E-Book, Deutsch, 325 Seiten
Reihe: Classics To Go
Galsworthy Der Patrizier
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98744-578-1
Verlag: OTB eBook publishing
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 325 Seiten
Reihe: Classics To Go
ISBN: 978-3-98744-578-1
Verlag: OTB eBook publishing
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Auszug: Licht, das in das weite Gemach eindrang, ? ein Gemach von solcher Höhe, daß die geschnitzte Decke sich genauer Betrachtung entzog ? wanderte mit der sinnenden, kühlen Neugier der Morgendämmerung über ein phantastisches Museum der Zeit. Das Licht, unbefangen von dem Vorurteil des menschlichen Auges, enthüllte seltsame Widersinnigkeiten, als beleuchte es den leidenschaftslosen Gang der Geschichte. Denn in diesem Speisesaal, einem der schönsten in England, hatten die Caradocs Jahrhunderte lang die Trophäen und Dokumente ihrer Existenz gesammelt. Rund um diesen Speisesaal hatten sie gebaut, niedergerissen und wiederaufgebaut, bis die übrigen Gebäude von Monkland Court ein ziemlich einheitliches Bild boten. Hier allein hatten sie das Werk der alten, beinahe möchte man sagen, mönchischen Baumeister unberührt gelassen und in dieser Halle hatten sie unbewußt ihre Seelen eingeschlossen. Denn hier befanden sich, nunmehr dem Lichte ausgesetzt, all jene fast rührenden Zeugnisse menschlichen Sehnens, für immer fortzuleben, jene Hüllen ihrer verblichenen Körper, die Fetische und sonderbaren Wahrzeichen ihres Glaubens, und überall die Spuren ihrer Behandlung durch die mitleidslosen Hände der Zeit.
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Erster Teil
Erstes Kapitel
Licht, das in das weite Gemach eindrang, – ein Gemach von solcher Höhe, daß die geschnitzte Decke sich genauer Betrachtung entzog – wanderte mit der sinnenden, kühlen Neugier der Morgendämmerung über ein phantastisches Museum der Zeit. Das Licht, unbefangen von dem Vorurteil des menschlichen Auges, enthüllte seltsame Widersinnigkeiten, als beleuchte es den leidenschaftslosen Gang der Geschichte. Denn in diesem Speisesaal, einem der schönsten in England, hatten die Caradocs Jahrhunderte lang die Trophäen und Dokumente ihrer Existenz gesammelt. Rund um diesen Speisesaal hatten sie gebaut, niedergerissen und wiederaufgebaut, bis die übrigen Gebäude von Monkland Court ein ziemlich einheitliches Bild boten. Hier allein hatten sie das Werk der alten, beinahe möchte man sagen, mönchischen Baumeister unberührt gelassen und in dieser Halle hatten sie unbewußt ihre Seelen eingeschlossen. Denn hier befanden sich, nunmehr dem Lichte ausgesetzt, all jene fast rührenden Zeugnisse menschlichen Sehnens, für immer fortzuleben, jene Hüllen ihrer verblichenen Körper, die Fetische und sonderbaren Wahrzeichen ihres Glaubens, und überall die Spuren ihrer Behandlung durch die mitleidslosen Hände der Zeit. Der Chronist hätte hier alle notwendigen Bestätigungen finden, der Forscher aus diesem Material die adelige Herkunft genau beweisen, der Philosoph der Entwicklung der Aristokratie nachspüren können von den Uranfängen ihrer Übermacht durch rohe Gewalt oder Schlauheit, Jahrhunderte ihrer Herrschaft hindurch, zu malerischem Verfall und bis zum Beginn ihres Widerstandes. Sogar der Künstler hätte hier vielleicht ihren trockenen, unergründlichen, alles durchdringenden Geist zu empfinden vermocht, so wie man ihn etwa beim Besuch einer alten Kathedrale in seiner Verknöcherung herausfühlen kann. Von dem sagenumsponnenen Schwert jenes walisischen Häuptlings, dem eine Tat des Hochverrats die Gunst und eine Belohnung Wilhelms des Eroberers eingebracht