E-Book, Deutsch, 152 Seiten
Frost / Precht Mein Körper ist ein Hotel
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-86034-507-8
Verlag: Edition diá
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 152 Seiten
ISBN: 978-3-86034-507-8
Verlag: Edition diá
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
1963 in München geboren, tritt Cora Frost seit 1981 als Sängerin mit eigenen Liedern und Texten auf, später mit eigenwillig-schrägen Shows. 1996 Deutscher Kleinkunstpreis. Sie lebt in Berlin und arbeitet als Autorin, Performerin, Schauspielerin und Regisseurin.
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Damals interessierte ich mich nicht für Jungs. Vor unserem Haus wuchsen ein paar Büsche, in die mich ein kleiner Junge mit den Worten lockte, er müsse mir was Tolles zeigen. Ganz stolz führte er mir seinen Schniedel vor. Ich schaute einmal hin, dachte, nein, das interessiert mich nicht, und ging weg. Das war schwer für ihn. Ich kochte eben lieber mit meinen Freundinnen. Das heißt, wir kochten uns gegenseitig. Nur einmal war mir peinlich, dass ein Mädchen von ihrer Mutter Salz und Pfeffer holte, um mich zu würzen. Ich überlege manchmal, ob die Geschichten und Märchen meiner Kindheit nicht etwas auslösten, was mit dem verwandt ist, das diesen Japaner in Frankreich dazu trieb, seine Kommilitonin zu erschießen und zu essen. Vielleicht wollte er wissen, wie schöne Frauen schmecken? Vielleicht würde ich heute auch wissen wollen, wie schöne Mädchen schmecken, und nur mein Singen und Reisen haben Schlimmeres verhindert. Man weiß so wenig, weiß im Grunde gar nichts über sich. Noch jetzt male ich mir aus, wie ich verschiedene Freunde zubereiten würde: Alfred Biolek nur mit frischen Zutaten, frischem Rosmarin und Petersilie, mit ein bisschen Knoblauch und Weißwein; Tim Fischer als arabisches Täubchen, ganz zart gebraten; Georgette Dee als deftiges Biergulasch oder als Apfelküchlein; Susanne Betancor in einer Erbsensuppe, mit ein bisschen Speck, damit sie würzig schmeckt. Aus Gert Thumser kann man ganz viele Tintenfischringe machen, dazu eine Knoblauchsauce; und aus mir Forelle blau -- mit Butter.
Im Kindergarten biss ich die Kinder, bis Blut spritzte. Mag sein, dass ich auch bei ihnen wissen wollte, wie sie schmeckten. Oder weil ich dachte, ich wäre kein richtiges Kind und die anderen wären richtige Kinder, die ich aus dem Weg beißen müsste. Als ein Team vom "Feuerroten Spielmobil" in den Kindergarten kam und uns beim Spielen filmen wollte, dachte ich, das kann ich nicht, setzte mich auf die Seite und schaute zu. Aber ich sollte mit einem Jungen gefilmt werden, als Mutter und Vater. Der Kameramann sagte: "So, jetzt mach mal, was deine Mutti zu Hause immer macht." Ich stand zwanzig Zentimeter von der Kamera entfernt, guckte entsetzt in die Linse und wusste nicht, was ich tun sollte. Meine Arme hingen herunter, leicht abgespreizt. Ich stand unter Schock. Sie führten mich ab -- wie einen Kriminellen. Ich hatte mein Trauma weg fürs Leben. Noch heute brauche ich auf Auditions zwei Anläufe, weil ich denke, ich stehe im Kindergarten zwanzig Zentimeter von der Kamera entfernt, mit steifen, abgespreizten Ärmchen.
Die Eltern der anderen Kinder wollten mich anbinden, bevor ich alle beiße. Ich sei gefährlich. Aber es ist doch einfach nicht gerecht, wenn man zusammen "Flipper" spielt, und nur ein Mädchen, das blödeste, darf Flipper sein! Oder umgekehrt: Mit einem Jungen spielte ich in einem Heuschober in den österreichischen Bergen "Raumschiff Enterprise". Ich saß vor einem Heuballen und war Lieutenant Uhura. Er war alles andere! Ich saß die ganze Zeit vor diesem Heuballen, das war nicht schön. Außerdem drehte er meinen Arm um, um sich zu amüsieren. Was außer Beißen soll man in einer solchen Situation denn machen?




