E-Book, Deutsch, 160 Seiten
Reihe: Einführung in die Erziehungs- und Bildungswissenschaft
Fuchs Geschichte des pädagogischen Denkens
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-8463-5270-0
Verlag: UTB GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
Reihe: Einführung in die Erziehungs- und Bildungswissenschaft
ISBN: 978-3-8463-5270-0
Verlag: UTB GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Prof. Dr. Birgitta Fuchs lehrte an der Universität Bayreuth und der TU Dortmund.
Autoren/Hrsg.
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[15] 1 Einleitung
Die erzieherische Ausbildung und das akademische Studium der Pädagogik bestanden in Deutschland bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein inhaltlich zu einem großen Teil aus der Kenntnis der Geschichte der Pädagogik, waren mitunter sogar beinahe mit ihr identisch. Das hatte mehrere Gründe. Der gewichtigste von ihnen bestand – historisch gesehen – darin, dass die Pädagogik als die Wissenschaft von der Erziehung ihre wissenschaftliche Eigengestalt erst gewinnen und sich als selbstständiges Wissenschaftsgebiet abgrenzen und darstellen konnte, als man begann, ihre Geschichte zu schreiben. Die Pädagogik entstand – und das lässt sich analog auch für andere Geistes- oder Kulturwissenschaften zeigen –, als eine eigenständige Disziplin, als Theologen und Pädagogen wie beispielsweise August Hermann Niemeyer (1754–1828) und Christian Heinrich Schwarz (1766–1837) daran gingen, aus dem verstreuten und weithin unbekannt gebliebenen historischen Material über die Erziehung früherer Zeiten eine in sich stimmige Geschichte zu konstruieren, welche gewöhnlich bei John Locke (1632–1704) und Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) begann, über Comenius (1591–1670), Ratke (1571–1635), die Bildungsphilosophen der Renaissance bis in die griechische Antike zu Platon, Aristoteles, Sokrates und den Sophisten (als den ersten ‚professionellen‘ Lehrern) zurückführte.
1.1 Die Geburt der Pädagogik aus ihrer Geschichtsschreibung
Die Pädagogik konstituierte sich als Wissenschaft in einem erheblichen Maße erst durch ihre eigene Geschichtsschreibung, präziser gesagt: durch den Fortschritt von einer Sammlung beliebiger und vereinzelter Schul-, Erziehungs- und Fallgeschichten zu einer in sich stimmigen Geschichte der Pädagogik.
Dem entspricht es auch, dass der Wissenschaftsname ‚Pädagogik‘, welcher um das Jahr 1770 aufkam – nicht, wie man immer noch hören oder lesen kann, – von dem griechischen Wort paidagogos (der Knabenführer) abgeleitet wurde, sondern von dem Begriff paideia, den Platon in seinem utopischen Staatsentwurf Politeia, einem bis heute maßgeblichen und nach dem Urteil Rousseaus sogar dem besten je über die Erziehung geschriebenen Buch prägte, um die Abrichtung und Ausbildung (griechisch: trophé) des Nähr- und Wehrstandes – in heutiger Sprache: der Arbeiter und Soldaten – deutlich von der Bildung der zum Führen und Leiten des Gemeinwesens berufenen [16] Philosophen – in heutiger Sprache: der Gebildeten – abzuheben. Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (1768–1834), der bedeutende deutsche Platon-Übersetzer und einer der sogenannten ‚Begründer‘ einer wissenschaftlichen Pädagogik, verdeutschte Platons trophé mit ‚Erziehung‘, für paideia setzte er den Begriff der ‚Bildung‘ in Umlauf.
1.2 Die vielen Gesichter der Geschichte der Pädagogik
Es wäre natürlich eine grobe Vereinfachung, sich diese die Wissenschaftsdisziplin konstituierende Geschichte der Pädagogik als ein in sich einheitliches Gebilde vorzustellen. Schon sehr früh zeigten sich unterschiedliche Perspektiven bzw. Aspekte, unter denen man diese Geschichte schreiben konnte – beispielsweise als Geschichte der erziehenden Personen, als Geschichte der erzieherischen Institutionen, als Geschichte erzieherischer Tatsachen, als Geschichte pädagogischer Ideen, als Geschichte erzieherischer Versuche – gelungener ebenso wie gescheiterter – etc. Und Gleiches gilt für ihre Verwendung in der erzieherischen Ausbildung und im akademischen Studium.
Wollte man die Geschichte dazu gebrauchen, um die kommenden Erzieher und Lehrer an vorbildlichen Erzieher- und Lehrergestalten aufzurichten, bot man ihnen eine pädagogische Personengeschichte, nicht selten hochstilisiert zu einer überzogenen ‚Heldengeschichte‘. Die Figur des an allen Ecken und Enden scheiternden Volkserziehers Johann Heinrich Pestalozzi wurde auf diese Weise zuweilen zu einer pädagogischen Heilsgestalt überhöht. Wollte man den künftigen Erziehern und Lehrern die institutionellen Möglichkeiten und Einschränkungen der Erziehung einsichtig machen, legte man ihnen eine Institutionengeschichte vor. Wollte man den Schwerpunkt mehr auf die Anbahnung eines eigenständigen pädagogischen Denkens und Argumentierens legen, konfrontierte man sie mit den Gedanken und Entwürfen bedeutender ‚Vorläufer‘ und verfasste eine pädagogische Ideengeschichte, wobei man üblicherweise die gescheiterten verschwieg und die halbwegs gelungenen überbewertete und oft auch glorifizierte. Aber auch eine Geschichte misslungener Erziehung war denkbar, um die Kontingenz und das mit aller Erziehung verbundene Risiko des Erziehens deutlich zu machen. Und es gab immer wieder Versuche, alle einzelnen Aspekte in einer Gesamtschau miteinander zu verbinden, was dann gelegentlich auch zu einer recht verschwommenen Geistesund Kulturgeschichte führen konnte.
