E-Book, Deutsch, Band 3, 608 Seiten
Reihe: Mordkommission Dublin
French Sterbenskalt
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-10-400755-7
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, Band 3, 608 Seiten
Reihe: Mordkommission Dublin
ISBN: 978-3-10-400755-7
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Tana French schreibt Romane und Kriminalromane von mächtiger Spannung und Schönheit. Die vielfach ausgezeichnete Autorin zeichnet mit ihrer eindrücklichen Sprache ?markante Natur- und Gesellschaftsbilder und schaut tief in die Seelen der Menschen. Ihre Werke stehen weltweit ganz oben auf den Bestsellerlisten. Tana French wuchs in Irland, Italien und Malawi auf, absolvierte eine Schauspielausbildung am Trinity College und arbeitete für Theater, Film und Fernsehen. ?Sie lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern im nördlichen Teil von Dublin.
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1
Mein Vater hat mir mal gesagt, jeder Mann sollte wissen, wofür er bereit wäre zu sterben, das wäre das Wichtigste. , sagte er, Ich war dreizehn, und er hatte schon eine Dreiviertelflasche Gordon-Whiskey intus, aber trotzdem, ein guter Spruch. Wenn ich mich recht entsinne, war er bereit, für Folgendes zu sterben: a) Irland, b) seine Mutter, die da schon zehn Jahre tot war, und c) um das Miststück Maggie Thatcher zu erledigen.
Dennoch, seit damals hätte ich in jedem Augenblick meines Lebens wie aus der Pistole geschossen sagen können, wofür ich bereit wäre zu sterben. Zuerst war das ganz leicht: meine Familie, meine Freundin, mein Zuhause. Später wurde es eine Zeitlang komplizierter. Heutzutage bleibt es stabil, und das gefällt mir. Es kommt mir vor wie etwas, worauf ein Mann stolz sein kann. Ich wäre bereit, für meine Stadt zu sterben, meinen Job und mein Kind, vielleicht nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.
Das Kind ist bislang ganz gut geraten, die Stadt ist Dublin, und der Job ist in der Undercoverabteilung, daher scheint offensichtlich, wofür ich am ehesten sterben könnte, aber es ist ein Weilchen her, seit die Arbeit mir etwas Beängstigenderes beschert hat als einen Riesenhaufen Papierkram. Die Größe des Landes hat zur Folge, dass ein Undercovercop ein frühes Verfallsdatum hat; zwei Einsätze, vielleicht vier, dann wird das Risiko aufzufliegen einfach zu groß. Ich hab meine neun Leben schon vor langer Zeit aufgebraucht. Ich bleibe vorläufig hinter den Kulissen und leite eigene Operationen.
Das eigentliche Risiko bei der Undercoverarbeit, ob im Einsatz oder nicht, ist Folgendes: Du erzeugst so lange Illusionen, dass du schließlich glaubst, alles im Griff zu haben. Es ist leicht, dem Glauben zu verfallen, du wärst der Hypnotiseur, der Meister der Illusion, der helle Kopf, der weiß, was real ist und wie alle Zaubertricks funktionieren. Tatsache ist, auch du bist und bleibst bloß eine staunende Zielscheibe im Publikum. Ganz gleich, wie gut du bist, die Welt wird in diesem Spiel immer besser sein. Sie ist gerissener als du, sie ist schneller, und sie ist um einiges skrupelloser. Du kannst lediglich versuchen mitzuhalten, deine Schwachstellen zu kennen und niemals aufzuhören, mit dem Schlag unter die Gürtellinie zu rechnen.
