E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Friebel Die Legende der Nonne
3. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7431-4430-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-7431-4430-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
1978 in Wolfsburg geboren, in der Samtgemeinde Velpke aufgewachsen und nun im Landkreis Gifhorn wohnhaft. Beruflich als Staatsdiener in der ganzen Welt unterwegs.
Autoren/Hrsg.
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KAPITEL EINS
Der folgende Text ist nicht als historischer Roman der chinesischen Kultur des 18. Jahrhunderts zu sehen. Fakten, Umstände und Gebräuche dieser Zeit wurden abgeändert oder gestrichen, wenn sie der Handlung nicht dienlich sind.
Die Sprache der Figuren wurde als Stilmittel bewusst modern und europäisch gestaltet. Schließlich soll man nicht jeden Satz drei Mal lesen müssen, um ihn zu verstehen.
Dies ist die Version des Autors von der Entstehung eines neuen Kampfkunstsystems. Es mag sich alles ganz anders zugetragen haben, aber das werden wir wohl nie erfahren…
Vielen Dank an Sabine Wirsching, die als Beta-Leserin viele wichtige Änderungen und Denkanstöße beigetragen hat. Das kriegst du wieder.
„Die Legende erzählt von einer jungen, schönen Frau, die schon als Kind mit ihrem späteren Ehemann verlobt wurde. Die junge Frau verlor früh ihre Mutter. Ihr Vater wurde mit einer falschen Klage bedroht und deswegen flohen Vater und Tochter an den Fuß des Tai-Leung-Berg, wo sie sich versteckten und ihren Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Tofu verdienten.“, sagte der alte Mann, als er seine Enkelkinder am Abend in ihr Bett legte und sie liebevoll zudeckte.
„Die Legende erzählt weiterhin von einem südlichen Shaolinkloster in der Provinz Henan, die wegen ihrer Kampfkunst so berühmt und im Volk hoch angesehen waren, dass der Kaiser beschloss, die Mönche zu töten, das Kloster niederzubrennen und die ganze Religionsgemeinschaft auszulöschen. Aber die Soldaten, die der Kaiser schickte, konnten den starken Widerstand der Mönche nicht brechen. Selbst nach drei Angriffen, einer heftiger als der andere, war das Kloster immer noch unversehrt.“
„Die haben bestimmt richtig einen auf die Mütze bekommen!“, sagte der Enkel des alten Mannes mit großen Augen. „Huaaa! Kopf ab! Hajaaa! Zack, das Herz mit bloßen Händen herausgerissen und unter die Nase gehalten, damit der Soldat noch sieht, wie es zu schlagen aufhört!
Der Junge hielt ein imaginäres Herz in der Hand und hielt es seiner Zwillingsschwester unter die Nase.
„Iiihh, bäh!“, beschwerte sich diese sofort und schob die Hand ihres Bruders weg. „Sag ihm, er soll aufhören, Opa!“
„Wollt ihr die Geschichte nun hören, oder nicht?“, fragte der alte Mann die beiden Geschwister.
„Ja, erzähl weiter!“, sagte der Junge. „Hoffentlich fließt noch viel Blut!“
„Ja, weiter!, bat auch das Mädchen. „Aber nicht so brutal bitte.“
„Nun gut. Es gab einen jungen Regierungsbeamten namens Chan Man Wai, der die Prüfungen als Bester des Jahres bestanden hatte und sich einen Namen beim Kaiser machen wollte. Er entwickelte mit einem ausgestoßenen Mönch Namens Ma Ning Yee und einigen anderen Mönchen aus dem Kloster einen Plan, das Kloster zu vernichten. Er überredete sie, Ihre eigenen Kameraden zu verraten, indem sie hinter ihrem Rücken das Kloster in Brand steckten.“
„Warum wurde er ausgestoßen? Und wann kommt die wunderschöne, junge Frau wieder?“, fragte das Mädchen.
„Das zu erzählen würde zu lange dauern. Ihr sollt doch schlafen“, antwortete der alte Mann.
„Na gut.“
„Gut, wo war ich?“, überlegte der Erzähler kurz. „Ach ja, der Brand. Jedenfalls schafften die Verschwörer es, das Kloster anzuzünden und es brannte bis auf die Grundmauern nieder. Nur ein paar Mönche überlebten und konnten fliehen. Dazu zählen die buddhistische Meisterin Ng Mui, der Abt und Meister Chi Shin, der taoistische Meister Pak Mei, Meister Fung To Tak und Meister Miu Hin. Diese konnten entkommen und hielten sich verborgen.“
„Was heißt das?“, fragte der Junge.
„Was meinst du?“
„Na, verborgen halten. Haben die sich versteckt?“
„Ja, könnte man so sagen. Das heißt, dass sie falsche Namen annahmen und keinem sagten, dass sie Mönche aus dem Kloster waren.“
„Ach so. Sie haben gelogen.“
„Hm“, überlegte der Erzähler. „Wenn dein Leben davon abhängt, ist lügen in Ordnung, denke ich.“
„Wann kommt die wunderschöne junge Prinzessin endlich?“, drängelte das Mädchen.
