E-Book, Deutsch, Band 1, 290 Seiten
Reihe: Pike-Duett
Frazier Pike - Er wird sich rächen
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7363-1509-9
Verlag: LYX.digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 1, 290 Seiten
Reihe: Pike-Duett
ISBN: 978-3-7363-1509-9
Verlag: LYX.digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sie war Teil seines ausgeklügelten Racheplans. Doch sein Herz hatte andere Pläne ...
Aufgewachsen in Logan's Beach lernte Pike früh das harte Gesetz der Straße. Als Auftragskiller führt er ein Leben ohne Gefühle, ohne Liebe und allein. Bis er Mickey trifft. Obwohl Pike weiß, dass er bei seinem aktuellen Auftrag alles verlieren könnte und absolut keine Irritation gebrauchen kann, fühlt er sich wie magisch hingezogen zu der unschuldigen und schutzlosen jungen Frau. Sie ist die perfekte Ablenkung von seiner Wut und alles, was er gerade braucht. Doch dann findet er heraus, dass Mickey stärker mit seinem eigenen Leben verbunden ist, als er dachte - und dass sie das perfekte Mittel für die Rache an seinem schlimmsten Feind sein könnte, nach der er sich sein ganzes Leben lang sehnt. Er will Mickey benutzen und ausliefern. Doch Pike hat nicht mit den tiefen Gefühlen gerechnet, die plötzlich zwischen ihm und seinem Plan stehen. Gefühle, die alles zerstören könnten, wofür er so hart gekämpft hat ...
'Pike wird euch verschlingen, euer Herz wird brechen, eure Gefühle werden euch umbringen. Dieses Buch hat alles, was ich an Dark Romance liebe!' REBEL READS
Band 1 des PIKE-Duets von USA-TODAY-Bestseller-Autorin T. M. Frazier
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1
Mickey
Vor vier Jahren
Mama und Papa strahlen immer vor Stolz, wenn sie jemandem erzählen, dass ich ein fotografisches Gedächtnis habe, obwohl mir diese Fähigkeit im Vergleich zu denen meiner drei jüngeren Schwestern die unspektakulärste zu sein scheint. Mallory ist dreizehn und schon im olympischen Schwimmteam der Junioren. Maya ist sechzehn und hat vor Kurzem ihre vorzeitige Zulassung für Stanford bekommen. Und Mindy ist siebzehn, malt spektakuläre Landschaften in Wasserfarben und bekommt nächsten Monat ihre erste Soloausstellung in einer Galerie in Miami.
Und dann bin da noch ich. Mickey, neunzehn Jahre alt, fotografisches Gedächtnis, hoher IQ, nicht sozialtauglich.
Hm, ich wirke wohl eher blass im Vergleich. Vielleicht, weil ich zugesehen habe, wie hart sie gearbeitet haben, um ihre Ziele zu erreichen, während meine Leistungen lediglich das Ergebnis von etwas sind, womit ich geboren wurde. Ich musste nie versuchen, klug zu sein oder mich an Dinge zu erinnern.
Ich bin es einfach, und ich kann es einfach.
Ich höre noch Papas Stimme im Kopf, beim Abendessen letzten Monat mit meiner Tante und meinem Onkel. »Bob, habe ich dir je erzählt, dass Mickey ein fotografisches Gedächtnis hat? Es ist erstaunlich. Sie kann sich an jedes Detail erinnern, bei allem, was sie sieht. So etwas habe ich noch nie gesehen. Bob, gib mir doch mal deinen Führerschein. Sie merkt sich die Nummern in zwei Sekunden.«
Ich kichere in mich hinein, als ich an Bobs verblüfftes Gesicht denke, als ich genau das tat: ein kurzer Blick auf seinen Führerschein, zurückgeben, und dann nicht nur seine Führerscheinnummer aufsagen, sondern auch noch sein Geburtsdatum, das Datum der Verlängerung seines Führerscheins und die Tatsache, dass er Organspender ist. Und als Zugabe habe ich noch aufgezählt, dass er auf dem Foto einen Ketchup-Fleck am Kragen hat.
Mein Gedächtnis war immer meine Superkraft. Es hat mich nie im Stich gelassen.
Mein Lächeln verschwindet.
Bis heute.
Heute ist Dads Prahlerei eine Lüge.
Denn heute ist etwas passiert, und zum ersten Mal in meinem Leben kann ich mich nicht erinnern, was es war.
