Frank | Schmalensee | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 252 Seiten

Frank Schmalensee

Roman
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7117-5417-2
Verlag: Picus Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 252 Seiten

ISBN: 978-3-7117-5417-2
Verlag: Picus Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Mühselig und unendlich scheinen die Wege zu Schule und Kirche für die 'Winterkinder' zu sein, bei sibirischer Kälte, grandios und unbarmherzig die Natur. Ein grimmiger Vater, geliebt und gefürchtet, eine sehr fromme, aber wissenshungrige Mutter, die einander im Einsatz für die Lebensreformbewegung fanden, führen mit ihrer Großfamilie ein Leben im Kontrast von idealisierter Romantik und plagender Not. Die Kinder bauen sich daneben ihre Abenteuerwelt, die sie mit eigenwilligen Einsichten und kapitalen Missverständnissen zu einem lädierten Idyll ordnen. Michael Frank lässt die dörfliche Scheinidylle seiner Kinderwelt in der unmittelbaren Nachkriegszeit aufleben, die Abenteuer zwischen Rechtgläubigkeit und ideologischem Aufruhr, unter dem Einfluss von Kirche, Schule und 'Besatzern' und den rätselhaften Einbrüchen der Moderne.

Michael Frank, 1947 in Oberbayern geboren, ist über die Deutsche Journalistenschule in München zu seiner Profession und später zur 'Süddeutschen Zeitung' gekommen, für die er als Nachrichtenredakteur, als Kritiker und Berichterstatter unter anderem über Entwicklungspolitik gearbeitet hat. Das alte, engere Mitteleuropa erschloss sich ihm als eine der Schicksalsregionen des Kontinents, die er von 1986 bis 2012 als Auslandskorrespondent beobachtete, wechselweise mit Sitz in Prag und Wien. Er wurde mit dem Joseph-Roth-Preis und der Goldenen Feder für deutsch-tschechische Verständigung ausgezeichnet. Im Picus Verlag erschien 2003 'Alles Wien. Stadtansichten' und 2020 der Roman 'Schmalensee'.
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Mit mir aber war es ein wahrhaft titanisches Ringen, das zwischen meinen Verfolgern und mir zu manchmal stundenlangen Wortgefechten hässlichster, ja obszöner Art führte. Nun hatte mir die Familie, namentlich Mutter, nicht nur diesen unüberwindlichen, enge Schranken setzenden Pazifismus, sondern auch noch einige Wortgewandtheit mitgegeben, die ich notgedrungen aufs Äußerste zu üben hatte, war dies doch das einzige Mittel einer wirksamen Gegenwehr. Die Sache gedieh zum kindlichen Kulturkampf, der in schiere Pogromstimmung eskalierte, als es die ersten Zeugnisse gab. Der Einzige nämlich, der die Note 1 in Deutsch bekommen hatte, war der Bananenneger aus den Hochalpen, der ja bekanntermaßen alles Mögliche nur nicht Deutsch sprach. Entsetzen lähmte für kurze Zeit sogar die Niedertracht meiner Verfolger, rief aber Eltern auf den Plan, die wahrhaftig die Lehrkräfte und den Rektor der Schule zur Rede zu stellen suchten, wie es kommen könne, dass ein Kind, das nach glaubhafter Aussage ihrer eigenen Söhne kein verständliches Deutsch beherrsche, so benotet werden könne, wohingegen der doch sehr sprachgewandte eigene Nachwuchs benachteiligt werde.

Der Pater Generalpräfekt hielt daraufhin eine Exhorte, die sich wie das Wort selbst vom Exorzismus herleitet und so viel wie ein allerheiligstes Donnerwetter in amtlicher Form bedeutete. Der Pater Generalpräfekt, dessen nur umwölkte Stirn schon tiefe Ängste in unseren Schülerseelen aufreißen konnte, herrschte die Kameraden an, dieses Kind da, und er wies auf mich, sei zweisprachig aufgewachsen, nämlich im Dialekt und in der Hochsprache, und verfüge deshalb über einen unendlich reicheren Wortschatz, größeren Formenreichtum und weit mehr grammatikalische Wendigkeit als sie, die tumben Westfalen, die immer nur lachten, wenn die Großeltern zu Hause Platt sprächen, statt mit ihnen zu reden und dabei zu lernen.

