E-Book, Deutsch, 308 Seiten
Frey Der Abgang
3. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7407-0073-7
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Bericht aus einer nahen Zeit
E-Book, Deutsch, 308 Seiten
ISBN: 978-3-7407-0073-7
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Stefan Frey (*1952). Ausgebildet zum Kaufmann und Journalisten ist der Autor seit den frühen Siebzigerjahren publizistisch tätig und engagiert sich aktiv in Projekten für Kultur, Umwelt und Entwicklung. Zusammen mit dem Fotografen Christian Gerber Reportage-Reise nach Kuba. Zehn Jahre im Dienste einer global tätigen Natur- und Umweltschutzorganisation, danach unabhängiger Berater in Kommunikationsprojekten. 1987 erste Reise nach Madagaskar, seither in vielen Projekten auf der Großen Insel im Einsatz. Seit 2003 entwickelte und realisierte er dank Spenden aus der Schweiz Projekte für die Elektrifizierung von Dörfern im Norden der Insel. Von 2012 bis 2017 Medienarbeiter für die Schweizerische Flüchtlingshilfe. Verschiedene Veröffentlichungen in Zeitungen und in der Sammlung «Spiegelungen der Macht», 2010, Knapp-Verlag, Olten. Im Februar 2013 erschienen "Blätter aus dem Tropenwald", Kurzgeschichten aus Madagaskar; Knapp-Verlag, Olten. 2017 Der Roman "Der Abgang - Bericht aus einer nahen Zeit." Der Autor lebt heute in Olten (Schweiz) und in Diego-Suarez (Madagaskar).
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Prolog
Die Schulabgänger und jungen Erwachsenen mit Berufslehre bekamen die rasant ablaufenden Veränderungen als erste zu spüren. Sie fanden keine Lehrstellen mehr, weil die kleinen und mittleren Unternehmen als traditionelles Rückgrat der Berufsbildung ausgefallen waren: man konnte es sich einfach nicht mehr leisten, Lehrlinge auszubilden. Und die etwas älteren jungen Berufsleute wurden, nachdem keine Ausländer mehr als Ausgleichsmasse zur Verfügung standen, als erste gefeuert, weil die Familienväter den Vorrang bekamen. Wenigstens vorläufig.
In Archburg-Ohringen, einem der traditionsreichsten und unerschütterlichsten Stammplätze der Partei, wo einst Sozialdemokraten und Gewerkschaften das Sagen hatten, war im Jahr Zwanzig jeder Zweite arbeitslos. Das von strammen Parteikadern geführte Sozialamt wurde tagtäglich von Bittstellern belagert. Die regionale Arbeitslosenverwaltung in Zofingen musste in Archburg eine eigene Dienststelle eröffnen, weil die auf viertausend Frauen und Männer angewachsenen Arbeitslosen nicht mehr im Bezirkshauptort betreut werden konnten, sie überforderten die dort vorhandenen Kapazitäten. Hauptursache der Arbeitslosigkeit war ein weltweit operierender Küchenhersteller, der seine Marke vor dem in Verruf geratenen nach Asien in Sicherheit bringen musste. Die Küchen wurden nun . Die wenigen, nicht entlassenen, hochqualifizierten Fachleute wurden vor die Wahl gestellt, entweder irgendwo zwischen Burma und Indonesien in einer Werksanlage zu leben, dort aber den erlernten Job weiter ausüben zu können oder sich bei der Umstellung der Produktion in Archburg-Ohringen nützlich zu machen und Produktions-Straßen für Rohlinge einzurichten und später als Schichtführer die auf einfache Handgriffe reduzierten Arbeitsplätze zu überwachen. In beiden Fällen für den halben bisherigen Lohn. Der Küchenhersteller lieferte das Beispiel für eine Entwicklung, wie sie vielerorts um sich griff. Das deindustrialisierte Land, das noch wenige Jahre zuvor Produkte von höchster Qualität exportiert hatte, verwandelte sich allmählich zu einem Produktionsstandort zurück für die Zulieferung an ehemals einheimische Firmen, die das Land verlassen mussten, wenn sie auf den Märkten überleben wollten. Im Herzen Europas, im Herzen der Alpen, zeichnete sich ein neues Tieflohnland ab. Es kam nicht einmal zu Streiks oder Unruhen, denn die Gewerkschaften hatten im Verbund mit einer längst zum Schmiermittel einer globalen Wachstumsmaschine verkommenen öko-sozialen Bewegung keine Alternative parat. Man hatte sich mit den Brosamen des Produktivitätszuwachses arrangiert. Schon vor der faktischen Machtübernahme hatten Generationen von Arbeitern und Angestellten dankbar anzunehmen, was der globalisierte Kapitalismus an Brosamen übrig ließ. Und nun? Es war zu spät für Gesellschaftsmodelle, die ein Leben ohne Konsumzwang, ohne das jahrzehntelange Immer-Mehr, die eine Gesellschaft des Genug hätten Wirklichkeit werden lassen. Der Zug war in eine Richtung abgefahren, von wo es kein Zurück mehr geben würde: mehr, noch mehr, immer mehr.
