Frank | Ligurisches Öl | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 180 Seiten

Frank Ligurisches Öl


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-928249-47-8
Verlag: Skript-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 180 Seiten

ISBN: 978-3-928249-47-8
Verlag: Skript-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



"Hummeln sind im Ei mit einer Wachsschicht umgeben. Irgendwann verlassen sie diesen Zustand", erklärt der etwas hypochondrische Gunnar seiner Frau Fine bei einem Abendessen, bei dem die beiden gründlich aneinander vorbeireden. "Ich werde verreisen. Ich krieg keine Luft mehr", sagt Fine, die sich seit geraumer Zeit von ihm unverstanden und selbst sprachlos fühlt. "Würd' gern mit dir nach Sardinien fahren." Der durch und durch gefrustete aber lebenshungrige Heiner schreibt Fine eine SMS. Drei Menschen spüren: Unter der Oberfläche ihres Alltags stimmt etwas nicht. Eigenwillige Aufbrüche beginnen. Beziehungen sortieren sich neu. Es ist eine Geschichte über das Leben und das Lieben, über tastendendes Suchen und ungewöhnliches Finden.

Ingrid Frank, Jg. 1964, lebt in Hannover und arbeitet seit 2007 in einer Jugend- und Familienberatungsstelle. Sie hat vielseitige Berufserfahrungen in der Jugendbildung, der Sozialpsychiatrie, im Justizvollzug und einem Taxiunternehmen. Schreiben ist für sie lange schon eine Ausdrucksform, die inneres und äußeres Erleben verbindet. Es wird zunehmend wesentlicher.

