Fremlin | Onkel Paul | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

Fremlin Onkel Paul

Roman
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7558-1081-0
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

ISBN: 978-3-7558-1081-0
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Sommerferien haben begonnen: In einem beschaulichen Ferienort am Meer bauen Isabel und ihre Schwester Meg mit den Kindern Sandburgen, streiten sich um Liegestühle und essen Eis in der Sonne. Doch dann legt sich ein Schatten über die Idylle: Isabels und Megs ältere Halbschwester Mildred, notorisch neurotisch und wieder einmal in einer Krise, ist in ein nahe gelegenes Cottage zurückgekehrt. Als die Schwestern an diesem Ort zusammenkommen, erinnern sie unweigerlich ein prägendes Ereignis, das sich den Weg in die Gegenwart zu bahnen droht: Vor ziemlich genau 15 Jahren wurde Mildreds Ex-Mann, der sagenumwobene Onkel Paul, wegen versuchten Mordes an seiner ersten Frau verhaftet. Kehrt Paul nun nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis zurück, um sich an denen zu rächen, die ihn einst verraten haben? Oder lassen sich die drei von ihren Nerven übermannen? War da nicht ein Klopfen zu hören? Und wem, um Himmels willen, gehören diese Fußspuren? Meisterhaft erschafft Celia Fremlin in diesem Spannungsklassiker eine Atmosphäre, die auch im Sommer für Gänsehautmomente sorgt.

CELIA FREMLIN, 1914 bis 2009, wurde in Kent geboren. Sie studierte an der Universität Oxford klassische Philologie und Philosophie und schrieb im Laufe von vier Jahrzehnten sechzehn gefeierte Romane, einen Gedichtband und drei Geschichtensammlungen.
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2

Die zwischen den Wohnwagen gespannten Wäscheleinen hingen überall durch, am meisten aber die Leinen von Isabel. Auch ohne die akribischen Richtungsangaben, die am Morgen nach dem Telegramm eingetroffen waren, hätte Meg den Wohnwagen ihrer Schwester wahrscheinlich sofort erkannt. Es handelte sich um den schiefsten Caravan; den, der gleich neben den staubigen Brennnesseln stand, die es auf jedem Campingplatz gab; außerdem war die Tür verzogen und ließ sich entweder nicht öffnen oder nicht schließen.

Jetzt jedenfalls ließ sie sich nicht öffnen. Meg war genervt, als sie ihren Koffer abstellte, um sich nutzbringender mit der Tür herumschlagen zu können. Wahrscheinlich war ihr Calor-Gaskocher auch der einzige auf dem Platz, der nicht funktionierte, und bei den Schlafkojen würde sich bestimmt immer ein Scharnier lösen.

Nicht dass irgendwas davon Isabels Schuld gewesen wäre. Sie musste den Wohnwagen vorab schriftlich angemietet haben, daher fiel es in die Verantwortung des Besitzers, sich um solche Dinge zu kümmern, nicht in ihre. Trotzdem, warum mussten Isabels Vorkehrungen immer so enden? Warum musste Isabel immer so – na ja – wie Isabel sein? Meg überkam das verwirrende Gefühl, Isabel hätte sich mehr verändern sollen. Wenn eine Frau einen neuen Mann heiratet, sollte sie dann nicht in mancherlei Hinsicht anders werden? Sollte sie nicht andere Kleidung tragen? Andere Bücher lesen – so in der Art? Sollte sie nicht wenigstens anders Urlaub machen? Meg ließ den Blick über die ausgetretene, ungepflegte Rasenfläche schweifen und dachte, dass dieses Seebad vielleicht einen anderen Namen hatte, sich im Grunde von den übrigen aber nicht unterschied. Überhaupt nicht unterschied. Wurde Isabel zu einer jener Frauen, die das verheerende Talent besaßen, egal, wo auf der Welt sie waren, Eintönigkeit wie einen Koffer mit sich herumzuschleppen?

»Du musst dagegenhauen.«

Erleichtert sah Meg sich um.

»Hallo, Johnnie! Du bist aber groß geworden!«

Wie die meisten jungen und unerfahrenen Tanten hatte sich Meg anfangs geschworen, ihren Neffen und Nichten nie mit dieser idiotischen Bemerkung zu kommen. Aber wenn es so weit war, konnte man es doch nicht lassen. Nach einigen Monaten Abwesenheit war das das Erste, was man an einem Kind wahrnahm. Das aufgequollene, überdimensionierte Äußere, den neuen Klang in der Stimme – etwas Fremdes. Wie immer hielt es nur einen Augenblick an; schon war er wieder zum vertrauten Johnnie geschrumpft, war exakt derselbe wie früher, bis hin zu dem schmuddeligen Pflaster, das sich von seinem Knie schälte.

