Galsworthy | Jenseits | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 323 Seiten

Reihe: Classics To Go

Galsworthy Jenseits


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98744-582-8
Verlag: OTB eBook publishing
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 323 Seiten

Reihe: Classics To Go

ISBN: 978-3-98744-582-8
Verlag: OTB eBook publishing
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Gyp, Tochter des angesehenen Major Winton verliebt sich in einen Geigenspieler während die beiden auf Kur sind. Schnell wird geheiratet und ein Kind ist auch unterwegs. Fiorsen (der Geigenspieler) stellt sich aber als totaler Vollidiot heraus und betrügt Gyp mit einer jungen Tänzerin, die er ebenfalls schwängert. Als sich dann noch Fiorsens Kumpel an Gyp heranmacht, ist das Chaos perfekt. Gyp zieht sich von der Liebe zurück, bis sie ihre große Liebe kennenlernt...

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Erster Teil
I. Kapitel
Charles Clare Winton verließ das Standesamt von St. Georg. Er schritt langsam hinter dem Taxameter her, der seine Tochter und den »Geigerkerl«, den sie soeben geheiratet hatte, fortführte. Seine Würde verbot ihm, mit dem einzigen anderen Trauzeugen – der Kinderfrau Betty – zu gehen. Eine dicke, tiefgerührte Frauensperson wäre keine passende Gefährtin für ihn gewesen, dessen schlanke, gerade Gestalt, leichter, biegsamer Gang den einstigen Offizier selbst jetzt nach sechzehn Jahren noch erkennen ließ. Arme Betty! Er gedachte ihrer mit gereizter Teilnahme – sie hätte wirklich nicht an der Türschwelle in Tränen auszubrechen brauchen. Freilich wird sie sich nun, da Gyp fort ist, recht verloren vorkommen, doch lange nicht so verloren und einsam wie er selbst. Seine in einem hellen Handschuh steckende Hand, seine einzige wirkliche Hand, denn die rechte war am Gelenk amputiert, zwirbelte ungeduldig den kleinen, leicht ergrauten, ein wenig aufstrebenden Schnurrbart, der zum Teil die energischen Lippen verdeckte. An diesem grauen Februartag trug er keinen Überrock, hatte auch, wegen der fast verschämten Stille der Hochzeit, weder schwarzen Rock noch Zylinder angelegt, sondern trug einen blauen Anzug und steifen Filzhut. An diesem dunkeln Tag seines Lebens verließ ihn der Instinkt des Soldaten und Parforcereiters nicht; er verriet keines seiner Gefühle, kniff aber unruhig die graubraunen Augen zusammen, um sie gleich darauf wieder zu öffnen, zornig vor sich hinzublicken und sie von neuem zusammenzukneifen. Bisweilen schienen sie dunkler zu werden, tiefer in die Höhlen einzusinken. Sein Gesicht war schmal, wettergebräunt, mager, mit scharf umrissenem Kinn, kleinen Ohren; das Haar war dunkler als der Schnurrbart und nur an den Seiten ein wenig ergraut – es war das Gesicht eines Tatmenschen, selbstbewußt, sicher. Seine Haltung war die eines Mannes, der stets auf Eleganz und Form gehalten hat, aber wußte, daß es darüber hinaus noch andere Dinge gibt; eines Mannes, der wohl alle Züge eines bestimmten Gesellschaftstypus bewahrt hat, aber trotzdem etwas verrät, das nicht zum Typus gehört. Den Park durchschreitend, strebte er der Mount-Straße zu. Hier stand noch das Haus, – obwohl sich die Straße sehr verändert hatte, – das Haus, vor dem er im Nebel eines fernen Novembernachmittags friedlos wie ein Geist, verloren wie ein ausgestoßener Hund, ruhelos auf und ab geschritten war. Das war vor dreiundzwanzig Jahren gewesen, damals, als Gyp geboren wurde. An der Tür hatte er dann erfahren – er, der kein Recht