Frommel | Aus der Chronik eines geistlichen Herrn | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 253 Seiten

Frommel Aus der Chronik eines geistlichen Herrn


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-1508-6
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 253 Seiten

ISBN: 978-3-8496-1508-6
Verlag: Jazzybee Verlag
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Emil Wilhelm Frommel, ältester Sohn von Karl Ludwig Frommel und der Pfarrerstochter Jeanne Henriette Gambs, studierte in Halle, Erlangen und Heidelberg Theologie. 1848 nahm er als Burschenschafter an den revolutionären Unruhen teil, distanzierte sich aber später davon. Außer zahlreichen Predigten und dem Beitrag zur Kirchengeschichte Badens Aus dem Leben des Dr. A. Henhöfer (Barmen 1865) sowie der Schrift Von der Kunst im täglichen Leben (Barmen 1867) hat er eine Reihe von Volksschriften veröffentlicht, die ihn wegen ihrer Frömmigkeit, Sprache und ihres Humors bekannt machten. In diesem autobiographischen Roman bietet er viele Anekdoten aus seinem Leben.

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Eine Hundstags-Wanderung im Achteck und Dreieck



Von Baden-Baden nach Herrenwies, Hornisgründe und Mummelsee, Allerheiligen über Windeck nach Affenthal, Fremersberg und Baden

Es war im Jahr 1840. Drüben über dem Rhein krähte der gallische Hahn und schlug mit seinen Flügeln. Freund Becker sang damals sein Lied:

Sie sollen ihn nicht haben,
Den freien deutschen Rhein,
Ob sie wie gier'ge Raben
Sich heiser darnach schrei'n.

Das donnerte hinüber und die Rothosen gaben sich zufrieden.

Als das Kriegsgewitter verzogen war, kamen gerade die Ferien. In der guten Residenz war's so heiß wie in einem Backofen. Den Büblein war im Winter der Verstand bei der grimmigen Kälte beinahe eingefroren, und der kleine Rest, der noch geblieben war, drohte in der Hitze einzutrocknen; darum beschloß das Lehrerkollegium eiligst, ehe noch einer zu Schaden kam, das Gymnasium zu schließen. Der große lange Schuldiener, der Pontius hieß und mit Beinamen noch zum Überfluß Pilatus geheißen wurde, schloß die Thüren und sagte denen, die nichts mehr zu suchen hatten und in den Schulzimmern sich noch an den Tintenfässern versündigen wollten: »Fort, ihr Buben; wartet nur, daß euch das Mäusle beiß'! Ich sag's eurem Vater!« Alles stob hinaus und hinunter.

Wir waren unser acht junge Freunde, von vierzehn Jahren bis zehn Jahren herunter. Also in dem richtigen Alter, wo Sonne, Mond und Sterne nicht finster geworden (laut dem Prediger am 12.) und die Müller nicht müßig stehen, die Heuschrecke nicht beladen ist und der Mandelbaum noch nicht blüht – (rat einmal, was das ist!). Schon lange war uns eine Fußreise in Aussicht gestellt, wenn in dem Zeugnisse kein häßlicher Klex wäre (NB. nicht vom Herrn Lehrer herrührend). Als das Zeugnis sauber ausfiel, wenn auch nicht glänzend, weil der Herr Professor das Lob nur in Quentlein und den Tadel in Zentnern auszuteilen gewohnt war (oder laut Reichstag: in Milligrammen und in Kilogrammen), so wurde das Versprechen gehalten und nach gegenseitiger Abrede mit den Eltern ein Reiseplan entworfen, frei aus dem Gedächtnis ohne Bädeker. Eisenbahnen gab's dazumal noch nicht und das Fahren kostete viel Geld, aber das Reiten auf Schusters Rappen war gesund. Jeder bekam einen ganzen Kronenthaler, thut nach Adam Rieß auf Badisch 2 Gulden 42 Kreuzer und auf Preußisch 1 Thaler 16 Groschen. Damit sollten wir »die schöne Welt« besehen. Die Zusammenkunft wurde nach Baden-Baden schlag zwölf Uhr im Schloß am Vehmgerichtskeller festgesetzt.

