Fulvio | Das Mädchen, das den Himmel berührte | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 2, 973 Seiten

Reihe: Luca Di Fulvio Bestseller

Fulvio Das Mädchen, das den Himmel berührte

Roman
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8387-2379-2
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, Band 2, 973 Seiten

Reihe: Luca Di Fulvio Bestseller

ISBN: 978-3-8387-2379-2
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wie wird ein junger Tagedieb, der seine Kindheit in einer Höhle verbracht hat, zu einem glühenden Verfechter der Freiheit? Wie wird ein jüdischer Betrüger zu einem berühmten Arzt? Und wie wird ein junges Mädchen ohne Perspektive zu einer einflussreichen Modeschöpferin?

Die Antwort liegt in Venedig. Denn dort, im Labyrinth der Gassen und Kanäle der geheimnisvollsten Lagune Europas, zwischen der Pracht San Marcos und dem Elend der Spelunken von Rialto findet sich das gesamte Panorama des Lebens -



Luca Di Fulvio, geb. 1957, lebte und arbeitete als freier Schriftsteller in Rom. Bevor er sich dem Schreiben widmete, studierte er dort Dramaturgie bei Andrea Camilleri an derAccademia Nazionale d'Arte Drammatica Silvio D'Amico. Di Fulvios schriftstellerische Karriere startete mit dem Schreiben von Thrillern, später wandte er sich den großen, emotional tiefen Geschichten zu,in denen seine Protagonist:innen sich gegen die mannigfaltigen Widrigkeiten des Lebens zur Wehr setzen müssen. Er erzählte mit Leidenschaft, Liebefür seine Protagonistenund großem Sinn für Gerechtigkeit und riss mit jedem Roman seine große Fangemeinde aufs Neue mit. Nicht nur seine erstenRomaneDer Junge, der Träume schenkteundDas Mädchen, das den Himmel berührtestanden monatelang auf den vordersten Plätzen derSpiegel-Bestsellerliste.Im Mai 2023 verstarb Luca Di Fulvio nach schwerer Krankheit in Rom.

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2


Als Mercurio hörte, wie sich die anderen schweigend durch den Matsch schlurfend entfernten, zog er den Kanaldeckel hinter sich zu und kroch auf allen vieren durch den niedrigen, engen Gang vorwärts. Der mit kleinen viereckigen Steinen gepflasterte Boden war mit glitschigen Algen überzogen. Sobald der schlaksige Junge die ebene Platte ertastete, die er so gut kannte, stand er auf und neigte den Kopf nach links, denn er wusste, dass an dieser Stelle in der Decke ein Stein hervorstand.

Hier unten war vom Lärm der Heiligen Stadt nichts mehr zu hören. Es herrschte Stille. Eine dauerhafte Stille, die nur vom beständigen Tropfen des Wassers und dem hastigen Trippeln der Ratten durchbrochen wurde. Mercurio fühlte sich plötzlich leer, Eiseskälte erfüllte seinen Magen. Er drehte sich um und kroch noch einmal bis zum Kanaldeckel zurück, um den anderen zu sagen, dass sie doch die Nacht zusammen verbringen könnten. Aber als er den Damm erreichte, waren Benedetta, Zolfo und Ercole schon verschwunden. »Du bist ein dummer Sturkopf«, beschimpfte er sich selbst. Dann kroch er zurück und bog in einen Gang ein, in dem er aufrecht gehen konnte und dessen gewölbte Decke aus Tuffstein bestand. Auf dem Boden verlief in der Mitte träge ein dünnes Rinnsal Jauchebrühe, und alle zehn Schritte passierte er einen Pfeiler aus Ziegelsteinen. Nachdem er drei Ziegelsteinpfeiler hinter sich gelassen hatte, schlüpfte er durch eine schmale Öffnung im Tuffstein. Er rieb den Feuerstein, den er in der Tasche bei sich trug, und entzündete damit eine Fackel, die in der Mauer steckte.

Die zitternde Flamme der pechgetränkten Lumpen beleuchtete nun einen quadratischen Raum, der mehr als zwei Mann hoch war. An der Mitte der hinteren Wand stand ein grob zusammengezimmertes Gerüst, das keinen besonders stabilen Eindruck machte. Über vier Pfosten quer gelegte Bretter bildeten eine grobe, zwei mal zwei Schritt große Plattform, auf der Mercurio vor der Feuchtigkeit des Untergrunds geschützt schlafen konnte. Sein Strohlager wurde durch zwei Pferdedecken mit dem aufgestickten päpstlichen Wappen ergänzt, die er in einem Stall des Viertels gestohlen hatte. Ein Teil des Gerüsts war hinter einem schweren, an mehreren Stellen eingerissenen Vorhang verborgen, allem Anschein nach ein altes Segel.