Die Partei antwortete mit Sport- und Kulturangeboten für die hervorragend ausgebildeten, aber zukunftslosen Jungen, die man jetzt in geleasten Fahrzeugen Uber-Dienste und als angeblich ‚Selbständige’ Versandaufträge verrichten sah. Landauf, landab gründete man Jugendsektionen und eine Akademie für künftige Parteikader, deren Hauptaufgabe darin bestand, das Internet mit Propaganda zu fluten. Was redlich gelang. Man legte Beschäftigungsprogramme auf, um die jungen Leute vor dummen Ideen zu bewahren. Parallel dazu vermittelten die gelenkten Medien den Eindruck, als ob es außer Sport und Unterhaltung nichts Wichtiges mehr gäbe. Reales Fernsehen vermittelte das Bild einer Gesellschaft, die in Sendungen im Stil „Shopping-Schlampe-führt-Millionärsidioten-vor“ oder in Direktübertragungen von Sportanlässen rund um den Globus ihre Erfüllung und Bestimmung zu finden schien.
Im öffentlichen Raum fehlte bald, was man erst mit einer gewissen Verzögerung zu vermissen begann. Die farbenfrohe Fratze der globalisierten architektonischen Einfältigkeit, die alle Städte der Welt zu austausch- und verwechselbaren Kulissen machte, wurde mehr und mehr ausgebleicht und verschwand bald ganz. Die alles dominierende Werbung wurde zuerst von den großen Marken mit Luxusimage zurückgefahren. Laut deren Einschätzung würde der hiesige Markt völlig einbrechen und der Aufwand würde sich kaum mehr lohnen. Ihrem Beispiel folgten nach und nach weniger bedeutende Labels, die sich vorwiegend auf das Weiße Kreuz im roten Feld verlassen hatten. Swissness war keine Auszeichnung mehr, sondern zum Stigma geworden. Die Straßen und Plätze entledigten sich der Farbe, wie eine Polaroid-Aufnahme mit der Zeit heller und heller wird, bis schließlich nur noch ein paar vereinzelte schmutzig weiße Flecken auf das einst Freude bereitende Sujet verwiesen.
Grau wurde zur dominierenden Farbe. Zeitzeugen wollten sich daran erinnern, solche Stadtbilder in der damaligen Deutschen Demokratischen Republik, andere in der Sowjetunion, gesehen zu haben. Man verbreitete auf geschützten Chat-Kanälen historische Aufnahmen vom Berliner Alexanderplatz und vom Moskauer Zentrum. Das passte zu den hierzulande aufgespannten Banderolen über Straßen und Plätzen, die vom Widerstandswillen des Volkes Zeugnis ablegen sollten. „Wir werden uns nicht unterwerfen.“ „Vaterland oder Tod.“ hängten etwa ein paar Jungspunde der Partei zwischen die Türme der Oltner Martinskirche. Man kannte solcherlei Durchhalteparolen aus der Geschichte, aber es war keiner mehr da, der den Bezug zur Geschichte herzustellen wagte. Jedenfalls nicht öffentlich. Öffentliches Erinnern war riskant geworden. Das organisierte Vergessen mutierte zu Gleichgültigkeit, bereit zur Schwester der Lüge zu werden. Es interessierte keinen mehr wirklich, was war und woraus man die Lehren hätte ziehen können. Es zählte nur noch das Jetzt.
