E-Book, Deutsch, 455 Seiten
Franke Das Tagebuch
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-96122-054-0
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman.
E-Book, Deutsch, 455 Seiten
ISBN: 978-3-96122-054-0
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thomas Franke ist Sozialpädagoge und bei einem Träger für Menschen mit Behinderung tätig. Als leidenschaftlicher Geschichtenschreiber ist er nebenberuflich Autor von Büchern. Er lebt mit seiner Familie in Berlin. www.thomasfranke.net Foto: © Studioline Erlangen
Autoren/Hrsg.
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»Einen Augenblick, ich verbinde.« Die Stimme der Frau klang kühl.
Leon schluckte. Die Warteschleifenmusik setzte ein und ihn traf ein dicker Regentropfen. Er trat einen Schritt zurück unter die schützenden Planen, die sie über die Grabungsstätte gespannt hatten, und im gleichen Augenblick begann es in der Leitung zu knistern. Seufzend setzte er sich wieder dem herannahenden Unwetter aus. Obwohl sie sich unweit der Stadt Nantes befanden, war der Handyempfang hier im Château de Chamilot eine problematische Angelegenheit. Sein Assistent Pawel, der die Logistik übernommen hatte und für die Computer zuständig war, fluchte ständig über die unzuverlässige Internetverbindung. Leon sah zu, wie der Himmel sich verdüsterte. Der nahe Atlantik konnte innerhalb weniger Minuten ein ausgewachsenes Unwetter bescheren.
»Dr. Weber?«, vernahm er den tiefen Bass Prof. Degenhardts.
Leon zuckte innerlich zusammen. »Ja, am Apparat. Sie hatten um Rückruf gebeten?«
»Es ist verdammt schwer, Sie zu erreichen, wissen Sie das?«
»Ja, das haben wir auch schon festgestellt«, rief Leon gegen das Trommeln des stetig zunehmenden Regens an. »Wir haben des Öfteren kein Netz. Das Château de Chamilot befindet sich offenbar in einer Art Funkloch.«
»Reden Sie deutlicher, Mann, ich verstehe kein Wort.«
»Wir haben Netzprobleme!«, brüllte Leon in den Hörer. Ein Dickhornschaf, das sich, träge wiederkäuend, auf dem grasbewachsenen Hügel direkt neben der Ruine niedergelassen hatte, schaute verdutzt zu ihm herüber.
Der Professor am anderen Ende der Leitung hielt offenbar die Hand vor den Hörer und gab barsch irgendeine Anweisung an jemanden in seinem Büro. Der Regen trommelte immer heftiger auf die Planen, und in der Ferne donnerte es. Das Wasser rann Leon kalt in den Nacken, doch als er sich erneut einen halben Meter unter die schützende Plane zurückwagte, wurde die Verbindung abrupt schlechter. Hastig trat er wieder vor.
»… es bei Ihnen läuft?« Er bekam nur noch den zweiten Halbsatz des Professors mit.
»Nun, äh … die Grabungen kommen nur schleppend voran«, setzte Leon an. »Wir haben einige logistische Probleme und –«
»Kommen Sie mir nicht mit Ausflüchten«, fuhr ihn der Professor an. »Haben Sie nicht zugehört? Das DAI bombardiert mich mit Fragen, und mir fallen bald keine Ausreden mehr ein. Und unser privater Finanzier ist auf dem Absprung.«
Leon seufzte innerlich. Das Deutsche Archäologische Institut trug nur knapp ein Viertel der Kosten. Den überwiegenden Teil zahlte ein reicher Amerikaner, der sein Vermögen in verschiedene wissenschaftliche Projekte zur König-Artus-Forschung steckte. Wenn er absprang, war das Projekt gestorben. »Ich kann Ihnen versichern –«
»›Für Sie habe ich ein sehr vielversprechendes Projekt in Wales auf Eis gelegt‹, sagte er mir gestern erst«, unterbrach ihn der Professor erregt. »Sie haben uns nicht mehr und nicht weniger als eine Sensation versprochen, Dr. Weber!«
»Ich weiß, aber –«
»Man hat Ihnen vertraut, weil Sie einen ausgezeichneten wissenschaftlichen Ruf genießen. Aber eins kann ich Ihnen sagen: Das Eis unter Ihren Füßen wird immer dünner. Sie haben es nur meinem Einfluss zu verdanken, dass Ihrem Projekt bislang nicht der Geldhahn zugedreht wurde.«
»Und dafür bin ich Ihnen auch sehr dankbar –«
»Sie haben Zeit bis Donnerstag, um irgendeinen brauchbaren Hinweis zu liefern, dass Ihre Theorie mehr ist als das Hirngespinst eines fantasiebegabten Mannes.«
Ein Blitz zuckte über den Himmel und spiegelte sich in den erschrockenen Augen des Dickhornschafs, das seine lustlosen Kaubewegungen unterbrach. Gleich darauf krachte der Donner, und das Tier sprang erschrocken auf und stürmte über die hügelige Weide davon. Unter der düsteren Wolkendecke war es kaum mehr als ein bleicher Schemen.
»Bis Donnerstag«, wiederholte Leon fassungslos. »Aber das ist nicht mal mehr eine Woche!«
»Mehr kann ich nicht für Sie tun. Sie wissen, wie das läuft. Sie haben Ihre ganze wissenschaftliche Reputation in die Waagschale geworfen, um dieses Projekt durchzusetzen. Wenn ich mich nicht irre, sagten Sie: ›Die archäologische Überprüfung des Château de Chamilot wird alles, was ich bisher über den bretonischen Artus geschrieben habe, auf ein gänzlich neues wissenschaftliches Fundament stellen.‹ Sehen Sie zu, dass es für Sie nicht zum Menetekel wird.«
Leon hatte das Gefühl, als würde alle Kraft aus ihm schwinden. Bis Donnerstag! Damit hatte der Professor seinem Projekt im Grunde den Todesstoß versetzt.
