E-Book, Deutsch, Band 2, 297 Seiten
Reihe: Die große Schottland-Saga
Fraser Die Frauen von Kinvara
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98952-969-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman. Die große Schottland-Saga, Band 2 | »Große Gefühlstiefe und wunderschöne Landschaftsbilder.« Aberdeen Express
E-Book, Deutsch, Band 2, 297 Seiten
Reihe: Die große Schottland-Saga
ISBN: 978-3-98952-969-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Christine Marion Fraser (24. März 1938 - 22. November 2002) war eine schottische Bestsellerautorin. Sie wurde in Govan, Glasgow, geboren und wuchs in einem Mietshaus als achtes Kind eines Werftarbeiters und seiner Frau auf. Durch eine Erkrankung in der Kindheit war sie ihr Leben lang auf einen Rollstuhl angewiesen. 1978 erschien ihr erst Roman. Ihre schottischen Familiensagas wurden über dreieinhalb Millionen Mal verkauft. Ihr späteres Leben verbrachte sie mit ihrem Mann und ihrer Familie in Argyll. Bei dotbooks erscheint Christine Marion Frasers große Schottland-Saga mit den Romanen »Der Leuchtturm von Kinvara« und »Die Frauen von Kinvara«.
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Kapitel 1
Hannah zog das Umhängetuch enger um ihre Schultern, während sie zitternd ein paar Minuten auf der Treppe ihres Hauses in der Keeper’s Row Nr. 6 stand und den Blick über die Landschaft schweifen ließ. Es war ein kalter, klarer Septembermorgen; noch lag die Nacht über den Hügelkuppen, und am tiefblauen Horizont des westlichen Meers blinkten die Lichtsignale des Kinvara-Leuchtturms in der Dunkelheit. In der Stille kräuselte eine leichte Brise die ruhigen schwarzen Wasser der Mary’s Bay.
Doch weit im Osten, hinter den blauschwarzen Silhouetten der Inneren Hebriden, brach schon der Tag an, die Wolken glänzten wie Perlmutt, und silberne Streifen überzogen den Horizont. Der Himmel wurde heller und dann tauchte die Sonne wie ein pulsierender und immer größer werdender Feuerball aus dem Meer auf. Sie kletterte höher und höher, bis sie ihr Gesicht hinter einer mächtigen, purpurroten Wolke versteckte.
Morgenrot mit Regen droht. Dieses alte Sprichwort kroch wie eine verhängnisvolle Vorahnung in Hannahs Gedanken – ähnlich dem Vorboten eines Wetterumsturzes nach einer Periode spätsommerlicher Wärme, in der Farmer und Kleinpächter noch schnell ihre Ernte einbrachten. Letzte Woche hatte jeden Tag auf den Feldern hektisches Treiben geherrscht, Stimmen hatten über die Wiesen geschallt, Mähmaschinen gedröhnt, Kinder und Tiere waren umhergelaufen, und bei Einbruch der Dämmerung waren hoch beladene Heuwagen über die Feldwege gerumpelt, und der schwere, süße Duft frisch gemähten Grases hatte in der kühlen Abendluft gehangen.
Hannah warf einen Blick auf die neben ihrem Haus zum Trocknen ordentlich aufgereihten Hocken mit den Getreidegarben. Dabei stiegen ihr Tränen in die Augen, denn erst vor ein paar Tagen hatte sie zusammen mit ihrem Mann, Rob, das Korn geschnitten und gebündelt. Zu ihrer Überraschung hatte sie feststellen müssen, dass ihr diese Arbeit wirklich Spaß gemacht hatte: die Sonne auf ihrem Rücken, das rhythmische Sirren des Sensenblattes, der Anblick von Rob mit nacktem Oberkörper, stark und muskulös, die sonnengerötete Haut feucht vom Schweiß, den dunklen Kopf gesenkt.
Robert Sutherland war ein gutaussehender Mann, dessen markante Gesichtszüge andere Frauen attraktiv fanden. Ob jung, in reiferen Jahren oder alt, das spielte keine Rolle, alle lachten und plauderten mit ihm und zwinkerten ihm zu, als würden sie insgeheim einen Witz begreifen, den nur er verstand. Dabei handelte es sich natürlich um Einheimische, Menschen, die er sein Leben lang gekannt hatte, deren Ansichten und Meinungen er im vertrauten Umgang teilte.
