E-Book, Deutsch, 168 Seiten
Frey Aus der Luft gegriffen
1., Aufl
ISBN: 978-3-85420-866-2
Verlag: Droschl, M
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Roman
E-Book, Deutsch, 168 Seiten
ISBN: 978-3-85420-866-2
Verlag: Droschl, M
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine vom Himmel gefallene Heldin - in einem Roman mit doppeltem Boden: 'Aus der Luft gegriffen' ist Eleonore Freys zehntes Buch bei Droschl und gleichzeitig ihr heiterstes.Helen Schnee, die Heldin der Geschichte, fällt der Autorin - aus heiterem Himmel - nahezu auf den Schreibtisch, und dadurch entspinnt sich natürlich ein besonders enges Verhältnis zwischen den beiden. Helen Schnee, so wenig verankert in unseren bürgerlichen Lebenswelten wie die meisten Figuren bei Eleonore Frey, versucht Fuß zu fassen und landet schließlich beim >Offenen Ohr<, einer Art Krisentelefon, einer Organisation, hinter der sich aber auch etwas ganz anderes verbergen könnte. Aber nicht nur die Arbeit definiert den bürgerlichen Menschen, auch sein Wohnort und sein Familienstand sind von Interesse, und also kommt Helen Schnee auch zu einer Unterkunft und zu allerlei zwischenmenschlichen Kontakten. Ihr Einverständnis mit den gegebenen Verhältnissen hält sich jedoch in Grenzen, und also befreit sie sich wieder, in Absprache mit der Autorin, und setzt ihr wolkenleichtes Leben andernorts fort - aber nicht ohne Interesse und Mitgefühl für die Menschen, die bisher ihren Weg gekreuzt haben.Dass Literatur aus Wörtern und Sätzen besteht, ist ja nun wirklich ein alter Hut, und dass Romane weniger geschaffen als gemacht werden, ebenfalls. Selten aber gewährt eine Autorin augenzwinkernd einen solchen Einblick in ihre Werkstatt und bekommt von der Kritik darüber hinaus noch 'höchste Aufmerksamkeit und subtilste Einfühlung' (Jury des Schweizer Buchpreises) bescheinigt.
Autoren/Hrsg.
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vom Himmel fallen
Ich nenne sie Helen Schnee. So schwebt sie mir vor, vom Himmel fallend. Ob die Vorsehung sie mit einem Fallschirm hätte ausstatten sollen? Es geht auch ohne. Sie fällt auf die Füße. Unversehrt.
Wie sie nun vor mir auf der grünen Wiese steht, sehe ich, dass sie feste Stiefel anhat, ferner eine Jacke und eine Hose mit vielen Taschen dran. In die denke ich mir hinein, was die Frau für den Fall eines Falls aus der Unverbindlichkeit der Möglichkeiten ins Unvermeidliche hinein braucht: Fürs Erste, denn sie ist arg zerzaust, eine Haarbürste. Ferner eine Portion Knäckebrot, ein künstliches Knie, eine Sonnenbrille, einen Geldbeutel, eine Flasche Mineralwasser. Das Weitere nach Bedarf. Ihre Hosen sind an mehreren Stellen mehr oder weniger ausgebeult von all dem Zeug. Da es sich nach ihrem sanften Aufprall als überflüssig erweist, wirft sie das künstliche Knie weg. Das verbessert ihre Silhouette ganz beträchtlich. Sie öffnet die Jacke. Ihr ist warm. Ihr schwarzer Pullover liegt eng an. Ihre Haare sind weiß; von Natur aus, wie ich mit meinem scharfen Blick für echt und falsch gleich bemerkt habe. Das spricht für sie. Um ihre Augenfarbe auszumachen, müsste ich näher an sie herangehen. Das verschiebe ich auf später. Unsere Bekanntschaft ist noch jung.
Statt dass sie sich nun aber, wie es jede Katze tun würde, vor ihrem ersten Schritt in die Welt putzt und zurechtmacht, kommt sie stracks auf mich zu und sagt: He du, ich meine Sie, wann fährt der nächste Bus? Welcher Bus?, frage ich verdutzt. Und wohin? Sie folgt mit den Augen einer Bewegung, die hinter mir vonstatten geht, und zeigt über meine Schulter hinweg in Richtung ihres Blicks. Ich drehe mich um und sehe wider Erwarten – denn ich traue der eben erst aus dem Flatterhaften ins Bodenständige beförderten Helen Schnee nichts Reelles zu – tatsächlich einen Bus, der eben von der Haltestelle weggefahren ist und rasch in Richtung einer im blauen Dunst gerade noch erkennbaren Stadt davonfährt. Wollen Sie in die Stadt?, frage ich. Ich will wissen, wann der nächste Bus fährt, sagt sie. Und dann noch: Damit Sie’s gleich wissen, ich stelle die Fragen. Sie geben die Antworten. Ich frage Sie noch einmal: Wann fährt der nächste Bus?
