E-Book, Deutsch, 308 Seiten
Gabathuler Red Rage
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7494-0492-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Abrechnung
E-Book, Deutsch, 308 Seiten
ISBN: 978-3-7494-0492-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Alice Gabathuler schreibt Geschichten für Kinder und Jugendliche. Meistens werden daraus Bücher, manchmal auch Hörgeschichten fürs Radio. Und ab und zu gewinnt sie dafür einen Preis, zum Beispiel den Hansjörg-Martin-Preis für den besten deutsch-sprachigen Jugendkrimi 2014. Mit der Lost Souls Reihe hat sie genau die Bücher geschrieben, die sie als junge Frau gerne gelesen hätte.
Autoren/Hrsg.
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Kata hatte sich jede einzelne Kurve und jede einzelne Zahl auf dem Monitor erklären lassen. Sie wusste, dass Joseph stabil war und überleben würde. Bis die Ärzte ihn aus dem künstlichen Koma holten, in das sie ihn versetzt hatten, sprachen jedoch allein die Kurven und Zahlen auf den Monitoren für ihn. Und denen traute Kata nicht. Zu tief saß die Erinnerung an die schrecklichen Augenblicke im Operationssaal der . Zwischen ihren stundenlangen Besuchen bei Joseph verkroch sie sich im Appartement, das Nathan gemietet hatte, eine in die Jahre gekommene, seelenlose Wohnung in einem mehrstöckigen Gebäude in der Nähe der Klinik. Sie schlief in einem Zimmer, das nicht viel größer war als ein Besenschrank, Nathan und DeeDee teilten sich das andere. Längst roch die Luft abgestanden, stapelten sich leere Kartons von Fertigessen zwischen Flaschen, Tassen und leeren Milchtüten. An den Wänden hingen Notizzettel, Fotos und Ausdrucke von Zeitungsartikeln. Es war die emotionslose Zusammenfassung dessen, was seit dem Brand und Aydens Verschwinden geschehen war. Zahlen und Fakten, wie auf dem Monitor in der Klinik. Was sie in den Herzen und Köpfen auslösten, lag unsichtbar im Raum, zeichnete sich auf den Gesichtern ab und spiegelte sich in den Augen, die stets aufs Neue versuchten, einen Sinn darin zu finden. Allein die Bilder von Aydens altem Honda nahmen eine ganze Wand für sich ein.
Verlassen stand der Wagen auf der Klippe, über die Rose in den Tod gerissen worden war, aufgenommen aus verschiedenen Perspektiven. Ein einsamer Fremdkörper in einer grauen Landschaft, hinter der sich ein graues Meer bis an den Horizont erstreckte. Einige der Fotos waren körnige Vergrößerungen mit herangezoomten Details, was ihre unheimliche Wirkung noch verstärkte. Aydens Jacke auf dem Rücksitz, achtlos hingeworfen, Geld und Ausweise in den Taschen. Eine leere Whiskyflasche auf dem fleckigen Beifahrersitz. Im CD-Fach das dritte Album von , der Lautstärkeregler voll aufgedreht. Das dazugehörige Booklet eingeklemmt unter dem Scheibenwischer, aufgeschlagen beim Text von Wie ein Abschiedsbrief. Obwohl die lokale Polizei keine Leiche gefunden hatte, ging sie davon aus, dass Ayden sich das Leben genommen hatte. Kata glaubte keine Sekunde lang an diese Theorie.
Zwei Rosen hatte John ihr geschickt. Zwei Rosen ohne Köpfe. Eine für Ayden, eine für sie. Den Gedanken, John könnte Ayden über die Klippe gestoßen haben, drängte Kata zurück. Aber in der Nacht, da kroch er heraus aus seiner Verbannung und quälte sie mit unsäglichen Bildern. Kata wusste, dass John genau das wollte. Er ließ sie büßen, indem er Angst und Zweifel säte. Ayden war sein Pfand, die Zeit seine Waffe und die Ungewissheit seine Strategie, mit der er Kata zermürbte.
Sam traf einen Tag nach Kata in Plymouth ein und fing sie nach ihrem Besuch bei Joseph ab. »Ayden hat sich nicht umgebracht«, kam er direkt auf den Punkt. »Was läuft hier, Kata? Wo ist er?«
Es war Zeit, Sam die ganze Wahrheit anzuvertrauen. »Ich möchte Nathan dabeihaben, wenn ich dir das erzähle«, sagte sie.
Sams Antwort bestand aus einem tiefen Seufzer, als ahnte er, was auf ihn zukommen würde.
Sie trafen sich in einem Pub, der seine besten Tage längst hinter sich hatte. Kata berichtete Sam von den Rosen. Und sie gestand ihm, was sie in der Nacht von John Owens Verschwinden getan hatte. Er hörte zu, ohne sie zu unterbrechen, doch sie sah ihm an, wie sehr er sich zusammennehmen musste, sie nicht mit Vorwürfen zu überhäufen.
»Ich fasse dann mal zusammen«, sagte er gefährlich leise, nachdem sie fertig geredet hatte. »Du hast Owen mit dir in den Abgrund gerissen und ihn dann in die Tiefe getreten. Du musstest also von der ersten Rose an damit rechnen, dass er leben und sich an dir rächen könnte. Trotzdem hast du Burton nicht benachrichtigt.«
»Mein Leben, meine Entscheidung«, erwiderte Kata.
