Freeman Auf die sanfte Tour
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-312-01024-0
Verlag: Nagel & Kimche
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Reihe: Nagel & Kimche
ISBN: 978-3-312-01024-0
Verlag: Nagel & Kimche
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Aus einer abgelegenen Villa in Vermont, USA, wird ein Safe gestohlen, der dummerweise der Russenmafia gehört. Sheriff Wing will das Verbrechen aufklären, bevor die Russen den Dieb erwischen. Das bedeutet eine harte Probe für seine oberste Regel: Im Wettlauf gegen die Zeit ist die wichtigste Fähigkeit Geduld. Deputy Keen, der an Wings Stelle Sheriff werden will, sieht das völlig anders und verspricht, hart durchzugreifen. Erneut zeigt sich Castle Freeman als Meister des Dialogs, des trockenen Humors und der Inszenierung knorriger Provinzcharaktere. In seinem neuen Thriller verbindet er Spannung mit Menschenkenntnis und überzeugender Lebensklugheit.
Castle Freeman wurde 1944 in San Antonio, Texas geboren. In Chicago aufgewachsen, studierte er an der Columbia University. Heute lebt er in Vermont, arbeitet als Redakteur und schreibt Short Stories und Romane. Sein Roman »Männer mit Erfahrung« (2008) wurde 2015 mit Anthony Hopkins, Julia Stiles und Ray Liotta verfilmt. Zuletzt erschienen von ihm bei Nagel & Kimche »Auf die sanfte Tour« (2017) und »Der Klügere lädt nach« (2018).
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DER MACKER UND DER MORGENRÜCKEN
Am Dienstagmorgen um sieben stand Clemmie barfuß und im Bademantel an der Küchentheke und gab Milch in ihren Kaffee, als das Funkgerät krächzte. Clemmie hörte zu. Sie nahm einen Schluck Kaffee. Das Funkgerät verstummte. Clemmie wandte sich von der Theke ab.
«Was hat er gesagt? Ein Macker?», fragte sie.
Ich saß hinter ihr am Frühstückstisch. Ich sah ihren Rücken. Ihren Morgenrücken. Am Abend zuvor hatten wir uns mal wieder ein bisschen in die Haare gekriegt – nichts Ernstes, bloß ein kleines Sparringsmatch, ein Schaukampf. Trotzdem bekam ich nur ihren Rücken zu sehen. Wenn sie will, kann ihr Rücken so einladend sein wie die Nordflanke des Mount Nebo.
Die Meldung kam von Trooper Timberlake. Er war irgendwo am Ende der Welt, an der Diamond Mountain Road in Ulster, und er klang verwirrt.
«Das war Timberlake», sagte ich. «Ich werd dann mal.»
«Er hat was von einem Macker gesagt», sagte Clemmie. «Das hat er doch gesagt, oder? Was hat er damit gemeint?»
«Macker sind harte Männer», sagte ich. «So wie ich.»
«Na klar, so wie du», sagte Clemmie.
Das klang ganz gut, fand ich. Wenn ich es schaffte, die Tür ein Stück aufzustoßen, würde ich Clemmie vielleicht dazu kriegen hindurchzugehen. Ich legte noch ein bisschen nach.
«Es gibt Männer, die Macker sind», sagte ich, «und einer davon bin ich.»
«Wenn du ein Macker bist», sagte Clemmie, «ist alles ja noch viel schlimmer, als ich gedacht habe.»
Und weg war sie, hinter der Barrikade, wo sie Pflastersteine sammelte – nicht für jetzt vielleicht, aber für später. Ich trank meinen Kaffee und stand auf.
«Ich muss los», sagte ich.
«Willst du nicht erst frühstücken?», fragte Clemmie. «Iss wenigstens einen Toast.»
«Macker frühstücken nicht», sagte ich, ging zur Küchentür und nahm den Pick-up-Schlüssel vom Haken.
«Jetzt mal im Ernst», sagte Clemmie, «er hat doch was von einem Macker gesagt, oder? Was hat er damit gemeint?»
«Ich glaube nicht, dass er das gesagt hat», antwortete ich.
Trooper Timberlake war an der Ausweichstelle für den Schneepflug, kurz vor der Gemeindegrenze von Ulster. Ich hielt hinter seinem Wagen und konnte sehen, dass auf dem Rücksitz des Streifenwagens, hinter dem Gitter, jemand saß. Timberlake stieg aus und kam zu mir.
