E-Book, Deutsch, 435 Seiten
Frey Franz Lehár
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-205-21182-2
Verlag: Böhlau
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der letzte Operettenkönig. Eine Biographie
E-Book, Deutsch, 435 Seiten
ISBN: 978-3-205-21182-2
Verlag: Böhlau
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Stefan Frey (geb. 1962) ist Operettenforscher und lebt mit seiner Familie in München. Nach Studium und Promotion hat er als Regieassistent, Dramaturg und Regisseur gearbeitet und ein eigenes Theater gegründet (Theaters in der Tenne, Maierhöfen). In München hat er die Studiobühne des Instituts für Theaterwissenschaft geleitet, wo er seitdem auch lehrt. Frey ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen, Programmheftartikel und Vorträge sowie Kurator theatergeschichtlicher Ausstellungen. Außerdem ist Frey für diverse deutsche Radiosender tätig und moderiert auf BR-Klassik den Operetten-Boulevard.
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Blindlings in die Wiener Operette hineingeraten
1901–1904
„Ich bin sozusagen ganz ahnungslos und blindlings in die Wiener Operette hineingeraten.“
Franz Lehár119
„Ich bin nicht Dein Kolumbus“
„1901 … In Unterach. Es regnete. Natürlich: Salzkammergut. Hausarrest. Ich höre Klavierspiel. Lizzy. Was spielt sie nur da? Smetana? Dworzak? Tschaikowsky? Das hört sich ja so slawisch an. Und unverfälscht … Na, was kann denn das sein? Ich geh ins Klavierzimmer … und frage:
‚Von wem? Und woher?‘
‚Aus Kukuska, von Lehár.‘
‚Was ist Kukuska? Wer ist Lehár?‘
‚Aber, Papa, das ist doch der fesche Kapellmeister vom Eislaufplatz! Weißt du nicht mehr? … ich hab’ so die Impression: der kann viel. Mit dem solltest du etwas schreiben!‘
‚Eine Oper?‘…
‚Der kann doch auch Operette komponieren … Oder glaubst du nicht, daß diese slawischen Gesänge auch in einer Operette große Wirkung machen würden? … Und was Neues wär’ es! … Und dann, Papa, denk doch nur an den Marsch Jetzt geht’s los! Das wär ja ein richtiger Operettenschlager!‘“120
Schauplatz: das Klavierzimmer einer Villa in Unterach am Attersee. Auftretende Personen: die zwölfjährige Felicitas, genannt Lizzy, und ihr Vater, der berühmte Librettist Victor Léon. Mit dieser Szene beginnt Franz Lehárs Operettenlaufbahn. Überliefert hat sie Léon selbst anlässlich des 60. Geburtstags des Komponisten und in memoriam seiner Tochter Felicitas, „der Lizzy, die allzu früh hinübergeeilt ist in die Sphären, wo die Engel daheim sein sollen.“121 Sie war 1918 mit nur 30 Jahren an einer Blinddarmentzündung gestorben, für Victor Léon, wie seine Biographin Barbara Denscher meint, „ein überaus schmerzhafter Schlag, den er offenbar nie ganz überwunden hat.“122 Entsprechend verklärt fielen seine Erinnerungen aus. Dass ihm Lehár 1902 ein Porträt mit der Widmung „Meinem Entdecker“ geschenkt hatte, nimmt er im selben Artikel 1930 zum Anlass, diese „bestrickend liebenswürdige Übertreibung“ zu korrigieren: „Nein, lieber, guter Franz, ich bin nicht Dein Kolumbus. Sofern Du überhaupt einer Entdeckung bedurftest, ist Dir diese von jemand anderem geworden, von einem Wesen, von dem Du erst viel später erfuhrst, daß Du diesem Deinen Eintritt in die Phalanx der erfolgstürmenden Operettenkomponisten zuschreiben mußt. Und gerade der heutige Tag … gibt mir Anlaß, es Dir in Erinnerung zu rufen. Meine Tochter Felicitas war Deine Entdeckerin.“123
Von diesem, wie Denscher schreibt, „zentralen Narrativ der Lehár-Biografik“124 konnte der Komponist 1912 also noch gar nichts wissen, als er seine erste Begegnung mit Léon entschieden nüchterner schilderte. Aber auch ohne Lizzy spielte der Marsch Jetzt geht’s los eine entscheidende Rolle bei Lehárs damaliger Suche nach einem Libretto. „Unter anderen wendete ich mich an Viktor Léon, den damals erfolgreichsten Wiener Librettisten, und sandte ihm meine Oper Kukuschka. Er antwortete mir, dass er zu stark in Anspruch genommen sei. Nach einiger Zeit schrieb er mir jedoch, falls ich noch die Absicht habe, eine Operette zu schreiben, möge ich ihn besuchen. Als ich ihn fragte, wieso er jetzt auf mich gekommen sei, sagte er mir, er habe meinen Marsch Jetzt geht’s los gehört, der ihm viel mehr für meine Eignung zum Operettenkomponisten zu sprechen scheine als Kukuschka. Er gab mir das Vorspiel zum Rastelbinder, und dies ist eigentlich meine erste Operette“125.