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Fine
Ein nicht enden wollender Ton durchschneidet ihren Traum, durchdringt ihre schlafenden Glieder, grell, bis ganz ins Innere. Schrill füllt er das gesamte Schlafzimmer. Die Schwingung kommt irgendwo aus dem Raum ihres Häuschens, fünf Zimmer auf zwei Etagen, dazu ein Dachboden, insgesamt etwa 120 Quadratmeter. Fines Körper erstarrt, er stellt sich tot. Sie ist alleine. Gunnar hat ausgerechnet jetzt diese Tagung außerhalb, eine absolute Ausnahme in dem sonst so geregelten Arbeitsrhythmus. Sie schaut auf das Bett neben sich. Es würde sie beruhigen, wenn er da liegen würde. Er wüsste, was zu tun ist, oder würde so tun, als wisse er es. Beides wäre ausreichend. Das durchdringende Fiepen hält an. Still liegen und es ignorieren ist unmöglich. Ihre Ohren ertragen diese manische Frequenz nicht, sie muss aufstehen und schauen, woher das irre Geräusch kommt. Vor was warnt es? Woher kommt der Ton? Sie muss etwas unternehmen. Sie steht auf. Auf dem breiten Stuhl vor dem Schrank liegt Gunnars Strickjacke. Die dunkelblaue Wolle riecht nach Essen, Garten und Gunnarhaut. Sie zieht sie über und geht durch die noch müde Wohnung, tastet sich von Raum zu Raum. Alles ist wie immer. Der einsame Stuhl, Bett, Schrank, ein paar verlorene Kleider, der erbarmungslose Spiegel im Schlafzimmer, die Einbauküche mit der immer bereiten Spüle, ungehörte Bücher, tröstende Blumen, sprachlos gewordene Bilder, Tisch, Sofa und Sessel im Wohnzimmer, gelangweilt: eine durchschnittliche Wohnung mit gewöhnlichen Einrichtungsgegenständen, bis auf die italienische Saftpresse auf der Anrichte in der Küche und die mit verspielten Ornamenten versehene Nähmaschine der Großmutter im Flur. Diese zwei Gegenstände heben sich ab, machen die Wohnung zu ihrer Wohnung. Das vor allem, wenn man noch den schmiedeeisernen Stuhl dazu zählt, dessen hellblau lächelnder Lack bereits abblättert. Der steht auf der Terrasse, die in den Garten übergeht. Gunnar hat ihn ihr vor ein paar Jahren mitgebracht. „Der stand da wie für dich“, hat er gesagt und sie geküsst. Ein erwartungsfroher Stuhl, wie die in Griechenland oder Italien, ihr persönlicher Sehnsuchtsort, neben all den anderen Dingen, die neu, praktisch, pflegeleicht dastehen, letztlich austauschbar. Der Ton reißt nicht ab. Er breitet sich offensichtlich von der Mitte des Wohnzimmers im Parterre aus. Fine schaut sich dort um. In der rechten Zimmerhälfte stehen Stühle da, als warteten sie auf etwas oder jemanden, an der linken Wand hängt ein Druck mit bunten Häusern darauf; ihr Blick geht über den frisch gesaugten Teppichboden, nach oben an die Decke bis zu dem Plastikrund: Rauchmelder! Daher kommt der Ton. Aber da ist keine Kerze, kein Feuer, nirgends brennt etwas, es gibt keinen Hinweis auf eine Rauchentwicklung. Grundlos und grundunverschämt geht von diesem Gerät der gellende Ton aus. Die Leiter ist im Keller. Sie hat Angst nachts alleine in den Keller zu gehen. Räuber, Ungeheuer, eklige Tiere könnten dort sein – sie ist kein kleines Mädchen mehr – und sie fröstelt doch. Sie haben keine Leiche im Keller. Nicht weiterdenken. 10, 9, 8, 7, 6, 5, 4, 3, 2, 1, 0 – rückwärts zählen beruhigt. Die Taschenlampe findet sie auf dem Regal im Flur, damit leuchtet sie sich den Weg frei. Eine Leiter lehnt an der Wand neben dem Wäscheständer; die trägt sie hinauf, stellt sie auf und klettert die Sprossen hoch. Sie ruckelt und zieht an dem weißen Plastikmantel des Rauchmelders. Der ist schwer von der Decke zu entfernen. Sie steigt die Leiter wieder hinab, holt einen Löffel und hebelt den Mantel weg. Die Apparatur darunter ist ihr fremd, sie haut mit dem Löffel darauf, stochert darin herum und konzentriert sich darauf, den Kontakt zu unterbrechen. Kontaktlos ist reizlos. Also raus mit der Batterie! Der ausufernd wollende Alarm hört auf. Vielleicht ist die Batterie leer. Deswegen Alarm. Könnte Sinn ergeben. Gunnar würde es ihr erklären, wenn er wiederkommt. Fine geht nach oben in die erste Etage zurück ins Schlafzimmer und legt sich wieder ins Bett. Gunnars Schlafanzug liegt gefaltet auf seinem Kissen. Er riecht wie seine Strickjacke, wie seine Haut. Fine drückt ihre Nase in den Stoff. Sie selbst riecht nach Schweiß. Fineschweiß. Sie befühlt ihren Körper, tastet an sich entlang, schaut auf den Schlafanzug, den sie ihm geschenkt hat: graue Streifen auf Dunkelblau, ein langweiliger