Jeder hatte seinen Schulranzen neu ausstaffiert, hinten mit Schweinsborsten verpicht und den beiden Anfangsbuchstaben des Namens versehen, zum Reisegebrauch umgewandelt; das Schulzeugnis diente als Paß, und statt: »Nase proportioniert,« »Augen grün,« stand darin: »Lateinisch ziemlich befriedigend,« »Mathematik beinahe mittel-mäßig.« So gleichartig die Gesellschaft sonst aussah mit den kurzen Jacken und den weißen, herausgelegten Hemdenkragen, dem handfesten Stock, der so groß war, daß, wie bei des kleinen Dolobella großem Säbel man mit Cicero sagen konnte: »Wer hat dich, mein Kleiner, an diesen großen Säbel geschnallt?« – so gleichartig das alles auswendig war – so ungleich war doch inwendig die Gesellschaft.

Numero Eins, ein Generalskind, hoch aufgeschossen und hellblonden wallenden Haares, war der Altertumsforscher in der Gesellschaft. Jeden alten Stein betrachtete er und an jedem Knochen fand er etwas Interessantes. Er ging namentlich auf alte Ritterschädel, rostige Waffen und dergleichen aus. Vor alten Burgen brach er in Begeisterung aus, weil der Geist seiner Ahnen lebendig in ihm wurde. Weil er so sehr auf das Wühlen in der Erde erpicht war, hatte er den Namen Maulwurf empfangen, den er mit Ehren trug.

Numero Zwei war dagegen ein leidenschaftlicher Käfersammler und führte immer eine Spiritusflasche bei sich, die manchmal aufging, so daß er stark nach Branntwein roch. Jeden unschuldigen Käfer packte er am Kragen, wie ein Land-Gensdarm einen Malefikanten, und brachte ihn in seiner Schnapsflasche in Numero Sicher unter und notierte sich den Fall. Er hieß darum Spiritus.

Numero Drei war ein Poet und machte verstohlen Gedichte, gute und schlechte, wie es kam. Er brummte immer vor sich hin und konnte oft nur die Reime nicht finden. Er wurde kurzweg Schiller genannt,

Numero Vier war ein raffinierter Steinsucher, zu deutsch Mineralogus. Er führte ein Hämmerlein bei sich, ein Stemmeisen und einen Ledersack, worin er seine Fündlein aufbewahrte. Er schlug nicht bloß draußen in der Natur an jeden Kieselstein, sondern auch in manchen Zimmern an den Konsolen die Ecken weg – darob wurde er Steinmetz genannt.

Numero Fünf war ein Schmetterlingsjäger und ging stets mit dem Garn, einer Korkschachtel und mit Stecknadeln bewaffnet. Er war immer auf dem Sprunge und konnte in der Luft nichts fliegen sehen. Er wurde daher kurzweg Förster geheißen.

Numero Sechs war ein leidenschaftlicher Soldat. Er führte eine kleine Terzerole und ein Horn mit Pulver bei sich und schoß an den schönsten Stellen in die Luft, um das Echo zu probieren. Er trug auch einen Dolch im Tornister gegen etwaige Überfälle. Er wurde darum Wallenstein geheißen.

Numero Sieben und Acht waren Brüder, des Sanges kundig. Numero Sieben war noch nebenher ein Maler. Er zeichnete für sein Alter ganz leidlich. Seine Skizzen fielen zwar manchmal so aus, daß man nicht recht wußte, was es eigentlich war; aber ihm war's genug, daß er es wußte. Er wurde Raphael gerufen.