Und diese Operette begründete einen neuen Stil. Schon das erwähnte Vorspiel mit der slowakischen Kinderverlobung und seiner Abschiedsmelancholie war für das Genre unkonventionell und lag Lehár – wie überhaupt das ganze Libretto, nicht zuletzt wegen seiner erstaunlichen biographischen Bezüge. Der Lebensweg der Titelfigur, eines armen Slowakenbuben, der, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, als Kind in die Fremde zieht, um schließlich in Wien sein Glück zu finden, entspricht jenem Franz Lehárs: von den bescheidenen Anfängen in der slowakisch-ungarischen Geburtsstadt Komorn, über die oft entbehrungsreichen Lehr- und Wanderjahre in Prag, Elberfeld, Losoncz und Pola – bis zur Karriere in Wien. Mit dem Rastelbinder hatte er nicht nur den passenden Stoff, sondern auch den adäquaten Librettisten gefunden, der viele seiner Vorstellungen teilte. Ohne Léon wäre Lehár nicht der Operettenkönig geworden, der er schließlich wurde. Das hat er Léon nicht vergessen. Auf dessen Geburtstagsartikel zum 60. antwortete er telegraphisch aus Baden-Baden: „dein artikel hat meine seele aufgewuehlt und ich finde keine worte um dir so danken zu koennen wie ich es empfinde unsere herzen finden sich aber beim gedenken an unsere liebe gute lizzy und lass auch du dir sagen dasz du zu jenen seltenen menschen gehoerst die treue halten koennen wenn das schicksal zwei freunde auch fuer eine zeit trennte ich bin stolz darauf dich meinen freund nennen zu duerfen herzinnigst dein getreuer lehar“126
Dabei hatten Léon und Lehár sehr unterschiedliche Temperamente: hier der eher ruhige, zurückhaltende Komponist, der ganz in seiner Arbeit aufging, dort der impulsive, aufbrausende Librettist, Theatermensch durch und durch. Was sie verband, war das Bestreben, die Operette zu reformieren. Einig waren sie sich darin, dass „die wirklich moderne Operette“, wie Léon formulierte, „eigentlich eine Form der Oper, ein Stück mit Musik darzustellen hat … [ein] Stück mit Menschen in menschlichen Konflikten … die den Komponisten auch zu echt künstlerischer Arbeit anregen.“127 Die später Lehár vorgeworfene „Veredelung der Operette“ war also eigentlich bereits eine Idee Léons. Trotz der insgesamt überschaubaren gemeinsamen Opuszahl wurde er für den Komponisten zur prägenden Librettistenfigur.
