Gabathuler | Blackout | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 220 Seiten

Gabathuler Blackout


1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7562-8301-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 220 Seiten

ISBN: 978-3-7562-8301-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Schwarz. Leer. Einfach nichts. Carla ist weg. Spurlos verschwunden. Und Nick soll schuld sein. Aber der kann sich an nichts erinnern. Nur eines weiss er: Er würde seiner Cousine niemals etwas antun. Weil ihm niemand glaubt, beginnt Nick, auf eigene Faust zu ermitteln. Was er dabei herausfindet, lässt ihn immer mehr zweifeln. An sich selbst, vor allem aber an den Menschen, die er am besten zu kennen glaubte ...

Alice Gabathuler schreibt Geschichten für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Meistens werden daraus Bücher, manchmal auch Hörgeschichten fürs Radio. Und ab und zu gewinnt sie damit einen Preis oder eine Auszeichnung. Zum Beispiel den Hansjörg-Martin-Preis für den besten deutschsprachigen Jugendkrimi 2014.

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5
So schnell ging das. Mit einem Schlag galten die Versprechen nicht mehr. Dabei war es Susanna gewesen, die gesagt hatte: »Wir packen das schon.« An seinem ersten Morgen bei Eggers. Die Müllabfuhr hatte ihn aufgeweckt und weil er nicht recht wusste, was er nun tun sollte, blieb er liegen, starrte an die Decke und dachte über sein neues Zuhause nach. Susanna und Martin waren in Ordnung. Ein bisschen zu nett und zu verständnisvoll vielleicht. Das würde nicht lange so bleiben. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er irgendwas verbockte. Garantiert. Erst dann würde sich zeigen, wie sie wirklich drauf waren. Er dachte an Carla und musste grinsen. Ganz schön cool, seine Cousine. Bei Finn war er sich nicht sicher. Er wich ihm aus. Aber vielleicht bildete sich Nick das auch nur ein. Aus der Küche hörte er das Klappern von Geschirr. Komm schon, sagte er sich. Zeit, dich in dein neues Leben zu stürzen. Susanna räumte Teller und Tassen in die Spülmaschine. »Guten Morgen! Lust auf Frühstück?«, fragte sie. Er rieb sich die Augen und setzte sich an den Tisch. »Ja, eine kalte Milch.« Susanna goss ihm ein Glas Milch ein und ließ für sich einen Kaffee aus der Maschine. Sie setzte sich zu ihm und strich sich ein Brot. »Carla findet es gut, dass ich hier bin. Hat sie gesagt.« »Und du?«, fragte Susanna. »Ich?« Nick umfasste die Tasse mit beiden Händen. »Weiß nicht. Ich bin nicht sicher, ob es eine gute Idee ist.« »Warum nicht?« Er zögerte einen Moment. Dann entschied er sich, am besten von Anfang an reinen Tisch zu machen. »Na, wo ich bin, sind meistens auch Probleme.« »Ach, Probleme sind überall«, sagte Susanna. »Wir packen das schon.« »Cool«, antwortete er und kam sich ziemlich idiotisch vor. Cool. Wie bescheuert das klang. Susanna biss von ihrem Brot ab, griff nach ihrer Tasse und sah ihn an. Nick wünschte, sie würde etwas sagen, aber sie schwieg. Ich will es wirklich versuchen, wollte er ihr sagen, aber er traute sich nicht. Laut ausgesprochen wäre es ein Versprechen und davon hatte er zu viele gebrochen. »Cool?«, fragte sie ihn nach einer Ewigkeit. »Gilt dein Angebot noch? Dass ich dir im Laden helfen darf?«, wechselte er schnell das Thema. »Aber sicher gilt das noch! Wir öffnen um halb zehn. Willst du noch duschen?« »Gerne. Hast du eine Plastiktüte oder so? Der Gips darf nicht nass werden.« Susanna öffnete eine Schublade und wühlte darin herum. »So was?«, fragte sie und streckte ihm einen Gefrierbeutel entgegen. »Sollte reichen, ja.« »Brauchst du Hilfe?« »Nein, geht schon.« Nick schloss die Badezimmertür hinter sich, zog sich aus und wickelte den Plastikbeutel um seinen Gips. Eine Woche musste er ihn noch tragen. In der fünften Klasse hatte er sich beim Skifahren das Bein gebrochen. Damals hatten seine Freunde ihre Namen auf seinen Gips gekritzelt, Andrea hatte eine große, lachende Sonne daraufgezeichnet und der vorwitzige Oliver hatte Pamela Anderson gemalt; zumindest hatte er das behauptet, obwohl man sie nicht erkennen konnte. Nick erinnerte sich, wie stolz er gewesen war und dass er es fast ein bisschen bedauert hatte, als der Gips abgenommen wurde. Diesmal war es anders. Es gab keine Freunde mehr, die ihn besuchten, der Gips an seinem Arm war grau, nicht weiß, und niemand hatte etwas daraufgeschrieben, nicht einmal er. Die einzigen Menschen, die Nick nach dem Unfall zu Gesicht bekommen hatte, waren Polizeibeamte und Frau Sulser vom Jugendamt, eine schrecklich nervöse Frau, die versuchte, es allen recht zu machen. Nachdem er ausgiebig geduscht hatte, musterte er sich im Spiegel. Lass dich darauf ein. Versuch ein Mal in deinem Leben, keine Scheiße zu bauen. Er holte tief Luft und lief die Treppe hinunter. Susanna wartete bereits auf ihn. Sie führte einen Buchladen nicht weit vom Zentrum. Staunend betrachtete Nick die unzähligen Bücher, die sich auf Gestellen und Tischen stapelten. Wie konnte sich hier jemand zurechtfinden? »Du fragst dich bestimmt, wie ich in diesem Chaos klarkomme, nicht wahr?