hatte, einzutreten, er, der liebte, wie noch nie ein Mann eine Frau geliebt –, daß sie tot – bei der Geburt des Kindes gestorben sei, des Kindes, von dem nur er und sie wußten, daß es ihr Kind sei. Stundenlang durch den Nebel zu irren, zu wissen, daß ihre schwere Stunde gekommen sei, um schließlich das zu erfahren! … Von allen Schicksalen, die einen Menschen treffen können, ist wahrlich das schrecklichste: Zu sehr zu lieben. Seltsam, daß ihn gerade heute, nach seinem neuen Verlust, der Weg hier vorüberführte. Verfluchtes Pech, daß die Gicht ihn im vorigen September nach Wiesbaden getrieben! Verfluchtes Pech, daß dieser Kerl, dieser Fiorsen, mit seiner verhängnisvollen Geige Gyp je unter die Augen gekommen war! Seitdem er, vor fünfzehn Jahren, Gyp zu sich genommen, hatte er sich niemals so verlassen, so zu allem unfähig gefühlt. Er wird morgen nach Mildenham zurückkehren, sehen, ob ihm ein paar scharfe Ritte nicht gut tun. Ohne Gyp – ohne Gyp sein zu müssen! Ein Geiger! Ein Mensch, der sein Lebtag auf keinem Pferd gesessen hatte! Er hieb mit dem Stock etlichemal zornig durch die Luft, als ob er einen Menschen entzweischnitte. Niemals war ihm sein Klub in der Nähe der Hydepark-Ecke so trostlos erschienen. Aus reiner Gewohnheit begab er sich ins Spielzimmer. Der Nachmittag war so finster, daß bereits das elektrische Licht brannte; das gewohnte Dutzend Kartenspieler saß an den dunklen Tischen, die Lichtstrahlen fielen gedämpft auf die Stuhllehnen, Karten und Gläser, die kleinen vergoldeten Kaffeetassen, auf die polierten Nägel zigarrenhaltender Finger. Ein Bekannter forderte ihn zu einer Partie Pikett auf. Gleichgültig ließ er sich an einem der Tische nieder. Bridge hatte stets seinen verfeinerten Geschmack angewidert – ein verstümmeltes, armseliges Spiel! Poker hatte etwas Marktschreierisches! Pikett, obwohl es altmodisch geworden, blieb für ihn das einzig mögliche Spiel – das einzige, das noch einen gewissen Stil besaß. Er hatte gute Karten, erhob sich mit einem Gewinn von fünf Pfund, die er gerne bezahlt hätte, um der Langenweile des Spieles zu entgehen. Wo sie wohl jetzt sind? Schon über Newbury hinaus … Gyp sitzt dem Schweden mit den grünen Wildkatzenaugen gegenüber. Er hat etwas so Hinterlistiges, Ausländisches! Ein übler Kerl – wenn er, Winton, sich auf Pferde oder Menschen versteht! Gottlob, daß Gyps Geld, jeder Penny, sichergestellt ist. Ein Gefühl, das an Eifersucht grenzte, packte ihn, wenn er daran dachte, daß die Arme dieses Menschen sich um seine seidenhaarige, dunkeläugige Tochter schlingen würden – um das hübsche, schmiegsame Geschöpf, dessen Gesicht und Gestalt so sehr jener Frau ähnelten, die er so heiß geliebt hatte. Als er das Spielzimmer verließ, folgten ihm viele Blicke, denn er war ein Mann, der in anderen Männern eine gewisse Bewunderung wachrief – ohne daß sie selbst wußten, weshalb. Viele andere, die als Sportsleute den gleichen Ruf besaßen, erregten nicht so viel Aufmerksamkeit. War es die Eigenart, die von seinem Typus abwich, – das Brandmal der Vergangenheit? Den Klub verlassend, schritt er langsam durch Piccadilly heimwärts, zu dem Hause in der Bury-Straße, in dem Viertel von St. James, wo er seit seiner Jugend wohnte, einem der wenigen Häuser, die von der allgemeinen Londoner Sucht, abzureißen und neu aufzubauen, wodurch seiner Ansicht nach die ganze Stadt häßlich wurde, verschont geblieben war. Ein schweigsamer Mann mit den sanften, flinken, dunklen Augen einer Schnepfe, einer langen grünlichen gestrickten Weste, schwarzem Cutaway und engen, von Stegen gehaltenen Hosen, öffnete die Tür. »Ich gehe heut nicht mehr aus, Markey. Frau Markey soll mir ein Diner bereiten, – irgend etwas.