Die Erinnerung ist da, aber sie liegt in meinem Gedächtnis wie ein zerrissenes Foto, das im Wind davonweht. Immer wenn ich das Gefühl habe, dass ich sie zu fassen bekomme, ist sie wieder weg. Es ist, als würde man aus dem Augenwinkel eine Bewegung in der Ecke sehen, und wenn man sich umdreht, erkennt man, dass da gar nichts ist.
Es ist, als würde ich Gespenstern nachjagen.
Das Lachen meiner Schwestern bringt mich zurück in die Gegenwart. Ich schüttele das unbehagliche Gefühl ab und setze ein breites Lächeln auf.
Egal, was passiert ist, es kann nicht so wichtig gewesen sein. Denn sonst würde ich mich ganz sicher daran erinnern. Denn das bin schließlich ich. Die Tochter, die sich an alles erinnert.
Egal, was mit meinem Gedächtnis los ist, es wird warten müssen, denn ich lasse nicht zu, dass mir irgendetwas zu schaffen macht, ganz besonders nicht hier, an meinem Ort der Glückseligkeit.
Meine Familie und ich machen jeden Sommer Ferien hier in Logan’s Beach. Wir haben eine Ferienwohnung gleich am Strand. Meine schönsten Erinnerungen sind Dinge, die in dieser Stadt passiert sind. Hier ist mein erster Zahn ausgefallen. Hier hatte ich meinen ersten Beinahe-Kuss am Pier, bei dem ich aber im letzten Moment ausgewichen bin, nachdem ich in Hudson Yontz’ Zahnspange irgendetwas Widerliches stecken sah. Aber die Erinnerung lässt mich immer noch lächeln. Mom hat mir im Pool der Ferienwohnung Schwimmen beigebracht. Meine Schwestern und ich haben hier sogar einen Angelwettbewerb gewonnen. Wir nannten unser Team die Snook Sisters, und in dem Jahr machten die Snook Sisters den ersten Platz. Man hätte glauben können, wir hätten in der Lotterie gewonnen und nicht einen Geschenkgutschein über fünfundvierzig Dollar bei Master Bait & Tackle.
Die Wärme der Sonne wird schwächer, und die unbarmherzige Hitze schwindet von meinem Nacken und lässt Kühle zurück, als die Brise über meine nasse Haut weht.
Ich blicke hinauf in den Himmel und sehe die Sonne hinter dem Horizont verschwinden.
Schon Sonnenuntergang? Wo ist die Zeit geblieben? Haben wir die Ferienwohnung nicht erst vor ein paar Minuten verlassen, um Kajak fahren zu gehen?
So war es, daran erinnere ich mich noch. Wir haben den Van vollgepackt und die Kajaks aufs Dach geschnallt. Hatten angehalten, um mehr Sonnencreme zu kaufen.
Stimmt doch? Oder war das letztes Jahr?
Hat es geregnet? Ich glaube, ich erinnere mich an Regen.
Es ist alles verschwommen.
Ich meine, die Zeit hier im Sommer vergeht immer wie im Flug. Es ist nicht ungewöhnlich, dass mir das Zeitgefühl abhandenkommt.
Aber nicht deine Erinnerung.
Alles gut. Alles wird gut. Ich weigere mich, diesen Dialog mit meiner inneren Stimme noch mal zu führen. Schließlich bleibt nicht ewig Zeit. Es ist unser letzter Sommer hier als Familie, und ich will jede Minute davon genießen.
Das Schild mit Willkommen in Logan’s Beach darauf schimmert grün im schwindenden Licht, als ich hinkomme. In den Sommerwochen ist immer entweder ein großer Penis mit schwarzer Farbe draufgesprayt oder ein Farbfleck, um besagten Penis zu überdecken.
Heute ist es ein Farbfleck.
Ich grinse vor mich hin, während ich langsam an dem Schild vorbeigehe. Mir tun die Füße weh vom Laufen. Ich höre, wie sich Mallory hinter mir über ihre Füße beschwert, ganz Dramaqueen, und verdrehe die Augen.
Mom versichert ihr, dass wir fast da sind, und ich antworte mit einem sarkastischen »Sind wir bald da?«.
Außer Papa lacht niemand.