Die landesweit offiziell kommunizierten Arbeitslosenzahlen blieben erstaunlicherweise tief, obwohl in großen und kleinen Städten gigantische Beschäftigungsprogramme für Arbeitslose aufgelegt worden waren. In St. Gallen ordnete die Stadtregierung an, im öffentlichen Raum sei auf den Einsatz mechanischer Reinigungshilfen zu verzichten. Und bald sah man hunderte von Männern und Frauen in leuchtenden Overalls Straßen und Plätze kehren. Im benachbarten Appenzell stieg die Produktion von Reisigbesen sprunghaft an, was von Bauern und Förstern lebhaft begrüßt wurde und zur temporären Beschäftigung junger Arbeitsloser aus der Stadt führte. Ein geschlossener Kreislauf, wie flugs an der lokalen Universität für Wirtschaft doziert wurde. Es gab bereits Diplomarbeiten zum vor der Haustüre liegenden Phänomen.
In den öffentlichen Verwaltungen wurden die Frankiermaschinen und elektrischen Brieföffner abgeschaltet. Die Fahrkartenautomaten an Bahnhöfen, Tramhaltestellen und Busstationen wurden abmontiert. Viele junge Menschen, insbesondere unverheiratete Frauen fanden so eine Stelle als Reiseberaterinnen und Verwaltungsassistentinnen, während ihre Bachelor- und Masterzertifikate an heimischen Wohnzimmer- und Toilettenwänden vergilbten. Die wertlos gewordenen Papiere interessierten keinen - meist an denselben Fachhochschulen ausgebildeten - Human-Ressource-Manager mehr. In den ehemaligen Tourismusdestinationen wurden hunderte von Kilometern Wanderwege erstellt, die niemals eintreffende Touristen weder zu den eisfreien Gletscherlandschaften noch zu Seen und Hotels führen würden.
Ein spektakulärer Befreiungsschlag mit freilich begrenzter Wirkung war die Schließung der Fachhochschulen. Diese innert zwei Jahrzehnten zu universitätsähnlichen Bildungsinstitutionen aufgeblasenen Diplomdruckanstalten waren der bodenständigen Elite um Parteiideologe Zeusler und Bildungsminister Feinsinger schon lange ein Dorn im Auge. Nun hatte man einen willkommenen Anlass gefunden, um die in den letzten Jahrzehnten zunehmend nur noch von ausländischen Dozenten und chinesischen Studenten bevölkerten Anstalten auszuschalten. Die nicht ganz von der Hand zu weisende Begründung lag in den ausufernden Kosten. „Diese realitätsfernen Lernoasen“, gab Feinsinger an einem Bildungsparteitag den Takt vor, „kosten den Steuerzahler nicht nur so viel, wie unsere Armee, sie sorgen darüber hinaus auch für ständig steigende Lohnkosten, ohne in den Unternehmen echten Mehrwert zu schaffen. Man kann nicht mehr einfach nur Maler oder Schreiner einstellen, man stellt einen ‚Bätschelor’ (Dialekt Feinsinger) ein, der die Hälfte mehr kostet, aber nur halb so gut arbeitet, wie ein Maler und Schreiner, der seinen Beruf gelernt hat und sich auf seine Arbeit konzentriert. Wir werden die ‚Bätschelorisierung’ unseres Berufsalltags beenden. Und zwar auch deshalb, weil das Ausland weder unsere Bätschelor noch unsere Master einstellt.“
So kam es, dass die Partei zwei Jahre nach der erfolgreichen Neunzehner Wahl vor...




