – wie jedes Ding – zwei Seiten hat und dass die Wahrheit meist irgendwo in der Mitte liegt und sich nicht im Besitz nur der einen oder der anderen Seite befindet. Die Deutschlandpolitik der politischen Akteure damals bot dafür reichlich Anschauungsunterricht. War denn die Teilung Deutschlands, wie Bonn nicht müde wurde zu behaupten, allein von Moskau und Ost-Berlin verursacht und nicht auch der Preis für Adenauers machtpolitischen Rückzug auf die westdeutschen Bastionen des politischen Katholizismus und die vorbehaltlose Parteinahme für die Amerikaner im nunmehr ideologisch entbrannten Kampf mit der Sowjetunion um die Weltherrschaft? Hatte man sich nicht auch im Interesse eigener wirtschaftlicher Wiedererstarkung von den angeblichen »Brüdern und Schwestern in der Zone« losgekoppelt, sie ihren horrenden Reparationspflichten gegenüber der Sowjetunion überlassen und die dennoch erzielten Aufbauleistungen geflissentlich verschwiegen bzw. verworfen? Und war nicht mit dem Slogan von der »politischen Abstimmung mit den Füßen« die kritische Lage in der DDR weiter angeheizt worden, um dann, als das – wie man inzwischen weiß – Absehbare, der Bau der Berliner Mauer, geschah, die Menschen ihrem Schicksal zu überlassen?
Ich hatte insgesamt den Eindruck – und dies befremdete mich sehr –, dass die neuentstandene Bonner Republik, die so vehement die alleinige Nachfolge des nationalsozialistischen Vorgängerstaates für sich beanspruchte, allerdings unter Ausklammerung der desaströsen Kriegszeit, sich damals mehr mit dem Leid beschäftigte, das dieser Krieg und dessen Folgen über ihre eigenen Bürger gebracht hatte, als mit dem Leid, das die brutale Aggression Hitler-Deutschlands so vielen Staaten und Menschen innerhalb und außerhalb Europas zugefügt hatte. Oft schien es mir, als würden die Rollen von Tätern und Opfern auf makabre Weise vertauscht. Sosehr mich auch der Verlust der Heimat und allen Hab und Guts berührte, den unzählige Deutsche erlitten hatten, berührte es mich nicht minder, dass so vielen Menschen anderer Nationalität dieselben Verluste zugefügt worden waren. Wer hatte schon nach deren Recht auf Heimat und Eigentum gefragt, als sich die deutsche Nation, ungeachtet ihres riesigen Staatsgebiets, zum »Volk ohne Raum« erklärte und meinte, sich mit Gewalt nehmen zu können, was anderen gehörte? Statt Beschlagnahmungen, Zwangsarbeit und Deportationen zu geißeln, beklagten die Vertriebenenfunktionäre Sonntag für Sonntag das Unrecht, mit dem – menschlich verständlich – das eigene vergolten worden war, als sei es eine schreiende Ungerechtigkeit des Himmels, dass die Deutschen den selbst angezettelten Krieg verloren...




