Fouchet | Die 48 Briefkästen meines Vaters | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 304 Seiten

Fouchet Die 48 Briefkästen meines Vaters


1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-455-00543-1
Verlag: Atlantik Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

ISBN: 978-3-455-00543-1
Verlag: Atlantik Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



»Bei Fouchets Schreibstil kann man die Salzluft und den bretonischen Butterkuchen schmecken.«   Brigitte   Auf der Suche nach ihrem unbekannten Vater reist Chiara aus Rom in die stürmische Bretagne. Sie ist bei ihrer Mutter in dem Glauben aufgewachsen, ihr Vater sei vor ihrer Geburt gestorben, bis sie eines Tages erfährt, dass sie womöglich die Tochter eines bretonischen Matrosen ist. Doch wie soll sie ihn auf der Insel Groix fnden, wenn sie nicht einmal seinen Namen kennt? Als ihr eine Stelle als Inselbriefträgerin angeboten wird, hat sie einen perfekten Vorwand für ihre Nachforschungen. Auf Groix kommen die Überraschungen nämlich mit dem Postschiff , und die Briefkästen haben ihre eigenen Geheimnisse. Hier findet Chiara eine zweite Familie. Und sie lernt den undurchschaubaren Schriftsteller Gabin kennen. Aber wird Chiara auch erfahren, wer ihr Vater ist?  

Lorraine Fouchet, geboren 1956, arbeitete als Notärztin, ehe sie sich ganz dem Schreiben widmete. Ihre zahlreichen Romane sind internationale Bestseller. Lorraine Fouchet lebt in der Nähe von Paris und auf der Île de Groix in der Bretagne. Bei Atlantik erschienen von ihr Ein geschenkter Anfang (2017), Die Farben des Lebens (2018) und Die 48 Briefkästen meines Vaters (2019).
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Weitere Infos & Material


Cover
Titelseite
Motto
Widmung
Rom, Piazza del Popolo
Rom, am Ufer des Tibers
Flughafen Fiumicino
Flughafen Beauvais
Überfahrt von Lorient nach Groix
Île de Groix, Port-Tudy
Île de Groix, Port-Lay
Île de Groix, Port-Lay
Chatou
Rom
Île de Groix, Port-Lay
Chatou
Île de Groix, Port-Lay
Île de Groix
Île de Groix, Le Bourg
Nanterre
Île de Groix, Les Sables Rouges
Nanterre
Île de Groix, Kermarec
Île de Groix, Port-Lay
Nanterre
Paris
Île de Groix, Port-Tudy
Île de Groix, Le Bourg
Île de Groix, Locmaria-Runde
Île de Groix, Cinéma des Familles
Île de Groix, Port-Lay
Paris
Île de Groix, Locmaria-Runde
Île de Groix
Paris
Île de Groix, Pointe des Chats
Paris
Île de Groix, Le Triskell
Île de Groix, Port-Lay
Île de Groix, Port-Mélite
Île de Groix, Buchhandlung und Café L'Écume
Île de Groix, Locmaria-Runde
Paris
Île de Groix, Locmaria-Runde
Île de Groix, Le Bourg
Île de Groix, Port-Lay
Île de Groix, Le Bourg
Île de Groix, Locmaria-Runde
Île de Groix, Le Bourg
Île de Groix,Le Bourg
Île de Groix, Port-Mélite
Île de Groix, Kermarec
Île de Groix, Le Bourg
Île de Groix, Pen-Men
Île de Groix, Locqueltas
Île de Groix, Le Bourg
Île de Groix, Morgenfähre
Im Zug zwischen Lorient und Paris Montparnasse
Nanterre
Chatou
Le Vésinet
Le Vésinet
Paris, Montmartre
Elba, Toskana
Rom
Île de Groix
Rom, Campo Verano
Rom, Centro storico
Rom, Piazza del Popolo
Île de Groix, Kermarec
Île de Groix, Port-Lay
Île de Groix, Les Grands Sables
Île de Groix, Le Bourg
Playlist
Rosmarinkuchen
Danksagung
Textnachweise
Biographien
Impressum


Rom, am Ufer des Tibers


Ich heiße Chiara Ferrari und bin fünfundzwanzig Jahre alt. Meine Familie besteht aus vier Personen, von denen nur zwei noch am Leben sind: meiner Mutter Livia, die ich beim Vornamen nenne, meinem Vater, der bei einem tragischen Unfall gestorben ist, meiner Großmutter Ornella, die ihrem Sohn vor einem Jahr nachgefolgt ist, und meiner Taufpatin Viola, einer Kindheitsfreundin meiner Mutter. Bei uns zu Hause wird nie gelacht, das wäre respektlos dem Großen Fehlenden gegenüber, meinem Vater, der sich aus dem Staub gemacht hat, bevor ich mich überhaupt ankündigen konnte.