Ich höre weiter zu, als Papa einen schlechten Klopf-Klopf-Witz erzählt, bei dem meine Schwestern und Mama einstimmig aufstöhnen. Papa ist so merkwürdig wie ich. Wir haben nicht nur den gleichen hohen IQ, sondern auch denselben miesen Sinn für Humor. Ich bin die Einzige, die über seine Witze lacht, und sein berühmtes Zwinkern ist meine Belohnung dafür.
Mindy schimpft, weil ich ihn auch noch ermutige, und sie stöhnt noch lauter, als er einen weiteren Witz erzählt.
Irgendwie macht es hier noch mehr Spaß, meine Schwestern zu ärgern.
Sogar dass ich mir das Badezimmer mit meinen drei Schwestern teilen muss, ist hier annehmbarer als zu Hause, und dabei hat das zu Hause zwei Waschbecken, während das in der Ferienwohnung nur eins hat.
Während wir weitergehen, hinterlasse ich eine schmale, schlangenähnliche Wasserspur auf dem Gehweg. Meine Klamotten sind in der Hitze der Sonne von nass zu feucht geworden. Meine Jeansshorts reiben über die Innenseiten meiner Beine und rubbeln mir mit jedem Schritt die Haut wund. Mein unordentliches Haar ist ein zerfledderter Schwamm, und wenn der mal nass ist, tropft er wie ein undichter Siphon, so lange, bis ich ein Handtuch und einen Fön finde, denn Lufttrocknen ist keine Option.
Maya bemerkt meine Wasserspur und witzelt, dass ich bei einem dieser Werbespots für ShamWow mitmachen könnte. Also, nicht als der Verkäufer, der die ganze Zeit hinausposaunt, wie toll dieses Putztuch ist und wie viel Wasser es aufnehmen kann, sondern als das Tuch selbst.
»Als hätte ich das noch nie gehört«, brumme ich vor mich hin. Habe ich schon. Mehrere hundert Male. Immer von Maya.
Mama sagt ihr, dass sie nett sein soll, und ich grinse und strecke die Zunge heraus wie ein Kind, obwohl ich doch inzwischen eine erwachsene Frau bin. Ich frage mich, wann ich mich tatsächlich wie eine Frau fühlen werde. Mein Körper hat die Botschaft, dass die Weiblichkeit in mir inzwischen ihren Höhepunkt erreicht haben sollte, offensichtlich noch nicht erhalten. Beweisstück A: meine Hühnerbeine, und Beweisstück B: mein Mangel an anmutigen … Alles.
Papa sagt, wir sollen alle mal stehenbleiben und die salzige Luft genießen.
Wir sind zwar beide intelligent und haben denselben albernen Sinn für Humor, aber in diesem Punkt sind wir verschieden. Papa ist auf eine Weise sentimental, die schon fast wunderlich ist. Für Gefühle kann er die Logik auch mal beiseiteschieben.
Während ich zusehe, wie er die Augen schließt und tief Luft holt, wird mir klar, dass ich ihn beneide. Dass er das Beste von beiden Welten haben kann, während ich es gerade mal schaffe, in den Grenzen nur dieser einen zu leben.
Normalerweise würde ich nur die Augen verdrehen oder so tun, als würde ich mitmachen, aber dies ist mein letzter Sommer hier, bevor ich zurück ans College gehe und mein neues Forschungsprojekt beginne. Und wer weiß, vielleicht ist es mein letzter Sommer überhaupt hier, und ich habe mir geschworen, dass ich jede einzelne Minute davon genießen werde. Also tue ich, was Papa sagt, und bleibe stehen, schaue zum Wasser und schließe die Augen. Das Salz ist so deutlich in der Luft, dass ich es im Mund schmecken kann, noch bevor ich einatme.
Ich versuche, tief Luft zu holen, aber ich kann nicht. Meine Lungen sind schon voll, aber nicht mit Luft. Ich muss husten, dieses eklige nasse Husten, bei dem man fühlt, dass man irgendwelches Zeug in der Lunge hat. Und die Luft könnte ebenso gut auch ein Salzleckstein sein, denn das, was ich da aushuste, schmeckt, als hätte ich mich den ganzen Tag an so einem Ding zu schaffen gemacht.
Mama kommt zu mir und fragt, ob alles in Ordnung ist. Ich nicke, wische mir mit dem Handrücken über den Mund und schenke ihr ein Lächeln, mit dem ich beteuere, dass es mir gut geht. Sie...