Die tritt auf wie eine, die sich nicht gleich vom ersten besten Erdenbewohner unterkriegen lassen will, der ihr in die Quere kommt. Oder die, denke ich und denke nach. Da ich mich nur gerade knapp um Nasenlänge vor ihr auf dem eben noch unbeschriebenen Blatt unserer Wiese eingefunden habe, weiß ich über die geographische Lage dieses Standorts und über die Mittel, möglichst rasch von ihm wegzukommen, nicht mehr als sie. Langsam!, sage ich. Was sowohl ein taktisches wie auch ein erzieherisches Manöver ist. Und dann: Wollen Sie sich nicht fürs Erste hier ein wenig umsehen, bevor Sie sich dann gleich nach anderswohin verfügen? Wer weiß, wann sich wieder eine Gelegenheit zum Ausruhen gibt, sage ich, und etwas von der Natur und den weit ausladenden Bäumen, die nicht weit von uns in lockeren Gruppen beieinander stehen und der Gegend einen eigenen Reiz geben. Bevor ich noch fertig bin mit meiner Rede, dreht sich Helen Schnee aber abrupt um, geht zur Bushaltestelle und setzt sich auf die Bank, die dort für sie bereit steht. Ich gehe ihr nach, setze mich – mit größtmöglichem Abstand – neben sie, nehme meinen Notizblock und einen Bleistift hervor und fange an zu schreiben: Die Frau, die mir vor fünf Minuten vor die Füße fiel, ist ungefähr vierzig Jahre alt, schreibe ich. Sie ist ungefähr 170 cm groß, von mittlerer Statur und hat weiße Haare. Die Augenfarbe ändert sich je nach Licht, schreibe ich, was für alle Augen gilt und somit, wenn auch unspezifisch, doch sicher nicht falsch ist. Denn ich habe, weil es zu rasch ging, die Augenfarbe doch nicht ausmachen können, als die sozusagen Neugeborene, ohne mich auch nur zu begrüßen, vor mich hintrat und ihren Anspruch an mich vorbrachte: den eben, dass sie weg wolle. Gleich. Egal wohin. Zum nächsten erkennbaren Ziel. Und da gibt es nun wirklich, abgesehen von Wiese, Waldrand und ein paar Leitungsmasten oder Fabrikanlagen, rundum nichts zu sehen als die Stadt, die sich jetzt deutlicher als zuvor als eine Ballung von hohen und noch höheren Gebäuden aus der Ebene emporhebt.
Wie nun der Bus kommt, muss ich mich entscheiden, ob ich mit Helen Schnee einsteigen oder doch lieber sie sich selber überlassen soll. Entscheidungen sind nicht meine Stärke. Meistens ist es mir gleichgültig, was ich tue oder was nicht. In dieser ungewöhnlichen Situation drängt es sich aber doch auf, dass ich die Frau, der ich bereits einen Namen gegeben habe und die dadurch in einem gewissen Sinn ein Stück von mir geworden ist, noch etwas weiter begleite. Nicht jeden Tag fällt mir beim Schreiben, kaum habe ich angefangen, ein Einfall zu, buchstäblich aus der leeren Luft. Denn ein Einfall war sie, als sie mir unverhofft wie ein Schnupfen zustieß, und ich will nicht darauf verzichten, von der seltenen Gelegenheit Gebrauch zu machen; im Vertrauen darauf, dass sie mir Besseres bringen werde als Kopfweh und eine geschwollene Nase. Wie ich nun hinter Helen Schnee in den Bus steige, achte ich darauf, mich so zu setzen, dass zwar ich sie, nicht aber sie mich beobachten kann. Nicht nur, weil ich mich nicht weiter für ihre mir vorläufig noch undurchschaubaren Zwecke einspannen lassen möchte, sondern vor allem, damit sie sich keine übertriebenen Vorstellungen macht von meinem Interesse für sie. Wo würde das hinführen, wenn meine Romanfiguren – und zu einer solchen habe ich Helen Schnee hiermit ernannt – auf den Gedanken kämen, sie seien mir unentbehrlich. Ich bestehe darauf, dass ich als eine ganz und gar freie Schriftstellerin meine Figuren leben, verderben, sterben lassen kann, wie und wann ich will.
