E-Book, Deutsch, 480 Seiten
Fox Der Mitternachtsgarten
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-8412-1416-4
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 480 Seiten
ISBN: 978-3-8412-1416-4
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Zwei Frauen. Ein Geheimnis um ein Kind. Ein tragisches Unglück.
Lucy steht in London vor den Scherben ihres Lebens. Als ihr eine Stelle als Haushälterin in der Toskana angeboten wird, sagt sie zu. Angekommen auf dem Castillo Barbarossa, merkt sie schon bald, dass ein düsteres Geheimnis über dem Anwesen liegt. Rätsel ranken sich um die Hausherrin Vivien, die einst eine berühmte Schauspielerin war, ehe sie sich plötzlich aus der Öffentlichkeit zurückzog. Als Lucy das alte Tagebuch von Vivien findet, stößt sie auf ein tragisches Unglück und jahrzehntealte Geheimnisse ...
Victoria Fox, Jahrgang 1983, wuchs in Northamptonshire auf. Sie studierte an der Sussex University und unternahm dort ihre ersten Schreibversuche. Sie arbeitete als Lektorin, bevor sie sich selbst ganz dem Schreiben widmete.
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Kapitel 17
Italien, Sommer 2016
Es gibt einen geheimen Garten im Barbarossa. Ich habe ihn bei meiner Ankunft bemerkt, den Umriss einer Tür in rostbraunem Ziegelstein. Aber erst als Adalina mir aufträgt, mich um die Rosen im Oval zu kümmern, habe ich einen Grund, ihn zu erkunden. Adalinas ungeduldige Art macht es mir schwer, sie um klare Anweisungen zu bitten, deshalb nicke ich oft nur und akzeptiere damit die Aufgabe, ohne eine Ahnung zu haben, was genau sie meint, und ich nehme mir vor, diese Frage später auf eigene Faust zu beantworten.
Mit dem Oval ist es genauso. Es dauert fast eine Stunde, bis mir klar wird, dass es nichts gibt, das auf dem Grundstück des Castillo auf diesen Namen hinweist, und erst als ich vor der Wand der Orangerie stehe, fällt mir wieder die Öffnung auf. Der Griff der Tür ist beschädigt, nur ein Schlüsselloch ist geblieben, und ich drücke mich mit meinem ganzen Gewicht gegen die Tür, die langsam nachgibt.
Hinter der Mauer verbirgt sich ein zerstörtes Paradies. Ich kann gerade noch die ungefähren Formen des einst gepflegten Gartens ausmachen, ein Kreis aus überwucherten Beeten mit toten Rosen, Kamelien, Jasmin, einem Seestern aus Parzellen, die jetzt von Wildblumen übernommen wurden. Es liegt eine wilde Schönheit in diesem Gärtchen; der Frieden dieses abgeschiedenen sonnigen Eckchens besteht aus seiner Leere, es ist ein Ort, an dem die Zeit stehengeblieben ist und die Natur sich ihren Weg bahnt. Das Anwesen ist ohnehin ruhig, aber diese Stille hier im Garten ist tiefgreifend und wird allenfalls vom gelegentlichen Flügelschlag der Vögel gestört, wenn sie in ein altes Taubenhaus fliegen, das zwischen zwei Bänken errichtet wurde. Ich frage mich, wer wohl früher auf diesen Bänken saß und diesen magischen Ort betrachtete. Jetzt ist das Holz rissig und von den Jahren verwittert, aber die Bänke beobachten weiterhin alles, ich fühle mich von ihnen beobachtet, als wollten sie wissen, wer ich bin, das Mädchen zwischen den Schmetterlingen.
Ich erinnere mich, wie ich früher mit meiner Mutter im Garten gearbeitet habe, und wie ich versuchte, den Garten weiter zu pflegen, nachdem sie starb. Es schien mir wichtig, das zu tun. Ich weckte eine Zeitlang auch das Interesse meiner Schwestern für den Garten, und sie zogen Würmer aus der Erde, stapften in ihren übergroßen Gummistiefeln auf und ab und kicherten, als sie versuchten, eine Schaukel vom alten Apfelbaum zu reißen. Danach half ich ihnen, die Erde von ihren Knien zu bürsten, und jeden Morgen schauten wir nach den Setzlingen in ihren winzigen Töpfen, die durch die Erde brachen und sich dem Himmel entgegenreckten.
