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E-Book

E-Book, Deutsch, 356 Seiten

Franceschini SELfservice

Ein Südtiroler Skandal
1. Auflage 2014
ISBN: 978-88-7283-517-3
Verlag: Edition Raetia
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Südtiroler Skandal

E-Book, Deutsch, 356 Seiten

ISBN: 978-88-7283-517-3
Verlag: Edition Raetia
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Haben auch Sie den Überblick verloren? SEL-Skandal, Stein an Stein, Betrug, Erpressung - und das alles im öffentlichen Interesse? Die Affäre um die Landesenergiegesellschaft SEL ist ein Lehrstück in Sachen Politik. Der Journalist Christoph Franceschini legt die dubiosen Machenschaften hinter der vielgepriesenen 'Heimholung der Energie' offen: Wettbewerbsunterlagen wurden ausgetauscht, Konkurrenten erpresst, Verwaltungsräte getäuscht, Beteiligungen über Treuhänder verschwiegen, Geschäfte für die eigene Tasche geplant. Das hat System. Einige Drahtzieher wurden verurteilt, doch wie tief der Sumpf wirklich ist, zeigt erst dieses Buch. Nach Sichtung Hunderter Seiten Gerichtsakten und Beweismaterial, nach jahrelangen Recherchen und Interviews mit Beteiligten kann der Autor endlich das ganze Ausmaß aufzeigen: Südtirol ist ein Selbstbedienungsladen!

Geboren 1964 in Eppan, italienischer Journalist und Dokumentarfilmer. Studierte Geschichte, Philosophie und Politikwissenschaften an der Universität Innsbruck, reichte Diplomarbeit aber nie offiziell ein. Autor mehrerer Fernsehdokumentationen (Claus-Gatterer-Preis für die Doku 'Bombenjahre') und einer der am besten vernetzten politischen Journalisten Südtirols. Seit 1984 freier Mitarbeiter des Rai Senders Bozen. 1996 bis 2013 Redakteur bei der Neuen Südtiroler Tageszeitung. In Eppan seit zehn Jahren in der Bürgerliste aktiv.
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Der erste Stein


SEL-Generaldirektor Maximilian Rainer (Oktober 2009)

Maximilian Rainer

Es ist kein Zufall und keine Marotte, sondern es ist eine bewusste Strategie. Maximilian Rainer kommt grundsätzlich immer zu spät. Der Generaldirektor der Südtioler Landeselektrizitätsgesellschaft SEL lässt alle, mit denen er zu tun hat, erst einmal warten. Bei Aussprachen, Sitzungen oder Verhandlungen: Rainer ist immer der Letzte, der auf der Bildfläche erscheint.

Rainer will damit nicht nur signalisieren, dass er eigentlich wichtigere Dinge zu tun hat, sondern er geht davon aus, dass das Warten Machtverhältnisse etabliert. Mit der Arroganz der tickenden Uhr demonstriert der SEL-Direktor, wer am Steuerrad steht.

Es ist deshalb keine Überraschung, dass Maximilian Rainer mich an diesem Vormittag im Oktober 2009 erst einmal warten lässt. Nicht etwa in seinem Büro, sondern im großen Besprechungszimmer am Sitz der SEL AG.

Ich habe den SEL-Generaldirektor wenige Tage zuvor angerufen und um einen Termin gebeten. Es gehe um eine brisante Recherche für einen Artikel, der auch ihn betreffe. Auf seine Nachfrage hin muss ich genauer werden. „Es geht um ein Kleinkraftwerk in Mittewald“, präzisierte ich am Telefon.

Den Namen „Stein an Stein“, der drei Jahre später in Südtirol zum Symbolbegriff für einen politischen Skandal werden soll, kennen zu diesem Zeitpunkt in Südtirol kaum ein Dutzend Personen. Ich selbst habe den Namen erst ein halbes Jahr zuvor zum ersten Mal gehört. Es ist der Rechtsanwalt Anton von Walther, der mich auf das Thema aufmerksam gemacht hat. Er erklärt mir im Frühjahr 2009 in wenigen Worten, was er zu diesem Zeitpunkt weiß: Eine Wiener Pflastersteinfirma mit dem Namen Stein an Stein GmbH, die einer gewissen Petra Anna Windt gehört, hat ein Kleinkraftwerk in Mittewald in der Gemeinde Franzensfeste erworben. Die neue Besitzerin wolle jetzt unbedingt eine Erweiterung des Kraftwerks durchsetzen.