An einem Freitagnachmittag Anfang Dezember holte mein Leben das zweite Mal für den Schlag unter die Gürtellinie aus. Tagsüber war ich mit Wartungsarbeiten an einigen meiner laufenden Illusionsmaschinen beschäftigt gewesen – einer von meinen Jungs, der dieses Jahr Weihnachten keine Süßigkeiten von Onkel Frank bekommen würde, hatte sich in eine Situation manövriert, in der er aus komplizierten Gründen eine ältere Frau brauchte, die er etlichen kleinen Drogendealern als seine Großmutter vorstellen konnte –, und ich war auf dem Weg zu meiner Exfrau, um meine Tochter fürs Wochenende abzuholen. Olivia und Holly wohnen in einer sagenhaft geschmackvollen Doppelhaushälfte in einer gepflegten Sackgasse in Dalkey. Olivias Daddy hatte uns das Haus zur Hochzeit geschenkt. Als wir einzogen, hatte es einen Namen statt einer Nummer. Ich ließ den Namen schnell verschwinden, aber trotzdem, schon damals hätte ich kapieren müssen, dass diese Ehe zum Scheitern verurteilt war. Wenn meine Eltern von meinen Heiratsabsichten gewusst hätten, hätte meine Ma sich bei der Genossenschaftsbank mit einem Kredit hoch verschuldet, um uns eine hübsche geblümte Couchgarnitur zu kaufen, und wäre entrüstet gewesen, wenn wir die Plastikhüllen von den Polstern entfernt hätten.
Olivia postierte sich mitten in der Tür, für den Fall, dass ich auf die Idee käme, reinkommen zu wollen. »Holly ist gleich fertig«, sagte sie.
Olivia, und das sage ich, Hand aufs Herz, mit zu gleichen Teilen Selbstgefälligkeit und Bedauern, sieht toll aus: groß gewachsen, ovales, elegantes Gesicht, jede Menge weiches, aschblondes Haar und die Art von unaufdringlichen Rundungen, die du zunächst gar nicht bemerkst und dann nicht mehr aufhören kannst zu bemerken. An dem Abend war sie in ein teures, schwarzes Kleid und hauchdünne Nylons gehüllt, und sie trug die Brillantkette ihrer Großmutter, die nur zu ganz besonderen Anlässen hervorgeholt wird. Der Papst höchstselbst hätte sein Käppchen vom Kopf gerissen, um sich die Stirn zu wischen. Ich, der ich nicht so viel Klasse habe wie der Papst, stieß einen Pfiff aus. »Großes Rendezvous?«
»Wir gehen essen.«
»Heißt ›wir‹ schon wieder du und Dermo?«
Olivia ist viel zu clever, um sich von mir so leicht provozieren zu lassen. »Sein Name ist Dermot, und ja, das heißt es.«
Ich tat beeindruckt. »Das sind ja dann schon vier Wochenenden hintereinander, stimmt’s? Ist heute Abend der große Abend, wenn ich fragen darf?«
Olivia rief die Treppe hoch: »Holly! Dein Vater ist da!« Während sie mir den Rücken zudrehte, schlüpfte ich an ihr vorbei in die Diele. Sie hatte Chanel N°5 aufgelegt, wie immer.
Von oben: »Daddy! Ich komm gleich, ich komm gleich, ich komm gleich, ich muss bloß noch … «, und dann langes aufgeregtes Geplapper, mit dem Holly erklärte, was in ihrem komplizierten kleinen Kopf vorging, ohne darüber nachzudenken, ob irgendwer sie hören konnte. Ich brüllte: »Lass dir ruhig Zeit, Schätzchen!«, auf dem Weg in die Küche.
Olivia folgte mir. »Dermot müsste jede Minute hier sein«, erklärte sie. Mir war nicht klar, ob das eine Drohung oder eine Bitte war.
Ich öffnete den Kühlschrank und warf einen Blick hinein. »Der Bursche gefällt mir nicht. Er hat kein Kinn. Männern ohne Kinn trau ich nicht über den Weg.«
»Tja, zum Glück ist dein Männergeschmack hier nicht von Belang.«
»Ist er doch, falls du dich ernsthaft auf ihn einlässt und er auch mit Holly zu tun hat. Wie heißt er noch mal mit Nachnamen?«
Einmal, als wir schon auf die Trennung zusteuerten, hat mir Olivia die Kühlschranktür gegen den Kopf geknallt. Ich spürte, dass sie drauf und dran war, es wieder zu tun. Ich blieb vorgebeugt stehen, um ihr reichlich Gelegenheit zu bieten, doch sie bewahrte ruhig Blut. »Wieso willst du das wissen?«
»Ich muss ihn unbedingt durch den Computer laufen lassen.« Ich nahm eine Packung Orangensaft heraus und schüttelte sie. »Was ist das denn für ein Mist? Seit wann kaufst du keine guten Sachen mehr?«
Olivias Mund – ein Hauch Lipgloss – wurde allmählich schmallippig. »Du wirst Dermot durch irgendeinen Computer laufen lassen, Frank.«
»Geht nicht anders«, erwiderte ich munter. »Ich muss schließlich auf Nummer sicher gehen, dass er nicht auf kleine Mädchen steht, oder?«
»Herrgott, Frank! Er steht nicht –«
»Vielleicht nicht«, räumte ich ein. » nicht. Aber wie kannst du dir da ganz sicher sein, Liv? Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, meinst du nicht auch?« Ich schraubte die Kappe vom Saft und trank einen Schluck.
