Frey | Muster aus Hans | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 120 Seiten

Frey Muster aus Hans

Ein Bericht
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-85420-865-5
Verlag: Literaturverlag Droschl
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Bericht

E-Book, Deutsch, 120 Seiten

ISBN: 978-3-85420-865-5
Verlag: Literaturverlag Droschl
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'Hans ist anders als die anderen. Das sind die anderen auch. Es ist sein Anderssein, das anders ist.' So steht es am Beginn von Eleonore Freys Muster aus Hans. Mit denselben Worten wäre auch das ganze Buch treffend charakterisiert. Jeder Satz, der diesen Eingangssätzen folgt, hält inhaltlich und stilistisch, was die ersten drei versprechen.Hans ist eine jener Gestalten, die auf Biegen und Brechen nicht in die geschäftige Welt der gewöhnlichen Menschen passen wollen. Massig, bärtig, stumm steht Hans immer im Weg, er ist einer jener von der Gesellschaft Ausgeschlossenen, die viele fürchten und mehr noch beschimpfen. Ihrem Namen und Alter von dreiunddreißig Jahren entsprechend ist die Figur durchaus als Exempel zu verstehen. Gleichzeitig bleibt Hans ein Einzelfall. Sein Denken, das ein Denken in kleinen Schritten ist, macht sein Anderssein einzigartig. Freys Sprache passt sich diesem Rhythmus an und kommt damit viel weiter, als alle komplexe Theorie den Leser je bringen könnte. In kleinste Portionen unterteilt, überraschen die tiefsten Einsichten durch verblüffende Einfachheit.Muster aus Hans. Ein Bericht. Schon im Titel klingt der Tonfall des Buches an, der das wunderbare Paradoxon schafft, gänzlich nüchtern und gleichzeitig poetisch verfremdend zu sein. Wie der Titel changiert dieses Buch zwischen Wirklichkeit und Märchen – denn gerade das ist es am Ende, wenn der wilde Mann zum König wird, doch. '… kann ich nicht manchmal mit der Geige sagen, was ich in Worten nie gewusst habe?', fragt sich Hans’ Freund, und es sind diese Stellen, an denen uns beim Lesen plötzlich bewusst wird, was hier passiert: Eleonore Frey schreibt Sätze, die uns sagen, was wir in Worten bis jetzt nicht gewusst haben.

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I. Der wilde Mann


Ausgesperrt


Eine Tür, so breit wie Hans lang ist. Dahinter Musik, Stimmen, Gelächter. Licht fällt durch die Ritzen, durch die Fenster in der Backsteinwand. Die ist schwarz gestrichen. Wie auch die Tür, an die Hans anklopft, mit Fäusten schlägt; gegen die er anrennt mit seinem geballten Gewicht. Nach Kräften stemmt er sich dagegen, stemmt er sich mit beiden Füßen gegen den Boden. Rutscht aus. Fängt sich auf. Wechselt das Standbein. Noch einmal. Die Tür ächzt. Hält stand. Hans lässt ab. Fluchend. Die Worte hat er selber erfunden; solche, mit denen sich ohne zu fluchen lautstark fluchen lässt. Denn anders, weiß er, gehört es sich nicht. Es öffnet sich oben ein Fenster. Ein Mädchen schaut heraus. Bereits sind es zwei, drei. Sie lachen. Lea! ruft er in den Lärm hinein. Sie ist nicht hier, ruft es heraus. Hans droht mit der Faust. Fang! ruft eine, die sich von hinten an die Front gedrängt hat, und wirft ihm eine Büchse Bier hinab. Das ist Lea, seine Schwester. Als sie klein war, war sie stolz auf Hans, weil er unter allen Männern, die sie kannte, der größte war. Seit ihr die Nachbarskinder beigebracht haben, dass ihr Bruder ein Abnormaler sei, sagt sie: weiß nicht, wenn jemand wissen will, mit wem er sie gestern mitten auf der Straße schweigen oder streiten gesehen hat. Oder sie sagt, die war nicht ich. Hinter ihr steht ihr Freund Herbert, der sie als sein Eigentum um die Taille fasst. Die Büchse fällt auf den Boden. Platzt. Danke, sagt Hans. Gibt dem, was die Büchse war, einen Tritt. Das Ding fliegt in den Rinnstein. Das Fenster geht zu. Der Lärm bricht ab.