Timberlake war ungefähr fünfundzwanzig und wie gemacht für die State Police: mindestens eins fünfundneunzig, durchtrainiert, das Haar blond, aber so kurz geschnitten, dass die Haut durchschimmerte. Er sah aus wie das größte Baby der Welt, ein Baby, das, kaum geboren, schon einarmige Liegestütze gemacht hatte. Timberlake war, wie viele seiner Kollegen, vom Marine Corps zur State Police gekommen. Man muss nicht unbedingt der von den Toten auferstandene General Patton sein, um es dort zu etwas zu bringen, aber schaden kann es nicht.
«Der Mann war in einen Kampf verwickelt, Sheriff», sagte Timberlake. «Jemand hat ihn im Vorbeifahren gesehen und es gemeldet. Er war da drüben an einen Baum gebunden. Hat eine dicke Beule am Kopf und ein blaues Auge. Sein Arm ist auch irgendwie verletzt. Rettungswagen ist unterwegs.»
«Ihnen auch einen schönen guten Morgen, Trooper», sagte ich.
«Nicht viel aus ihm rauszukriegen», fuhr Timberlake fort. «Nur so viel ist klar: Er ist nicht aus der Gegend. Kann nicht mal Englisch – kann nicht oder will nicht. Schreit in irgendeiner Sprache herum, aus der ich nicht schlau werde. Irgendein Kauderwelsch.»
«Keine Kleider?»
«Korrekt, Sheriff. Keinen Faden am Leib.»
«Und an einen Baum gebunden?»
«Korrekt, Sheriff. An einen Baum gebunden, übel zugerichtet und splitternackt.»
«Dann wollen wir ihn uns mal ansehen», sagte ich.
Timberlake trat einen Schritt zurück, und ich stieg aus. Wir gingen zu Timberlakes Streifenwagen, auf dessen Rücksitz die Umrisse eines Mannes auszumachen waren.
«Halten Sie lieber ein bisschen Abstand, Sheriff», sagte Timberlake.
Die Hände des Mannes waren auf dem Rücken gefesselt. Er hatte eine Decke um die Schultern, deren Zipfel über dem Schoß gefaltet waren. Er war klein und mager und hatte langes, fettiges blondes Haar. Seine Haut war so bleich, als hätte er in einem Keller oder auf dem Grund eines Brunnens gelebt. Er hatte nichts an, überhaupt nichts, nicht mal Strümpfe. Als Timberlake und ich an den Streifenwagen traten, spuckte er durch das halbgeöffnete Fenster.
«Vorsicht, Sheriff, er spuckt», sagte Timberlake.
Der Nackte begann zu wüten und gegen die Lehne des Vordersitzes zu treten. Er schlug den Kopf an das Fenster. Er schrie und fluchte. Es klang, als würde man mit der Motorsäge durch einen dicken Zuckerahornstamm gehen und plötzlich auf eine eingewachsene eiserne Saftrinne stoßen.
«Was für eine Sprache ist das, Sheriff?», fragte Timberlake.
«Das ist Russisch.»
«Russisch?»
«Klar», sagte ich. «Erkennen Sie das nicht, Trooper?»
«Negativ, Sheriff», sagte Timberlake.
«Ich dachte, heutzutage bringt man euch Jungfüchsen was bei», sagte ich.
«Nicht alles, Sheriff», sagte Timberlake.
«Und wer hat das Ganze gemeldet?»
«Kann ich nicht sagen, Sheriff. Er hat keinen Namen genannt.»
«Da sind die Sanis.»
Der Rettungswagen aus Cumberland hielt hinter meinem Pick-up, und die Assistenten stiegen aus und kamen zum Streifenwagen. Sie warfen einen Blick auf Trooper Timberlakes Passagier, der ihnen unverständliche Flüche entgegenschleuderte und sich auf dem Rücksitz gebärdete wie eine wütende Schlange, und weigerten sich, ihm zu nahe zu kommen. Doch der Fahrer war ein großer, starker Bursche wie Timberlake, und zu dritt gelang es uns, dem Mann einen Sack über den Kopf zu stülpen und aus dem Wagen zu zerren. Trotzdem wäre er uns beinahe entwischt, denn er rammte dem Rettungswagenfahrer den Kopf in den Bauch, trat Timberlake dahin, wo man es am wenigsten gern hat, und rannte los, die Straße entlang. Allerdings musste er an mir vorbei, und so ging ich einen Schritt beiseite und stellte ihm ein Bein. Der Russe flog hart auf den Bauch, und dann griffen Timberlake und der Fahrer zu und waren nicht mehr sehr gut auf ihn zu sprechen. Sie packten ihn auf die Rollbahre und schnallten ihn fest, und dann schoben wir ihn in den Rettungswagen. Sie brachten ihn nach Brattleboro. Timberlakes Schichtführer sagte, an der Internationalen Schule gebe es vielleicht jemanden, der sich mit ihm verständigen könne.
