E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Friedl Das Glück der Herde
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7528-5274-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
und weitere Beiträge zu einer freiheitlichen Politik
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-7528-5274-5
Verlag: BoD - Books on Demand
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Gerhard FRIEDL (* 1937) engagierte sich als politischer Journalist für den Gedanken einer marktwirtschaftlich orientierten Entwicklungshilfe des damaligen Bundeswirtschaftsministers Ludwig Erhard in Bonn. Nach Tätigkeit als akkreditierter Korrespondent am Deutschen Bundestag in Bonn für Tageszeitungen, 1963 Wechsel zum Bayerischen Rundfunk nach München. Von l986 bis 2000 Leiter der Hauptabteilung Politik und Aktuelles und Chefredakteur Hörfunk. In dieser Zeit zahlreiche Reportage-Reisen an Brennpunkte des weltpolitischen Geschehens in Asien und besonders im südlichen Afrika, wo im Zuge der Dekolonisation auch die Apartheid überwunden werden konnte. Gerhard Friedl förderte als BR-Chefredakteur eine langjährige Kooperation zwischen dem Bayerischen Rundfunk und dem deutschen Programm der Namibian Broadcasting Corporation in Windhoek. Im Bayerischen Rundfunk 1991 maßgebliche Beteiligung an der Entwicklung des zusätzlichen Programms B 5 Aktuell, dem ersten Informationsradio in Deutschland mit Nachrichten im 15-Minuten-Takt. Neben eigener publizistischer Tätigkeit mit Kommentaren und größeren Rundfunksendungen zahlreiche Programminitiativen, die profilierten Politikern und Vertretern aus Wirtschaft und Gesellschaft im BR-Programm Foren zur vertiefenden Information der Hörer eröffneten.
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„SATURIERT“
Respekt vor Russlands Glacis
Wenn es um aktuelle Politik geht – wer denkt da noch an Bismarck? Denkmäler, die berühmt-berüchtigten Bismarck-Türme, gab und gibt es sowieso eher nur im Norden Deutschlands. Der Süden, speziell Bayern, ist mit dem Reichsgründer nicht gerade gut gefahren. Und überdies ist die Sache auch schon ziemlich lange her; gute 150 Jahre, dass Bismarck das 1. Deutsche Reich glanzvoll im Spiegelsaal von Versailles etablierte. Mehrere Katastrophen im 2. Reich und im 3. Reich haben den Glanz ziemlich abgenutzt, bis schließlich die Bundesrepublik Deutschland erstand, weniger glanzvoll aber nachhaltiger und „umzingelt von Freunden“. So hieß es damals nach der Wiedervereinigung, als 16 Millionen in der kommunistischen DDR festgehaltene Deutsche mit ihrem Beitritt zum Grundgesetz in die Freiheit kamen
Bismarck hatte damit gewiss nichts mehr zu tun. Wenn man ihn trotzdem aus der deutschen Erinnerungs-Schatulle steigen lässt, dann auch nicht der Person wegen, die in ihrem alles andere als sympathischen Widerspruch Hosianna und abgrundtiefe Verachtung gleichermaßen provozierte. Entscheidend ist vielmehr, dass Bismarck nach dem deutsch-französischen Krieg mit der Reichsgründung von 1871 an in Europa eine Friedensperiode ermöglichte, die dauerhafter war, als sie Europa in der neueren Geschichte von damals erlebt hatte. Bismarck arbeitete mit einem komplizierten diplomatischen Manöverspiel, dessen Kugeln seine Nachfolger nur bedingt verstanden, auch weil das verwirrende Bündniskonstrukt die Implosion in sich zu tragen schien. Aber so eigentlich war es ein Zauberwort, das die Friedensperiode 40 Jahre lang möglich machte. Das Zauberwort hieß „saturiert“.
