E-Book, Deutsch, 448 Seiten
Frances Das Gift der Seele
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-641-18940-2
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Psychothriller
E-Book, Deutsch, 448 Seiten
ISBN: 978-3-641-18940-2
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Michelle Frances arbeitet hauptberuflich bei der BBC Wales, wo sie unter anderem für Romanverfilmungen zuständig ist. Ihr Debüt »Das Gift der Seele« wurde zu einem internationalen Bestseller.
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1.
Acht Monate zuvor. Samstag, 7. Juni
Das wird ein guter Tag, dachte Laura. Er fühlte sich an wie der erste Ferientag. Um halb acht war sie bereits aufgestanden und fertig angezogen. Schon jetzt machte sich die Junihitze bemerkbar. Vor Daniels Tür blieb sie kurz stehen und lauschte, doch kein Laut drang aus seinem Zimmer, das auch während des Semesters sauber und aufgeräumt war. Er schlief also noch, was sie nicht weiter wunderte; schließlich war er die vergangenen beiden Abende immer erst nach Hause gekommen, als sie längst im Bett gelegen hatte. Daniel war seit zwei Tagen zu Hause, doch bislang hatte sie ihn kaum zu Gesicht bekommen. Sie steckte bis über beide Ohren in Arbeit und musste in aller Frühe aus dem Haus, und wenn sie zurückkam, war er längst unterwegs; vermutlich traf er sich mit alten Freunden. Sie beneidete ihn, gierte regelrecht nach Informationen; sie wollte alles erfahren, Zeuge seiner ersten Schritte im Berufsleben werden, den Sommer gemeinsam mit ihm genießen, bevor der praktische Teil seiner Ausbildung zum Mediziner anfing. Heute war ihr gemeinsamer Tag, keine dringenden Änderungen in letzter Minute bei der Serie, die sie für ITV produzierte, keine abendlichen Sitzungen im Schneideraum, keine Termine, sondern sie würden den Tag zusammen verbringen, Mutter und Sohn.
Mit einem Lächeln auf den Lippen öffnete sie die Tür einen Spalt. Der Raum war in strahlendes Sonnenlicht getaucht, das Bett gemacht, die Vorhänge aufgezogen. Verwirrt hielt sie inne, dann dämmerte ihr, dass er wahrscheinlich unten war und Frühstück machte. Daniel war genau wie sie. Hastig ging sie die Treppe in ihrem Kensingtoner Haus hinunter und in die Küche, die aber ebenfalls leer war. Irritiert sah sie sich um, als ihr Blick auf den Zettel auf der Arbeitsplatte fiel. »Bin im Keller. Und habe gleich einen BÄRENHUNGER!« Sie lächelte. Er wusste genau, wie sehr sie es hasste, wenn er vom »Keller« sprach. Das klang so nach falscher Bescheidenheit. In Wahrheit handelte es sich um einen großzügigen Anbau, wenn auch in die Tiefe statt in die Breite gebaut, der ihren Ehemann ein Vermögen gekostet hatte. Howard hatte sich einen Hobbyraum gewünscht, eine Untertreibung, über die sie fast hätte lachen müssen, hätte er in Wahrheit dadurch nicht bloß Distanz zu ihr schaffen wollen. Ganz beiläufig hatte er eines Abends vorgeschlagen, nach dem Motto, es wäre doch praktisch, wenn jeder ein bisschen Freiraum für sich hätte. Es war ihr schwergefallen, sich ihre Kränkung und Verwirrung nicht anmerken zu lassen, schließlich sahen sie sich ohnehin kaum, weil er entweder im Büro, auf dem Golfplatz oder in seinem Arbeitszimmer war. Er hatte eine teure Baufirma beauftragt, die das Erdreich unter dem Haus ausgehoben und ein Spielezimmer, einen Weinkeller, eine Garage und einen Pool hineingebaut hatte. Die Nachbarn waren stocksauer gewesen, wegen der Lautstärke des Förderbands, auf dem der Kies und die Erde nach oben gebracht worden waren, der Unruhe und all dem Dreck, wofür Laura sich nur hatte entschuldigen können. Immerhin hatten die Bauarbeiten nicht allzu viel Zeit in Anspruch genommen, und es war auch kein Schaden entstanden; nicht wie beim Bau des vierstöckigen Tiefbunkers auf dem unweit entfernten Grundstück eines Stahlmagnaten, als die Frontsäulen des Nachbargebäudes Risse bekommen hatten.