und der mit der Witwe eines Normannen viele Ländereien in Devenescire erhalten hatte, bis zu dem Pokal, den die Pächter in Devonshire für ihren Gutsherrn Geoffrey Caradoc, den gegenwärtigen Earl of Valleys, anläßlich seiner Eheschließung mit Lady Gertrude Semmering durch Sammlung erstanden, fehlten keinerlei Insignien, mit Ausnahme der Familienporträte in der Galerie von Valleys House in London. Es war sogar ein altes Duplikat jener vergilbten und zerfetzten Schriftrolle vorhanden, laut welcher von königlicher Seite Titel und Ländereien John, dem hervorragendsten aller Caradocs, neuerlich zugesichert wurden, der es unglücklicherweise verabsäumt hatte, ehelich zur Welt zu kommen infolge einer jener komischen Vergeßlichkeiten, denen man in der Genealogie der meisten alten Familien begegnet. Ja, dort hing sie fast zynisch in einer Ecke; denn wenn auch dieser Vorfall gewiß eine brennende Frage im fünfzehnten Jahrhundert gewesen war, so lieferte er jetzt nur noch den Stoff zu einer ironischen kleinen Geschichte in Anbetracht der Tatsache, daß Nachkommen von Johns ›eigenem‹ Bruder Edmund zweifellos unter den Bauern einer nicht weit entfernten Gemeinde zu finden waren. Das Licht, das auf die Rüstungen und auf die Tigerfelle darunter fiel, die Bertie Caradoc, der jüngere Sohn, erst vor Jahresfrist aus Indien heimgebracht, schien zu erzählen, wie kraft des einfachen Naturgesetzes, das die Starken und Abenteurer bevorzugt, jene, die einst in der vordersten Reihe gestanden hatten und an denen jetzt der Hauptstrom des nationalen Lebens fast vorbeifloß, sich gezwungen sahen, Abenteuer zu ersinnen, damit sie nicht am Ende den Glauben an ihre eigene Kraft einbüßten. Das unbarmherzige Licht jener ersten halben Stunde des Sommermorgens erzählte noch von vielen sonstigen Änderungen, wie es so von den ernsten Wandbehängen zu den Samtteppichen wanderte und aus deren Gegensatz den sicheren Beweis erbrachte, daß der gesunde Menschenverstand des gegenwärtigen Grafen und der Gräfin die Askese der Vergangenheit nicht aufkommen ließ. Und dann schien es das Interesse an dieser kritischen Reise zu verlieren, als sehnte es sich danach, alles in Zauberglanz zu hüllen. Denn die Sonne war aufgegangen, und zu den östlichen Fenstern strömte ihre geheimnisvolle Freude weit herein. Und mit ihr kam durch eine offenstehende Butzenscheibe eine wilde Biene in den Saal, die sich zwischen den Blumen auf dem einen Ende des Tisches niederließ, das benutzt wurde, wenn nur wenige Leute im Hause waren. Die Stunden flogen schweigend dahin, bis die Sonne hochstand und die ersten Besucher erschienen: drei rosige, schwatzende Dienstmädchen, die mit Besen hereinkamen. Sie gingen weiter und zwei Diener traten ein, die Vorläufer der Frühstücksbrigade, die einen Augenblick in professionellem Nichtstun herumstanden, wonach sie anfingen, bedächtig den Tisch zu decken. Dann kam ein kleines sechsjähriges Mädchen, das sehen wollte, ob nicht irgend etwas Aufregendes passierte – die kleine Ann Shropton, Tochter des Sir William Shropton aus seiner Ehe mit Lady Agatha, der ältesten Tochter des Hauses und der einzigen der vier jungen Caradocs, die schon verheiratet war. Sie schlich auf den Zehenspitzen, um zu überraschen, was zu überraschen da war. Sie hatte ein breites, kleines Gesicht und weitgeöffnete, freimütige, haselnußfarbene Augen über einer kleinen Nase, die gerade und etwas plötzlich aus dem Gesicht wuchs. Von einem losen Gürtel umschlungen, der tief unter der Taille ihres grauen Leinenkleidchens angebracht war, wie um die Ungebundenheit zu symbolisieren, schien sie alles im Leben für einen guten Spaß zu halten. Und bald hatte sie auch etwas Aufregendes gefunden. »Schau mal, die dicke Hummel, William! Glaubst du, daß ich sie in meinem kleinen Glaskästchen zähmen könnte?