Kurz nach diesem Tiefschlag für die Widersacher, der mir Erleichterung und etwas Kräftigung meines ziemlich erschütterten Selbstbewusstseins brachte, kam der Tag der großen Wende. Zwei mir besonders übel gesonnene Gesellen suchten die offene Wortschlacht, um die alte Oberhoheit auf dem Felde der Beleidigungen und Diffamierungen zurückzugewinnen. Das Wortgetümmel, ausgetragen im Studiensaal zwischen den Pulten und verfolgt von der teils beklommenen, teils johlenden Meute der Kameraden, wogte vielleicht eine Dreiviertelstunde hin und her, bis beiden Widersachern urplötzlich jeder zynische Witz ausging, sie rot anliefen, vor Wut zu brüllen begannen und sich stühleschwingend auf mich werfen wollten.

Das war der Sieg. Ich, der ich nie prügeln durfte und konnte, hatte meine Todfeinde verbal so niedergerungen, dass ihnen die Worte ausgingen und sie nur noch Gewalt als Ausweg wussten. Kameraden warfen sich auf sie, verhinderten wirkliche Tätlichkeiten. Von da an war Schluss mit der Folter. Zumindest für mich. Die Mitschüler fanden keinen Spaß mehr an der auch für sie immer hässlicher anmutenden Auseinandersetzung. Ich freilich ließ die jungen Herren spüren, wer hier künftig das Sagen haben würde, und ich lernte so sehr konkret, was es heißt, die Wortführerschaft zu übernehmen. Aber daran, den Spieß nun quälerisch gänzlich umzudrehen, hatte ich keinen Spaß, was mir eingab, sie nur Verachtung spüren zu lassen und sie später endgültig mit Nichtachtung zu strafen, was Schule machte und ihnen mehr wehtat, als es jedes böse Wort hätte tun können.

Die Sache mit der Note 1 in Deutsch hat man übrigens folgendermaßen gelöst: Im Unterricht wurden gelegentlich kleine Texte ausgewählt, die ich ins Bayerische zu übersetzen hatte. So wandelte sich der Makel in eine Attraktion. Und der Bananenneger aus den Hochalpen löste sich allmählich im Dunst der Legende auf.

Zu Hause aber, im Urwald der Hochalpen, im Ort unter der Felsmauer des Karwendel, da war ich ein beliebter Bundesgenosse gewesen. Aufgrund meines nie wirklich auf die Probe gestellten, aber unerschütterlichen Rufes als weithin stärkstes Menschenkind meines Alters buhlten die Bubenfraktionen des Ortes um meine Teilnahme an ihrem jeweiligen Bündnis. Später schien mir in italienischen Städten der Palio, der durchaus ernste Wettstreit der Stadtquartiere, wie ein getreues Abbild der Rivalitäten unter uns Kindern, oder umgekehrt. Das Lauterseefeld gegen den Gries, der Obere Rain gegen den Unteren Rain, die Unteroffiziershäuser gegen den Untermarkt. War es Zufall oder eine gewisse Prägung durch den Protestantendiskurs zu Hause, dass ich, der ich gerade eigentlich in der evangelischen Schule hätte eingeschult werden sollen, bei den ortsinternen Koalitionen oft und oft aufseiten der Unteroffiziershäuser oder des Unteren Rain landete, wo die Mehrheit Flüchtlinge und viele Protestanten waren?

Vielleicht hatte es auch damit zu tun, dass ich, wenn überhaupt, am ehesten mal bei diesen, den evangelischen Vertriebenen, nach Hause eingeladen wurde, was eine große Erleichterung war, weil ich damit die entsetzlich lange Mittagspause überbrücken konnte. Denn von Mittag bis zwei Uhr nachmittags war die Schule geschlossen, wir hatten aber fast immer vormittags und nachmittags Unterricht. Doch es wäre sinnlos gewesen, dazwischen die Fünfviertelstunden Fußweg nach Hause und zurück überhaupt anzutreten, weil die Zeit sowieso nicht gereicht hätte. Also mussten wir vom Schmalensee uns zwei Stunden im Ort herumtreiben, denn der wollene Hausmeister ließ sich auch auf des Lehrers Brummer Intervention hin keineswegs erweichen, auch zur Mittagspause wenigstens einen Klassenraum in der Schule als Aufenthaltsort offen zu halten. Die angestammte Handwerker- und Bauernschaft des Ortes bemitleidete die ärmlichen Kinder von den Buckelwiesen, knüpfte jedoch kaum nähere Kontakte und verwehrte den Schulkameraden nicht selten, uns auf Besuch mit heimzubringen. Da waren wenige Ausnahmen, etwa die alte Frau Pichler mit dem Milchladen am Obermarkt, die uns auf der Bank in ihrem Milchladen sitzen ließ und unsere bleierne Wartezeit mit einem riesigen Steingutbecher frischer Milch milderte. Später wurde sie sogar Firmpatin unserer Schwester Hildegard.