Sie fuhr mit dem Lift nach unten und trat ins lapislazuliblaue Zwielicht des Pools. Beim Anblick von Daniel, der durch das von unten beleuchtete Wasser pflügte, machte ihr Herz wie immer einen kleinen Satz. Als er den Beckenrand erreichte, trat sie zu ihm und ging in die Hocke.
Er bemerkte sie und hielt inne. Wassertropfen perlten an seinen kräftigen Schultern ab, als er sich scheinbar mühelos aus dem Becken hievte und die Arme um sie schlang. Sie stieß einen unterdrückten Schrei aus, doch er drückte sie grinsend an sich, bis sie ihren Widerstand aufgab und seine Umarmung erwiderte.
Erst als die Nässe durch ihr gelbes Etuikleid drang, entwand sie sich seinem Griff.
»Das war nicht witzig«, schimpfte sie lächelnd.
»Ich wollte doch bloß meine alte Mum drücken.«
»Und alt bin ich schon gar nicht.« Laura fühlte sich immer noch wie fünfundzwanzig und starrte häufig fasziniert Frauen mittleren Alters an, ehe ihr bewusst wurde, dass sie derselben Generation angehörte. Es amüsierte sie, dass sie scheinbar unter einer Art Amnesie litt, was ihr Alter anging; auch wenn ein Blick in den Spiegel genügte, um zu erkennen, dass sie sich zwar gut gehalten hatte, aber definitiv keine fünfundzwanzig mehr war.
»Ich bitte dich, die Jungs finden dich doch total scharf, und das weißt du auch.«
Sie lächelte. Ehrlich gesagt genoss sie die Flirtversuche von Daniels Freunden, wenn sie sich lässig an die Frühstückstheke lehnten, sie Mrs C nannten und ihre French Toasts lobten. Es war schon eine ganze Weile her, seit sie sie zuletzt gesehen hatte.
»Wie geht es Will und Jonny überhaupt?«
»Keine Ahnung.« Daniel trocknete sich mit einem der flauschigen Handtücher ab, die Mrs Moore dreimal pro Woche wechselte, selbst wenn kein einziges benutzt worden war.
»Ach, du hast dich gestern gar nicht mit ihnen getroffen?«
»Sie arbeiten«, erwiderte er flapsig und trat um den Paravent aus geschnitztem Holz herum. »Versuchen, die Welt zu verändern.«
»Mit Versicherungen? Außerdem weiß ich selbst, dass sie arbeiten. Wo warst du denn dann die letzten beiden Abende, wenn du nicht mit deinen Freunden unterwegs warst?«
Einen Moment lang herrschte Stille. Laura konnte Daniels verstohlenes, wissendes Lächeln hinter dem Paravent nicht sehen. Eigentlich hatte er es noch eine Weile für sich behalten wollen, aber plötzlich hielt er es nicht länger aus. Er würde nur ein paar Einzelheiten preisgeben, nach und nach, und das Gefühl genießen, dabei alles noch einmal zu durchleben.
»He!«, rief er, als Laura um den Paravent herumspähte und sich mit vor der Brust gekreuzten Armen vor ihm aufbaute.
»Du bist doch schon fast angezogen.« Voller Zuneigung und Stolz sah sie zu, wie er Shorts und T-Shirt anzog. Aus ihm war ein gut aussehender junger Mann geworden. Natürlich hatte auch Howard seinen Anteil daran, doch in puncto Aussehen schlug er eindeutig ihr nach – dieselbe Größe, dasselbe dichte, gewellte blonde Haar und die kräftige Statur. Statt einer Antwort grinste er nur verschmitzt und ging zum Aufzug.