«, fragte Susanna. Er musste lachen. »Ja. Kannst du Gedanken lesen?« »Nein, das nicht, aber Gesichtsausdrücke.« Nun lachten sie beide. »Ich habe einfach zu wenig Platz«, seufzte Susanna. »Aber vielleicht hast du eine Idee, wie wir das besser hinkriegen.« »Keine Sorge, darin bin ich Spezialist«, antwortete er. Sie schaute ihn fragend an, aber er ließ es dabei bewenden. Vielleicht würde er ihr später von den dämlichen Internaten erzählen, in denen auf spartanisch gemacht wurde. Wo die Zimmer kleiner waren als Besenkammern. Aber die waren immer noch viel besser als rappelvolle Schlafsäle. Solche kannte er nämlich auch. Da wurde man Weltmeister darin, seinen Krempel auf kleinstem Raum unterzubringen. »Na ja, ich bin gut im Zusammenstopfen«, erklärte er. »Ich hatte eigentlich nicht an stopfen gedacht«, antwortete sie. »Stopfen kann ich auch, wie du siehst. Hat der Spezialist keine professionellere Idee?« Die Ladenglocke klingelte. »Kannst du dir etwas überlegen?«, fragte Susanna und begrüßte dann die erste Kundin des Tages. Während sich Susanna angeregt mit der Frau unterhielt, schlenderte Nick durch ihren Laden. In einer Ecke entdeckte er zwei Kisten mit Comics. Er griff sich einen und öffnete ihn. »Na, gefällt er dir?«, fragte ihn die Frau. Sie lächelte ihn an. Nick fühlte sich ertappt. Schnell schloss er das Heft. »Wie sieht’s aus?«, fragte Susanna gegen Mittag. »Hunger? Finn und Carla kommen heute nicht nach Hause. Komm, ich lade dich ein.« »Dein Laden gefällt mir«, sagte Nick, als sie in Susannas Lieblingsrestaurant saßen. »Ich mag ihn auch«, antwortete Susanna, »obwohl er mir manchmal den letzten Nerv raubt.« Sie seufzte, dann schwiegen sie. »Warum ist meine Mutter so anders als du?« Den ganzen Morgen hatte Nick immer wieder zu Susanna hinübergesehen und sich gefragt, ob sie wirklich die Schwester seine Mutter war. Das kann nicht sein, hatte er gedacht. Susanna, so zufrieden, warm, geduldig. Und seine Mutter? Vergiss es. Aber statt es zu vergessen, hatte sich die Frage selbstständig gemacht und jetzt lag sie da, zwischen ihnen, bleischwer. »Na ja, sie hat es nicht leicht«, begann Susanna. »Nein, nicht diese Antwort. Die kenne ich schon!« Susanna griff nach ihrem Glas. »Du willst es wirklich wissen, nicht wahr?« »Ja.« »Sie war immer anders«, sagte Susanna. »Schon als kleines Mädchen hatte sie das Gefühl, ich würde ihr vorgezogen. Sie hatte Pech und ich hatte Glück. So sah sie das. Ich war das gute Mädchen und sie das böse.« »Und? War es so?«, fragte Nick. Susanna schüttelte den Kopf. »Nein. Aber sie legte es wirklich darauf an, es sich und uns so schwer wie möglich zu machen.« Genau wie ich, dachte Nick. »Einmal schlecht, immer schlecht, nicht wahr?« Seine Stimme brach und er presste die Lippen zusammen. »Das sagt doch niemand. Ich glaube, deine Mutter mag sich selbst nicht. Und darum denkt sie, dass auch niemand sie mag. Weiß der Himmel warum. Nur einmal, als sie deinen Vater kennen lernte, war das anders. Doch dann ist vieles nicht so gekommen, wie sie sich das wohl gewünscht hat. Das ist nicht deine Schuld.« Warum sieht sie mich dann immer so an, als sei ich der Grund, warum in ihrem Leben alles schief läuft, fragte sich Nick. Plötzlich hatte er das Gefühl, keine Sekunde mehr hier sitzen zu können. Schnell stand er auf. »Entschuldige«, sagte er tonlos, »ich habe keinen Hunger mehr.« Ohne Erklärung verließ er das Restaurant. Erst vor der Tür traute er sich einzuatmen. Eine Scheißidee, seine Tante so was zu fragen! Er brauchte dringend eine Zigarette. Den vertrauten Geschmack kosten, nichts denken, einfach den Rauch einziehen, ganz tief, und dann langsam ausatmen. Er zündete sich eine Zigarette an und lief los. Aber die Gedanken ließen sich nicht abschütteln. Versager. Zu nichts zu gebrauchen. Erst flog er aus einer Schule nach der anderen und dann aus seiner Familie. Er erinnerte sich an Susannas Worte beim Frühstück. Wir packen das schon. »Na, steigst du nun ein oder nicht?«, riss ihn eine ärgerliche Stimme aus seinen Gedanken. Verwirrt schaute Nick auf. Wenige Meter vor ihm stand ein Bus. Ein dicker Kerl, der sich aus der Tür lehnte, winkte ungeduldig mit der Hand. »Der Fahrer lässt fragen, ob du eine spezielle Einladung brauchst.« Steig ein, das wird nie was, schoss es...



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