Léons Geburtsort Senica, wo er am 4. Januar 1858 als Viktor Hirschfeld zur Welt kam, liegt wie der Lehárs in der Slowakei und auch seine Kindheit war geprägt vom unsteten Wanderleben der Familie. Sein Vater war nämlich Rabbiner und wurde noch im selben Jahr nach Pécs, fünf Jahre später nach Augsburg und dreizehn Jahre später nach München berufen, bis sich die Familie 1876 schließlich in Wien niederließ. Im Jahr darauf wurde Viktor Hirschfeld in die Schauspielschule des „Conservatoriums der Gesellschaft für Musikfreunde in Wien“ aufgenommen, das er nach einem guten Jahr wieder verließ. Er betätigte sich als Journalist und Schriftsteller, schrieb Stücke, war als Dramaturg tätig und wurde 1897 schließlich Oberregisseur am Carl-Theater. Schon elf Jahre vorher hatte er sich zusammen mit dem Komponisten Alfred Zamara der Operette zugewandt: Ihr Doppelgänger erregte das Interesse des Walzerkönigs Johann Strauß. Für ihn schrieb Léon nach Grimmelshausens gleichnamigen Roman das Libretto zu Simplicius. Obwohl die Uraufführung ein glatter Misserfolg war, hatte sich Léon dank Strauß auch als Librettist etabliert. So schrieb er für Franz von Suppè das nicht mehr vollendete Modell, für den Brahms-Freund Richard Heuberger dessen erste Operette Der Opernball und zusammen mit Leo Stein das Strauß-Pasticcio Wiener Blut. Daneben hatte er sich vor allem mit modernen Volksstücken einen Namen gemacht, wie ein Tagebucheintrag Arthur Schnitzlers über Léons Gebildete Menschen verrät: „Überraschung, daß dieser fleißige Fabrizierer ein ganz tüchtiges Volksstück zustande brachte.“128 Wiens sarkastischer Satiriker Karl Kraus hatte Léon bereits zu Zeiten des „Jungen Wien“ im Kreise der „demolirten Literatur“ begeistert begrüßt: „Endlich einmal ein wirklich Nervöser! Das tut förmlich wohl in dieser Umgebung des posirten Morphinismus. Er ist kein Künstler, nur ein schlichter Librettist, der hier den Anderen mit gutem Beispiel vorangeht. Abgehetzt, von den Aufregungen der Theaterproben durch und durch geschüttelt, nimmt er geschäftig Platz: Kellner, rasch alle Witzblätter! Ich bin nicht zu meinem Vergnügen da! … Seine Beziehungen zur Bühne sind die eines produktiven Theateragenten, und er entwickelt eine fabelhafte Fruchtbarkeit, die sich auf die meisten Bühnen Wiens erstreckt. Nach jeder einzelnen seiner Operetten glaubt man, jetzt müsse er sich ausgegeben haben. Doch ein wahrer Antäus der Unbegabung, empfängt er aus seinen Mißerfolgen immer neue Kräfte … Doch scheint das Geschäft seinen Mann zu nähren. Heute gehört ihm eine Villa, am Attersee herrlich gelegen – mit Aussicht auf den Waldberg.“129
Der Rastelbinder
„Zeitbild“ hatte Victor Léon sein erfolgreiches Volksstück Gebildete Menschen 1895 genannt, weil er darin soziale und kulturelle Probleme der Gegenwart thematisiert hatte. Er schrieb noch weitere „Zeitbilder“, von denen das Stück Die lieben Kinder später zur Leo-Fall-Operette Der fidele Bauer umgearbeitet wurde. Auch Der Rastelbinder gehört in diese Reihe als erste tagesaktuelle Operette dieser Art. Schon der Titel verweist auf ein Gewerbe, das zum damaligen Wiener Straßenbild gehörte. Slowakische Drahtbinder und Wanderhändler, die Siebe, Mausefallen und Metallgestelle feilboten waren damals allgegenwärtig. Das Schicksal der Titelfigur Janku, der sich in einen feschen Wiener Schani verwandelt, erzählt die Geschichte einer geglückten Assimilation. Und genau davon träumte damals jene Hälfte der knapp zwei Millionen Einwohner Wiens, die nicht dort geboren, sondern aus allen Teilen des vielsprachigen Kaiserreichs zugewandert war. Der Rastelbinder war damit tatsächlich ein „Zeitbild“,...