Schlafanzug. Langweilig! Sie sind sich langweilig geworden. Ihr Leben ist belanglos, unbedeutend. Alles ist unerheblich und zufällig, keine Wahrnehmung besonders. Das ist Gift in den Adern. Gift kann töten. Sie wälzt sich im Bett hin und her und steht schließlich auf. Im Bad findet sie ein Fläschchen Nagellack, das Antonia beim letzten Besuch stehengelassen hat. Fine lackiert sich die Fußnägel. Dunkelviolett glänzend winken sie ihr zu. Der Lackgeruch sticht in der Nase. Fine schaut erst auf ihre Füße, dann auf die Uhr. Es ist halb sechs am Morgen, es lohnt sich nicht mehr noch einmal einzuschlafen, sie geht runter in die Küche, brüht sich eine Tasse Kaffee auf und nimmt ihn mit nach oben ins Schlafzimmer. Nicht wieder ins Bett legen. Laufen, sie muss laufen! Jogginghose und Sweatshirt anziehen und dann los. Sie stellt den noch fast vollen Becher Kaffee an die Seite, kramt in einer Schublade nach der lange nicht benutzten Sporthose. Der Anrufbeantworter im Flur blinkt. Er hat Gunnars routinemäßigen Gute-Nacht-Anruf gespeichert. „Wo willst du hin?“, würde er sagen, wäre er jetzt zu Hause. „Laufen.“ Sie lächelt dem Anrufbeantworter zu. „Die Lähmung weglaufen. Die Batterie aufladen. Ich bin alarmiert.“ Das Joggen über den weichen Waldboden belebt. Fine atmet tiefe lange Züge. Ein und Aus und Ein und Aus. Obwohl sie unregelmäßig läuft, kennt ihr Körper die immer gleiche Strecke in- und auswendig. Am liebsten würde sie weiter und weiter laufen. Aber sie muss sie sich beeilen, Mona will zum Frühstück kommen. Sie schlägt den Weg zurück ein, stellt die Schuhe im Hausflur ab, macht noch ein paar Dehnungsübungen im Badezimmer, wirft die Sportsachen in die Ecke und stellt die Dusche erst einmal auf kalt, dann wärmer, um darunter ihren Körper ausgiebig einzuseifen. Fine sieht an sich herunter: splitternackte Fine … Mona sieht gut aus. Mona mit dem weichen Busen, dem sinnlichen Lachen und den ausgefallenen Kleidern. Mona mit ihrem speziellen Augenaufschlag und ihrer etwas exaltierten Art zu sprechen. Mona war auf gewisse Weise schon immer mutiger. Fine stellt das Wasser ab und nimmt sich ein Handtuch. Sie rubbelt ihre Haut so fest trocken, dass überall rote Flecken entstehen. Mona ist anziehend. Wenn das doch ansteckend wäre … Ist es leider nicht. Fine sucht ein Sommerkleid aus dem Kleiderschrank nebenan und geht in die Küche – sie würden zusammen genießen können! Sie presst ein paar Orangen aus, stellt Butter, Käse und Marmelade auf den Tisch und holt die Packung Lachs, die sie gestern gekauft hat, aus dem Kühlschrank. Als Mona klingelt, ist der Kaffee noch nicht ganz fertig. „Hi! Schön, dass du da bist!“ Fast glaubt sie sich. „Guten Morgen, Cherie!“ Mona geht direkt in die Küche durch. „Lachs, o là là.“ Sie stellt eine Tüte mit Brötchen auf den Tisch. „Ich liebe Lachs. Wenn Gunnar nicht da ist, genieß‘ ich das, die kleinen Extras meine ich. Verstehst du? – Ebenfalls guten Morgen!“ „Großartig! Ich würde da keine Rücksicht drauf nehmen. Und nachher musste arbeiten? Ich könnte das so nicht: mal frei, mal arbeiten, so regellos, dauernd woanders. Viel zu stressig, oder?“ Mona schüttelt den Kopf. „Manchmal … aber auch frei – ich kann improvisieren. Leg dein Zeug draußen auf die Garderobe und komm erst mal an. Ich mag diese Spontaneinsätze. Das Leben ist langweilig genug geworden. Regelmäßig jeden Tag Kindergarten will ich nicht mehr. Ich kann ja Nein sagen, wenn mir alles zu bunt wird. Das ist das Schöne, seit ich Springerin bin: Abwechslung, was die Einrichtungen und Teams angeht, und diese Unregelmäßigkeit. Passt grade! Also greif zu, Mona! Und … hast du ein Ohr für mich?“ „Zwei sogar, wie auch zwei Brötchenhälften.“ Mona belegt eine dick mit Streichkäse, die andere mit Erdbeermarmelade. „Fisch ist nicht mein Ding, sorry.“ Fine tunkt ein Stück Lachs in das daneben stehende Schälchen Meerrettich. Sie leckt sich die Lippen, dann erzählt sie von dem Rauchmelderalarm in der Nacht zuvor. „Also weißt du, es ist weniger dieser Schreck und das Geräusch als eben das, was dabei mit mir passiert. Also …“ Fine fixiert die Kollegin. Sie ist keine wirkliche Freundin. Deshalb vielleicht die Anspannung, das bemühte Lächeln, das anstrengt. „Also, was passiert mit dir? Hast du die Marmelade selbst gemacht?“ Mona hält das Glas hoch. „Marmelade kochen … weißt du, da muss ich an meine Großtante...



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