Saturiert – und das ist es, woran sich noch und gerade heute zu erinnern lohnt, da es in Europa wieder einmal um Krieg und Frieden zu gehen droht. Nach dem gigantischen Umbruch, der die Sowjetunion samt Kommunismus verschwinden ließ, suchen Europa und Russland ein neues Verhältnis. Und obwohl nicht Ursache des Geschehens droht Deutschland in seiner angestammten Zentrallage in Europa in schmerzhafte Mitleidenschaft gezogen zu werden, wenn es nicht die Kraft findet, die Expansionspolitik zu beenden, die von der Europäischen Union getrieben wird, wohlwollend unterstützt von den Vereinigten Staaten von Amerika. Deutschlands friedliche Waffe dabei ist Bismarcks Zauberwort für den Frieden: „Saturiert“.
Bismarck gebrauchte das Wort bereits 1871 um die damaligen Großmächte und die übrigen Länder zu beruhigen, die vom Deutschen Reich mitten in Europa alles andere als einen ruhigen und friedlichen Partner erwarteten. Die Zeit des Imperialismus stand in voller Blüte. Und Bismarck sah sich gewiss nicht von Freunden umzingelt, sondern alle um Deutschland herum wollten etwas: Großbritannien freie Hand in Afrika, Russland wollte zum Mittelmeer mit Zugang über die Dardanellen, Österreich-Ungarn wollte Bosnien, Italien Südtirol, Frankreich Elsass-Lothringen. Nur das Deutsche Reich stellte in diesem Territorien-Scramble keine Ansprüche. Das Deutsche Reich bezeichnete sich als saturiert.
Das war die Botschaft, die Bismarck Europa und die Welt nach 1887 wissen ließ: „Wir gehören zu den saturierten Staaten, wir haben keine Bedürfnisse, die wir durch das Schwert erkämpfen könnten.“ Wenige Jahre später bramarbasiert ein neuer Kaiser mit ganz anderen Tönen wie „Platz an der Sonne –Schimmernde Wehr – Am deutschen Wesen …“ Von Saturiertheit des 1. Deutschen Reiches war nicht mehr die Rede. Die Folgen der nunmehr eröffneten „Weltpolitik“ sind bekannt und reichten über den Ersten und Zweiten Weltkrieg bis zur letzten Dekade des 20. Jahrhunderts, als der Zerfall der Sowjetunion und ihres Satellitenreiches den Amerikaner Francis Fukuyama den Stoff für sein „Ende der Geschichte“ lieferte. Nicht nur in den USA auch in Europa wurde Fukuyama vielleicht gar nicht so ungern missverstanden, fühlte man doch mit der nun einzigen Supermacht Amerika im Rücken eine Expansionsmacht unerwarteten Ausmaßes.
Die Europäische Union erweiterte sich auf 28Mitglieder, die auch nach dem Brexit Großbritanniens noch rund 450Millionen Einwohner umfasst und eine Ausdehnung von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer hat. Der Bogen spannt sich nun von Finnland und den Baltischen Staaten über Polen, Tschechien und Slowakei, Ungarn, Rumänien bis nach Bulgarien. Amerika beförderte die Expansion an der europäischen Ostflanke, ging doch mit der wachsenden Zahl von EU-Mitgliedern, vorauseilend oder parallel, eine ebensolche Expansion des Atlantikpakts (NATO) einher. Sie sicherte Amerika seine dauerhafte Leadership-Präsenz in Europa, nach der in Europa angesichts seiner militärischen Impotenz nichts Relevantes geschehen kann, auch wenn Druck und Gefahr aus dem Osten geringer geworden sind.
Auch wenn die Erosion der Sowjetunion und ihres Satellitenreiches in Europa begonnen hat, und Europa mit der Auflösung des Warschauer Paktes und der deutschen Wiedervereinigung die größte „Beute“ zufiel, der Kalte Krieg wurde nicht von Europa gewonnen. Gesiegt hatte Amerika, das sich nun unmissverständlich als alleinige und einzige Supermacht der Welt etablierte und damit seine Ideologie verband: Die USA exportierten nicht nur Lucky Strike, Chewing Gum, Cars, Jazz und Hollywood sowie Technologie bis zum High Tech. Universale Exportgüter in alle Welt waren als Unterbau des American way of live auch Demokratie und der in freie Marktwirtschaft umbenannte Kapitalismus, unzweifelhaft siegreich und in Alleinstellung wie die alles überragende amerikanische Militärmacht.
