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E-Book

E-Book, Deutsch, 710 Seiten

Frank Die Odenwald-Saga

ALS DER ODENWÄLDER PARDONNER KARL IN DARMSTADT CHRISTAGSFREUDE HOLEN GING.
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7598-9615-5
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

ALS DER ODENWÄLDER PARDONNER KARL IN DARMSTADT CHRISTAGSFREUDE HOLEN GING.

E-Book, Deutsch, 710 Seiten

ISBN: 978-3-7598-9615-5
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Die Odenwald-Saga handelt von dem frühberenteten Karl Pardonner, der in dem fiktiven Dorf Lindental im Odenwald lebt. Dort schlägt er sich mit privaten Gärtner- und Handwerkerarbeiten durchs Leben. Pardonner ist bei weiten Teilen der Bevölkerung gut gelitten, auch wenn er ein 'Roter' ist, der nur in den seltensten Fällen seine große Klappe halten kann, gerade wenn es um Politik geht. Dieses Manko macht er durch geschicktes Arbeiten, soziales Verhalten, honorige Preise, seine Sangeskunst und sein umgängliches Wesen wieder wett. Gram ist ihm nur die politische Konkurrenz, die er bisweilen heftig attackiert. Auch am evangelischen Pfarrer Wohlleben, einem seiner Arbeitgeber, reibt er sich gerne, im Gegensatz zu dem Gemeindeältesten der Lindentaler Freikirche Hans Bermond, den er im Stillen verehrt. In der Odenwald-Saga begleiten wir den roten Pardonner Karl durch den Heiligabend 2022 von morgens 3 Uhr 30 bis kurz nach Mitternacht, der einiges an Überraschungen für ihn parat halten wird - guten und schlechten. In dieser Zeit trifft er auf eine Menge Einheimische, aber auch Darmstädter, da er in Darmstadt seine Christtagsfreude einzukaufen gedenkt. Dass dieser Tag ganz anders verlaufen wird als von Pardonner vorgesehen, fällt nicht allzu sehr ins Gewicht, da es letzten Endes ein großer, ein historischer Tag für ihn werden wird.

Gedichtveröffentlichungen in div. Tageszeitungen; Veröffentlichter Satire-Roman im Odenwald-Verlag; Mitarbeit an Drehbüchern; Mitarbeiter von Peter Zingler (Grimme-Preis-Träger); Auftritt in der Satirewoche Reinheim im Odenwald
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1. KAPITEL     


Pardonner ist schlechter Laune. Sein uralter Wecker hat ihn mitten aus einer weißen Winterlandschaft gescheppert, mit einem schnarrend-rasselnden Alarmsignal, wie auf einem alten U-Boot. Er weiß, er hat geträumt. Es dauert einige lange Sekunden bis der Wecker sich beruhigt, weil Pardonners Hand noch keine Orientierung hat. Als der Wecker endlich still und er richtig wach ist, merkt er, dass er sich den ganzen Rücken nassgeschwitzt hat. Das verdankt er seinem Traum. Von wegen „Morgenstunde hat Gold im Munde“. Ein Bonmot für Fantasten. Jetzt braucht Pardonner den von Napoleon so gerühmten Zwei-Uhr-Morgens-Mut, auch wenn es stramm auf vier Uhr zugeht. In diesem Zeitraum galt eine Indisponiertheit wie Morgentraurigkeit in den Klöstern als Sünde, da sie bösen Mächten den Weg erschloss. Die hätten Pardonner heute gerade noch gefehlt.

Pardonner tastet sich im Dunkeln in die Küche. Nicht weil ihm der Strom ausgegangen oder, dank der Russen, zu teuer geworden oder Verdunklung befohlen ist und Notstandsverordnungen greifen, gar der Ausnahmezustand ausgerufen wurde – der herrscht nur in der Regierung – sondern weil er feste Angewohnheiten in sein Leben etabliert hat. Die Preise für Strom, Heizung und Wasser interessieren ihn seit drei Jahren nicht mehr, seit er diese Kosten in einer internen Vereinbarung mit seinem Vermieter gegen ausufernde Garten- und Hausmeisterarbeiten eingetauscht hatte.

Pardonners Laune bessert sich kaum, als er barfuß auf den scharfgezackten Rand eines Kronkorkens tritt, den so ein Strolch einfach auf den Küchenboden geworfen hat. Er knipst das Licht an und setzt sich an den Küchentisch. Er schiebt ein aufgeschlagenes Buch beiseite, einen mords Schinken von fast einem halben Quadratmeter Durchmesser.

„Tragödie und Hoffnung“, das in den USA anfangs nur mit geschwärzten Seiten erscheinen durfte – kein Wunder.

