E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Franke Der Geschichtensammler
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-96122-055-7
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman.
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
ISBN: 978-3-96122-055-7
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thomas Franke ist Sozialpädagoge und bei einem Träger für Menschen mit Behinderung tätig. Als leidenschaftlicher Geschichtenschreiber ist er nebenberuflich Autor von Büchern. Er lebt mit seiner Familie in Berlin. www.thomasfranke.net Foto: © Studioline Erlangen
Autoren/Hrsg.
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Hagelsturm und Sülze
Geduckt und die Muskeln unter dem struppigen Fell zum Sprung bereit, schlich die magere graue Katze auf das Mäuerchen zu. Die Ratten, die sich überall in der Stadt ausbreiteten, waren ihr zu wehrhaft, aber diese gefiederte Beute dort war verlockend. Der Boden unter ihren Pfoten zitterte unablässig, Steine kullerten Geröllhalden hinab, und verkohlte Balken knirschten. Pausenlos donnerten in der Ferne die Geschütze.
Die Rote Armee hatte Berlin erreicht. 2,5 Millionen Soldaten drangen in die Hauptstadt ein – mit einem Waffenarsenal, das groß genug war, um an der gesamten Front alle drei Meter ein Geschütz aufzustellen.
Die Katze hielt inne. Rechts von ihr kam Bewegung auf.
Durch eine schmale Schneise in den Schuttbergen radelten Hitlerjungen mit Panzerfäusten an den Fahrradlenkern Richtung Front. Der Weg war nicht weit. „Von der Westfront zur Ostfront kannste mit der Straßenbahn fahren“, kommentierten die Berliner mit Galgenhumor die Situation der belagerten Stadt.
Die Augen der Katze waren konzentriert auf ihre Beute gerichtet, ein kleines, gelb-blaues Knäuel, das ein paar Zentimeter voran hüpfte und an irgendetwas pickte, das auf der Mauer lag. Langsam schlich sie weiter. Mittlerweile gab es immer weniger Menschen in den stetig wachsenden Schuttbergen. Sie musste nur Geduld haben und warten, bis die seltsame Kolonne dort unten vorübergezogen war.
Die meisten Menschen, die noch in der Stadt ausharrten, waren Frauen, Kinder und alte Leute. Der Roten Armee standen 42.000 Wehrmachtssoldaten und noch einmal so viele alte Männer und kleine Jungen gegenüber, die von den Nazis beschönigend „Volkssturm“ genannt wurden. Die Verschwendung von Menschenleben an den Fronten des Krieges und die Bombenangriffe hatten die Bevölkerung ausgedünnt. Viele waren aufs Land geflohen. Die Reichshauptstadt war zum Reichstrümmerfeld geworden. Aber einige glaubten noch immer an den Sieg. Vor allem die Jungen.
Endlich war der Trupp vorbeigeradelt. Die Katze schlich weiter, duckte sich tiefer in den Staub, in dem ihr langhaariges, graues Fell kaum zu erkennen war.
Ein blecherner Lärm übertönte jetzt das Dröhnen der Geschütze. Ein Lautsprecherwagen rumpelte vorbei, verkündete Durchhalteparolen und beorderte die Bevölkerung zum Ausheben von Panzergräben. Der kleine Vogel flatterte erschrocken auf, ließ sich aber nur einen Meter entfernt erneut auf der Mauer nieder. Die Katze zuckte mit den Ohren, änderte die Richtung und schlich sich behutsam näher an ihre Beute heran.
Jeder weitere Kriegstag war eine sinnlose Vernichtung von Leben, doch die Propagandamaschinerie der Nazis lief unvermindert weiter. Man sprach davon, dass die Heeresgruppe Wendt den Belagerungsring durchstoßen würde, man hoffte auf Wunderwaffen, und nicht zuletzt redete man sich ein, der plötzliche Tod Roosevelts würde die Amerikaner dazu bringen, die Allianz gegen Deutschland zu verlassen.
Der Lautsprecherlärm war noch nicht verhallt, als plötzlich eine menschliche Gestalt auftauchte. Sie kam direkt auf die kleine Mauer zugestolpert. Der Vogel zuckte erschrocken zusammen und flatterte davon.
Rasmus glitt mit dem rechten Fuß in einen Spalt und stieß mit dem Knie gegen ein Mäuerchen. Hastig stützte er sich ab und zerrte seinen Fuß wieder heraus. Glücklicherweise hatten die harten Lederstiefel verhindert, dass er zu stark umgeknickt war. Eine kleine Blaumeise flatterte davon. Er blickte ihr hinterher – ein Farbklecks im Grau der zerstörten Stadt. Als er weiterging, bemerkte er eine magere Perserkatze mit schmutzigem Fell, die sich hinter ein zerbrochenes Regenrohr duckte und ihn aus gelben Augen böse anstarrte.
Achselzuckend stolperte Rasmus weiter, den Schutthügel hinauf und dann auf der anderen Seite wieder hinab, immer nach Norden. Er durfte nicht zu spät kommen!
Die Geschütze donnerten noch immer unablässig. Er konnte die Vibrationen spüren. In seinen Ohren war nur ein permanentes, dumpfes Rauschen. Es verfolgte ihn, seit die Flakstellung, an der er seinen Dienst versehen sollte, an diesem Morgen einen Volltreffer abbekommen hatte.
Berlin würde fallen. Nur die Verblendeten zweifelten noch daran. Die Russen drangen von allen Seiten in die Stadt. Die Barrikaden aus Schutt und umgestürzten Straßenbahnwaggons würden sie genauso wenig aufhalten wie der sogenannte Volkssturm aus alten Männern und Hitlerjungen.