In Kinvara gab es Frauen, die sich noch immer voller Sehnsucht nach ihm verzehrten, und trotzdem hatte er sie, die unfähige und unscheinbare Hannah Mabel Houston aus Ayr, geheiratet, nicht gerade der Typ Frau, die sich einen Mann wie Rob angelt, die er wahrscheinlich nicht geheiratet hätte, wäre zu dem Zeitpunkt die Frau, die er wirklich liebte, für ihn erreichbar gewesen ...
Hannahs Blick schweifte zu dem kleinen weißen Haus am Ufer der Mary’s Bay – Oir na Cuan –, das Cottage am Rand des Meers, eine bescheidene Hütte, jetzt unbewohnt, doch früher vom Lachen einer jungen Frau erfüllt. Dem Lachen von Morna Jean Sommero, so zart und rosig, schön und fröhlich – kein Wunder, dass Rob sie geliebt hatte und sich noch immer nach ihr sehnte.
Er und Morna waren ein Liebespaar gewesen, lange bevor er Hannah geheiratet hatte. Doch nach einem erbitterten Streit war Morna in ihr Elternhaus auf die Shetland-Inseln zurückgekehrt und hatte ihm dort – ohne sein Wissen – eine Tochter, Vaila, geboren. Als sie nach Kinvara zurückkam, hatte er Hannah geheiratet und die wahre Identität seines Kindes verheimlichen müssen.
Das war hart für Rob gewesen, dieses Doppelleben, von der Sehnsucht geprägt, sich vor aller Welt zu seiner Tochter bekennen zu wollen, was er aber nicht durfte, weil er eine Frau und seinen kleinen Sohn, Andy, hatte.
Hannah zweifelte kaum daran, dass Rob sie geheiratet hatte, um sich über Morna hinwegzutrösten, und dass er diesen Schritt bestimmt jeden Tag seines Lebens bereute. Die ganze Zeit hatte sein Herz einer anderen Frau gehört, und Morna hatte Glück gehabt, eine so tiefe Liebe erlebt zu haben ... Hannah schüttelte sich innerlich, denn es war nicht richtig, so über eine junge Frau zu denken, die tot war – diese lebensprühende Morna, die wahrscheinlich mit Robs Namen auf den Lippen gestorben war.
Hannah hielt den Atem an. Manchmal war ihr der Gedanke schier unerträglich, nie Robs große Liebe gewesen zu sein und es wohl auch nie zu werden.
Ach, hör auf, schalt sie sich wütend. Die Vergangenheit ist tot und begraben. Es hat doch keinen Sinn, immer wieder alles aufzuwühlen. Du bist hier, du lebst, Rob gehört jetzt dir, und allein das zählt.
Wieder betrachtete sie die Getreidegarben und dachte wehmütig daran, wie schön es gewesen war, an der Seite ihres Mannes zu arbeiten. In den paar Jahren ihrer Ehe hatte er ihr die Augen geöffnet, zu Selbsterkenntnissen verholfen, und sie hatte gelernt, bestimmte Arbeiten nicht nur zu erledigen, sondern sie sogar zu lieben.
Rob, so ein viriler, liebevoller Mann. Und das war ein Teil ihres Problems, denn er war zu viril und leidenschaftlich ... und in einem Anflug düsterer Vorahnung drückte sie die Hände auf ihren Leib. Dann zwang sie sich, an etwas anderes zu denken. Es war kalt hier draußen; mit Anbruch des Tages war ein kühler Wind vom Meer aufgekommen, der die Wellen kräuselte und die Stille des frühen Morgens vertrieb. Helles Licht schimmerte auf dem Wasser, färbte die Bäume golden und kroch in die Täler zwischen den Hügeln.
Als Ehefrau von Rob Sutherland war sie zum ersten Mal hierhergekommen und hatte die Einsamkeit und Kargheit dieser Landschaft gehasst. Doch im Lauf der Zeit hatte sogar diese einsame Schönheit ihr Herz berührt, deren scheinbare Kargheit voller subtilen Lebens war. Eine Landschaft, so von der Zeit geprägt, dass sie manchmal einfach stehen blieb, sich umschaute und glaubte, von der Vergangenheit eingeholt zu werden.