»Holly!«, rief Olivia, lauter. »Beeil dich!«
»Ich kann mein nicht finden!« Dumpfes Gepolter über uns.
Ich sagte zu Olivia: »Die nehmen alleinstehende Mummys mit hübschen kleinen Kindern ins Visier. Und es ist erstaunlich, wie viele von denen kein Kinn haben. Ist dir das schon mal aufgefallen?«
»Nein, Frank, ist es nicht. Und untersteh dich, deinen Job auszunutzen, um unbescholtene –«
»Sieh das nächste Mal genau hin, wenn wieder über irgendeinen Pädophilen im Fernsehen berichtet wird. Weißer Van und kein Kinn, garantiert. Was fährt Dermo für ein Auto?«
Ich trank noch einen großen Schluck Saft, wischte die Tülle mit dem Ärmel ab und stellte die Packung zurück in den Kühlschrank. »Das Zeug schmeckt wie Katzenpisse. Wenn ich den Unterhalt erhöhe, kaufst du dann anständigen Saft?«
»Und wenn du ihn verdreifachen würdest«, sagte Olivia süßlich und unterkühlt zugleich mit einem Blick auf ihre Uhr, »was du nicht kannst, würde es höchstens für eine Packung pro Woche reichen.« Das Kätzchen fährt die Krallen aus, wenn man es nur lange genug am Schwanz zieht.
In diesem Moment rettete Holly uns vor uns selbst, indem sie aus ihrem Zimmer geschossen kam und aus vollem Halse »Daddydaddydaddy!« rief. Ich schaffte es rechtzeitig zur Treppe, so dass sie einen Hechtsprung auf mich drauf machen konnte wie ein kleiner kreiselnder Feuerwerkskörper aus fliegendem goldblonden Haar und rosa Flitterkram, um die Beine um meine Taille zu schlingen und mich mit ihrer Schultasche und einem struppigen Pony namens Clara, das schon bessere Zeiten gesehen hatte, auf den Rücken zu hauen. »Hallo, Klammeräffchen«, sagte ich und gab ihr einen Kuss oben auf den Kopf. Sie war leicht wie eine Fee. »Wie war deine Woche?«
»Ganz schön anstrengend, und ich bin kein Klammeräffchen«, sagte sie ernst zu mir, Nase an Nase. »Was ist ein Klammeräffchen?«
Holly ist neun und schlägt, feingliedrig und zierlich, wie sie ist, ganz nach der Seite ihrer Mutter – wir Mackeys sind robust und dickhäutig und drahthaarig, wie geschaffen für schwere Arbeit in Dubliner Wetter. Nur Hollys Augen sind anders. Als ich sie das allererste Mal sah, schaute sie mich mit meinen eigenen Augen an, große, strahlendblaue Augen, die mich trafen wie ein Stromstoß und bei deren Anblick mein Herz noch heute einen Purzelbaum schlägt. Olivia kann meinen Nachnamen von mir aus wegkratzen wie einen alten Adressaufkleber, den Kühlschrank vollpacken mit Saft, den ich nicht mag, und mit Dermo dem Pädo meine Seite des Bettes füllen, aber gegen diese Augen kann sie nichts ausrichten.
Ich sagte zu Holly: »Das ist ein Märchenaffe, der...