Die Sache ist: Clemmie sagt, ich mag ihren Vater nicht. Sie hat recht. Ich mag ihn nicht. Er mag mich auch nicht – also ist alles okay, und wir sind quitt. Man muss seinen Schwiegervater nicht mögen. Und der muss seinen Schwiegersohn nicht mögen. Es ist wirklich kein Problem, aber Clemmie sieht das anders. Und dann sagt sie, ich mag ihren Vater nicht und habe ihn noch nie gemocht. Und das stimmt nicht. Ich mochte ihn. Nachdem Clemmie uns miteinander bekannt gemacht hatte, mochte ich ihn für ungefähr fünf oder zehn Minuten. So lange brauchte ich, um zu merken, dass Addison Jessup mich missbilligte, dass er fand, ich sei nicht annähernd gut genug für seine einzige Tochter, und dass ihm der Gedanke an eine Verbindung mit einem halbgaren Hinterwäldlerbullen durch und durch zuwider war – mit einem Wort: dass ihm die ganze Sache mit Clemmie und mir missfiel.
Die Tatsache, dass ich Addison eine Woche zuvor wegen Trunkenheit am Steuer einkassiert hatte, stand der Entwicklung eines herzlichen Verhältnisses wahrscheinlich ein bisschen im Weg. Aber auch das hätte nicht unbedingt ein Problem sein müssen. Für mich war es keins. Die Arbeit eines Sheriffs unterscheidet sich in mancherlei Hinsicht von der anderer Polizisten – ich werde das noch näher erläutern –, nur in einem Punkt nicht: Die Leute wollen, dass man seinen Job macht und dass man ihn nicht macht. Sie wollen, dass man seinen Job macht, aber nicht bei ihnen.
«Wenn du dich nur ein kleines bisschen bemühen würdest», sagte Clemmie. «Wenn du ihm wenigstens ein einziges Mal entgegenkommen würdest. Er ist nicht mehr der Jüngste. Es geht ihm nicht gut. Er wird nicht ewig leben.»
«Nicht?», sagte ich. «Bist du sicher?»
«Ich kann nicht auf deiner und seiner Seite sein», sagte Clemmie. «Ich stehe die ganze Zeit in der Mitte.»
«Du stehst überhaupt nicht in der Mitte», sagte ich. «Ich bin der ungebildete Hinterwäldler, der deinem Vater seine einzige Tochter, sein kleines Mädel, weggenommen hat. Das gefällt ihm nicht. Ich kann nicht machen, dass es ihm gefällt. Und du auch nicht. Hör auf, dir darüber den Kopf zu zerbrechen.»
«Er hält dich nicht für einen ungebildeten Hinterwäldler.»
«Doch, tut er. Und er hat recht.»
«Wenn er recht hat – was bin dann ich?»
«Die Frau eines ungebildeten Hinterwäldlers, würde ich sagen.»
«Genau. Verstehst du? Daran denkst du nicht.»
«Nicht?»
«Nein. Nie. Du ziehst einfach deine Bahn, wie du es immer tust, wie du es immer getan hast. Du bist dir deiner so sicher. Du siehst mich gar nicht.»
«Ich sehe dich sehr gut.»
«Nein, tust du nicht. Du siehst mich nicht. Du siehst niemanden.»
«Ich sehe dich. Ich sehe deinen Vater. Und willst du wissen, was ich da sehe?»
«Nein. Vergiss es.»
«Willst du es wissen?»
«Vergiss es einfach.»
«Wenn du willst, sag ich’s dir.»
«Nein, ich will es nicht wissen. Herrgott. Soll ich dir sagen, was ich will? Was ich mir wünsche? Ich möchte wie du sein. Lach nicht – das möchte ich wirklich. Ruhig. Gelassen. Immer im Recht. Das wäre großartig. Das würde mir gefallen, wirklich. Wie machst du das bloß? Wie bist...