Sitzen wir also im Bus. Ich hinten, sie vorn, neben dem Fahrer, wo es am gefährlichsten ist, wie mir einmal, als ich selber dort saß, ein Freund gesagt hat, dem an meinem Fortleben gelegen zu sein schien. Jetzt ist er selber tot; so gut wie tot, denn er geht nicht mehr unter die Leute und spricht ohne Not mit niemandem als mit sich selbst. Nicht nur am gefährlichsten ist aber jener Platz vorn, auf dem es sich Helen Schnee jetzt bequem macht, sondern auch in einem gewissen Sinn am sichersten, weil man dort gleich hinaus kann, wenn es brennt. Oder nichts wie raus, wenn – und das geschieht gerade jetzt und alle tun, als ob da nichts wäre – wenn ein Verrückter die Passagiere mit seinen Reden, Gebärden, unartikulierten Verlautbarungen zu terrorisieren anfängt und unter anderem lauter als nötig bekannt gibt, dass die Polizei keinen Sex mit Kindern haben darf, sonst schon, aber: Das nicht! Das nicht!, schreit er. Und: Ich sag es dem Papst, ich sag es dem Papst, schreit er weiter, was ebenfalls nicht völlig verfehlt ist. Nur hört der es nicht, hat dergleichen wohl überhaupt noch nie in seinem Leben gehört, so unverfroren, und er wird sich wohl auch in Zukunft nicht persönlich mit armen Seelen befassen müssen, die ihrer Qual nicht in einer sozial akzeptablen Form Ausdruck geben können. Dem Busfahrer wird es zu viel. Er hält an, steht auf, geht zu dem Mann hin, der jetzt, damit doch endlich jemand von ihm Notiz nimmt, geradezu brüllt: Die Polizei darf das nicht, und ich bin Harry Hotz, und darauf habe ich ein Recht! Unbeeindruckt ersucht ihn der Busfahrer, Ruhe zu geben oder auszusteigen. Harry Hotz will weder noch, muss sich aber der Autorität fügen, die ihn am Arm packt und ins Freie befördert. Nein!, schreit es in mir drin, aber von außen nicht hörbar. Ja, sage ich dann, lautlos zu mir selber, Harry Hotz hat recht, hat ein Recht auf sich und hat auch recht mit dem Kindersex; Verrückte haben immer recht, irgendwie, nur sind sie jeweils mit ihrem Recht am falschen Ort, in der falschen Zeit, oder sie haben vergessen, was rechts ist und was links. Ich frage mich, ob es nicht ergiebiger wäre, Harry Hotz nachzugehen, als auf Helen Schnee zu beharren. Da sich aber Letzteres vorläufig noch im Sitzen erledigen lässt und somit weniger Anstrengung kostet, bleibe ich bei Helen Schnee.
Die kramt in einer ihrer vielen Taschen, zieht ein Buch heraus und fängt an zu lesen. Ich möchte wissen, was sie liest. Aber das entzieht sich mir, und damit auch ein erster Einblick in das mir bis anhin unzugängliche Innenleben meiner Protagonistin. Mein Misserfolg macht mir klar, wie wenig ich von Helen Schnee weiß. Denn wenn sie auch unbestreitbar mein Einfall ist, ist sie mir doch so fremd wie irgendein Mensch, den ich erst seit einer Stunde kenne. Wie sie sich wohl entwickeln wird? In einem Museum für Fotografie habe ich einmal gesehen, wie auf einer der frühesten Farbfotografien die vorerst verschwommenen Umrisse, Farben wie durch eine Gallerte hindurch allmählich als Blumen erkennbar wurden. Als schwämmen sie im Fruchtwasser und müssten erst noch zur Welt kommen. Ob es wohl mit Helen Schnee auch so geht?, frage ich mich, wie ich ihren Hinterkopf mit den abstehenden Ohren betrachte. Ob sie mir mit der Zeit einsichtig werden wird, und das Gefühl, in dem ich sie prüfend hin und her bewege, etwas weniger trüb? Ich schaue entschlossen von Helen Schnee weg zum Fenster hinaus. Das Fenster ist schmutzig. Die kaum sichtbare Landschaft draußen hat schräge Streifen, die von Regenspuren auf dem staubigen Glas herrühren. Ich erinnere mich, dass ich einmal mit der Bahn von New York nach Boston fuhr, nur um doch noch das Meer zu sehen, zu dem ich bisher, so nah es auch war, nicht hatte vordringen können. Da war es mit den trüben Scheiben noch schlimmer. Das Meer war vom Himmel nicht zu unterscheiden. Ich zündete mir eine Zigarette an und umgab mich zwecks Ausblendung des mir zugefügten Ärgernisses mit meinem selbst fabrizierten Qualm. Jetzt, wo man das...