Eine Bewegung am Strand erregte ihre Aufmerksamkeit, und ihr Herz stockte vor Schreck. Doch es war nur Johnny Lonely, der Einsiedler, der in seiner schäbigen Hütte unterhalb der schroffen Klippen von Cragdu lebte. Ständig suchte er den Strand nach Treibgut ab, aber niemand wusste, was er damit machte. Es lag wohl in seiner Sammlernatur, alle möglichen Fundstücke anzuhäufen. Natürlich machte er auch Feuer, um sich daran zu wärmen, doch manchmal kam es ihm in den Sinn, seine Habseligkeiten zusammenzupacken und sein Lager in der Ruine von Monk’s Light über der Steilküste von Kinvara Point aufzuschlagen. Dort oben zündete er dann wie einst die Mönche ein Feuer an, um die Schiffe vor Untiefen und Klippen zu warnen.
Wunderlicher einsamer Mann, dachte Hannah, die manchmal Mitleid mit Johnny hatte, obwohl seine Einsamkeit selbst gewählt war, denn er suchte nie Kontakt zu Menschen. Niemand sollte so ein Einsiedler-Dasein führen, und sie fragte sich, wie er wohl vorher gelebt hatte und was er gewesen war. Ein Dichter? Ein Künstler? Ein Mann Gottes? Denn obwohl er nie in die Kirche ging, glaubte er an seinen Schöpfer.
Ryan Du, der auf der weitläufigen Farm Vale o’ Dreip an den Hängen des Blanket Hill arbeitete, hatte erzählt, dass Johnny immer ein Tischgebet spreche, wenn ihm Rita Sutherland eine Mahlzeit als Lohn für Gelegenheitsarbeiten gab. Zweifellos war er anders, und diese Andersartigkeit trennte ihn von den Menschen. Doch die Kinder liebten ihn, denn sie fanden Johnnys Lebensweise faszinierend. Außerdem erzählte er spannende Geschichten über die Seefahrt an den heimischen Küsten, vor allem über Schiffe, die an den tückischen Felsen in der Bucht der Winde in der Nähe von Camus an Gao zerschellt oder gesunken waren ... vielleicht ist Johnny ein Fischer oder Matrose gewesen, überlegte Hannah. Andy jedenfalls bewunderte ihn, und obwohl Hannah diesen ungewöhnlichen Freund ihres Sohnes nicht akzeptierte, musste sie diese Beziehung hinnehmen, denn beide – Andy und Johnny – waren Wanderer ... Andersartige. Andy war auf seine Weise eine ebenso einsame Seele wie Johnny.
Hannah schaute in die Ferne; das Blinken des Kinvara-Leuchtturms war am hellen Horizont nicht mehr zu sehen. Rob hatte gestern seinen drei Monate dauernden Dienst als stellvertretender Chefleuchtturmwärter dort angetreten, und vor ihr lagen viele Tage – ohne ihn leer. Eigentlich sollte sie sich mittlerweile an seine Abwesenheiten gewöhnt haben, aber sie wusste, dass es ihr immer schwerfallen würde, diese langen Wochen ohne ihn zu akzeptieren.
Breck, der schwarzweiße Colliemischling, den Rob Andy vor vier Jahren zu Weihnachten geschenkt hatte, kam aus dem Haus, hob das Bein und beschnüffelte das Gras. Hannah war ihm dankbar, dass er sie in die Normalität zurückholte. Der Hund vermisste Rob und sah sie so vorwurfsvoll an, als sei es ihre Schuld, dass Rob nicht da war.
Breck mochte sie nicht, weil er von Anfang an gespürt hatte, dass sie ihn nicht im Haus haben wollte. Er gehört nach draußen in eine Hundehütte, damit er nicht ihre sauberen Fußböden schmutzig machen könne, hatte sie stets behauptet. Die Schäferhunde auf der Dunruddy Farm in Ayrshire, wo sie aufgewachsen war, hatten...