Eine leere Flasche Schmucker glotzt ihn an. Pardonner mag früh morgens keine leeren Bierflaschen, schon gar nicht, wenn er spät vom „Löwen“ nach Hause gekommen ist. Also räumt er sie in die Spüle – eine unerhörte Belästigung für einen unausgeschlafenen, leicht verkaterten Mann, den ein dezentes Schädelweh an seine gestrigen Sünden erinnert. An dutzenden Theken ist Pardonner wetterfest geworden und ein kleiner Kater ist nur ein dezenter Hinweis darauf, Hochprozentiges zu schnell konsumiert zu haben.

Wenn du morgens weder in deinem Bett liegenbleiben noch aufstehen willst, dann könntest du einen Scheißtag erwischt haben, sagt sich Pardonner. Schon Goethe erkannte: Die Begleitmusik des morgendlichen Erwachens sind unangenehme Gedanken. Hm. Wie so oft in seinem Leben stellt sich für Pardonner die Frage: Wie soll man sich nach kurzer, schlecht verbrachter Nacht frisch, fromm, fröhlich, frei, in das hektische, moderne Weltgetriebe stürzen?

Also, der Traum. Eigentlich sind es zwei Träume, aber der erste Traum ist gegen den letzten völlig belanglos. Dieser Traum ist nicht einfach zerfleddert, sondern steht wie festgenagelt vor ihm, während der andere in Auflösung begriffen ist.

„Karl Pardonner, genannt ‚Che‘ oder der rote Pardonner!“, hatte ihn eine Stimme angebrüllt, aber da waren nur eine gewaltige Stimme und ein gewaltiges Licht, viel gewaltiger als Albrecht Pfennigreiters gleißend helle Halogenscheinwerfer, wenn er um Mitternacht, einer alten Familientradition Folge leistend, auf seinem Hof die Zeremonie des Mistaufladens beginnt.

„Zum Donner, Roter Pardonner!“, brüllte erneut diese Stimme.

Geht schon gut los, dachte Pardonner. Wie einst bei Kowalski, meinem Mathelehrer.

„Jawollll!“, brüllte Pardonner zurück, nahm Haltung an und schmetterte die Hacken zusammen, dass sein dritter Lendenwirbel vibrierte, so wie er es vor vielen Jahren bei der Bundeswehr in Friedenszeiten gelernt hatte. Damals waren die Kriege noch gemütlich kalt gewesen, man bekam seinen Sold und hatte seine Ruhe; aber inzwischen sind sie bedenklich heiß geworden – und mit der Ruhe ist es vorbei.

Ihm war längst klar geworden, dass er keinen Geringeren als Gott vor sich hatte – ein Unding im 21. Jahrhundert! Und dieser Gott zählte zu Pardonners Überraschung energisch auf, was er schon längst vergessen glaubte.

„Ehebruch, Entheiligung des Sonntags, Vater und Mutter nicht geehrt, seinen Nächsten nicht wie sich selbst geliebt, gelogen, krankhafte Spottlust, Fluchen, Widerstand gegen die Staatsgewalt, Beamtenbeleidigung, Körperverletzung, rote Grillen, rote Umtriebe, Tagträumereien, Einzelgängertum, extremes Verhalten, Schwarz-Weiß-Denken, Lieblosigkeit,…“

In gesteigerter Lautstärke rollte diese schreckliche Stimme wie Geschützdonner über ihn hinweg – so musste es in Stalingrad gewesen sein oder beim Endkampf um Berlin. Pardonner verlor sein Zeitgefühl, aber er schätzte die Dauer dieses Prozederes auf mindestens eine Viertelstunde.

„Wie dir bekannt sein dürfte, roter Pardonner, wird jedermann gemäß seines Erdendaseins von mir abgeurteilt.“

Erstens war dies Pardonner vollkommen unbekannt, obwohl er beinahe sein Abitur gemacht und mindestens dreitausend Bücher im Laufe seines Lebens gelesen hatte – es mussten die verkehrten Bücher gewesen sein – und zweitens wusste er jetzt, dass im Himmel nicht gegendert wird. „Jedermann“, hatte Gott zu ihm gesagt, was Pardonner einigermaßen beruhigte. Auch fiel ihm ein, dass er niemals etwas gestohlen hatte, und gelogen hatte er nur unfreiwillig unter Druck, und er hatte in seinem ganzen Leben niemals versucht, jemanden zu übervorteilen oder zu betrügen, was sich strafmildernd auswirken musste. Im Übrigen beschloss er, seine Klappe zu halten und blitzschnell alles zu vergessen, was in seinem Leben geschehen war, weil der Verlust des Gedächtnisses oftmals der Ausweg aus großen Schwierigkeiten ist. Das Leben ist eine Satire, nicht mehr und nicht weniger, das hat er schon immer gewusst.