»Ich wünsche Ihnen viel Erfolg, Dr. Weber. Auf Wiederhören.«
»Wiederhören«, murmelte Leon und steckte das Handy in seine Jackentasche. Er senkte den Blick. Minutenlang starrte er in den Regen, der die verfluchte Erde der Vendée allmählich in Schlamm verwandelte. Der Professor hatte keine Ahnung, was seine Worte wirklich bedeuteten. Hier ging es nicht nur um seine wissenschaftliche Karriere. Leon hob den Kopf und ließ den kalten Atlantikregen auf sein Gesicht prasseln. Dieses Projekt war alles, was er noch hatte.
Nach einem letzten Blick auf die düsteren Weiden ging Leon zu seinem Camper. Er zog sich trockene Sachen an und warf sich dann ein Regencape über. Er durfte sich nichts anmerken lassen. Wenn die Studenten erfuhren, dass das Projekt so gut wie gestorben war, würde die Stimmung kippen. Niemand würde sich mehr Mühe geben, und er konnte im Grunde genommen gleich alles zusammenpacken lassen. Aber solange alle motiviert weiterarbeiteten, bestand eine kleine Chance, dass sie doch noch Erfolg hatten.
Er stapfte zurück zur Grabungsstelle und ging zu den Stelltischen, auf denen seine Studenten die magere Ausbeute der letzten Stunden zusammengetragen hatten.
Leon holte tief Luft, nahm eine Keramikscherbe zur Hand, reinigte sie mit dem Pinsel von Erdresten und betrachtete sie unter dem Licht des Scheinwerfers. Schon eine halbe Minute später ließ er sie frustriert fallen. Das Fragment war neuzeitlichen Ursprungs, wahrscheinlich Anfang des 18. Jahrhunderts. Nun griff er nach einem rostigen Eisenteil, das vermutlich zum Zaumzeug eines Pferdes gehört hatte. Die ganze Zeit über versuchte er, sich nichts anmerken zu lassen, aber anscheinend war er kein allzu guter Schauspieler.
Emma, seine französische Kollegin von der Universität Nantes, stützte sich auf ihren Spaten und betrachtete ihn stirnrunzelnd. Sie war groß gewachsen und hatte einen athletischen Körperbau. Ihr Trizeps zeichnete sich sehr deutlich an ihren muskulösen Armen ab.
»Alles in Ordnung?«, erkundigte sie sich.
Leon brummte eine unverbindliche Antwort.
Emma rammte ihren Spaten in den Boden und schlenderte zu ihm herüber. Sie trug Jeans und ein ausgebleichtes T-Shirt und interessierte sich ganz im Gegensatz zu allen Vorurteilen über Französinnen in etwa so viel für Mode wie eine Kellerassel für die Aktienkurse an der Pariser Börse. Allerdings war sie eine hervorragende Triathletin und eine der angesehensten Expertinnen für spätantike und frühmittelalterliche Geschichte Mittel- und Westeuropas.
»Was bedrückt dich?«
Leon stützte die Hände auf den Tisch und starrte an ihr vorbei auf eine kleine Silbermünze, einen Denier aus dem 16. Jahrhundert. »Die Frage ist doch eher: Warum bist du nicht bedrückt?«, gab Leon zurück.
Emma lächelte. »Noch haben wir die Grabungen nicht beendet.«
»Ja, aber das ist pure Dickköpfigkeit. Wir haben nichts, absolut nichts!«
Emma setzte sich auf den Rand des Tisches und ließ die Beine baumeln. »Ich liebe meinen Beruf«, sagte sie. »Wir dürfen Menschen begegnen, die alle anderen auf diesem Planeten längst vergessen haben. Wir können in ihr Leben eintauchen und ein wenig an ihren Gedanken teilhaben. Wir lernen ihre Sorgen und ihre Träume kennen, und wir haben die Chance, von ihnen zu lernen, ein Privileg, das ihnen andererseits leider nicht vergönnt ist.«
»Emma, auch ich liebe meinen Beruf, aber –«
»Wirklich?«, unterbrach sie ihn. »Dieser ganze Ort atmet Geschichte, und du bist so gehetzt, dass du seinen Geruch nicht einmal wahrnimmst.«
Leon versuchte, den aufkeimenden Zorn zu unterdrücken. »Vielleicht hast du recht, ich bin nicht annähernd so tiefenentspannt wie du, aber das mag daran liegen, dass ich für die Finanzierung dieses Projekts verantwortlich bin. Natürlich atmet dieser Ort Geschichte, aber es ist der falsche Atem, verstehst du?« Dann zischte er ihr zu, so leise, dass die Studenten ihn nicht hören konnten: »Dieses ganze Projekt ist ein einziges Desaster, und das Letzte, was ich jetzt gebrauchen kann, ist ein romantischer Vortrag über die Schönheiten unseres Berufstandes. Hier geht es ums nackte Überleben!«
»Was ist passiert?«
Er seufzte. »Ich habe gerade mit Professor Degenhardt in Berlin telefoniert –«
»Doktor Weber!« Die Stimme des jungen Studenten klang aufgeregt.
»Ja?« Leon warf seiner Kollegin einen kurzen Blick zu. »Wir reden später.« Er ging um den Tisch herum zu einer der Grabungsstellen. Das Château de Chamilot war eine sehr alte Burg, deren erste Bauten bereits im 5. Jahrhundert errichtet worden waren. Und das machte sie für Leon so spannend. Im Lauf der Jahrhunderte hatte sie eine wechselvolle Geschichte erlebt. Während der...




