E-Book, Deutsch, Band 17, 192 Seiten
Reihe: Erinnerungen an Innsbruck
Fuchs Der "Ziegelstadl" und ich
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7030-6564-4
Verlag: Universitätsverlag Wagner
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erinnerungen eines Gefängnisdirektors
E-Book, Deutsch, Band 17, 192 Seiten
Reihe: Erinnerungen an Innsbruck
ISBN: 978-3-7030-6564-4
Verlag: Universitätsverlag Wagner
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dr. Stefan Fuchs Geboren 1956 in Innsbruck. Verwitwet, 2 Sohne, wohnhaft in Innsbruck. Studium der Psychologie, Kriminologie und Erziehungswissenschaften an der Universitat Innsbruck. Von 1983 bis 2020 im Straf- und Masnahmenvollzug tatig. Zunachst als Psychologe, später als Anstaltsleiter im 'Ziegelstadl'. Anschließend Abteilungsleiter in der Strafvollzugsakademie in Wien. Zuletzt im Bundesministerium für Justiz zustandig fur Projektmanagement und Forschung im österreichischen Straf- und Masnahmenvollzug.
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Studienzeit
Schon während meiner Studienjahre zog mich das Innsbrucker Gefängnis wieder in seinen Bann. Dies hatte wohl auch damit zu tun, dass ich schon immer Interesse für alles zeigte, was mit Kriminalität zu tun hat. Nun interessieren sich zwar die meisten Menschen für Kriminalität. Nicht umsonst spielt diese eine so dominierende Rolle in der Unterhaltungsindustrie. Denken wir nur an Kriminalromane, Kriminalfilme und diverse CSI-Serien. Keine Tageszeitung oder Nachrichtensendung in Fernsehen und Rundfunk könnte es sich leisten, auf die Berichterstattung über interessante und vor allem schockierende Kriminalfälle zu verzichten. Mein persönliches Interesse ging jedoch schon immer weit über dieses allgemeine Interesse am „Thrill“ von Kriminalität hinaus. Mich faszinierten vielmehr der Mensch „hinter der Bestie“ und dessen Beweggründe für die Begehung schwerer Straftaten. Worin dieses Interesse wurzelt, wäre vielleicht ein lohnenswertes Thema für eine Psychoanalyse. Ich hatte jedoch beschlossen, auf diese Ursachenforschung zu verzichten und mein Interesse einfach beruflich und somit einigermaßen sozial verträglich auszuleben.
In der siebten Klasse des Gymnasiums hatte ich mich entschieden, Psychologie zu studieren. Diese Entscheidung reifte aus dem Psychologieunterricht in der Oberstufe. Wir hatten einen recht engagierten Professor in den sogenannten PPP-Fächern (Pädagogik, Psychologie, Philosophie), welcher diese meine Entscheidung sicherlich beeinflusste. Als Folge des Interesses für Kriminalität entschied ich mich für das Nebenfach Kriminologie. Es gab kein eigenes Institut für Kriminologie an der Universität Innsbruck. Die Kriminologie wurde vielmehr am Institut für Strafrecht und sonstige Kriminalwissenschaften gelehrt.
Daraus resultierte ein Problem für mich. Da die Psychologie damals noch an der geisteswissenschaftlichen Fakultät angesiedelt war, das Kriminologie-Studium jedoch bei den Rechtswissenschaftlern, konnte ich diese Fächerkombination nicht „regulär“ studieren. Ich musste beim Wissenschaftsministerium um ein sogenanntes „Studium irregulare“ ansuchen. Beide Institutsvorstände versicherten mir, dies wäre eine reine Formsache, in einem früheren Präzedenzfall war diese Studienkombination bereits bewilligt worden. Zwischenzeitlich könne ich schon mit dieser Studienkombination beginnen. Das tat ich auch.