Was nützt einem ein Vater? Ich habe meinen nicht verloren, weil ich ihn nie hatte. Aufgewachsen bin ich in Rom, mit einem jungen, sportlichen, witzigen, charmanten Papa, der mir in allen Zimmern aus einem Bilderrahmen entgegenlächelte. Zu Beginn jedes neuen Schuljahrs, wenn nach seinem Beruf gefragt wurde, erfand ich etwas anderes: Carabiniere, Feuerwehrmann, Anwalt, Taucher, Bombenentschärfer oder sogar Schweizergardist, was gar keinen Sinn ergibt, weil die ja unverheiratet sein müssen. Wenn meine Eltern etwas unterschreiben sollten, konnte ich immer nur mit dem eleganten Schriftzug meiner Mutter aufwarten. Irgendwann hatte ich es satt, mit einem Geist als Vater zu leben. Ich habe behauptet, er würde mich allein erziehen, weil Livia tot sei, was nicht vollkommen falsch war. Das Ganze endete in einem Rieseneklat, meine Mutter wurde zur Schulleiterin bestellt. Dabei hatte ich doch nur dem Kaiser geben wollen, was dem Kaiser gebührt, und meinem Vater in aller Öffentlichkeit beweisen, wie viel er mir bedeutet.

Mein bester Freund hat mich gerettet. Alessio ist warmherzig und immer für mich da. Er wurde von einer liebevollen Mutter großgezogen und hat ebenfalls keinen Vater mehr, das hat uns zusammengeschweißt.

Ehrlich gesagt wäre es mir lieber gewesen, im Heim aufzuwachsen. Livia hat mich nie in den Arm genommen, weil sie auch ihren Ehemann nicht mehr umschlingen konnte. Sie gab mir die Hand, wenn wir die Straße überquerten, und ließ mich los, sobald wir den gegenüberliegenden Bürgersteig erreicht hatten. Wollte jemand sie küssen, wich sie zurück, als hätte sie Angst vor einem Stromschlag. Wir waren eher Mitbewohner als Mutter und Tochter. Sie betrank sich mit Grappa, bevor sie – allein – schlafen ging. Und ich in meinem unbestimmten Schuldbewusstsein hielt mein Herz an und wartete darauf, endlich erwachsen zu werden, um ihr zu entkommen und mich am Leben zu betrinken.

Livia warf mir vor, nicht traurig genug über den Tod meines Vaters zu sein. Aber wie sollte ich? Ich hatte ihn ja nicht lebendig gekannt. »Du bist eine schlechte Tochter«, sagte sie einmal zu mir, als ich an seinem Geburtstag eine Kerze anzündete und fröhlich rief. Dabei hatte ich mir nichts Böses dabei gedacht, ich hatte ihn niemals reden hören, sich bewegen sehen, war nur mit seinem stummen Lachen, seinen weißen Zähnen auf dem glänzenden Fotopapier vertraut. Sein Tod bedeutete keine Abwesenheit, sondern eine diffuse und melancholische Dauerpräsenz. »Wenn ich die Wahl hätte, würde ich ihn nehmen, nicht dich«, fügte sie hinzu. Damit hatte sie recht, es war logisch. Ein Ehemann macht Urlaub mit einem, parkt das Auto, bringt Blumen mit, wenn er von der Arbeit nach Hause kommt. Er ist viel nützlicher als eine kleine Tochter, die man zur Schule, zum Kinderarzt, zum Zahnarzt fahren muss und der man bei den Hausaufgaben helfen soll. Im Grunde verstand ich sie. Auch ich hätte ihn bevorzugt. Er imponierte mir: Ein Kerl, der bis in den Himmel klettert, nachdem er auf der Piazza del Popolo von einer Vespa überfahren wurde, das war nicht ohne. Eine Sportskanone, die eine Woche nach der Hochzeit mit einem Satz ins Paradies springt, was für eine Leistung! Er hatte alle Rekorde gebrochen, ich konnte stolz auf ihn sein.