Numero Acht war ein Sänger und Trompetenbläser und trug eine sechsklappige Trompete an einer grünen Fangschnur. Er mußte die Signale blasen zum Sammeln, zum Essen, zum Geschwindschritt und an schönen Stellen etwas »fürs Herz« vortragen. Um seiner Musik willen wurde er Mozart geheißen.

Das war die Gesellschaft, von der man noch manches sagen könnte, wenn nicht des Verfassers bergischer Freund recht hätte mit dem Worte: »Allzu große Deutlichkeit schadet.« Der geneigte Leser möge nur die Namen sich ordentlich merken.

Der Tag war also festgesetzt und auch die Stunde, wie zu einem Gerichtstermin. »Also droben in Baden beim Vehmgericht,« lautete die etwas grausige Parole. Und man sah sie herwandern, den einen rechts, den andern links aus den Straßen kommend. Man schüttelte sich die Hände und begrüßte sich mit deutschem Gruß.

Der »Förster« hatte noch die Hälfte des Butterbrotes in der Hand und sein Mund glänzte ringsum von Fett, als ihn Schiller und Maulwurf aufmerksam machten, daß Butterbrot nicht am Platze sei, wo es sich um ein ehrwürdiges Altertum wie ein Vehmgericht handle, und er sich ganz andern Gefühlen hingeben müsse. Der Förster würgte schnell noch die andere Hälfte hinunter und sagte: »So, nun bin ich fertig für die Schauergefühle.« »Mozart« blies kurz noch einmal zum Sammeln, wiewohl wir alle beisammen waren, der Ordnung halber, und die erste Excursion wurde unter Leitung des grauköpfigen Hofbedienten gemacht. Die Wendeltreppe ging es hinunter, und wir kamen in einen großen Raum, der ringsum von steinernen Bänken eingefaßt war.

»So, meine Herrschaften,« sagte der Alte (der stets das Plusquamperfektum statt des Präsens gebrauchte), »das wäre also das alte Römerbad gewesen, wo die alten Römer ihre Wunden geheilt haben. Dies stammt von dem Kaiser Marcus Aurelius her, daher auch der Name Aquae Aureliae kommt. Hier traten sie hinunter, hier war Seife und wohlriechendes Öl. Denn was ein rechter vornehmer Römer war, der ölte sich den ganzen Leib ein."

»Darum riecht mein Julius Cäsar auch ganz nach Öl,« sagte Wallenstein, der einst die Öllampe über seinen bellum gallicum geworfen hatte.

Der Steinmetz zog sein Hämmerlein heraus und wollte eben an dem Römerbad experimentieren, als der Bediente rief: »Bst! Sie junger Herr, ob Sie das bleiben lassen! Wenn das der Herr Badfonds erfährt, geht's Ihnen schlecht, das ist ja ein Altertum, da darf nichts weggeklopft werden.«

Beschämt steckte der Steinmetz seine Waffe wieder ein und der Maulwurf sah ihn noch extra vorwurfsvoll an. Wir stiegen nun noch etliche Stufen weiter hinab und traten in einen engen schmalen Gang, der zum Vehmgericht führte. Einer nur konnte hinter dem andern gehen, jeder ein Wachslicht in der Hand.

»Daß keiner hier lacht,« sagte vorsorglich der altertumsforschende Maulwurf, »das sind heilige Räume, die der Geist der Vehme umschwebt.«

»Mir gruselt's schon halber,« sagte Schiller.

Der enge Gang war passiert. Wir standen vor einer dicken, schweren, eisernen Thüre.

»Das war die Thür zum Vehmgericht,« sagte der Führer. »Diese Thüre hat das Innere vom Äußeren abgeschlossen, so daß niemand horchen konnte. Sie war also ›fermetisch‹ geschlossen.«

»Das kömmt wohl von ›Ferm‹, raunte Spiritus leise dem Wallenstein ins Ohr.

»Halt den Mund,« sagte Maulwurf unfein und erbost. »Ihr habt auch keinen Sinn für Vehmgerichte.« Die Thüre drehte sich langsam in den rostigen...



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