Fritsch Die VerkörperungEN
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7011-7996-1
Verlag: Leykam
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
ein bilderbuch | Roman
E-Book, Deutsch, 176 Seiten
ISBN: 978-3-7011-7996-1
Verlag: Leykam
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Valerie Fritsch. Geboren 1989 in Graz, Die VerkörperungEN (Roman), Die Welt ist meine Innerei (Reisebriefe), Arbeit für Theater- und Filmtexte. Zahlreiche Preise und Literatur-Stipendien. Reisen rund um die Welt von Afrika bis in den wilden Osten. Valerie Fritsch ist Schriftstellerin, Fotokünstlerin und Reisende.
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Das erste und das zweite Fieber.
Im Herbst fällt persischer Regen, der jedes Jahr wieder fremd ist in Paris. Es geht um Haut und Gedanken, die Stadt hat Fieber, die Wolkendecke platzt auf und wächst zusammen wie eine unheilbare Wunde, die Kondensstreifen der Flugzeuge sind über das Blau genäht. Der Himmel schneidert sich unermüdlich neu und das Wetter ist ungesund. Wir sind wochenlang in Paris und die Wochen hören nicht auf.
Wir wohnen in einer kleinen Absteige in einem schmalen Haus. In der Nacht stehen wir Modell für schlechte oder traurige Geschichten. Du entschuldigst Dich an jedem neuen Tag für den vergangenen, Du sagst, dass ich das nicht verdiene und Du mich nicht. Du sagst das immer nur am Abend, wenn es dunkel wird, oder am Morgen, wenn es lange genug dunkel gewesen ist. Wir haben keine gemeinsame Vergangenheit, aber wir haben Vergangenheiten, die so unterschiedlich sind, dass man einander kaum davon erzählen kann. Wir erzählen uns nichts: wir lieben uns an vielen Tagen nicht einmal. Auf den Partys gibt es Koks im Hinterzimmer und auf den Straßen spielen Musikanten und Straßenkünstler. Es gibt Gaukler, Trinker und Diebe. Wir haben uns zufällig getroffen.
Ich bin Ärztin. Ich trage einen wehenden Kittel und Spritzen in den weißen Taschen. Die Neonröhren sind weiß und zittern in der Nacht, die Wände sind mintgrün wie amerikanische Gefängnisgitterstäbe und hellblau wie Plastiksäcke. Hier: sind die Körper die Särge der Herzen. Auch Schaden muss sich entwickeln und die Ruhe ist bedrohlich und mit den leeren Gängen zwischen drei und vier Uhr morgens unterfüttert. Die Ecken sind schmutzig. Die metallenen Mülltonnen im Hinterhof neben den Röntgenkellern heulen, wenn man in der Abenddämmerung die Zigarette ausdrückt und müde daran stößt mit dem Fuß. Der Zement ist eine Mauer am Hinterhof und irgendwo haben sie mit weißer Farbe: Es wird werden wie ein Fest! aufgemalt, und unanständige Strichmännchen und Daten aus den letzten zehn Jahren. Die Frühschicht hat rote und gelbe Morgen, grüne und violette Himmel und an schlechten Tagen: ist alles grau. Im obersten Stockwerk sieht man über die Dächer und die Dächer sind grafit und Pariser rot und die Fenster dunkel und die Patienten sagen: Nichts ist so schwarz wie Fensterscheiben, hinter denen nichts ist, wenn man auf jemanden wartet. Und im Winter sagen sie: sind die Hauskuppen schmerzlich und kahl. Lang sind die Stunden immer, aber an einzelnen Tagen länger als an anderen. Es sollte mehr gute als schlechte Jahre geben, finden sie.
