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E-Book, Deutsch, 92 Seiten
Friedrich Die helfende Hand
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-7802-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Arbeitsfinder. Suche war gestern.
E-Book, Deutsch, 92 Seiten
ISBN: 978-3-6957-7802-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ing. Gerhard Friedrich, geboren 1960 in Vöcklabruck, ist Techniker (Abend HTL Vöcklabruck) und staatlich geprüfter Lehrwart im Geräteturnen. Bereits in seiner Sport pädagogischen Ausbildung beschäftigte er sich intensiv mit Biologie und den Grundlagen des menschlichen Körpers. 2006 schloss er am WIFI Salzburg die Ausbildung zum diplomierten Humanenergetiker ab; seine Diplomarbeit (2006) widmete er der Germanischen Heilkunde/ 5BN. Der Mensch faszinierte ihn schon immer, besonders die Frage, wie Seele, Psyche und Körper sinnvoll zusammenwirken und warum sich manches lange nicht eindeutig einordnen ließ. Auch als Techniker machte er Höhen und Tiefen durch, daher ist diese Geschichte ein Bericht aus erster Hand. Aus: Der helfenden Hand.
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Kapitel 2
Das Blatt beginnt zu sprechen
Die ersten Tage nach der Kündigung flossen ineinander wie lauwarmes Wasser. Sie wusste nicht mehr genau, welcher Wochentag war. Nur, dass der Wecker nicht mehr klingelte und niemand mehr erwartete, dass sie um acht Uhr an einem bestimmten Schreibtisch saß. Die Wohnung war still. Zu still. Auf dem Küchentisch lag noch immer der Brief, ordentlich zusammengefaltet, als würde er sich schämen. Daneben ein Kuli, der nichts mehr zu unterschreiben hatte. Sie setzte sich auf ihren Stuhl, legte die Hände auf die Tischplatte und starrte eine Weile auf die Holzmaserung. Es war, als würde sie auf eine Landkarte blicken, deren Linien sie nicht verstand. Ihr Blick blieb an einem leeren Block hängen, der bisher nur als Unterlage für Einkaufszettel gedient hatte.
Ein einziger Satz tauchte in ihrem Kopf auf, ohne Einladung, ohne Ankündigung: „Nimm ein Blatt Papier und schreib auf, was du alles kannst.“ Sie wusste nicht mehr genau, woher sie den Satz kannte. Vielleicht aus einem Ratgeber, vielleicht aus einem dieser Kurse, die ihr einmal jemand empfohlen hatte. Oder vielleicht hatte sie ihn sich irgendwann selbst gesagt. Sie zog den Block zu sich heran, riss die erste Seite ab. Das Geräusch riss die Stille kurz auf. Dann nahm sie den Stift in die Hand. Oben auf das Blatt schrieb sie, etwas unsicher: Was ich alles kann. Sie starrte die Überschrift an, als hätte sie „Romananfang“ darübergeschrieben. „Na“, murmelte sie, „dann zeig mal, was du so draufhast.“ Zuerst fiel ihr nichts ein. Oder besser: Alles, was ihr einfiel, schien ihr zu klein, zu unwichtig. „Tippen“, „Telefonate führen“, „Termine koordinieren“ – Worte, die aussahen wie Büroklammern auf einem weißen Teppich. Sie schloss für einen Moment die Augen. Atmete langsam ein und aus. Nicht denken, was wichtig genug ist. Schreib einfach. Alles. Sie setzte den Stift an. Zuhören. Das Wort stand plötzlich da, schwarz und schlicht. Sie runzelte die Stirn. „Zuhören? Ist das eine Fähigkeit?“ In ihrem Kopf entstand ein Bild: Sie im Pausenraum, mit einer Kollegin, die sich zum dritten Mal in diesem Monat über ihren Freund ausweinte. Sie, wie sie den Kaffee umrührte, nickte, nachfragte, ohne zu urteilen. Ja. Zuhören war etwas, das sie konnte. Und nicht jeder konnte es gut. Sie schrieb weiter:
Zuverlässig sein
Ordnung schaffen
Geduldig erklären
Mit Menschen sprechen, die Angst haben. Beim letzten Punkt zögerte sie. Ein anderes Bild tauchte auf: Sie in der Telefonzentrale, als noch niemand wusste, ob die Firma überleben würde. Die Anrufe von verunsicherten Kunden, die diese Unruhe in der Stimme hatten, dieses Zittern zwischen den Worten. „Es wird weitergehen“, hatte sie dann gesagt, auch wenn sie es selbst nicht genau wusste. „Wir finden eine Lösung.“ Manchmal war es eine Lüge gewesen. Manchmal eine halbe Wahrheit. Aber immer hatte sie versucht, die Menschen nicht allein zu lassen mit ihrer Angst. Sie legte den Stift kurz ab und lehnte sich zurück. Etwas hatte sich verändert. Der Küchentisch mit dem Block war nicht mehr nur ein Möbelstück. Es fühlte sich an, als hätte jemand ein kleines Fenster in seine Oberfläche geschnitten.