„Ich verurteile dich, gemäß deiner Neigung, zu einem einsamen Fußmarsch durch eine winterliche Landschaft. Kapiert?“

Pardonner war hochzufrieden über dieses erstaunlich milde Urteil, das überhaupt nicht zu dieser angsteinflößenden Stimme passen wollte – also doch ein lieber Herrgott, wie die alte Anna Lantelme immer sagte.

Er freute sich einerseits auf die Wanderung, die ihm bevorstand, andererseits ärgerte er sich darüber, so viele Gedanken über Seelenheil und Ewigkeit gewälzt zu haben, über Himmel und Hölle, ein strafbares Verbrechen für jeden Roten, der das gerahmte Bildnis Leo Trotzkis in seinem Wohnzimmer an der Wand hängen hat.

„Kapiert?“, ertönte die Stimme wie ein Nebelhorn eines 100 000 BRT-Frachters direkt an seinem Ohr, und Pardonner, der immer noch in Habachthaltung stand, brüllte „Jawolll!“, wie vor seinem alten Spieß, diesem König aller hasenschartigen Arschlöcher, dessen Unzufriedenheit mit Pardonners Wehrtüchtigkeit in den Sätzen gipfelte: „Pardonner, Sie Schlumpf, Sie! Ich scheiß` Sie in die Ostsee! Sie Hornvieh schießen ja lauter Fahrkarten! Weshalb sind Sie Wichtel nicht zur Bahn gegangen?“

Was man sich von ungebildeten Leuten so alles sagen lassen musste.

Im Schießen war Pardonner eine Niete (Wer schießt schon gerne auf Menschen?) Aber niemand baute das G3 mit Verschluss (drei Teile) fixer auseinander und wieder zusammen als Pardonner, was sein Spieß wiederum versöhnlicher stimmte. Sein Bett ordentlich zu bauen, war das Einzige, was Pardonner wirklich bei der Bundewehr gelernt hatte. Nun ja.

Pardonner spürte, dass er gnädig entlassen war, machte eine zackige Kehrtwendung und marschierte los, und glaubte, in seinem Rücken ein unangenehmes Lachen zu hören. Pardonner marschierte durch endlos weiße Täler und über verschneite Höhen, bergauf und bergab, weißer Dampf quoll aus Nase und Mund, der Schnee knirschte unter seinen Stiefeln.

Und Pardonner sang. Er ist ein ausschweifender Sänger. Kein Liedgut ist vor ihm sicher. Er beherrscht sogar das klassische Fach. Gibt er den Bajazzo zum Besten, wird es tragisch. Sein ganzes Liedgut, das sich in seinem Leben angesammelt hatte, breitete er jetzt aus. „Es hängt ein Pferdehalfter an der Wand“, „Junge, komm bald wieder“, den ganzen alten Schmand. Dann: „Schwarzbraun ist die Haselnuss, schwarzbraun bin auch ich“. Das hatte er während seiner Zeit bei der Bundeswehr gelernt. Das „Odenwaldlied“, das sang er im Dialekt, damit es Gott seine Seele erschloss.

Er durchquerte eine winterliche Postkartenlandschaft nach der anderen, durch herrlich verschneite Wälder, wie er es schon immer liebte, vorbei am spiegelnden Eis eines Sees. Es war ein Marsch unter tiefblauem Winterhimmel und die Sonne so golden, dass sie fast kitschig wirkte. Nicht eine einzige Schneeflocke segelte durch die Luft. Alles war fix und fertig geliefert. Aber seltsamerweise war nirgendwo eine Spur von Mensch oder Tier: keine Bussarde in den Lüften, die sich mit Krähen hackten, wie er es vom Odenwald her gewohnt war, kein Rauschen des Windes auf einem Plateau, alles lag still und tot, nur der Schnee knirschte unter seinen Stiefeln. Es mussten gute Stiefel sein, da hatte Gott sich nicht lumpen lassen –   wahrhaftig ein barmherziger Herrgott, keine Schmerzen an den Fersen und an den Zehen, nicht solche Scheißdinger von Knobelbecher wie bei der Bundeswehr, auf Maß angefertigte Stiefel, obgleich niemand an ihm Maß genommen hatte.

In der Tat eine herrliche Schneelandschaft, wie sie sich 1941 der deutschen Wehrmacht und ihren Begleitverbänden dargeboten haben musste. Man konnte damals Schneeburgen bauen, Schneemänner und Schneefrauen und richtige Schneeballschlachten veranstalten, und nebenher wurde noch ein bisschen bombardiert, exekutiert und...



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