Hans geht weg. Nicht weit. Sobald er außer Sicht ist, setzt er sich auf eine Bank. Stellt sich tot. Das ist ein Ausweg. Denn solange er sich nicht rührt, bleibt den Vögeln das Zwitschern im Hals stecken und ihm, Hans, der Zorn. Der sich schließlich doch Bahn bricht durch die enge Kehle; hörbar, aber wortlos sich auflehnt gegen den Gang der Dinge, der Hans zuwider läuft, wo immer er sich hinwendet, er kann tun, was er will. Was haben Sie gesagt? fragt einer, der vorüber geht. Steht still. Hans blickt auf, erhebt sich, tritt vor den andern hin, nicht zu nah, und sagt: Ich habe mit mir selber geredet. Haben Sie sich verstanden? fragt der andere. Ja, sagt Hans. Ich habe gesagt, es hilft ja doch nichts, wenn ich etwas sage. Ich will nichts sagen, habe ich gesagt, sondern lieber bei mir selber bleiben. Und dann nach Hause gehen. Wissen Sie den Weg? fragt der Passant. Es gibt keinen Weg, sagt Hans. Ich habe kein Zuhause. Wo wollen Sie denn übernachten? fragt der Passant und weiß nicht recht, ob er gut tut, wenn er sich kümmert um was ihn nichts angeht. Weiß nicht, sagt Hans. Oder ich gehe in meine Wohnung, sagt er. Tritt von einem Fuß auf den andern. Fängt, nachdem er sich erinnert hat, wie das geht, an zu gehen. Also doch, sagt der Passant. Nein, sagt Hans, indem er sich noch einmal umdreht. Die Wohnung ist kein Zuhause, sondern ein Müllhaufen. Es ist dort kein Ort, wo man den Fuß hinsetzen kann, ohne dass man auf etwas tritt, das im Weg ist: Schuhe, eine zerbrochene Tasse. Kein Mensch wartet dort auf mich. Kein Tier.

Der Passant geht weiter. Was will der mit mir? fragt Hans. Laut. Da ist aber der andere bereits in der Menge verschwunden, in der einer wie der andere ist, einer mit dem andern im Takt geht. Für Hans, der eine andere Musik im Kopf hat, gilt die der andern nicht. Er geht nach seinem eigenen Gesetz. Manchmal eckt er an einen der Pfosten an, die da und dort aus dem Asphalt wachsen. Wenn das, wogegen er aneckt, ein Mensch ist, bekommt er oft einen gezielten Stoß oder einen bösen Blick. Wie es nun zu regnen beginnt, öffnen sich rund um ihn herum Regenschirme, oder es werden Kapuzen über den Kopf geklappt; Maßnahmen, die dem Spiel mit den Blicken ein Ende machen. Die Unbehüteten gehen mit gesenktem Kopf schneller als zuvor. Einige wenige stellen sich unter, wo sich eine Gelegenheit bietet: da ein Vordach, dort, bei der Bushaltestelle, ein Unterstand. Hans geht weiter. Ihm wird wohl. Es kümmert ihn nicht, dass er nass wird. Das Wasser läuft ihm übers Gesicht, in den Kragen. Er steht still, wirft den Kopf in den Nacken, öffnet den Mund und sperrt die Nasenlöcher weit auf. So tat es das wilde Kind, das vor langer Zeit irgendwo in Südfrankreich nackt im Wald lebte wie ein Tier. Hans hat das Kind im Film gesehen, hat gesehen, wie ihm der Regen ein Geschenk, Blitz und Donner ein Jubel waren sogar später noch, nachdem man es eingefangen, gewaschen, geschoren, frisiert, bekleidet und zur Schule geschickt hatte. Mir gefällt das auch, denkt Hans und nimmt die Brille ab, damit er die Welt sehen kann, wie sie ihm bestimmt ist; nicht so, wie sie ihm die Korrekturmaßnahmen der anderen zurechtgelegt haben, sondern wie sie sich ihm und nur ihm gibt. Er sieht nun zwar fast nichts mehr; nur noch, verschwommen, das Licht der Straßenlampe über seinem Kopf. Aber wie er das sieht! In der weit um sich greifenden, leise schwankenden Beleuchtung wird ihm die Nacht zum Lunapark. Wie im Tivoli, sagt Hans vor sich hin. Weißt du noch? sagt er zu sich selber und erinnert sich an den Lichtbaum mit den roten Herzen dran, an die wahnwitzige Achterbahn, die sich im Teich spiegelte und das Wasser von Grund auf aufwühlte. Und, alle geringeren Erinnerungen ausblendend, an den ewigen Schneesturm in der Geisterbahn, der nicht kalt war, sondern – ein Wirbel im andern und noch einer – aus Licht.