Dahinter war Bewegung. Sie nahm den Stift wieder in die Hand.
Organisation
Verabredungen festhalten
Räumlich denken
Neue Dinge lernen. Bei „räumlich denken“ blieb sie hängen. Sie erinnerte sich an die vielen Male, in denen sie im Büro umgeräumt hatte, weil niemand wusste, wie man all die Aktenordner unterbringen sollte. Am Ende hatte man sie gefragt: „Kannst du mal schauen, wo wir das alles noch hinstellen können?“ Sie schloss für einen Moment die Augen – und plötzlich passierte etwas Seltsames. Die Küche um sie herum begann, sich zu verändern. Der Tisch blieb, wo er war, aber die Wände rückten in den Hintergrund, wurden blasser, durchscheinend, bis sie nicht mehr ihre Küche sah, sondern… Regale. Endlose Reihen von Regalen. Zwischen ihnen ging jemand mit einem Wagen hindurch, stellte Bücher ein, prüfte Signaturen. Es roch nach Papier, aber anders als im Büro – wärmer, älter, wie eine Mischung aus Staub und Geschichten. Bibliothek, dachte sie. Sie sah eine Frau – vielleicht sie selbst, vielleicht eine andere – wie sie einem älteren Mann half, ein bestimmtes Buch zu finden. Die Szene war nur ein kurzer Lichtblitz in ihrem inneren Kino, dann löste sie sich wieder auf. Die Küchenschränke kehrten zurück, die Tapete, die halb leere Obstschale. Sie blinzelte.
„So viel zum Thema Fantasie“, murmelte sie. „Ganz andere Sparten…“ Sie musste lächeln. Ganz andere Sparten. War es das, was geschehen konnte, wenn man ein Blatt Papier mit Fragen füllte? Sie beugte sich wieder darüber. Pflanzenpflegen. Das kam ihr fast albern vor, aber sie schrieb es trotzdem hin. Prompt sah sie in ihrem inneren Bild eine Gärtnerei: Reihen von Töpfen, feuchte Erde, das Geräusch von Wasser, das aus einer Gießkanne floss. Hände, die Erde lockerten, Blätter abstreiften, verblühte Blüten entfernten. Ich? In einer Gärtnerei? Sie schürzte die Lippen. Sie hatte nie darüber nachgedacht. Aber sie liebte den Geruch von Erde nach Regen. Sie mochte es, wenn etwas wuchs. Die Szene verblasste, bevor sie fertig darüber nachdenken konnte. Mit älteren Menschen reden. Das nächste Wort kam schneller, als sie erwartet hatte. Ihre Hand schrieb es fast von allein. Und da war sie wieder – eine neue Landschaft. Kein Büro, keine Regale, keine Pflanzen. Stattdessen ein heller Flur, das leise Surren eines Aufzugs, Stimmen, die gedämpft aus einem Zimmer drangen. Ein Pflegeheim oder eine Senioreneinrichtung. Sie sah sich an einem Tisch sitzen, mit einer älteren Frau, deren Hände zitterten, während sie versuchte, einen Becher festzuhalten. Sie hörte sich fragen: „Wie war das damals, als Sie jung waren?“ Gesichter mit Falten, aber auch mit Geschichten. Sie schluckte. „Ganz andere Sparten“, flüsterte sie. „Ja. Warum eigentlich nicht?“ Sie schrieb weiter, schneller:
Kinder beruhigen
Spiele erklären
Geschichten erfinden.