Mercurio stieg eine wacklige Leiter hoch und steckte die Fackel in ein Loch, das er mit einem Meißel in die Wand gehauen hatte. Vorsichtig holte er den Beutel hervor, den er dem Kaufmann gestohlen hatte, öffnete ihn und schüttete die Münzen auf den Holzbrettern der Plattform aus. Dann betrachtete er die funkelnde Pracht. Er zählte sie noch einmal: vierundzwanzig Goldmünzen. Ein Vermögen. Doch er konnte sich nicht recht darüber freuen, denn in seinen Ohren hallte immer noch der Fluch des Kaufmanns wider. Er befürchtete, dass deswegen Unheil über ihn hereinbrechen könnte. Schließlich erzählte man sich, dass die Juden mit dem Teufel im Bunde stünden und Hexer wären. Mercurio bekreuzigte sich. Dann fiel sein Blick auf die rote Hand auf dem Lederbeutel. Die Zeichnung machte ihm Angst, deshalb warf er ihn fort und steckte die Münzen in einen anderen, leichteren Beutel aus Leinen.

Er holte ein Stück hartes Brot aus seinem ledernen Quersack, wickelte sich in die Decken ein und knabberte an dem trockenen Kanten, wobei er immer wieder gegen die Versuchung ankämpfen musste, so schnell wie möglich sein Versteck zu verlassen. Seit drei Monaten machten ihm die Stille und die Einsamkeit hier in der Kanalisation Angst. Mercurio beugte sich über die Plattform und sah prüfend nach unten auf den feuchten Grund des Abwasserkanals. »Keine Gefahr«, sagte er laut zu sich selbst. Er widmete sich wieder seinem Brot, dann beugte er sich erneut nach vorn und suchte mit den Augen sorgfältig den Boden ab. Schließlich kuschelte er sich noch enger unter den Decken zusammen. »Schlaf jetzt«, befahl er sich. Doch das gelang ihm nicht. In seinen Ohren war auf einmal wieder dieses schreckliche Geräusch wie vor drei Monaten, als das Wasser den Abwasserkanal überschwemmt hatte. Und das Quieken der Ratten, die nach einem Fluchtweg suchten. Abrupt öffnete er die Augen und setzte sich keuchend auf. Er schaute erneut nach unten. Da war kein Wasser. Mittlerweile war gut ein Jahr vergangen, seit er Scavamorto davongelaufen war, aber er hatte sich immer noch nicht an die Einsamkeit gewöhnt. »Mercurio …«, hörte er auf einmal eine Stimme. »Mercurio … bist du da?«

Mit der Fackel in der Hand sprang er von der Plattform. Als er vor dem Eingang seines Verstecks angekommen war, stand er plötzlich Benedetta, Zolfo und Ercole gegenüber. »Was wollt ihr denn hier? Ich hab euch doch gesagt, ihr sollt verschwinden«, fuhr er sie an. Er konnte ihnen nicht sagen, dass er sich freute, sie zu sehen. Solche Dinge auszusprechen war er einfach nicht gewohnt.

»Im Wirtshaus Zu den Dichtern«, begann Benedetta mit Tränen in den Augen, »also, der Wirt dort …«

»… hat uns eine Goldmünze geklaut!«, beendete Zolfo den Satz für sie.

»Was geht mich das an?«, fragte Mercurio unwirsch und schwenkte die Fackel dicht vor seinem Gesicht.

»Wir haben unsere Fische den Bettlern geschenkt«, fuhr Benedetta nun fort. »Wir wollten auch mal so essen wie die reichen Leute … Also sind wir ins Wirtshaus gegangen und haben lauter leckere Sachen beim Wirt bestellt. Als er mich gefragt hat, ob ich auch bezahlen könnte, habe ich ihm eine Goldmünze gezeigt, und er wollte draufbeißen, um zu sehen, ob sie auch echt ist. Und dann hat er zu mir gesagt: ›Die Münze gehört jetzt mir. Ruf doch die Wachen des Heiligen Vaters und zeig mich an, wenn du erklären kannst, woher du dieses Gold hast. Dir sieht man doch schon von Weitem an, dass du eine Diebin bist. Und jetzt verschwinde.‹ Dann lachte er los, und wir haben ihn die ganze Zeit noch lachen hören, während wir wegliefen …«

»So ein verfluchter Schuft!«, rief Zolfo aus.

Mercurio starrte ihn an. »Und was wollt ihr jetzt von mir?«

Benedetta schaute ihn beinahe überrascht an. »Ich …«, stammelte sie.

»Wir …«, sagte Zolfo ebenso unsicher.

Mercurio sah sie schweigend an.

»Du musst uns helfen«, sagte Benedetta schließlich.

»Ja, hilf uns«, schloss sich Zolfo ihr an.

»Und warum sollte ich das tun?«, fragte Mercurio.

Die drei schauten betreten zu Boden. Eine Weile war es still.

»Gehen wir«, sagte Benedetta schließlich. »Wir haben uns wohl geirrt.«

Mercurio sah sie weiter schweigend an. Sie kamen ihm vor wie die wilden Hunde, die er tief in der Nacht durch die Straßen Roms streunen sah. Nichts als Haut und Knochen, ständig wachsam, und beim geringsten Laut stellten sie die Ohren auf und nahmen schon vor einem Schatten Reißaus. Und ebenso wie diese Straßenköter schienen die drei oft die Zähne zu blecken in der Hoffnung, für Raubtiere gehalten zu werden. Dabei hatten sie nur Angst, dass man mit Steinen nach ihnen werfen würde. Mercurio wusste genau, was sie fühlten, denn er hatte oft genug dasselbe empfunden.