Der Himmel wird auf- und abgeblendet. Die Vögel haben schwarze Därme, die manches Mal neben den Tonnen im Schnee liegen, und von unten weit ausgebreitete Schwingen, rabenschwarz und fledermausfarben. Der Putzdienst hat gewechselt. In der Nacht arbeiten nun spanische Mädchen mit guten Gesichtern, die alle Menschen versöhnlich anschauen, und der Putzdienst wird nur noch als bereits eingearbeitete Gruppe aufgenommen. Sie beten in ihren Pausen auf Spanisch und: schnell. Eine Spanierin hat Haar, das ohrenlang ist, und liest neben dem Kreis, während die anderen beten. Die Bücher wechseln jede Woche und sind sauber und ungeknickt und die Einbände haben alle Farben. Als ich gefragt habe, ob das ihr Buch oder es geliehen sei, hat sie gesagt: Ein gutes Buch zu kaufen ist eine Frage der Höflichkeit.
Wir wohnen über einem Geschäft, das Vögel verkauft. In Paris ist alles groß, aber die Wohnungen klein. Die Vogelkäfige und Volieren sind zierlich und die Vögel bunt und nah an den Stäben. Die Stäbe sind als senkrechte Gitter und Streben über die Papageien und die Kanarienvögel gespannt und die Stäbe vergittern die Vögel, aber das Geschrei und das Singen gehen weiter bei Tagesanbruch und hören nicht auf. In der Früh singen die Vögel im Takt und um Mitternacht nur, wenn sie sich fürchten. Wenn die Nacht im Morgengrauen nicht aufhört, lese ich auch, aber die Seiten meiner Bücher werden fleckig und knittrig, wenn ich mich an ihnen festhalte in den frühen Stunden. Ich mag den Morgen nicht, in der Früh: werden die Tiere geschlachtet und die Menschen verurteilt, in der Früh sind die Patienten: gestorben.
Früher: bin ich Hure gewesen. Die Mädchen sagen, das Schlimmste an Prostitution ist, dass dich niemand von der Arbeit abholen kann. Die Stunden als Hure sind gewichtig. Die Brüste der dickeren Nutten werden gewogen und manche Kunden bestellen die Brüste per Kilo. Die Pariser kaufen Blumen und stellen sie auf den Tisch. Ich habe Nächte verkauft. Wer verkauft seine dunkelsten Stunden.
Prinzessinnen sterben vor Traurigkeit, ihnen ist immer schwindlig, weil sie spüren, wie die Erde sich dreht. Als Kind habe ich gedacht, dass ich eine Prinzessin bin, bei manchen Freiern ist mir immer schwindlig geworden, und in der Kühlabteilung der Supermärkte hat es erst die kalte Luft und das Surren des Kühlregals gegeben und schlussendlich einen sanften Kopfschmerz. Wetterfühlig und übersensibel hat es meine Großmutter genannt. Früher: bin ich Hure gewesen und heute: eine Ärztin, die die Toten küsst.
Wir haben uns zufällig getroffen, in der ersten Woche, als ich nach Paris gekommen bin. Wir haben miteinander geschlafen. Ich: bin zerstört gewesen und hauchdünn, kaum eine Handbreit und jede zweite inoffizielle Minute kurz davor zu weinen. Der langbeinige Barbesitzer hat mit jedem Auge in eine andere Richtung geschaut und ist Ire gewesen. Die Fenster sind groß gewesen wie Türen und dunkel wie Sonnenbrillen. Unter den Tischen sind Straßenhunde gelegen und haben den hereingetragenen Regen vom Boden geleckt mit langen Zungen. In dem Fernseher schräg hinter der Theke neben dem Wein sind Soldaten durch Lima gelaufen mit wilden Traurigkeiten in den Gesichtern, und ein junger Mann hat den Dokumentarfilmer angespuckt vor den niedergebrannten Häusern und der Speichel ist bitter gewesen und braun. Der Ton: war abgedreht und der Film schwarzweiß. Der Barbesitzer hat auf den Bildschirm geschaut mit einem einzelnen Auge und die Gäste haben geraucht mit zitternden Fingern. Léo Ferré hat