E-Book, Deutsch, 312 Seiten
Reihe: Nagel & Kimche
Gala Die Kathedrale der Schwarzen
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-312-01133-9
Verlag: Nagel & Kimche
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 312 Seiten
Reihe: Nagel & Kimche
ISBN: 978-3-312-01133-9
Verlag: Nagel & Kimche
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Rogelio zieht mit seiner Familie nach Cienfuegos, um den Auftrag auszuführen, den Gott im gab: eine riesige Kathedrale zu bauen, die alles bisher Gesehene übertreffen und Cienfuegos zum kubanischen Jerusalem machen soll. Das Viertel, in dem das Bauwerk entsteht, ist jedoch alles andere als heilig. Marcial Gala, eine der interessantesten Stimmen der neuen kubanischen Literatur, lässt die Menschen zu Wort kommen, die im Schatten des von Tag zu Tag wachsenden Kirchenbaus leben, er zeigt uns Kuba von unten. Die Kathedrale der Schwarzen: ein ungewöhnliches, widerständiges Buch u?ber menschliche Schicksale und Abgründe und u?ber das Kuba, das der US-Luxuskapitalismus vor eine Zerreißprobe stellt - ein urbanes Abenteuer mit vielen Zwischentönen.
Weitere Infos & Material
Nagel & Kimche E-Book
Marcial Gala
Die Kathedrale der Schwarzen
Roman
Aus dem kubanischen Spanisch von Kirsten Brandt
Erster Teil
Kuba hat seine Kathedralen in der Zukunft.
José Lezama Lima
Maribel García Medina
Außer David King und Samuel Prince gab es da noch eine ältere Tochter. Mary Johannes hieß die ... oder heißt sie, genauer gesagt, denn sie lebt ja noch, und besser als wir. Eines Tages sind sie in einem alten Ford Transporter mit dem Kennzeichen von Camagüey hier in Punta Gotica vorgefahren. Ich weiß noch, wie sie ihre Habseligkeiten ausgeladen haben. Zu viele Möbel für Leute, die in ein Viertel wie das hier ziehen, dachte ich gleich.
Yohandris Carlos Fernández Ramírez, genannt Lulatsch
Ich war gerade beim Fußballspielen, als sie ankamen. Da kommt nichts Gutes, dachte ich mir, denn das Mädchen, das vorne in der Fahrerkabine saß, wedelte sich mit einem Fächer Luft zu und musterte das Viertel mit einem Blick, als hätte man sie direkt vor den Eingang zur Hölle gekarrt. »Machen wir weiter«, sagte ich laut und kümmerte mich wieder um meinen Kram. Die Jungen waren noch halbe Kinder; Grille, der Älteste, sah damals schon aus wie ein Irrer. Den mache ich kurz und klein, ich stutze ihn zurecht wie eine Palme, dachte ich, weil er so groß war. »Lulatsch, der ist so groß, dem kann nicht mal ein Pfau in den Arsch picken«, sagte Nacho Froschmaul und passte den Ball zu mir rüber.
Maribel García Medina
Ich lebe seit Jahren hier, aber das heißt nicht, dass ich nichts tauge, denn hier wohnten früher mal die Seeleute, bevor die Gegend vor die Hunde ging; das war noch unter der anderen Regierung, damals hatte sogar ein Neffe von Präsident Machado hier ein Zimmer und machte die Bekanntschaft von Ismaelillo, dem Sohn des Dichters José Martí. Zu der Zeit war Martí anscheinend noch nicht so berühmt wie jetzt, wo ständig überall von ihm die Rede ist; man kann nicht mal den Fernseher einschalten, ohne dass irgendjemand sagt: Wie schon der Apostel sagte … das kann einem ganz schön auf die Nerven gehen. Jedenfalls heißt es, Ismaelillo hätte seinen Lebensunterhalt mit der Vermietung von Zimmern verdient, und einer seiner Mieter war wohl dieser Neffe von Machado, und der schuldete ihm sechs Monatsmieten oder so. Zu guter Letzt hat Ismaelillo aber die Miete gar nicht eingetrieben, denn als er eines Tages höchstpersönlich auftauchte, um ihn rauszuschmeißen, standen da Martís gesammelte Werke im Bücherregal, sorgfältig gehütet wie ein Goldschatz, und da wurde Ismaelillo ganz weich und hat Machados Verwandtem die Schulden erlassen, wahrscheinlich war es sowieso nur ein angeheirateter Neffe, denn selbst wenn der frühere Präsident ein echter Geizkragen war, hätte er doch bestimmt den Sohn seiner Schwester nicht in so einem Loch hausen lassen, das an heißen Tagen schrecklich stickig ist, wo hat man denn so was schon gehört. Aber zurück zu den Leuten aus Camagüey: Drei Monate vor ihrer Ankunft hatte ich mich von El Chago getrennt, und deshalb hatte ich eine Riesenwut auf alle Leute aus Oriente, und als ich hörte, dass sie von dort kamen, bin ich hingegangen und habe mir den Umzug angesehen, vor allem, um ein paar spitze Bemerkungen loszulassen und zu sehen, ob die neue Nachbarin drauf anspringen und sich mit mir anlegen würde, sodass man gleich merkte, was für ein Pack sie waren.
