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E-Book, Deutsch, 248 Seiten

Frey Jackpot

oder: Die Würde des Menschen ist verfügbar
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7407-7729-6
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

oder: Die Würde des Menschen ist verfügbar

E-Book, Deutsch, 248 Seiten

ISBN: 978-3-7407-7729-6
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Krieg der Generationen ist kein Mythos mehr. In den reichen Industrieländern sind weder die Politik noch die auf Konsum und ewiges Wachstum konditionierte Gesellschaft dem Phänomen gewachsen. Im Gegenteil. Seit der jüngsten Pandemie - weitere sind lediglich eine Frage der Zeit und folgen in immer kürzeren Abständen - hat sich der über Jahrzehnte als Generationenkonflikt schön geredete Kampf zu einer neuen Apartheid verschärft. Menschen im Rentenalter werden als Risikogruppe ausgeschieden und in Gefängnis ähnlichen Zuständen gehalten, am Kontakt mit anderen Generationen gehindert. Lisbeth, Marx, Bocuse, Tilda, Marge und Frank, Annika und Ralph. Acht alte Menschen, die nicht mehr zu den jungen aber noch nicht ganz zu den alten Alten gehören, finden in einer Altersresidenz zusammen. Im Laufe eines Jahres verschlechtern sich die Aussichten für einen würdevollen Gang durch die letzten Abschnitte auf ihrem Lebensweg. Die acht Linken, wie sie im Haus nicht eben freundlich bezeichnet werden, entlarven den teuflischen nationalen Plan M und kommen dem von globalen Playern entwickelten Happyend-Gen auf die Spur. Sie sehen sich aber ausser Stande, dem System die Stirn zu bieten. Bis sie eine Tippgemeinschaft gründen... Mit Humor und Sarkasmus setzen sie lustvoll und erfolgreich ihre reaktivierten Kompetenzen und ihre ganze Lebenserfahrung ein. Daten-Hacken und flexible Wahrheiten sind dabei so unerlässliche Ingredienzen, wie die vom Sizilianer Bocuse zubereiteten Speisen und das Exil in dessen Heimat. Aus acht Individualisten ist eine zu allem entschlossene, solidarische Gruppe geworden. Und wie einst Odysseus und seine Gefährten - nach dem sie den einäugigen Zyklopen Polyphem mit List und Mut besiegt hatten - setzen auch die Linken in Sizilien die Segel. Um sich auf die lange Reise - nach Ithaka? - zu machen.

Stefan Frey, Kaufmann und Journalist, ist seit Anfang der Siebziger Jahre publizistisch tätig und engagiert sich aktiv in Projekten für Kultur, Umwelt und Entwicklung. Zusammen mit dem Fotografen Christian Gerber Reportage-Reise nach Kuba. Zehn Jahre im Dienst einer global tätigen Natur- und Umweltschutzorganisation. Unabhängiger Berater in Kommunikationsprojekten. 1987 erste Reise nach Madagaskar, wo er seither zahlreiche Projekte initiierte. Verschiedene Veröffentlichungen in Zeitungen und 2010 in der Sammlung Spiegelungen der Macht, Knapp-Verlag, Olten. 2013 erschienen Blätter aus dem Tropenwald, Kurz-Geschichten aus Madagaskar; Knapp. 2014 bei Tredition der Roman DIE BEFREIUNG - Eine Liebe auf Madagaskar. Von der Kolonie zur Befreiung und zurück. 2017 der satirische Roman DER ABGANG Bericht aus einer nahen Zeit über die Machtübernahme in einem stabilen Alpenland. 2019 der Roman STROHGOLD - Aufstieg und Fall im Second Empire. Der Autor lebt und schreibt in Olten (Schweiz) und in Diego-Suarez, Madagaskar.