»Jetzt ist es auch Aydens Leben.«
Jedes einzelne Wort war ein Pfeil mitten in ihr Schuldgefühl. Am meisten weh jedoch tat das, was Sam nicht aussprach, das ihm aber deutlich ins Gesicht geschrieben stand. mir
Kata zog sich in ihre innere Kälte zurück, den einzigen Ort, an dem sie ihren Gefühlen entkam. »Du wolltest wissen, was läuft, Sam.«
Er brauchte eine Weile, bis er sich gesammelt hatte. Seine Antwort war so unerbittlich wie ihre. »Ich erwarte, dass ihr Burton einschaltet. Ihr habt einen Tag Zeit.«
»Nein«, widersprach Nathan, der schweigend zugehört hatte.
Sams Augen wurden dunkel vor Zorn. Noch nie hatte Kata ihn so wütend gesehen.
»Was wollt ihr, Nate? Owen im Alleingang erledigen? Du weißt genau, was dabei herauskommt. Oder muss ich dich an Jenkinson erinnern?«
Nathan öffnete den Mund, aber Sam gab ihm keine Gelegenheit zu antworten. »Es geht um Ayden. Und damit habt ihr mich am Hals. Mich und die Polizei!«
»Darf ich jetzt auch was sagen?«, fragte Nathan.
»Wenn es sein muss.«
»Kein Alleingang, kein Privatkrieg, Sam.« Nathan stützte seine Arme auf den Tisch und beugte sich vor. »Wir wissen nicht, was Owen plant. Für Ayden könnte es gefährlich werden, wenn wir uns an die Polizei wenden. Mach du es. Gib Burton die Informationen weiter, die wir dir anvertraut haben. Alles, bis auf das, was Kata getan hat. Und jetzt hau mir eine runter, denn da drüben beim Fenster sitzt seit fünf Minuten ein Typ, der nicht hierher gehört.« Ohne Vorwarnung fegte er Sams Glas vom Tisch, begleitet von einem lauten, gehässigen »Misch dich nicht in unsere privaten Angelegenheiten!«.
Sam starrte ihn fassungslos an. Dann holte er genauso unvermittelt aus wie vorher Nathan und schlug ihm die flache Hand ins Gesicht. Das klatschende Geräusch war im ganzen Pub zu hören. In der darauffolgenden Stille verließ Sam wortlos das Lokal.
Nathan rieb sich die Wange. »Sei froh, dass Sam keine Frauen schlägt!«
Sam hatte sie nicht geschlagen. Das hätte Kata ausgehalten. Den Blick, den er ihr beim Hinausgehen zugeworfen hatte, nicht.
Zwei Tage nach dem Treffen mit Sam fuhr Burton mit einer kleinen Einheit in Plymouth ein. »Wir unterstützen die lokale Polizei in ihren Ermittlungen, weil Ayden Morgans Name immer wieder im Zusammenhang mit verschiedenen Verbrechen aufgetaucht ist und wir deshalb eine lückenlose Aufklärung darüber brauchen, was vor und nach dem Brand passiert ist«, erklärte er in einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz.
Seine Worte fielen bei sämtlichen Medien auf fruchtbaren Boden. Hatten sie anfangs den Grund für Aydens Selbstmord in den schier unerträglichen Schicksalsschlägen gesucht, die ihm widerfahren waren, verlagerten sie nun ihre Spekulationen zu einem möglichen Verschulden des Brandes, bei dem Joseph beinahe umgekommen war. Die Mutmaßungen arteten in wilde Theorien aus.
?, titelte die , um in derselben Ausgabe weiteres Öl ins Feuer zu gießen.
Der Mann im Pub war keiner von John Owens Leuten gewesen, sondern ein Journalist der , der Nathan erkannt hatte. In einem gut recherchierten Artikel leuchtete er die gemeinsame Vergangenheit von Nathan, Ayden und Kata aus und brachte damit eine Lawine ins Rollen. Die Medienmeute heftete sich mit der ihr eigenen Hartnäckigkeit an Kata und Nathan und überbot sich gegenseitig auf der Suche nach der verkaufsträchtigsten Schlagzeile. Mitten in dieser aufgeheizten Stimmung orderte Burton die beiden zu sich.
»Sam hat mich informiert. Es hat einige Überzeugungsarbeit gebraucht, meinen Vorgesetzten das Einverständnis abzuringen, wegen eines einfachen Brandes mit anschließendem Suizid eine Spezialeinheit hierher zu schicken.« Er holte tief Luft, die er langsam wieder ausatmete, bevor er weitersprach. »Die Sache läuft gerade gewaltig aus dem Ruder. Ihnen zu befehlen, sich herauszuhalten, wäre absolut sinnlos. Aber wehe, Sie kommen mir in die Quere oder sabotieren meine Arbeit! Und wagen Sie es nicht, mir noch einmal etwas zu verheimlichen! Klar?«
Er legte eine kurze Pause ein, in der Kata und Nathan Gelegenheit gehabt hätten, etwas zu erwidern. Keiner von ihnen ging auf das unausgesprochene Angebot ein. Dass sie kurz nach ihrer Ankunft in Plymouth auf der Suche nach Informationen bei Henry eingebrochen waren, brauchte Burton nicht zu wissen. Es hätte auch nicht geholfen, denn Henrys Büro war völlig leergeräumt gewesen.
»Gut«, fuhr der Ermittler gereizt fort. »Dann kläre ich Sie jetzt über die Konsequenzen auf, die Ihnen drohen, falls Sie sich nicht an die Regeln halten. Wenn Sie oder irgendein anderes Mitglied Ihrer Organisation mit irgendwelchen Aktionen auch nur einen Millimeter gegen die Gesetze verstoßen, verhafte ich Sie....