Petra Anna Windt hat an der Universität für Bodenkultur (Boku) in Wien studiert, genauso wie Maximilian Rainer. Beide haben 1988 im Fach Kulturtechnik und Wasserwirtschaft promoviert. „Ich glaube nicht, dass das ein Zufall ist“, sagt von Walther und stachelt damit meine journalistische Neugierde an.

Auch das Interesse des Rechtsanwalts an der Sache ist kein Zufall. Der Anwalt praktiziert nach dem Studium in einer Bozner Anwaltskanzlei, arbeitet dann jahrelang im Rechtsamt des Landes Südtirol, bevor er sich 2005 selbstständig macht. Von Walther gilt als Verwaltungsrechtsexperte und vertritt als Anwalt unter anderem die Eisackwerk GmbH des Bozner Unternehmers Hellmuth Frasnelli, die sich 2005 als einziges privates Unternehmen an der Ausschreibung der Südtiroler Großkraftwerke beteiligt. Die Eisackwerk GmbH legt außerdem ein Konkurrenzprojekt zu dem von der SEL bei Franzensfeste geplanten neuen Großkraftwerk am Eisack vor.

Titel der und erste Artikelseite (22. 10. 2009): Beginn einer Affäre.

Weil im Einzugsbereich dieses geplantes Großkraftwerks vier kleinere Kraftwerke liegen, die nach den geltenden Bestimmungen entschädigt oder beim Großprojekt beteiligt werden müssen, befasst sich Anton von Walther im Auftrag seines Klienten auch mit den Besitzverhältnissen dieser Kleinkraftwerke. Dabei stößt er in Mittewald auf die Stein an Stein GmbH und Petra Anna Windt.

Das ist der Ausgangspunkt. Eine einfache Internetrecherche im Katalog der Boku in Wien ergibt, dass Maximilian Rainer und Petra Anna Windt am selben Institut und im selben Semester ihr Studium abgeschlossen haben. Ein Auszug aus dem österreichischen Handelsregister und die Bilanzen der Stein an Stein GmbH lassen klar erkennen, dass das Kraftwerk weder finanziell noch unternehmerisch in das Portefeuille der kleinen Wiener Pflastersteinfirma passt. Im Laufe der Recherche verdichten sich die Indizien immer mehr, dass es sich bei diesem Deal um ein dubioses Geschäft handelt.

An besagtem Oktobertag 2009 antwortet Maximilian Rainer in kurzen Sätzen auf meine Fragen. Der noch in Macht und Würden stehende SEL-Generaldirektor changiert dabei geschickt zwischen gespielter Freundlichkeit und der ihm eigenen Arroganz. Rainer ist sich seiner Sache ziemlich sicher. Die Frage, ob Petra Windt eine Strohfrau für ihn sei, beantwortet er sichtlich genervt:

„Ich habe Petra Windt erst wieder gesehen, als sie das Kraftwerk kaufte, und sie hat mich daran erinnern müssen, dass wir zusammen studiert haben.“

Während des rund 30-minütigen Gesprächs macht Maximilian Rainer eines mehrmals unmissverständlich klar: Man solle vor jeder „Unterstellung“ absehen, denn sonst würde er klagen. „Pass auf, was du schreibst. Ich habe gute Anwälte“, meint er wörtlich. Als der SEL-Generaldirektor merkt, dass die Einschüchterung nicht wirkt, beendet er das Gespräch.

Der Artikel


Am 22. Oktober 2009 erscheint in der unter dem Titel „Mittewalder Mosaik“ ein zweiseitiger Artikel. In der Nachschau wird klar, dass in diesem Beitrag das Gerüst des Stein-an-Stein-Skandals, so wie es später auch vor Gericht zutage tritt, recht genau entblößt wird. Vor allem aber sind die Erklärungen, die Maximilian Rainer damals gibt, aus heutiger Sicht mehr als entlarvend.

Deshalb soll hier auch der Artikel nochmals unverändert wiedergeben werden:

„Es ist ein Spiel. Es ist eine Kunst. Und es ist ein jahrtausendealtes Handwerk. Man legt Stein an Stein. Die Steine an und für sich sagen recht wenig aus. Aber richtig angeordnet entsteht ein Mosaik. Am Ende kommt ein Bild heraus. Auch in dieser Geschichte reihen sich Stein an Stein zu einem Bild. Ein Bild, das vielleicht (noch) unscharf ist, das aber einen wirtschaftlichen Deal im Schnittpunkt zwischen Politik und Privatinteresse beschreibt. Einen Deal, der getragen wird von einer ganzen Kette von merkwürdigen Zufällen. Klar ist das Ergebnis. Am Ende steht ein Millionengeschäft.