[17] 1.3 Die historische Dimension der Pädagogik
Es war zweifellos ein Verdienst der im 20. Jahrhundert in Deutschland dominierenden sogenannten Geisteswissenschaftlichen Pädagogik, diesen innigen Zusammenhang zwischen historischem Wissen über die Erziehung und der erziehungswissenschaftlichen Theoriebildung aufgeklärt und als ‚historischsystematische Methode‘ auf den Begriff gebracht zu haben (vgl. auch den Band von Heinz-Hermann Krüger in dieser Reihe: Krüger 2019, Kap. 4.2). Die geisteswissenschaftlichen Pädagogen – von Wilhelm Dilthey (1833–1911) über Theodor Litt (1880–1962), Eduard Spranger (1882–1963), Wilhelm Flitner (1889–1990), Herman Nohl (1879–1960) und Erich Weniger (1894–1961) bis hin zu Albert Reble (1910–2000) – haben die Geschichte der Pädagogik und die systematische Theoriebildung immer in einem denkbar engen Zusammenhang gesehen und als eine unauflösliche Einheit bearbeitet. Das kam in dem Begriff von der ‚historischen Dimension‘ der Pädagogik zum Ausdruck, mit dem diese Autoren deutlich machten, dass man ohne Besinnung auf die Geschichte den Horizont der Theorieentwicklung beträchtlich schmälert und sich ohne Not manche wichtigen Erkenntnisse und Anregungen vergibt (vgl. Nicolin 1975, S. 86ff.).
1.4 Von der Geschichte der Pädagogik zur erziehungswissenschaftlichen Historiographie
Die Vorherrschaft des Historischen in der erzieherischen Ausbildung und im akademischen Studium der Pädagogik wurde massiv gebrochen, als die Pädagogik in den 1970er- und 1980er-Jahren eine empirisch-sozialwissenschaftliche Wende erfuhr (vgl. auch den Band von Heinz-Hermann Krüger in dieser Reihe: Krüger 2019). Diese zuerst von Heinrich Roth (1906–1983) ausgerufene „realistische Wendung“ (Roth 1962, S. 481) von den pädagogischen Ideen und ihrer Geschichte zur empirischen Erforschung der gesellschaftlichen Tatsache ‚Erziehung‘ bedeutete, wenn sie als eine Zuwendung zu neuen Fragestellungen und Themen verstanden wurde, ohne Zweifel eine Erweiterung des pädagogischen Horizontes und auch eine Bereicherung des erziehungswissenschaftlichen Wissens. Dort aber, wo sie als eine Abwendung von der Tradition verstanden und auch faktisch als solche vollzogen wurde, brachte sie die Gefahr mit sich, das pädagogische Blickfeld einzuengen, die lange Geschichte des pädagogischen Denkens abzuschneiden und den reichen Schatz an historischen Einsichten und Erfahrungen zu vernachlässigen.
Gleichzeitig kam es auch in der pädagogischen Geschichtsschreibung selbst zu einer Veränderung, welche sich in der programmatisch gemeinten [18] Umbenennung der Geschichte der Pädagogik in ‚Historische Erziehungswissenschaft‘ bzw. in ‚erziehungswissenschaftliche Historiographie‘ niederschlug. Das überkommene Bündnis zwischen Theorie und Geschichte der Erziehung sollte als Ideologie entlarvt und durch strenge historisch-empirische Forschung abgelöst werden. Die Rede von der historischen Dimension der Pädagogik verstummte in dem Maße, in dem die herkömmliche Geschichte der Pädagogik in empirisch-historische Einzelforschung parzelliert wurde und ihre Relevanz für die akademische Lehre und für die erzieherische Ausbildung zusehends schwand.
1.5 Die Wiederentdeckung der Geschichte der Pädagogik
Inzwischen hat sich die Gewichtung des erziehungsgeschichtlichen Wissens weitgehend wieder ausbalanciert. Dietrich Benner und Jürgen Oelkers haben in dem Vorwort zu ihrem 2004 erschienenen und über 1.100 Seiten umfassenden Historischen Wörterbuch der Pädagogik nicht nur die unverzichtbare Orientierungsfunktion des in der Geschichte der Pädagogik gespeicherten Wissens für die Praktiker unterstrichen, sondern auch deutlich gemacht, in welch hohem Maße jede Gegenwart auf Theoriekonzepte früherer Epochen zurückgegriffen hat. Die beiden Autoren haben daraus das Fazit gezogen, ein vertieftes Verständnis und eine gehaltvolle Reflexion von Erziehung und Bildung seien ohne historische Bezüge weder möglich noch sinnvoll. Ganz abgesehen von der Peinlichkeit, in die ein historisch Ungebildeter unausweichlich zu fallen droht, der einen pädagogischen Gedanken oder einen wissenschaftlichen Befund für neu hält, der einem in dem reichen Magazin der Geschichte der Pädagogik Bewanderten längst bekannt sein muss oder gar schon als banal erscheint.
Vor dem hier skizzierten geschichtlichen Hintergrund...