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2 Ein herber Abend verdrängte die in einem milchigen Schleier untergehende Sonne, die tagsüber nur ein verfrühtes Versprechen oder vielmehr eine Vorwarnung auf den wie üblich brütend heißen Sommer abgegeben hatte. Nun überzog die dunstig-neblige Spätwinterdecke einer früh hereinbrechenden Nacht das Geviert des Steingartens. Es klingelte oder vielmehr es summte vernehmlich und über der Tür blinkte dezent ein bläuliches Licht hinter einem Milchglas, das an die Nachtleuchte eines Spitals gemahnte. Marx hatte sich gerade in der Küche zu schaffen gemacht, wollte aus den noch in einer Umzugsschachtel verstauten Lebensmittelvorräten ein einfaches Nachtessen improvisieren. Vorsichtig hatte er einen sorgsam verpackten Valpolicella, einem Ripasso, aus einem polsternden Küchentuch gewickelt und den Korkenzieher hineingedreht. (Da waren Sonja und er stur geblieben: es wurde selber gekocht, keine dieser vorgekochten Industriekotzen aufgewärmt, und wenn man selten einmal auswärts essen gegangen war, dann mit Klasse. Er blieb dem Grundsatz auch über Sonjas Tod hinaus treu, auch wenn das Kochen für eine Einzelperson manchmal einen unverhältnismäßigen Aufwand bedeutete. Aber es ging nicht anders, weil er es nicht anders wollte, außerdem hatte er Zeit.) Etwas verwundert über den ebenso unerwarteten Besuch öffnete er – unbedacht noch immer die Flasche mit Korkenzieher in der Hand haltend – die Tür zum Außenflur. „Marx, caro amico, benvenuto nell'Inferno di Dante!“ Ein rundes, fröhliches Gesicht, lachende Augen unter weiß-grauen, buschigen Augenbrauen erschienen im Türrahmen. Das Haupt von dichtem, fast helmartig schlohweißem Haar bedeckt und – man muss es sagen – die ansehnliche Wampe mit der wohlbekannten Kochschürze bespannt. Bocuse! Bocuse, eigentlich Roberto Ribaudo, galt jahrzehntelang weit über die Stadt hinaus als der beste Koch. Er hatte eine Handvoll guter Restaurants jeweils ein paar Jahre lang bekocht. An den legendären 1.-Mai-Festen, wo mit Marx und Sonja Bekanntschaft und Freundschaft geschlossen wurde, rührte er oft die Kellen für sein legendär gewordenes Risotto. Trotz Angeboten aus der Großstadt – und sogar aus dem Ausland – konnte er sich nicht zum Weggehen entschließen. Sein wunderlicher Spitzname stammte aus einem Artikel aus Marx’ Zeitung, aber nicht von Marx geschrieben, sondern von einer Journalisten-Praktikantin, der seinerzeit für die Berichterstattung zu einem Event im gerade von ihm bekochten Restaurant einfach die Phantasie oder die Allgemeinbildung gefehlt hatte, sich einen anderen Ehrentitel als jenen des Franzosen einfallen zu lassen. Er wurde den Übernamen nie mehr los. Bocuse hatte es nie zu einer Familie gebracht, zu familienfeindlich waren die Arbeitszeiten; und nach der Aktivzeit zurück nach Italien? Als eines der ersten aus Sizilien geflüchteten Migrantenkinder war die alte Heimat unter dem Diktat der neuen Faschisten keine Option mehr. Von Ferienaufenthalten und drei-, viertägigen Einkaufstouren bei Fischern, Jägern, Züchtern und Gemüsebauern an der Küste und im Hinterland abgesehen. Es waren Tauchgänge in die Tiefsee seiner Kindheitserinnerungen und in späteren Tagen der Versuch, durch ein völlig verrücktes Projekt, irgendwo im Dreieck zwischen Vigata, Corleone und Marsala – im Niemandsland zwischen der Einsamkeit des Alters und dem Entschwinden der Kindheit – ein bleibendes Werk zu erschaffen. Und hier, im neuen Land der altbekannten Fremdenfeinde? Dieses Land war ihm nie wirklich als Heimat ins Herz gewachsen. Aber er war trotz allem hiergeblieben. Wo aus Kunden allmählich Freunde wurden, auch wenn das Land seiner neuen Freunde ihm stets fremd bleiben sollte. Marx und Sonja waren jahrelang in den von ihm bekochten Restaurants zu Gast. Wenigstens wenn es gelegentlich etwas bei gutem Essen und Wein zu feiern gab; Hochzeitstage etwa, runde Geburtstage, eine gelungene Story oder ganz einfach, weil sie sich ausnahmsweise etwas Gutes tun wollten. Vielleicht wegen der nach Sonjas Tod verblassten Freundschaft mit dem Koch hatte Marx im ersten Moment die Sprache verloren. ‚Was um Himmels willen, soll dieser Aufzug?’ fragte er sich, und fand auch nach intensivstem Nachdenken keine Erklärung. Aber da wurde er bereits vom Sizilianer mit überbordender Herzlichkeit in seine neuen vier Wände gedrängt. Bocuse hatte sich dabei die Weinflasche gegriffen und drehte nun - bereits am Tisch sitzend – den Korken aus der Flasche, derweil sich Marx beeilte, aus der mit Glas bezeichneten Umzugskiste zwei Rotweingläser zu klauben, sie vom schützenden Papier zu befreien, zu spülen und dann trocken reibend auf den Tisch zu stellen. Sie hätten ihn schon seit Tagen erwartet, hatte Bocuse das Rätsel aufzulösen begonnen. „Wir, das sind neben mir die Insassen der anderen vier Zellen dieses Traktes.“ Er ließ die linke Hand ausschweifen und meinte damit die sechs linksseitig des Aufzugs befindlichen Wohneinheiten. „Nachdem uns die selige Claire für einen längeren Aufenthalt auf dem Waldfriedhof verlassen hat, wollten wir natürlich wissen, mit wem wir es zu tun bekämen. Lisbeth, du wirst sie nachher kennen lernen, hat es mit ein paar Klicks herausgefunden. Und da waren wir natürlich glücklich, einen so berühmten Mann bald unter uns zu wissen.“ Marx begann es zu dämmern. Er war in eine Gemeinschaft ehemaliger Leser geraten, offenbar in eine Gruppe von Menschen, die das von ihm Geschriebene geschätzt hatten, was ihn berührte. „Na, na, na, so berühmt bin ich nun auch wieder nicht, und überhaupt ist alles schon Jahre her“, hatte er den ungestüm berichtenden Bocuse zu beschwichtigen versucht. Aber da hatte es bereits an der hofseitigen Fensterfront geklöpfelt und schelmisch grinsende und winkende Rentner erschienen auf dem vom Licht der angrenzenden Wohneinheiten gespenstisch in eine Theaterszene verwandelten Sitzplatz vor Marx’ Wohnung. Jemand aus der Gruppe hatte ein Blatt Papier an die Scheibe gehalten. „Willkommen, lieber Marx!“ war zu lesen, umrahmt von vielen Herzchen. Und so unvermittelt wie sie aufgetaucht waren, verschwanden sie wieder. Auftritt und Abgang von Elfen – deren Seniorenmannschaft zumindest. „Ecco, le nostri amici.“ kommentierte Bocuse das ephemere Spektakel, um sofort zum Kern seiner Mission vorzustoßen. „Wir möchten dich am ersten Abend hier in unsere Runde einladen. Ich habe uns etwas Gutes vorbereitet. In einer Stunde wird gegessen.“ Marx, in den letzten einsamen Jahren fast zum Einsiedler geworden (er hatte diese stärker werdende Tendenz, sich aus allem rauszuhalten, sich für nichts mehr zu interessieren und das Leben stoisch an sich vorbei ziehen zu lassen, schon seit geraumer Zeit an sich festgestellt und kein Mittel dagegen gefunden), fand sich nur langsam mit dieser völlig unerwarteten Situation zurecht. Nicht, dass es ihm unangenehm gewesen wäre, im Gegenteil. Aber wie lange war es her, seit er unter Leuten gewesen war? Wann hatte er das letzte Mal ein Glas Wein in Gesellschaft lieber Menschen getrunken? Er erinnerte sich nicht, aber es mussten Jahre vergangen sein. „Dann wollen wir doch endlich anstoßen auf unsere Nachbarschaft“, deklamierte er, um auf diesem Umweg zu Bocuse und zur Sprache zurück zu finden. Die beiden älteren Männer unterschiedlicher Postur – der eine bacchantisch, fröhlich, rundlich, der andere weihnachtsmännisch, gravitätisch, gut gebaut mit angedeutetem Bauchansatz – brauchten keine langen Reden, um sich zu verstehen. Es war, wie wenn Marx, seine Sonja zur Seite, erst gestern zum Hochzeitstag bei seinem Lieblingskoch Osso Bucco und Risotto Milanese genossen hätte, und einem anderntags der begnadete Koch über den Weg läuft. „Also, das ist ja nun wirklich eine riesige Überraschung, lieber Roberto. Erstens hatte ich natürlich keine Ahnung, dass du auch hier wohnst und zweitens konnte ich mir noch weniger vorstellen, dass man mich hier in Erinnerung behalten hat. Ich meine, an einem Ort, wo nichts flüchtiger wird als Erinnerung, wenn du verstehst, was ich meine.“ Bocuse verstand sehr wohl die Anspielung auf die auch im Steinpark omnipräsente Geißel der Alten, die – man sprach nicht davon – immer mehr auch auf die jüngeren Generationen einzuschlagen begonnen hatte, ohne dass es dafür eine plausible Erklärung gegeben hätte. Jedenfalls keine offizielle, wissenschaftlich untermauerte. „Keine Angst, lieber Marx, wir sind noch nicht Gemüse; wir, wenigstens meine Freunde und ich, sind noch voll dabei. Deshalb wollten wir ja auch unbedingt wissen, wer zu uns ziehen wird. Und es war wirklich ein allseitiges Hurra, als Lisbeth letzte Woche an meinem Tisch die Neuigkeit verbreitete. Glaub mir, wir konnten es kaum erwarten, dich willkommen zu heißen. Deshalb habe ich so ungehobelt bei dir geklingelt, denn du bist ja noch mitten im Einzug, wie ich sehe, und hast...



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