»Du musst dagegenhauen … so.«

Mit der nervtötenden Selbstsicherheit des Experten warf sich Johnnie gegen die Tür, die aufflog, und sofort fiel der Blick auf Isabels Strandtasche, ihr Strickzeug, ein Buch aus der Bücherei und ihren Regenmantel – alles wild aufgehäuft auf einem Liegestuhl.

Na, hoffentlich war es wenigstens ein anderes Buch als beim letzten Mal, dachte sich Meg und nahm ihren Koffer zur Hand. Auf halbem Weg nach oben blieb sie unschlüssig stehen.

»Johnnie«, sagte sie. »Weißt du, ob ich wirklich im Wohnwagen übernachten soll? Ich meine, ist da Platz für mich? Hat deine Mutter irgendwas dazu gesagt? Wo ist sie überhaupt? Bin ich zu früh dran?«

Aus der Liste der Fragen wählte Johnnie fachkundig jene aus, die ihm eine Antwort wert schien.

»Nein«, sagte er. »Du kommst gerade richtig zum Baden. Ohne Erwachsene darf ich nicht ins Wasser.« Er griff sich vom Wohnwagenboden eine sandige marineblaue Kammgarnhose, die verdreht und verknäuelt war, wie die Badesachen von Kindern es immer waren, und wedelte damit in ermutigenden Halbkreisen vor Meg auf und ab, sodass feuchter Sand in alle Richtungen davonflog. »Komm schon.«

»Nein, Johnnie, warte!«, protestierte Meg und klopfte sich lachend den Sand vom Kleid. »Ich kann mich nicht mit dir einfach so ins Meer stürzen, ich hab ja noch gar nicht ausgepackt – und ich weiß noch nicht einmal, wo ich übernachten soll. Wo ist deine Mutter? Am Strand?« Sie sah sich zwischen den engen Wohnwagenreihen um. Schwer zu sagen, wo das Meer überhaupt lag.

»Was?«, fragte Johnnie. Jetzt fiel ihm auf, dass Meg einen Koffer in der Hand hatte. Erwachsene mit Koffern, hatte er bereits richtig, wenn auch wenig interessiert bemerkt, benahmen sich immer so.

»Dann kann ich also nicht baden«, brachte er es betrübt auf den Punkt. Er hatte seiner Tante gar nicht zugehört, aber darauf, war er überzeugt, lief es am Ende hinaus. »Und nach dem Tee lassen sie mich auch nicht mehr ins Wasser. Dann muss ich mit Daddy Cricket spielen.«

Meg musste lachen.

»Du magst Cricket nicht?«, fragte sie. Aber selbst das interessierte Johnnie nicht, der nur eines im Kopf hatte.

»Ich wollte mit denen aus dem Bungalow zum Baden«, fuhr er unbeirrt fort, »aber die sind mit dem Auto weggefahren. Und dann hat Mummy gesagt, sie würde rechtzeitig zurückkommen, um mit mir noch zum Baden zu gehen, aber sie ist nicht da, und …«

»Von-wo-zurückkommen?« Meg verdichtete die Frage zu einer einzigen Silbe, in der Hoffnung, wenn sie nur schnell genug redete, könnte sie ihrem Neffen einige nützliche Informationen abtrotzen, bevor seine Gedanken wieder ihren unerbittlichen Kurs einschlugen. Als wollte sie auf einen fahrenden Zug aufspringen.

»Von Tante Mildred«, antwortete Johnnie, und Meg war, als könnte sie sich jetzt atemlos und triumphierend auf den freien Sitz in der Ecke des Abteils fallen lassen. »Sie ist gleich nach dem Mittagessen hin«, fuhr Johnnie fort, »weil Tante Mildred geweint hat. Deshalb konnten wir nicht baden …«

Mit der Geschicklichkeit eines Jongleurs nahm Meg die Unterhaltung wieder auf:

»Wo ist Tante Mildred? Wohnt sie in der Stadt, oder wie?«

»Sie hat nur geweint«, antwortete Johnnie ungerührt; aber bevor der wenig hilfreiche Beitrag zum Aufenthaltsort seiner Tante weiter ergründet werden konnte, ging plötzlich ein Strahlen über sein Gesicht.

»Da ist Mummy!«, rief er und schoss, die Badehose in der Hand, über das vergilbte Gras hin zu dem Drahtzaun und dem staubigen Weg, auf dem auch Meg zum Campingplatz gekommen war.