Oder ich durfte mich hinter dem Kachelofen in der Stube des wunderbaren, uns etwas verwunschen anmutenden Hauses der Niggls wärmen, in einer riesigen Stube mit nur einem großen Tisch und einer umlaufenden Bank, in der jedes Mal, wenn ich dort saß, die Schwester des Hausherrn den Boden schrubbte, wobei sie lauthals den Rosenkranz betete, alle Sorten und Stationen. Oder – das war eine Art Feiertag – wir hatten ein Zehnerl in der Tasche, zehn Pfennige, und konnten uns dafür im Gasthaus Stern, das einen mürrischen, aber mitleidigen Wirt hatte, an einen der blanken Tische setzen und einen Teller Suppe essen. Das war ein Sonderprivileg und Sonderpreis allein für uns Hungerleiderkinder vom Schmalensee. Oder wir tollten auch mal herum, oder ich wohnte den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Lauterseefeld und Oberem Rain bei, die sich besonders häufig solche Mittagstermine und ein freies Feld in der Nähe des Bahnhofs für die Klärung ihrer Herrschaftsverhältnisse ausdachten. Wenn ich dazustieß, war oft völlig unklar, ob ich nicht doch als Kombattant und nicht als Zaungast erschienen war, was zu einem verfrühten Ende des Scharmützels führen konnte.

Sonst waren es oft elende Stunden des Herumdrückens, klamm und nass im Winter, und heute noch wundert mich, dass damals weder Schule noch Kirche noch Ortsgemeinde irgendeinen Impuls zeigten, für die stundenweise heimatlosen Kinder vom Schmalensee eine Zuflucht zu organisieren. Niemand entsinnt sich dessen, dass man auch nur einen Gedanken daran verschwendet hätte.

Allenfalls in den wenigen Tagen der Fasenacht waren uns diese lastenden Pausen recht. Da war die ganz große Mutprobe des Jahres fällig, der uns auszusetzen wir insgeheim fürchteten, worauf wir aber trotzdem brannten. Die Fasenacht war düster, geisterhaft, elektrisierend und hatte hierorts wenig zu tun mit dem, was sonst so unter dem Siegel Fasching an pappnasigen Harmlosigkeiten abgehandelt wurde. Sie war gekennzeichnet von der abgrundtiefen Humorlosigkeit der Obrigkeiten, die sich bei uns naturgemäß in Lehrerschaft und Geistlichkeit erschöpfte. Wenn also am rußigen Freitag, dem zweiten der großen Faschingstage, so manche unserer Schulkameraden sich mit wie beim Neger schwarz poliertem Gesicht in der Schule einfanden, erntete das beim Unterrichtspersonal meist so wenig Verständnis, dass es noch zusätzlich ein Eckestehen, eine Strafarbeit oder gar ein Nachsitzen bedeutete. Dabei konnten die nun wirklich nichts dafür. Denn der rußige Freitag war jener Tag, an dem es jedwedes weiße Antlitz schwarz zu färben galt, als Menetekel, wie nahe doch makellose Redlichkeit neben Laster und Verworfenheit beheimatet sei, was insbesondere die jungen Burschen einmal an den Mädchen, die Größeren an den Kleinen, die Stärkeren an den Schwächeren auszuleben pflegten. Man schabte also zu Hause aus dem Rauchfang oder dem Kamin Asche, Ruß und Kohlenstaub der Feuerstätten in ein Leinen- oder Rupfensäckchen, mit dem man sich, maskiert oder unmaskiert, auf der Straße...


Michael Frank, 1947 in Oberbayern geboren, ist über die Deutsche Journalistenschule in München zu seiner Profession und später zur "Süddeutschen Zeitung" gekommen, für die er als Nachrichtenredakteur, als Kritiker und Berichterstatter unter anderem über Entwicklungspolitik gearbeitet hat. Das alte, engere Mitteleuropa erschloss sich ihm als eine der Schicksalsregionen des Kontinents, die er von 1986 bis 2012 als Auslandskorrespondent beobachtete, wechselweise mit Sitz in Prag und Wien. Er wurde mit dem Joseph-Roth-Preis und der Goldenen Feder für deutsch-tschechische Verständigung ausgezeichnet. Im Picus Verlag erschien 2003 "Alles Wien. Stadtansichten" und 2020 der Roman "Schmalensee".



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