Wie er aus diesem Traum aufwacht, fremd unter den Menschen, die an ihm vorbei eilen, setzt er die Brille wieder auf, damit nicht unversehens jemand Einblick bekommt in was er nicht sehen soll: in die Gedanken, die sich in seinem Kopf zusammenziehen, sich ballen und dann wieder verfliegen. Das ist ein Theater, das nur ihm allein gehört. Manchmal spielt er sich auch leibhaftig etwas vor, wo er gerade steht. Zum Beispiel, dass er Mackie Messer ist. Oder ein Hai. Weil er aber damit in der Öffentlichkeit nicht am Platz ist, erregt er öfter Unwillen als Heiterkeit. Oder er macht sogar irgendeiner schwachen Seele Angst. Das kann zu Schwierigkeiten führen. Darum hält er jetzt an sich und verschiebt das Drama auf später; auf eine Bühne, wo ihn niemand sieht. An eine Mauer gelehnt bleibt er stehen, bis der Regen aufhört. Schüttelt sich. Tut entschlossen einen ersten Schritt und dann noch einen. Vergisst sich. Zögert. Weiß nicht mehr, was er soll. Was überhaupt das alles soll. Entschließt sich dann, durch die Nacht zu gehen nicht irgendwohin, wie er es sonst tut, sondern immer in Richtung des hellsten Lichts. Das hat zur Folge, dass seine Füße auf dem Weg zur Verkehrsampel und dann zum beleuchteten Springbrunnen und von dort stracks auf ein Auto zu ein Labyrinth in die Stadt hineinschreiben. Geblendet von den Scheinwerfern muss er nun aber einen Haken schlagen und fällt dabei über sich selbst. Der Herr im Auto lässt die Scheibe hinunter und macht Hans Vorwürfe, die vor allem daraus bestehen, dass der Herr sich von jeder Schuld lossagt, falls Hans sich wehgetan haben sollte. Hans sagt nichts. Damit ist der Herr nicht zufrieden. Da aber Hans ihn unentwegt weiter wortlos fixiert, muss er sich in seine Unzufriedenheit schicken. Er gibt ihr nun seinerseits ebenfalls stumm Ausdruck, indem er den Kopf schüttelt, die Scheibe hochdreht und losfährt. Hans untersucht sein linkes Knie. Es tut weh. Aber, sagt sich Hans, es ist nichts.

Es ist nichts, und Hans hinkt nicht, wie er nun auf geradem Weg in seine Bar geht. Dort enden meistens seine Abende, oder es fängt dort, kann man auch sagen, Abend für Abend sein Leben an. Seine Zuflucht heißt Zum bunten Huhn. Niemand weiß, warum sie nicht Zum bunten Hund heißt, denn es gibt, so sieht es Hans, auch nicht den geringsten Anlass, aus dem sprichwörtlich bunten Freund des Menschen ein Federvieh zu machen. Aber es gibt Dinge, die kein Nachdenken klären kann, hat Hans gelernt, denn sie sind unerklärlich. Wie es sich auch nicht erklären lässt, warum ihn seine Schwester Lea vom Fest ausgesperrt hat, das dort, wo er mit der Tür ins Haus fallen wollte, wohl immer noch im Gang ist und wo er alle, die dabei sind, kennt, seit sie Kinder waren. Und jetzt begegnen sie ihm, als sei er, obwohl mit Hand und Fuß versehen, kein Mensch, sondern ein Wesen, mit dem man sich besser nicht abgibt. In seiner Bar dagegen begrüßen ihn alle, wie er eintritt. Zwar ist er hier auch nicht zuhause, denn er darf nicht länger bleiben als alle andern. Aber er kann sich doch unbehelligt an die Theke setzen und der Musik zuhören, die von der Decke auf ihn herab rieselt, Ton um Ton verwoben mit dem rötlich flimmernden Licht. Ein Bier, sagt er zu Susi, die seine Freundin wäre, wenn sie nur wollte. Das bekommt er für sein Geld. Als Dreingabe ein Lächeln. Und zum Überfluss auch noch die Frage: Wie geht’s? Die kann er heute nicht gleich beantworten. Die Sache mit Lea geht Susi nichts an. Nicht wie dir, sagt er schließlich, nachdem er das erste Glas ausgetrunken und bereits das zweite vor sich stehen hat. Damit wird er der Verwirrung, die ihn hemmt, gerecht. Denn die ist unteilbar unsäglich. Wie geht es denn mir? fragt ihrerseits Susi. Wie soll ich das wissen? fragt Hans. Ich kann nicht sehen, wie es in dir drin aussieht. Susi hat einen Diamanten im linken Nasenflügel. Der war gestern noch nicht da. Gottlob, sagt sie. Wenn jeder sehen könnte, was ich denke, wo kämen wir da hin? Ins Paradies, sagt Hans. Dort sind die Menschen durchsichtig. Das weiß er von seinem Vater. Der hat es aus dem Buch, das er immer liest, wenn er nichts anderes zu tun hat. Das Buch ist ihm, was Hans das bunte Huhn ist. In ihm ist er zuhause wie ein Dachs in seinem Bau. Susi fängt an, Gläser abzuwaschen. Das mit dem Paradies geht so … will Hans weiterfahren. Sie hört nicht zu.

Hans muss jetzt...



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