»Sie sollten nach Hause gehen.«
Ich zucke überrascht zusammen, meine Hand fährt zur Brust. Salvatore steht hinter mir.
»Sie haben mich erschreckt«, sage ich und drehe mich zu ihm um, wie er im Eingang steht, eine Mistgabel in der Hand, deren Spitzen auf den rissigen Boden zeigen.
»Sie sollten nach Hause gehen«, sagt er noch mal. »Bevor es zu spät ist.«
Er ist größer, als ich ihn in Erinnerung habe, und nicht so alt. Ich erinnere mich, wie er meine Tasche über die Schulter gewuchtet hat, an seine Stärke. Er versperrt mir den Ausgang.
»Wofür zu spät?« Ich finde es merkwürdig, dass wir uns auf Englisch unterhalten, bis mir einfällt, dass Salvatore schon seit Jahrzehnten hier in Viviens Auftrag arbeitet.
»Das Wasser wird Sie holen«, sagt er. »Das Wasser holt sich jeden.«
Seine grünen Augen wirken milchig und unkoordiniert.
Er ist nicht ganz richtig da oben. Das ist schon seit dreißig Jahren so. Die Signora behält ihn nur aus Mitleid.
Mein Verstand fügt alles zu einem Bild zusammen. Dreißig Jahre – das würde zu dem Bericht in der La Gazzetta passen, über die nicht näher benannte Tragödie im Castillo. Bilder kommen mir in den Sinn, von Max, vom Generalschlüssel, dem Dachboden, der gekritzelten Notiz, von Viviens offener Tür …
»Sie können es nicht aufhalten«, sagt Salvatore. »Ich habe es mal versucht. Sie schrie. Sie war ein Wolf, Zähne und Blut. Sie wollte mich umbringen. Niemals anfassen, sagte sie. Und sie nennen mich verrückt, aber ich habe gesehen, was es heißt, verrückt zu sein. Sie wollte mich umbringen. Sie sollten nach Hause gehen.«
Salvatores Finger schließen sich um den Griff der Mistgabel, die sich tiefer in den Boden bohrt. »Es sei denn, Sie können nicht«, sagt er mit dem Anflug eines Lächelns. »Man sagt, ich wüsste nicht mal, wo unten und oben ist, aber ich beobachte Dinge. Ich weiß Dinge. Und ich weiß über Sie Bescheid.«
Meine Lippen sind trocken. Die Luft trägt plötzlich etwas Bedrohliches in sich. Eine graue Wolkenbank türmt sich auf und verschlingt das Blau. »Was wissen Sie?«
»Ich sehe es in Ihren Augen. Sie sind wie ihre. Sie können nicht nach Hause gehen. Sie haben etwas Schlimmes getan, so schlimm wie sie, und das Wasser wird Sie finden.«
Ich versuche, an ihm vorbei zu gelangen, doch er stellt sich mir in den Weg.
»Ich habe sie gesehen«, sagt er. »Sie hat sich damit gewaschen, da draußen in der Dunkelheit, sie wäscht sich mit dem Wasser, das noch im Stein ist, sie gießt es über ihr Nachthemd, bis es ganz nass ist, und ich konnte es riechen, das Wasser. Ein schwarzer Geruch, schwarz auf schwarz, Gras und Erde, ganz tief aus dem Boden. Sie wusch sich, als könnte sie jemals wieder sauber werden. Ich habe sie gesehen. Die Tote.«
Ich schiebe mich an ihm vorbei und laufe auf die Lücke in der Mauer zu, hinaus auf die Terrasse, hinauf zum Schloss, meine Knie geben fast unter mir nach. Die Luft schmerzt in meinen Lungen; der Himmel reißt auf, und der Boden will mich verschlingen. Die Sonne klebt am Kies, und nur der Springbrunnen sitzt in einem Kreis aus vorwurfsvollem Schatten.
Am Haus treffe ich Adalina, die gerade nach unten kommt. Sie hat es eilig und sieht blass aus.