Die Universalisierung der westlichen Werte, die von Fukuyama mit „Ende der Geschichte“ umschrieben worden war, lieferte die ideelle Basis für die Expansion. Ausgefüllt sollte das Vakuum werden, das der Konkurs des Kommunismus in der Weltpolitik hinterlassen hatte. Und in der Tat, was gab es denn sonst noch als Demokratie und Kapitalismus? Vom sich entwickelnden China kam allenfalls ein fernes Wetterleuchten. Nutzten nicht sogar die Chinesen für ihren wirtschaftlichen Aufstieg kapitalistische Methoden, nachdem sie Maos „Großer Sprung“ kommunistisch in die Katastrophe geführt hatte? Die Marktwirtschaft ist der Weg in den Wohlstand, die Demokratie der Weg in den Frieden. Und beide Wege kreuzen sich endlich in der Freiheit für die Welt.
Das war Fukuyamas „Ende der Geschichte“. Gemeint war nicht eine ewige Stagnation, sondern die alternativlose Gültigkeit der westlichen Prinzipien samt ihrer Institutionen. Verbunden damit wurde der in Amerika seit jeher gefühlte Auftrag an die Vereinigten Staaten, der Welt Pazifizierung und Demokratisierung zu bringen. Wie die meisten früheren amerikanischen Präsidenten orientierten sich an diesem Auftrag in unterschiedlicher Intension auch die Nach-Kalten-Krieg-Präsidenten, von Bush jun. über Clinton und Obama bis zu Donald Trump, dessen Sprunghaftigkeit zumindest an seiner rhetorischen Leitlinie „America first“ festhält. Jedenfalls, es verbündeten sich wieder die Kernmerkmale der amerikanischen Politik: Weltverbessernder Idealismus und expansive Realisation der amerikanischen Sicherheits- und Wirtschaftsinteressen.
Und Europa? „Auf beiden Seiten des Atlantiks setzte sich ein liberaler Imperialismus durch,“ so Carlo Masala, der unter dem Titel „Weltunordnung“ fortfährt: „In den USA in einer harten und in Europa in einer weichen Form, aber letzten Endes war man sich in der Zielsetzung einig.“ Das hieß: Globale Ausdehnung, Universalisierung der westlichen Werte. Von Bismarcks Zauberwort für eine damals Aufsehen erregende Friedensperiode über 40 Jahre, keine Spur mehr. Im Amerikanischen gibt es für „saturiert“ nicht einmal ein Wort, das man artverwandt ableiten könnte. Im Rausch des großen Sieges über den Kommunismus verdrängte aber auch die Europäische Union offenbar, dass im Osten mit Russland ein Nachbar geblieben war.
Statt sich mit der Integration der im Kern europäischen Länder des Warschauer Paktes – Baltische Staaten, Polen, Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänen, Bulgarien – zu begnügen, griff die Europäische Union mit einem von der iberischen Halbinsel stammenden Kommissionspräsidenten Barroso und einem zwischen Euro und Schengen irrlichternden Ministerrat nach dem an Russland grenzenden Gürtel von Ländern der Gemeinschaft unabhängiger Staaten, GUS. Über sie hatte Boris Jelzin die russische Fahne als Ersatz für die zerfallene Sowjetunion gehisst, um für Moskau zu retten, was aus der Konkursmasse zu retten war, die Michail Gorbatschow nach Glasnost und Perestroika hinterlassen hatte.
Der neu entdeckte „Imperialismus“ erschlug Bismarcks Mahnung zur Saturiertheit. In wie weit die Zusage des damaligen amerikanischen Außenministers James Baker an Gorbatschow tragende Substanz enthielt, die NATO werde sich nicht über die einstige DDR hinaus ausbreiten, ist schwierig zu beurteilen. Diese Zusage wird nur von Moskau reklamiert. Es gibt jedoch eine bemerkenswerte Äußerung des damaligen deutschen Außenministers...