„Sie war keine Prinzessin“, erwiderte ihr Opa. „Gleich komme ich wieder zu ihr.“
„Doch, ich will aber, dass sie eine ist!“, beharrte das Mädchen. „Sonst ist es eine doofe Geschichte!“
„Nein, sie ist nicht doof, sie ist wahr. Es ist eine Legende, keine Geschichte. Weißt du, was der Unterschied ist?“
„Nein, was denn?“
„Geschichten handeln von Zauberwesen, Märchenwelten und sind Phantasie. Legenden dagegen sind wahr.“
Der alte Mann sah in weit aufgerissene Augen und fuhr fort.
„Die buddhistische Meisterin Ng Mui nahm Zuflucht im Tempel des Weißen Kranichs am Hang des Tai-Leung-Berges. Dort lernte sie die schöne, junge Frau und ihren Vater kennen, weil Ng Mui dort immer Tofu kaufte.“
„Da ist sie ja!“, freute sich das Mädchen.
„Die Schönheit der junge Frau erregte die Aufmerksamkeit eines ortsbekannten Schlägers und Trunkenbolds, der sie mit Gewalt dazu zwingen wollte, ihn zu heiraten. Die wiederholten Drohungen des Schlägers gaben der jungen Frau und ihrem Vater Grund zur Sorge. Sie konnten den Schläger aber nicht zurecht weisen, da dieser in einer Geheimgesellschaft war und auch eine Kampfkunst beherrschte. Als die buddhistische Meisterin Ng Mui davon hörte, bekam sie Mitleid mit der jungen Frau und nahm sie als Schülerin auf.“
Der alte Mann verstummte und sah durch die geöffnete Tür in den Raum, in dem seine Frau auf einem bequemen Stuhl saß. Sie hatte eine Decke um die Beine gelegt und sah in das Feuer, das im Kamin brannte. Sie bemerkte den Blick ihres Mannes, erwiderte ihn und lächelte. Der alte Mann lächelte ebenfalls und entschied sich nun für eine andere Version der Legende.
„Die Meisterin Ng Mui konnte das schlimme Ereignis im Kloster, den Verrat der Mönche und den Tod von so vielen ihrer Freunde nicht vergessen und hatte noch eine andere Sorge: Wie sollte sie sich in Zukunft gegen die Angriffe der ebenfalls in der Kampfkunst der Shaolin geschulten Verräter und Soldaten schützen? Noch war sie stärker, als alle zusammen, aber irgendwann war sie zu alt, um sich gegen die jungen Soldaten zu wehren.“
Der alte Mann sah nun zufrieden in weit aufgerissene Augen. Jeder Satz von ihm wurde aufgesogen und ließ die Bilder in den kleinen Köpfen lebendiger werden. Er machte eine kleine Pause, um die Spannung noch zu erhöhen.
„Voller Sorge um ihre Zukunft ging sie zu einem kleinen Bergsee und machte dort eine Beobachtung, die sie dazu inspirierte, eine völlig neue Kampfkunst zu entwickeln! Was sah sie dort wohl?“, fragte er die beiden Kinder.
„Einen Drachen!“, sagte der Junge.
„Ein Einhorn!“, hielt das Mädchen entgegen.
„Nein, sie sah einen Kampf!“, berichtete ihr Opa. „Sie sah einen Kampf zwischen einem Fuchs und einem Kranich. Der Fuchs lief im Kreis um den Kranich herum, in der Hoffnung, einen tödlichen Biss in die ungeschützte Flanke des Kranichs machen zu können.“
„In die was?“, fragte der Junge.
„In die Seite.“
„Ach so. Dann sag das doch.“
„Der Kranich aber bleib in der Mitte und drehte immer die Brust dem Fuchs entgegen. Immer, wenn der Fuchs nun den Kranich angriff, wehrte der Kranich den Angriff mit einem der mächtigen und starken Flügel ab und stach gleichzeitig mit dem Schnabel zu. Der Kampf dauerte sehr lange und Ng Mui sah dabei zu. Er inspirierte sie zu völlig neuen Techniken und zu einem Komplett anderen und ebenfalls neuen Kampfsystem, als man es bisher kannte.“
„Wer hat gewonnen?“, fragte der Junge
„Der Kranich!“, rief das Mädchen
„Nein, der Fuchs!“, rief der Junge.
„Ng Mui ging, bevor einer von beiden den Sieg davon trug.“, stellte der alte Mann fest und blickte wieder zu seiner Frau.
Sie lächelte und nickte kaum sichtbar. Sie war zufrieden mit dem, was sie hörte. Aber sie hätte etwas anderes erzählt. Unbewusst strich sie mit der Hand über ihre Narbe am rechten Knöchel.
„Aber sie kam doch bestimmt wieder“, beharrte das Mädchen. „Da müssen doch noch Spuren gewesen sein. Fuchsblut oder Kranichfedern. Daran kann man einiges kombinieren.“
„Sie kam wieder, doch das war viel später. Da waren leider keine Spuren mehr da.“, stellte der Erzähler fest und besann sich wieder auf die Legende.
„Dieses neue System brachte Ng Mui nun der schönen, jungen Frau bei. Als die junge Frau nun alle Techniken gemeistert hatte, ging sie zurück in ihr Dorf und traf auch gleich auf den Schläger. Diesen schlug sie mit der neuen Kampfkunst so stark zu Boden, dass dieser liegen...