Isabel sah müde und angespannt aus. Ihr gemustertes Kleid war einen Hauch zu lang, an ihrer Hand baumelte eine schlaffe Einkaufstasche aus Leinen. Isabel hatte immer eine Einkaufstasche bei sich, egal, wohin sie ging. Jahrelang hatte Meg sie fragen wollen, warum sie ohne eine solche Tasche nicht das Haus verließ, aber der passende Zeitpunkt hatte sich nie ergeben. Auch jetzt war nicht der passende Zeitpunkt dafür: Isabel hatte ihre Schwester entdeckt, ihr Gesicht hellte sich auf und wurde unglaublich weich, liebevolle Gefühle aus Kindertagen wallten in ihr auf.

»Oh, Meg, wie schön, dich zu sehen! Was bin ich froh! Jetzt wird alles so viel einfacher!«

Aber noch während Meg sich bei ihrer Schwester einhakte, zeigten sich in deren Gesicht wieder die vertrauten Sorgenfalten. »Nein, Johnnie, ich kann nicht. Ich habe dir doch gesagt, ich kann nicht. Ich muss Peter von den Hutchinses abholen. Ich bin eh schon spät dran, ich habe gesagt, ich hole ihn vor dem Tee ab, dabei weiß ich noch nicht mal, wann sie ihren Tee nehmen, ich gehe davon aus, früher als wir. Dann muss ich mich noch um die Betten kümmern, und auf dem Herd dauert es so lange, bis das Wasser kocht. Irgendwas stimmt mit der Leitung nicht …«

Natürlich hörte Johnnie gar nicht zu. Er wusste, die Leute gebrauchten oft ganz viele Wörter, um Nein zu sagen – manchmal auch für ein Ja –, es interessierte ihn auch gar nicht. Er musste nur darauf warten, bis der Wortschwall endete, dann konnte er seine Frage erneut stellen.

Aber Meg hörte zu. Und leider sah sie auch zu; sah, wie der sorgenvolle Ausdruck kreuz und quer über das Gesicht ihrer Schwester flirrte. War Isabel wirklich bestürzt? Und wenn ja, ging es dabei wirklich um Mildred, um große, bedeutsame Probleme oder lediglich um klitzekleine häusliche Angelegenheiten, die sie dauernd zu großen Problemen aufbauschte? Und wenn es wirklich nur Bagatellen waren, wegen derer sie sich in diesem Zustand befand, war dann das nicht eigentlich das größte, das wichtigste Problem überhaupt? Dass sie jemand war, der alles so schwernahm – der das Leben so wenig genießen konnte?

Meg gebot sich Einhalt. Es war nicht fair, Isabel so zu kritisieren, wenn sie noch nicht einmal wusste, worum es ging. Johnnie hatte gesagt, Mildred habe geweint – das war nun nichts Neues, aber man wusste ja nie. Wie leicht man vergisst, dass die, die wegen jeder Kleinigkeit weinen, auch wegen einer Katastrophe weinen können. Meg wandte sich wieder an Isabel:

»Mildred?«, fragte sie. »Wie geht es ihr?«

Aus Rücksicht auf den rastlosen Johnnie redete Meg leise – allerdings war es eher Rücksicht auf die allgemeinen Gepflogenheiten, die für Gespräche in Anwesenheit von Kindern galten. Denn sie konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass ihre Vorsicht in Johnnies Fall völlig überflüssig war. Die Seemöwen, die hier und dort niederstießen, hätten in ihrem schrillen und selbstsüchtigen Gekeife nicht weniger aufmerksam sein können.

»Ich war gerade bei ihr«, antwortete Isabel ebenfalls pflichtbewusst im Flüsterton. »Oh, Meg, was für ein Elend!« Die Worte waren ihr spontan, in durchdringender Aufrichtigkeit, herausgerutscht, sofort entschuldigte sich Isabel dafür. »Ich meine nicht … ich meine, es ist schlimm für Mildred, natürlich, sie tut mir furchtbar leid. Ich war den ganzen Nachmittag bei ihr.«

»Hat Hubert sie wieder verlassen?«

»Ja. Nein. Das heißt,...


Ebnet, Karl-Heinz
KARL-HEINZ EBNET arbeitet seit mehr als 25 Jahren als literarischer Übersetzer. Zu den von ihm übersetzten Autor*innen zählen u. a. Mary Higgins Clark, Reginald Hill, Tobias Hill, Julian Gough und Ayad Akhtar. Für DuMont übersetzte er zuletzt ›Das größte Rätsel aller Zeiten‹ von Samuel Burr.

Fremlin, Celia
CELIA FREMLIN, 1914 bis 2009, wurde in Kent geboren. Sie studierte an der Universität Oxford klassische Philologie und Philosophie und schrieb im Laufe von vier Jahrzehnten sechzehn gefeierte Romane, einen Gedichtband und drei Geschichtensammlungen.



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