« »Nein, Miß Ann; und geben Sie acht, Sie werden noch gestochen!« » Mich würde sie nicht stechen.« »Warum nicht?« »Weil sie's nicht täte.« »Freilich – wenn Sie meinen –« »Für welche Zeit ist das Auto bestellt?« »Für neun Uhr.« »Ich fahre mit Großpapa bis zum Tor.« »Wenn er nun aber nein sagt?« »Na, dann werd' ich trotzdem mitfahren.« »Aha.« »Ich könnte ja mit ihm bis nach London fahren! Geht Tante Babs mit?« »Nein, ich glaube nicht, daß noch jemand mit Seiner Lordschaft fährt.« »Ich würde auch fahren, wenn sie mitkäme. – William!« »Ja?« »Wird Onkel Eustace bestimmt gewählt?« »Natürlich, ganz bestimmt.« »Glaubst du, daß er ein gutes Parlamentsmitglied wird?« »Lord Miltoun ist sehr klug, Miß Ann.« »Wirklich?« »Na, glauben Sie es denn nicht?« »Glaubt es Charles?« »Fragen Sie ihn.« »William!« »Ja?« »Ich mag London nicht. Ich mag hier, und ich mag Catton, und ich mag zu Hause ganz gern, und ich hab' Pendridny furchtbar lieb – und – ich mag Ravensham.« »Seine Lordschaft werden heute auf dem Weg nach London über Ravensham fahren, wie ich gehört habe.« »O! Dann wird er Urgroßmama besuchen. William – –« »Da ist Miß Wallace.« Von der Tür her sagte eine Dame mit breitem, blassem, geduldigem Gesicht: »Komm her, Ann!« »Ja, gleich. – Hallo, Simmons!« Der eintretende Hausverwalter entgegnete: »Hallo, Miß Ann!« »Ich muß gehn.« »Das tut uns aber wirklich leid.« »Ja.« Die Tür wurde leicht zugeworfen, und in dem großen Raum herrschte das geschäftige Schweigen, das stets einer Mahlzeit vorangeht. Plötzlich traten die vier Männer am Frühstückstisch einen Schritt zurück. Lord Valleys war hereingekommen. Er kam, einen blauen Zettel lesend, langsam näher, während eine kleine, wenig charakteristische Falte zwischen seinen geraden grauen Augen stand. Haar und Schnurrbart, die anfingen, stahlgrau zu werden, waren kraus, sein Gesicht mit den klaren Zügen gebräunt und doch rötlich – das Gesicht eines Mannes, der sich selbst kennt und mit diesem Wissen zufrieden ist. Auch seine hohe, aufrechte Gestalt und die soldatische Art, wie er den Kopf trug, bestätigten den Eindruck nicht so sehr der Selbstzufriedenheit, als vielmehr der Befriedigung über die Gewohnheiten seines Lebens und Denkens. Und all seinen Bewegungen merkte man an, daß er sich seiner Umgebung nicht bewußt war, eine Eigenschaft derer, die viel in der Öffentlichkeit leben, die zur Befriedigung aller materiellen Bedürfnisse des Daseins nur die Hand auszustrecken und sich um die Meinung andrer nie zu kümmern brauchen. Er nahm Platz, während seine Augen noch immer das Papier durchforschten, und begann sofort zu essen, was man vor ihn gestellt hatte; als er dann bemerkte, daß seine älteste Tochter hereingekommen war und sich neben ihn gesetzt hatte, sagte er: »Zu dumm, bei solchem Wetter nach London fahren zu müssen!« »Ist es eine Kabinettsitzung?« »Jawohl. Diese verteufelte Sache mit den Ballons.« Aber die dunklen Augen in Agathas schmalem, zartem Gesicht studierten fast begierig die Einzelheiten eines Servierbrettes zum Warmhalten von Schüsseln auf der Anrichte, wobei sie dachte: ›Ich glaube, das wäre am Ende noch praktischer als meine. Wenn William nur sagen wollte, ob er diese großen Servierbretter wirklich den einzelnen Heißwasser-Gefäßen vorzieht!‹ Sie brachte es jedoch über sich, in ihrer sanften Stimme zu fragen – denn all ihre Worte und Bewegungen waren sanft, sogar ein wenig schüchtern, so lange nichts geschah, das...