« Markey drückte durch eine Gebärde aus, daß er verstanden habe. Die braunen Augen unter den zusammengewachsenen, eine lange dunkle Linie bildenden Brauen betrachteten seinen Herrn von oben bis unten. Bereits gestern hatte er zustimmend genickt, da seine Frau sagte, der Herr werde es sich sehr zu Herzen nehmen. Während er sich in die hinteren Räumlichkeiten begab, schüttelte er den Kopf in der Richtung der Straße und machte dann nach aufwärts eine Handbewegung, durch die Frau Markey, eine kluge Frau, verstand, daß sie ausgehen müsse, um einzukaufen, weil der Herr zu Hause speisen wolle. Nachdem sie gegangen war, setzte Markey sich Betty, Gyps alter Kinderfrau, gegenüber. Die beleibte Frau weinte noch immer leise vor sich hin. Dies berührte ihn schmerzlich; am liebsten hätte auch er gleich einem Hunde geheult. Nachdem er eine Weile schweigend das breite, rosige, tränenüberströmte Gesicht betrachtet hatte, schüttelte er mißbilligend den Kopf. Mit einem letzten Aufschluchzen und Erbeben ihres behäbigen Körpers hörte Betty zu weinen auf. Markey mußte man gehorchen! … Winton begab sich zuerst in das Schlafzimmer seiner Tochter, strich mit der Hand über die Seidendecke des verlassenen Bettes und blickte zerstreut in einen vergessenen Silberspiegel und riß dabei ärgerlich an seinem kleinen Schnurrbart. In seinem Arbeitszimmer setzte er sich, ohne das Licht anzuknipsen, vors Feuer. Hätte ihn jemand gesehen, er würde geglaubt haben, Winton schlafe, doch der behagliche, einschläfernde Einfluß des tiefen Sessels und des traulichen Feuers hatten ihm längst vergangene Tage zurückgezaubert. Welch unglücklicher Zufall hatte ihn gerade heute an ihrem Hause vorübergeführt! In der Theorie gibt es kaum einen Fall, in dem der Mensch – wenigstens ein Mann – durch eine einzige Liebe den Bankrott der Leidenschaft erlitte. In der Praxis hingegen gibt es derartige Männer – Alles- oder Nichts-Menschen –, stille, selbstbeherrschte Persönlichkeiten, die letzten, die erwarteten, daß ihnen die Natur solch einen Streich spiele, die letzten, die bereit wären, sich selbst aufzugeben, und die nicht einmal wissen, wenn sie ihr Schicksal ereilt hat. Wer war seiner eigenen und der Ansicht anderer nach weniger geeignet, sich Hals über Kopf zu verlieben, als jener Charles Clare Winton, der vor dreiundzwanzig Jahren den Ballsaal der Belvoir-Parforcegesellschaft betrat? Ein eifriger Soldat, ein Elegant, ein vorzüglicher Parforcereiter, in seinem Regiment fast sprichwörtlich durch seine Gelassenheit und eine gewisse höfliche Nichtachtung der Frauen, die er zu den belanglosen Dingen des Lebens rechnete, – hatte er damals an der Tür gestanden, ohne rechte Lust zum Tanzen, hatte alles mit jenem eigenartigen Blick betrachtet, der nur deshalb nicht arrogant wirkte, weil er so natürlich war. Und siehe, sie schritt vorüber, und seine Welt hatte sich für immer verändert. War es eine Wirkung ihrer strahlenden Augen, die ihn in dem halberstaunten Blick ihr ganzes Wesen erkennen ließ? Oder ihre Art, zu schreiten, die schmiegsame, verführerische Körperhaltung, das wellige Haar, der zarte, blumenhafte Duft? Was war es? … Sie war die Frau eines Gutsbesitzers aus der Umgebung, der in London ein Haus besaß. Es gab keine Entschuldigung – sie war keine mißhandelte Frau, ihre Ehe eine gewöhnliche,...



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