»Ist alles in Ordnung?«, frage ich und komme allmählich wieder zu Atem. Adalina sieht mich auf diese Art an, die ihr eigen ist: irritiert, brüskiert, geduldig. Ich bin wie ein Kind, das beim Draußenspielen erwischt wurde, und erwarte fast, dass Salvatore hinter meinem Rücken auftaucht, mit einem krummen Finger auf mich zeigt und mich verpetzt.
Aber Adalina kümmert sich nicht um mich.
»Alles gut«, sagt sie. Nur dass ich ihr ansehe, wie wenig das stimmt. Die Haut des Hausmädchens ist fahl; um ihre Augen sind tiefe Schatten. Sie sieht aus, als hätte sie nicht geschlafen, und ich denke an Viviens Tabletten, die kürzlich geliefert wurden, und dass Adalina die ganze Nacht bei ihr gewesen sein muss. Sie greift sich in der Eingangshalle einen Mantel und eine Tasche.
»Wo gehen Sie hin?« Ich habe kein Recht, irgendwelche Fragen zu stellen, und Adalinas Gesichtsausdruck bestätigt dies, denn ihre Züge verhärten sich, als sie das Geländer umfasst.
»Die Signora wartet«, sagt sie. »Wir sind bald zurück.«
Die schwere Tür schließt sich, und Sekunden später höre ich das Knirschen von Kies, als Viviens Wagen die Einfahrt hinabrollt. Ich folge ihnen nach draußen. Ich erkenne Adalinas strenge Schultern auf der Fahrerseite, aber Vivien kann ich nicht sehen. Ich stelle mir vor, wie sie gebrechlich auf der Rückbank liegt, mit ihrem geheimnisvollen Leiden, gezwungen, sich ihrer Angst vor dem Draußen zu stellen und sich der Welt zu zeigen – oder zumindest einem Arzt. Ich ringe mit mir, dieses Bild von Vivien mit den Porträts in Einklang zu bringen, die vor Jahren von ihr gemacht worden waren. Sie war eine Sirene, eine begehrte Schauspielerin, der die Welt zu Füßen lag. Was ist passiert, dass sich alles so veränderte?
Der Springbrunnen scheint mich finster anzusehen, pulsierend die Antwort zu verbergen.
Komm zu mir. Komm. Komm und schau.
Meine Beine tragen mich dorthin. Ich spreize meine Finger auf dem rauen, kalten Rand, blicke darüber und sehe mich meinem Spiegelbild gegenüber. Hinter mir erkenne ich in der spiegelglatten Wasseroberfläche formlose Wolken am Himmel dahingleiten. Einen Moment lang ist es nicht die Spiegelung, die ich sehe, sondern etwas Wahres, und ich bin die Spiegelung, mein lebendiges Ich ist nicht länger lebendig, die reale und zurückgeworfene Welt hat sich verändert, so dass ich alles von der anderen Seite aus betrachte. Ich werfe mich in dieses Bild hinein, das in seiner Unheimlichkeit hypnotisierend wirkt. Mein Herzschlag beschleunigt sich, als würde gleich etwas passieren. Ich halte die Luft an, und im selben Moment taucht die Andeutung eines Gesichts über meiner Schulter auf, schockierend grotesk und wild, wahnsinnig boshaft, mit wilden Augen und völlig zerzaust …
Ich richte mich auf und schnappe nach Luft, sinke gegen den Stein.
Niemand ist hinter mir. Ich glaube das Lachen eines Kindes zu hören, aber da ist niemand hinter mir.
Als ich das Haus betrete, bin ich vollgepumpt mit Adrenalin, und bevor ich meine Meinung ändern kann, gehe ich in den Ballsaal und hole den Schlüssel wieder hervor. Ich brauche ein paar Sekunden, bis ich ihn finde, und kurz gerate ich in Panik, dass man mir auf die Schliche gekommen sein könnte und der Schlüssel entfernt wurde, ein stummer Tadel, bevor …
Da ist er.
Statt auf den Dachboden zurückzukehren und ihn abzuschließen, was das einzig Vernünftige wäre, gehe ich in Viviens Wohngemächer. Ihre Tür ist wie erwartet abgeschlossen. Eine Sekunde lang bezweifle ich, dass der Schlüssel sich...