Sie holte scharf Luft. »Hör schon auf, mich auf die Folter zu spannen.«
»Kommst du?«
Laura folgte ihm und tat so, als wollte sie ihm das Ohr langziehen. »Ich krieg’s ja sowieso aus dir raus.«
Der Aufzug setzte sich in Bewegung. »Aua. Darf ich dich zum Brunch einladen?«
Sie zog die Brauen hoch. »Klingt, als hättest du etwas Wichtiges zu verkünden.«
Die Türen glitten auf. Er ergriff ihre Hand und zog sie hinter sich her, quer durch die Diele in die mit teurem Eichenholz und Granit ausgestattete Wohnküche. »Nein, ich will nur meine Mum ein bisschen verwöhnen.«
»Du alter Charmeur. Aber vorher musst du mir wenigstens einen kleinen Tipp geben, sonst sterbe ich vor Spannung.«
Er holte den Orangensaft aus dem Kühlschrank und goss sich ein großes Glas ein. »Ich habe nach einer Wohnung gesucht. Für mein praktisches Jahr.«
Sie seufzte. »Und ich kann dich wirklich nicht überreden, wieder zu Hause einzuziehen?«
»Komm schon, Mom, ich war in den letzten fünf Jahren doch nur in den Ferien hier, und nicht mal die ganze Zeit.« Daniel hatte keineswegs ein ausschweifendes Privatleben, sondern schlicht keine Lust, mit dreiundzwanzig noch einmal für zwei Jahre in sein altes Kinderzimmer zu ziehen, Pool im Keller hin oder her.
»Schon verstanden. Du hast also nach einer Wohnung gesucht. Abends?«
Er grinste. »Ich habe bloß die Maklerin bei Laune gehalten.«
Es dauerte einen Moment, ehe der Groschen fiel. »Eine Frau?«
»Genau. Sie nimmt ihren Job sehr ernst und weiß genau, was ich mir vorstelle.«
»Eine Frau!«
»Du tust ja gerade, als hätte ich noch nie eine Freundin gehabt.«
»Aber sie ist etwas Besonderes«, gab Laura mit Nachdruck zurück.
»Woher willst du das wissen?«
»Weil du dich die letzten beiden Abende mit ihr getroffen hast, ganz einfach.«
»Das stimmt …«
»Und du kennst sie erst seit Kurzem. Also, raus mit der Sprache. Wie heißt sie?«
Es amüsierte ihn, wie sehr sie sich ins Zeug legte. »Cherry.«
»Aha. Kurze Saison, keine Massenware.«
»Was?«
»Exotisch?«
»Sie hat dunkles Haar …« Er hob die Hand und schüttelte den Kopf. »Ich glaube, ich sollte lieber den Mund halten.«
Laura nahm seine Hand und hielt sie fest. »Nein, sprich weiter. Bitte. Ich will alles über sie erfahren. Woher kommt sie?«
»Aus Tooting.«
»Also doch exotisch! Entschuldige, das war ein Witz. Ich werde jetzt ganz ernst sein.« Zerknirscht drückte Laura einen Kuss auf seine Hand. »Wie alt ist sie?«
»Vierundzwanzig.«
»Sie ist also Immobilienmaklerin?«
»Ja. Na ja, sie hat erst vor Kurzem angefangen und wird im Moment noch eingearbeitet.«
»Und sie arbeitet hier in Kensington?«
»Sie will schöne Häuser verkaufen.« Mit einem Satz schwang er sich auf die Arbeitsplatte. »Sie hat so getan, als wollte sie hierherziehen, um mehr über die Gegend zu erfahren. Sie hat siebenundzwanzig Besichtigungstermine mit anderen Maklern vereinbart, bevor sie sich...