Meine beiden damals involvierten Institutsvorstände waren in gewisser Weise Originale. Univ.-Prof. Dr. Ivo Kohler, der Vorstand des Instituts für Psychologie, erlangte durch seine Wahrnehmungsexperimente weltweite Bekanntheit in der wissenschaftlich-psychologischen Fachwelt. Er setzte seinen Versuchspersonen Umkehrbrillen auf, welche die Wahrnehmung völlig veränderten und beispielsweise oben und unten oder links und rechts vertauschten. Das Gehirn ist anfangs nicht in der Lage, diese „verkehrten“ Reize adäquat zu verarbeiten. Wenn man zum Beispiel rechts abbiegen will, geht man in Wirklichkeit nach links und umgekehrt. Unvergessen ist mir ein Experiment, als Kohler im Hörsaal zwei Studenten gegeneinander Tischtennis spielen ließ. Die beiden Versuchspersonen wurden dazu mit Brillen ausgestattet, welche links und rechts vertauschten. Man kann sich vorstellen, welches Spektakel dieses Tischtennismatch für die Zuschauer war. Nach einiger Zeit gewöhnt sich übrigens das Gehirn an diese ungewohnte Form von visuellen Reizen und kann sie ganz normal verarbeiten.
Wie diesen Wahrnehmungsexperimenten zu entnehmen ist, war Kohler ein Vertreter der empirisch-experimentellen Psychologie und konnte mit der Psychoanalyse Sigmund Freuds nicht allzu viel anfangen. Eines Tages fand am Institut der Gastvortrag eines Psychoanalytikers statt. Als Gastgeber wohnte auch Professor Kohler dieser Veranstaltung bei. Geduldig ließ er die psychoanalytischen Theorien über sich ergehen. Unter anderem führte der Vortragende aus, dass es sich bei Kirchtürmen – aus psychoanalytischer Sicht – um Phallussymbole handeln würde.
In der anschließenden Diskussion meldete sich Kohler mit verschmitztem Gesicht zu Wort und kommentierte die „Kirchturmtheorie“ des Redners in folgender Weise:
„Lieber Herr Kollege, neben der unübersehbaren Tatsache, dass es sich bei Kirchtürmen um Phallussymbole handelt, haben diese auch noch den Vorteil, dass man die Glocken weit hören kann. Würden die Kirchtürme in die Erde hinein gebaut werden, so könnte kein Mensch das Geläut der Glocken hören!“
Das Gelächter des gesamten Auditoriums war dieser Bemerkung sicher, lediglich der Vortragende nahm sie mit enden wollender Begeisterung zur Kenntnis.
Kohler war also hochgradig kreativ und wissenschaftlich äußerst erfolgreich, von seinem Äußeren aber recht unscheinbar. Dazu wirkte er auch äußerst schrullig und zerstreut. Für einen Filmregisseur wäre er die ideale Besetzung des kreativ bis genialen, aber schrulligen Wissenschaftlers gewesen.
Vorstand des Instituts für Strafrecht war zu dieser Zeit Universitätsprofessor Dr. Friedrich Nowakowski. Er war ein sehr angesehener Strafrechtler und hatte an der sogenannten großen Strafrechtsreform des Justizministers Dr. Christian Broda in den 60er und 70er Jahren maßgeblich mitgearbeitet.
Er pflegte sich selbst in den Vorlesungen als kriminologischen Dilettanten zu bezeichnen, was aus meiner studentischen Sicht jedoch keineswegs zutraf, ich fand seine Vorlesungen äußerst spannend. Nowakowski entsprach in Aussehen und Habitus, ebenso wie Kohler, dem Klischee des genialen, jedoch etwas schrulligen Wissenschaftlers. Er war klein von Wuchs, dicklich und hatte einen leichten Sprachfehler. In guter Erinnerung sind mir seine auffallenden Hosenträger, welche die altmodischen Hosen weit über seinen Bauch nach oben zogen. Rechtswissenschaftlich brillant, erwies er sich in den Niederungen des akademischen Alltags eher zerstreut. Jedes Mal, wenn ich mit meinem Studienkollegen, welcher dieselbe Fächerkombination inskribiert hatte, zu einer Prüfung erschien, war Professor Nowakowski völlig verwirrt. Wir mussten ihm stets aufs Neue erklären, dass es sich bei uns um die beiden Psychologiestudenten handelte, welche das Nebenfach Kriminologie belegt hatten.