aus den Löchern der dunklen Holzdecke gesungen und die Musik ist aus den Lautsprechern geraucht. Ein schwarzer Albino hat aus dem Fernseher geschaut mit der farblosen Haut Europas und dem wulstige Profil der Afrikaner und das Haar ist kraus gewesen. Die Augen der Gäste sind zugeschwollen mit den Stunden und Nächten und die Fingernägel der Damen haben geleuchtet im Dunklen. In der Nacht: war ich betrunken und ängstlich und es hat geregnet. Du bist maßlos und verzweifelt gewesen und in Deinen Gläsern hat sich der Whisky stets bewegt, weil Du sie so selten abgesetzt hast. Meine Tränen haben Dich verwirrt und Du bist unwillig gewesen und schlecht gelaunt. Deine Freunde haben Dir verboten mit mir zu schlafen und irgendwann sind sie gegangen. Es gibt Gesellschaft, die macht Dich einsam. Du hast mich huldvoll angesehen und die Eiswürfel in den Getränken sind geschmolzen. Auf der Theke sind meine Haare schwarz neben meinem Kopf gelegen und ein paar einzelne: sind heruntergefallen. Um Mitternacht haben wir Luft geholt auf der Straße und um Mitternacht ist Dein Kokain in eine Pfütze gefallen und der Regen in langen Schnüren. Die Straße ist ein grauer Fluss gewesen und weiß gezuckert, pudrig und aufgerieben, und die Lichter der Fenster sind abgestürzt in die Lacken. Koks: wie Milchspuren und Streusel. Du hast Deine Nase in den Asphalt gedrückt und das Regenwasser hochgezogen und Du hast gehustet, als ein alter Hund vorübergegangen ist an Dir. Der Regen ist aufbrausend gewesen und unkontrolliert und ich habe nur gezuckt mit den Schultern. Du hast genickt und mich nachdenklich betrachtet. Das Haar: klebrig und aufgepufft vom Rauch und die Haut nass und kalt im Regen. Du hast mir die Hand gereicht und wir sind einander gefolgt durch Paris und die Irrgärten der Stadt. Die Begegnung ist eine Audienzsituation gewesen und die Stunden sind gewachsen wie Riesen nach Mitternacht: dem Morgen entgegen.
Damals ist die Nacht verschwunden wie ein Schrei, der aufgehört hat. Der Himmel war mädchenaugenblau über Paris. Jardin de Luxembourg. Zwischen den Orangerien und den Kinderkarussellen sind die Toiletten Chalets d’Aisance gewesen und die ersten Schachspieler haben ihre Figuren auf die schwarzen und weißen Felder geordnet im Morgengrauen. In den Wasserbecken des Schlosses sind die Boote der Kinder untergegangen in der Nacht und bäuchlings im Wasser getrieben in der Früh. Es hat nach Wiese und Haut gerochen und wir haben Sex gehabt in den Häuschen der Erleichterung am helllichten Tag. Ich habe gebückte Frauen in den blühenden Gärten gesehen durch die Toilettenfenster und Du hast Fingerabdrücke auf den Waschbeckenspiegeln hinterlassen und auf mir. Das Gras ist feucht gewesen und ein Rasenmäher hat Lärm gemacht. Was sind gescheiterte Helden.
Im Krankenhaus. Es gibt Patienten, im Winter die Vergletscherung der Welt, und die Erleichterung des Bürgerlichen, dass man in schlimmen Zeiten Trauer tragen darf. Es gibt ein formelhaftes Leben, in dem man sich gute Besserung und bessere Jahre wünscht. Wo man wünscht, ist nichts linear und die Menschen beginnen sich dort zu begegnen, wo sie einander ansonsten ausweichen.
Die Menschen: sind baufällig geworden. Die Haut ist alt und traurig, die Haut trägt Trauer und Falten, der Atem ist laut. Ich bin Ärztin. Die, die geheilt werden, fragen nicht, ob man Arzt ist.
Palliativstation. Die Patienten leben vierundzwanzig Stunden am Tag nur für den geringsten Schmerz und sie wissen, welche Bewegung die beste dafür ist. Der...