Berta
Ich war nicht da, als sie ankamen, war ich in der Schule, aber meine Mutter hat mir erzählt, dass eine Familie ins Haus des verstorbenen Castillo gezogen sei und dass sie ein Mädchen hätten, das ungefähr in meinem Alter war, aber dass sie nicht wollte, dass ich mich gleich mit ihr anfreundete. »Zuerst einmal muss man die Leute kennenlernen«, hat sie gesagt, »du bist zu vertrauensselig, deshalb fällst du auch immer auf die Nase.« Ich sagte zu ihr, was das solle, ich wolle niemanden kennenlernen, aber nachdem ich die Schuluniform ausgezogen hatte, habe ich mich vor die Haustür gesetzt, weil ich sonst nichts zu tun hatte, und zu dem Haus des alten Camilo hinübergesehen, der – wie böse Zungen behaupteten – an Leberzirrhose gestorben war.
Maribel García Medina
Das alles hätte nicht passieren müssen, wenn die Leute ihnen nicht diesen Empfang bereitet hätten. Aber seit sie angekommen waren, mit ihren schicken Hosen und ihren Leichenbittermienen, gingen ihnen alle im Wohnblock um den Bart. »Hast du die Leute aus Camagüey schon kennengelernt?«, fragte mich Lucy, die Kaugummiverkäuferin, und brachte dem Mädchen einen Teller voller Süßkartoffeln, weil ihre Mutter behauptete, sie wäre kränklich. Ich hatte das Mädchen gesehen, und auf mich wirkte sie kerngesund, schlank war sie und hatte schrägstehende Augen, ein hübsches schwarzes Ding, das ja, aber eingebildet, jetzt lebt sie in Italien, alle, die so sind wie sie, gehen dorthin.
Der Alte redete den lieben langen Tag von Jesus, zum Frühstück, zum Mittagessen und zum Abendessen gab es dieselbe Leier. Am Tag ihrer Ankunft drückte er den Jungen, die gerade Fußball spielten, fünf Pesos in die Hand, damit sie ihm halfen, die Sachen abzuladen, und kam dann zu uns herüber, um sich vorzustellen. Er hatte ein höfliches Lächeln und eine schmale, kräftige, trockene Hand. »Gottes Segen«, sagte er, »ich heiße Arturo, und das ist meine Frau Carmen.« »Gottes Segen«, sagte auch Carmen. Sie ging einige Schritte hinter ihm, und man sah gleich, dass sie zu gut war für einen abgehalfterten Mittfünfziger wie ihn und dass das böse ausgehen würde. Als er uns seine Kinder vorstellte, war ich verblüfft, weil ich mir gar nicht vorstellen konnte, dass es ihre waren. Alle drei waren groß, vor allem der ältere der beiden Jungen, David, der mit seinen dreizehn Jahren schon eine richtige Bohnenstange war. Prince, der Jüngere, gab uns seine zarte, ein wenig verschwitzte Hand und betrachtete uns aus Augen, die schräg waren wie bei seiner Mutter und seiner Schwester, und ich dachte: »Der ist schwul.«
»Könnten Sie mir den Weg zur Kirche des Heiligen Sakraments zeigen?«, fragte der Vater.
»Die Kirche des Heiligen Sakraments?«, sagten die Leute. »So was gibt’s hier nicht.«
Lulatsch
»Wackelpudding«, nannte ihn Barbarito, der Sohn von Lupe, nachdem er einmal gesehen hatte, wie er am helllichten Tag ein Buch las, als gäbe es nichts Besseres zu tun: Fußball spielen, einem Mädchen hinterherspannen, einen Drachen steigen oder einen Furz fahrenlassen, und zu mir sagte er: »Lulatsch, wenn dieser Typ keine Schwuchtel ist, fresse ich einen Besen«, denn noch dazu trug der Kerl zu kurze und zu enge Hosen, die wirklich zum Schreien waren. »Das ist in Camagüey modern«, mischte sich Berta ein, die ihn von Anfang an in Schutz genommen hat und behauptete, er sähe aus wie Michael Jackson, bevor der völlig ausgebleicht war, und so einen schönen Schwarzen wie ihn gäbe es nicht noch mal bei uns im Viertel und am liebsten würde sie ihn vernaschen; »nicht wie sein Bruder, bei dem merkt man gleich, dass der nicht alle Tassen im Schrank hat.«
»Der ist schwul«, prophezeite Barbarito. »Du wirst schon sehen.«
Alain Silva Acosta
Wir waren wirklich blauäugig, obwohl wir von Anfang an keine Zukunft hatten. Wer einmal hier im Viertel gelandet ist, kommt nie mehr raus, hatte irgendjemand an eine Hauswand geschrieben, und es stimmte: Das Viertel war übel, richtig übel. Als Schwarzer ist man sowieso gebrandmarkt, und wenn man noch dazu gezwungen ist, in einem Wohnblock in einer Gegend wie dieser zu hausen … dabei sollte ich eigentlich gar nicht so schlecht dran sein, schließlich habe ich Psychologie studiert und obendrein einen Master in BWL. Aber was kann man schon mit vierhundert Pesos Gehalt anfangen, wenn man nicht noch was in Devisen obendrauf bekommt? Nichts, du bist dem Armageddon hilflos ausgeliefert. Ich war nicht dabei,...