Nach unserem von Nowakowski erstellten Studienplan für Kriminologie waren vier Semester mit jeweils einer mündlichen Teilprüfung vorgesehen. Drei Teilprüfungen hatten mein Kollege und ich bereits absolviert, als endlich der Bescheid des Wissenschaftsministeriums über unseren Antrag auf „Studium irregulare“ einlangte. Zu unserem blanken Entsetzen war den Anträgen nicht stattgegeben worden. In der Begründung konnte man lesen, die Fächerkombination Psychologie und Kriminologie sei „nicht sinnvoll“!
Angesichts der weiteren Entwicklung der Rechts- und Kriminalpsychologie eine bemerkenswerte Entscheidung, welche völlig an den praktischen und wissenschaftlichen Realitäten vorbeiging. Den Abschluss des Schreibens bildete eine Rechtsmittelbelehrung, wonach gegen diesen Bescheid kein ordentliches Rechtsmittel zulässig wäre.
Für meinen Kommilitonen und mich bedeutete dies, dass unser Kriminologie-Studium keine offizielle Anrechnung erfuhr und damit so etwas wie ein „Privatvergnügen“ dargestellt hatte. Trotzdem bereue ich keine Minute, welche ich diesem Studium gewidmet habe. Für meinen Studienplan brachte der Bescheid die Notwendigkeit mit sich, ein neues, „offizielles“ Nebenfach möglichst schnell zu absolvieren, um gegen Ende des Studiums keinen größeren Zeitverlust in Kauf nehmen zu müssen. Ich entschied mich für Erziehungswissenschaften und lernte dabei Begriffe und Grundlagen der Erlebnispädagogik kennen, welche mich später noch in berufliche Schwierigkeiten bringen sollte.
Im Rahmen des Hauptfaches Psychologie wurde eine Vorlesung in „Forensischer Psychologie“ angeboten. Diese stellte für mich selbstverständlich eine Pflichtveranstaltung dar. Als Lehrbeauftragter fungierte der damalige Anstaltspsychologe des „Ziegelstadl“. Ich konnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen, dass ich etwas später zu seinem Nachfolger werden sollte. Auch als Lehrbeauftragter am Institut für Psychologie folgte ich wenige Jahre später gewissermaßen seinen Spuren.
Weiters lernte ich bei dieser Lehrveranstaltung den damaligen Vollzugsleiter und stellvertretenden Anstaltsleiter des Gefängnisses kennen. Dr. P. war Jurist und studierte, neben seiner Tätigkeit im „Ziegelstadl“, Psychologie. Er sollte später für einige Jahre mein Vorgesetzter werden. Im Rahmen der Vorlesung fand auch eine Exkursion in das Gefängnis statt. Beim erstmaligen Betreten der damals als „Landesgerichtliches Gefangenenhaus“ bezeichneten Anstalt dachte ich nicht im Entferntesten daran, dass ich diese in späteren Jahren noch tausende Male betreten sollte.
Der damalige Anstaltsleiter präsentierte sich als gestandener Justizwachoffizier „alter Schule“. Anlässlich dieser Führung hatten wir Studierende nicht gerade den Eindruck, dass er modernen kriminalwissenschaftlichen Erkenntnissen übertrieben aufgeschlossen gegenübergestanden wäre.
Kurze Zeit nach unserer Besichtigung gerieten er und die ganze Anstalt massiv in die medialen Schlagzeilen. Österreichweit berichteten die Medien 1980 über einen Innsbrucker Gefängnisskandal. Ein renitenter Häftling war nackt gefesselt worden. Durch einen Justizwachebeamten gelangte der Vorfall in die Öffentlichkeit und schlug gewaltige Wellen. Der Anstaltsleiter und Dr. P. wurden suspendiert. Die Suspendierung des Dr. P. in Verbindung mit dem Quälen und Misshandeln eines Gefangenen stellte für mich eine Ironie dar, welche für den „Ziegelstadl“ typisch ist und mir in etwas anderer Form Jahre später ebenfalls widerfahren...