Der Weiler Mittewald ist mit der Geschichte einer Familie verbunden. Die von Pretz haben weit über die Grenzen der Franzensfester Fraktion hinaus über ein Jahrhundert lang die wirtschaftlichen Geschicke dieser Gegend maßgeblich mitgestaltet. Seit den Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts gehörten auch zwei Kraftwerke zum weitläufigen Besitz der Adelsfamilie. Jahrzehntelang versorgten sie nicht nur die Kartonfabrik der Pretz mit Strom und Energie. Nachdem die Familie Pretz mehrmals versucht hatte, die Kraftwerke zu erweitern, damit aber beim Land immer abgeblitzt war, verkaufte man Mitte der Neunzigerjahre die beiden Kraftwerke. Das größere Kraftwerk erwarb die Firma Parcheggi Italia Spa. Die Firma des Wiener Unternehmers Johann Breiteneder ist international spezialisiert auf den Bau und die Führung von Parkgaragen. Der italienische Firmenzweig mit Sitz in Mailand besitzt und führt nicht nur Tiefgaragen in mehreren italienischen Großstädten, sondern auch in Bozen. Etwa die Tiefgarage am Waltherplatz.

In den Neunzigerjahren gründet das Unternehmen eine Tochterfirma, die in den Energiesektor einsteigt. Man erwirbt mehrere kleine Kraftwerke. Eines in der Provinz Varese und eben das Kraftwerk in Mittewald.

Das Kraftwerk am Eisack ist aber hoffnungslos veraltet. Deshalb sucht das Unternehmen bei den zuständigen Landesämtern 1999 um eine Erneuerung und Erweiterung des gesamten Werkes an. Das Projekt wird am 20. September 2000 von der Amtsdirektorenkonferenz abgelehnt. Der Grund war ein negatives hydraulisches Gutachten der Abteilung Wasserschutzbauten.

Nachdem weitere Anläufe einer Erweiterung oder eines Umbaus fehlschlagen, beschließt das Unternehmen sich vom Mittewalder Kraftwerk zu trennen. Weil man einen Käufer sucht, werden 2006 die lokalen Energiebetreiber angeschrieben. Die SEL AG zeigt Interesse. Direktor Maximilian Rainer nimmt nicht nur Verkaufsverhandlungen auf. Die SEL lässt über ein Gutachten das Werk auch schätzen. Am Ende scheitern die Verhandlungen aber. ‚Die Preisvorstellungen zwischen uns und dem Verkäufer gingen eins zu zehn auseinander‘, begründet Maximilian Rainer die Nicht-Einigung. Am 12. April 2007 wechselt das Mittewalder Kraftwerk dann doch noch Besitzer. Der Kaufpreis beträgt dabei unter 200.000 Euro. Käufer ist die Stein an Stein Italia GmbH. Das Unternehmen mit einem Gesellschaftskapital von 15.000 Euro ist sieben Wochen zuvor in Bozen gegründet worden. Die Stein an Stein Italia GmbH ist eine 100-prozentige Tochterfirma der Stein an Stein Natur- und Systemsteinverlegungen GmbH. Es handelt sich dabei um eine in Wien ansässige Firma, die auf die Verlegung von Pflastersteinen und Platten spezialisiert und vor allem im Bereich Wien, Niederösterreich und Burgenland tätig ist.

Das Unternehmen mit nur einer Angestellten beschäftigt laut Handelsgerichtsauszug 20 Arbeiter und hatte im Geschäftsjahr 2007...


Geboren 1964 in Eppan, italienischer Journalist und Dokumentarfilmer. Studierte Geschichte, Philosophie und Politikwissenschaften an der Universität Innsbruck, reichte Diplomarbeit aber nie offiziell ein. Autor mehrerer Fernsehdokumentationen (Claus-Gatterer-Preis für die Doku "Bombenjahre") und einer der am besten vernetzten politischen Journalisten Südtirols. Seit 1984 freier Mitarbeiter des Rai Senders Bozen. 1996 bis 2013 Redakteur bei der Neuen Südtiroler Tageszeitung. In Eppan seit zehn Jahren in der Bürgerliste aktiv.



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