Jetzt verwischten die Bilder fast. Eine Schulklasse tauchte auf, dann ein Kindergarten, dann ein Nachbarskind, dem sie früher bei den Hausaufgaben geholfen hatte. Mit jeder Zeile auf dem Blatt schien sich eine andere Landschaft aufzutun:
- •Ein Klassenzimmer mit bunten Bildern an der Wand
- Ein Atelier, in dem jemand mit Fingerfarben lachte
- Ein kleiner Raum mit Computern, in dem ihr jemand zeigte, wie man Programme schreibt. Beim letzten Bild lachte sie kurz auf. „Na klar“, sagte sie halblaut, „ich und Computerprogramme.“ Aber das Bild blieb hartnäckig. Nicht wie ein fertiger Film, mehr wie eine Kontur. Ein Raum mit Bildschirmen, ein Team, das wild auf Tastaturen einhämmerte, dazwischen jemand, der Ordnung in Projekte brachte, Zeitpläne erstellte, dafür sorgte, dass niemand ganz den Überblick verlor. Muss nicht immer derselbe Beruf sein wie das Team, dachte sie. Vielleicht braucht man da auch Menschen, die sortieren, erklären, Verbindungen schaffen. Sie legte den Stift hin und betrachtete ihr Blatt. Es war kein Kunstwerk, keine perfekte Liste. Manche Wörter waren schief, manche doppelt. Aber die Seite war voll. Und sie war nicht nur voll mit dem, was sie im Büro getan hatte. Sie war voll mit Dingen, die etwas über sie sagten. Über die, die hatte zuhören können.
Über die, die Geschichten mochte.
Über die, die Pflanzen nicht eingehen ließ.
Über die, die mit älteren Menschen und Kindern genauso sprechen konnte wie mit einem Lieferanten am Telefon. Sie spürte ein leises Kribbeln in den Fingerspitzen. Du wirst staunen über dich selbst, hatte eine innere Stimme gesagt. Und ja, ein bisschen staunte sie tatsächlich. Sie stand auf, ging ans Fenster. Draußen zogen Wolken vorbei, langsam, als würden sie die Stadt in unterschiedlichen Grautönen anmalen. In einem der Bäume vor dem Haus bewegte sich etwas. Ein kleines, flirrendes Etwas, das sich von Ast zu Ast bewegte. Sie kniff die Augen zusammen. Für einen Moment war sie sicher, dass sie dort draußen einen Schmetterling gesehen hatte. „Im Februar?“, murmelte sie ungläubig. Vielleicht war es nur ein Blatt gewesen. Ein Stück Papier, das im Wind getanzt hatte. Trotzdem blieb das Gefühl, dass etwas Kleines, Zartes sich in Bewegung gesetzt hatte. Nicht draußen im Baum. Drinnen, in ihr. Sie setzte sich wieder an den Tisch, nahm ein zweites Blatt. Oben schrieb sie: Landschaften, in denen ich mir mich vorstellen kann. Und darunter, stichwortartig, ohne zu zögern:
- •Bibliothek
- Gärtnerei
- Senioreneinrichtung
- Schule oder Hort
- Sprachkursbüro
- Kleines Theater
- Praxis oder Beratungsstelle
- Irgendwas mit Organisation in einer ganz anderen Branche.
Sie hielt inne. Ganz andere Sparten. Sie lächelte. Es war kein breites, lautes Lächeln, eher eines, dass man nur sehen...