Die Welt stand in Flammen, und er fragte sich, wie aus diesen gigantischen Bergen aus Schutt und Schuld jemals wieder etwas Gutes entstehen sollte.
Rasmus taumelte. Das Denken fiel ihm schwer. Er wusste nur, dass er weitermusste, so schnell es ging, Richtung Norden zum großen Flakbunker am Humboldthain. Er kletterte über einen Trümmerberg so groß wie ein zweistöckiges Haus. Weiße Asche rieselte in Flocken auf ihn herab. Eine Erinnerung überfiel ihn, so unvermittelt wie ein Sonnenstrahl, der durch dichte Wolken dringt:
Auch damals waren weiße Flocken auf ihn herabgerieselt, kühl und sauber.
Das fröhliche Kreischen aus hundert Kinderkehlen durchschnitt die klare Winterluft. Eingemummelt in dicke Wollmäntel tobten kleine Gestalten auf dem Kreuzberg die Pisten auf und ab.
Beinahe wie in einem Ufa-Film schienen die Bilder einem anderen Leben zu entstammen. Dabei war es nur ein paar Jahre her …
„Was soll das denn sein?“ Emmi zog die Nase kraus und kniff die Augen zusammen. Damit kopierte sie perfekt die entrüstete Miene von Fräulein Bosenbach, ihrer Gouvernante. Allerdings milderten ihre nachlässig geflochtenen blonden Zöpfe und der Kakaobart unter ihrer sommersprossigen Nase das strenge Bild.
„Das ist mein Schlitten“, erklärte Rasmus würdevoll.
„Das ist kein Schlitten, das ist ein alter Sack“, erwiderte das Mädchen und setzte sich rittlings auf ihren original Ress-Gebirgsrodel.
„Dieser nasse Sack ist ein Musterbeispiel deutscher Ingenieurskunst“, erwiderte Rasmus. Er breitete den gewachsten Segeltuchfetzen umständlich vor sich auf dem Boden aus. „Der in Leichtbauweise konstruierte, hundertprozentig bruchsichere Flachschlitten passt in jede Jackentasche und …“, er hob den Zeigefinger, „kann darüber hinaus auch noch als Schuhputzlappen verwendet werden.“ Er ließ sich umständlich auf dem Tuch nieder.
Emmi grinste auf ihn hinab. „Wetten, dass ich schneller bin? Wer zuerst den Spazierweg erreicht, hat gewonnen.“
„Wetten ist Glücksspiel!“, bemerkte Rasmus tadelnd. „Mein Vater walkt mir mit meinem hundertprozentig bruchsicheren Flachschlitten die Ohren, wenn er davon erfährt.“
„Unsinn, es geht nicht um Glück, sondern um Können!“, erwiderte Emmi.
„Meinst du?“ Rasmus warf einen Blick auf ihren nagelneuen Schlitten. Die glatt geschliffenen Kufen glänzten vom frischen Wachs.
„Oder traust du dich etwa nicht?“, bohrte Emmi nach.
„Natürlich trau ich mich!“
„Gut, wenn ich gewinne, schreibst du meine Deutsch-Hausaufgabe.“
„Und wenn ich gewinne?“
„Dann kriegst du einen Kuss.“ Ihre Augen blitzten.
„Ich glaube, du siehst zu viele Filme.“ Unwillkürlich wanderte Rasmus’ Blick zu ihren kakaoverschmierten Lippen. Er war dankbar, dass die Mütze seine sich rötenden Ohren verbarg. „Hältst du das für einen fairen Tausch?“
„Natürlich nicht“, entfuhr es Emmi. „Ich meine, was ist schon so eine lächerliche Hausaufgabe …“ Sie wedelte graziös mit den Fingerspitzen.
„Schon gut.“ Rasmus lachte. „Abgemacht.“
Emmi grinste. „Bei drei geht es los: Eins, zwei … los.“ Sie stieß sich ab und sauste den Hügel hinunter.
Rasmus schüttelte schmunzelnd den Kopf und zog sich mit den Füßen voran, bis die Steigung stark genug war. Dann folgte er ihr in behäbigem Tempo. Die Kufen des Schlittens waren gut gewachst. Er nahm ein erschreckendes Tempo auf. Emmis scharlachroter Mantel flatterte im Wind. Dann kam eine Bodenwelle. Ihr Schlitten hob ab und krachte wieder auf den Schnee. Es gelang ihr, sich zu halten. Allerdings hatte ein Junge, der knapp vor ihr fuhr, weniger Glück. Er stürzte. Emmi versuchte auszuweichen. Ihr Schlitten kippte. Sie fiel herunter, überschlug sich ein paarmal und blieb schließlich im Schnee liegen.
„Emmi!“ Rasmus schlitterte hinterher. Er rutschte knapp an ihr vorbei und sprang auf. „Emmi?“
Sie lag im Schnee, die Arme ausgebreitet, den Blick an ihm vorbei in den Himmel gerichtet.
Rasmus kniete neben ihr nieder und rüttelte sie an der Schulter. „Emmi! Hast du dir wehgetan?“
Sie schielte zu ihm hinüber und ein breites Lächeln zeigte sich auf ihren Lippen. „Hast du das gesehen?! Ich bin geflogen!“
„Oh Emmi!“ Rasmus schnaubte. „Du bist unmöglich!“
„Ich weiß.“ Sie richtete sich auf und klopfte sich den Schnee von ihrem Mantel. „Ich war schneller als du!“
„Kann schon sein“, erwiderte Rasmus. „Allerdings hast du es dir zwei Meter vor dem Ziel gemütlich gemacht.“
Emmi blickte überrascht auf.
„Der Spazierweg ist dort.“ Rasmus wies mit dem Daumen auf seinen achtlos liegen gelassenen...