»Wartet«, sagte er, als die drei sich zum Gehen wandten. »Wer war denn dieser Wirt, der euch das Goldstück gestohlen hat?«

»Warum interessiert dich das?«, fragte Benedetta.

Mercurio lächelte. Vielleicht hatte er einen Weg gefunden, wie er sie zum Bleiben überreden konnte, ohne sich eine Blöße zu geben. »Mir ist das egal. Aber es wäre schon ein Spaß, sich etwas zu überlegen, um es ihm heimzuzahlen.«

»Darüber müssen wir erst mal nachdenken«, zierte sich Benedetta.

»Kommt mit, ihr könnt heute Nacht hier schlafen!«, sagte Mercurio und ging auf den Eingang zu seinem Unterschlupf zu. »Aber damit das klar ist, ich helfe euch bloß, die Münze wiederzubekommen, danach trennen sich unsere Wege.«

»Ich bin froh, dass du das sagst«, entgegnete Benedetta schnippisch, »ich hab nämlich nicht die geringste Lust, für noch einen Knirps das Kindermädchen zu spielen.«

Mercurio lachte und zeigte auf den Eingang: »Die Damen zuerst.«

Drinnen sperrten die drei Neuankömmlinge verwundert die Augen auf, als sie das Gerüst sahen.

»Was ist denn da hinter dem Vorhang?«, fragte Zolfo.

»Kümmere dich um deinen eigenen Kram«, sagte Mercurio und kletterte die Leiter hoch. »Und vergiss nicht, das hier ist mein Platz.«

»Das ist ein Abwasserkanal, hier stinkt es nach Scheiße. Wer will schon in der Scheiße leben?«, erwiderte Benedetta, während sie ihm hinauffolgte.

»Ich«, erwiderte Mercurio.

»Von mir aus kannst du hier unten auch ersaufen«, murmelte Benedetta.

»Sag das nie wieder!«, herrschte Mercurio sie mit aufgerissenen Augen an.

Benedetta wich erschrocken einen Schritt zurück, sodass die Plattform schwankte. Die beiden anderen waren still.

»Was zum Teufel hat mich da bloß geritten«, knurrte Mercurio, während er sich wieder zu beruhigen versuchte. Er schlüpfte unter eine Decke. Die zweite warf er den anderen zu. »Teilt sie euch, etwas anderes gibt es nicht. Aber bleibt mir vom Leib.«

Benedetta breitete das Stroh aus und zeigte Zolfo und Ercole, wo sie sich ausstrecken konnten. Dann legte sie sich ebenfalls hin. »Machst du die Fackel nicht aus?«, fragte sie Mercurio.

»Nein«, sagte er.

»Hast du etwa Angst vor der Dunkelheit?«, sagte Benedetta und kicherte spöttisch.

Mercurio gab keine Antwort.

»Ercole hat keine Angschd vorm Ddunkeln«, verkündete der Schwachsinnige stolz wie ein kleines Kind.

»Halt’s Maul!«, mahnte ihn Zolfo.

Eine verlegene Stille machte sich breit. Man hörte nur noch das Zischen der Fackel und das hastige Getrappel der Ratten in den Kanälen.

»Ich hasse ihre verfluchten kleinen Dreckspfoten«, sagte...


Fulvio, Luca Di
Luca Di Fulvio, geb. 1957, lebte und arbeitete als freier Schriftsteller in Rom. Bevor er sich dem Schreiben widmete, studierte er dort Dramaturgie bei Andrea Camilleri an der Accademia Nazionale d'Arte Drammatica Silvio D'Amico. Di Fulvios schriftstellerische Karriere startete mit dem Schreiben von Thrillern, später wandte er sich den großen, emotional tiefen Geschichten zu, in denen seine Protagonist:innen sich gegen die mannigfaltigen Widrigkeiten des Lebens zur Wehr setzen müssen. Er erzählte mit Leidenschaft, Liebe für seine Protagonisten und großem Sinn für Gerechtigkeit und riss mit jedem Roman seine große Fangemeinde aufs Neue mit. Nicht nur seine ersten Romane Der Junge, der Träume schenkte und Das Mädchen, das den Himmel berührte standen monatelang auf den vordersten Plätzen der Spiegel-Bestsellerliste. Im Mai 2023 verstarb Luca Di Fulvio nach schwerer Krankheit in Rom.

Luca Di Fulvio (1957-2023) lebte und arbeitete als freier Schriftsteller in Rom. Seine schriftstellerische Karriere begann mit dem Schreiben von Thrillern, später wandte er sich den großen, emotional tiefen Geschichten zu. Nicht nur seine ersten Romane Der Junge, der Träume schenkte und Das Mädchen, das den Himmel berührte standen monatelang auf den vordersten Plätzen der Spiegel-Bestsellerliste.



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