Im Land der herzlichen Familien geboren zu werden und dann eine Mutter zu haben, die einen nicht anrührt, ist schlimmer, als keine Pasta mit Tomatensoße zu mögen, es ist eine unverzeihliche Geschmacksverirrung. Außer meinen Klassenfotos gab es keinen einzigen Schnappschuss von mir als Kind, denn für Livia verdienten nur die Bilder ihres Ehemanns einen Platz an der Wand. Ich war überflüssig, ganz einfach, kein Grund, ein großes Trara zu machen.

Heute Abend, sechsundzwanzig Jahre und einen Tag nach dem Tod meines Vaters, feiern wir Livias fünfzigsten Geburtstag am Ufer des Tibers, in einer der Lieblingsosterien meiner Patin Viola. Der Große Fehlende wird auch da sein, unsichtbar und doch nicht zu übersehen, zwischen den Gläsern und Tellern, zwischen der Vorspeise und der mit den fünf Kerzen darauf.

Eigentlich war Livias Geburtstag schon gestern, aber seit dem Unglück existiert dieser Tag für sie nicht mehr. Sie hat ihn aus dem Kalender gestrichen. An diesem schicksalhaften Datum ist man bloß ein Schatten, zieht den Kopf ein, bläst Trübsal. Erst danach kehren Alltag und Pflicht wieder ein.

Wir trinken einen Spritz als Aperitif, anschließend einen Prosecco. Livia bläst die Kerzen aus, Viola klatscht Beifall. Mattia, Violas Liebhaber, ein verheirateter Familienvater, ruft an, um zu gratulieren. Die Augen meiner Mutter und meiner Patin glänzen, die beiden sind ziemlich angeheitert. In einer Viertelstunde kann ich mich ruhigen Gewissens verabschieden.

Plötzlich erhebt Viola ihr Glas, fixiert meine Mutter wie einen Schmetterling auf einer Korkplatte und verkündet: »So ist es besser für alle.«

Niemand versteht, worauf sie anspielt, also setzt sie noch einen drauf.

»So ist es besser für alle. Das hast du vor sechsundzwanzig Jahren beschlossen, Livia, weißt du noch?«

Meine Mutter runzelt die Stirn. Ihr Blick wird messerscharf.

Viola dreht sich zu mir.

»Livia lügt dich an, und zwar seit deiner Geburt. Sie ist nicht die perfekte, untröstliche Witwe, die alle Welt bedauert. Sie hat keine Ahnung, wer dein Vater ist.«

Ich lache unsicher.

»Hör nicht auf sie, Chiara«, zischt Livia.

»Von wegen! Du bist vielleicht die Tochter eines Franzosen«, fährt Viola unerbittlich fort. »Livia hat damals beschlossen, dass es besser für alle wäre, wenn ihr verstorbener Ehemann dein Vater ist. In Wahrheit stehen die Chancen fünfzig zu fünfzig.«

Nachdem meine sonst so gutherzige Patin ihre Bombe hat platzen lassen, grinst sie hämisch. Livia krümmt sich unter der Wucht der Explosion, ich schwanke. Innerhalb einer Sekunde liegen unsere beiden Leben in Scherben.

Mein Vater, ein Franzose? Wie erstarrt wiederhole ich Violas Worte einmal, zweimal, dreimal im Kopf. Genau diesen Moment wählt der Kellner, um an unseren Tisch zu kommen und zu fragen, ob wir noch eine Flasche möchten. Niemand antwortet ihm. Livia funkelt ihre Freundin wütend an. Violas Gesicht hat sich zu einer boshaften Grimasse verzogen, ich erkenne sie kaum wieder. Der Hass ist beinahe greifbar.

»Du bist betrunken«, faucht Livia.

»Genau wie du in der Nacht, als du diesen Bretonen getroffen hast«, gibt Viola zurück. »Chiara ist entweder ein Kind der Liebe oder des Limoncellos.«

»Schämst du dich nicht, so etwas vor ihr zu sagen?«

»Schämst du dich nicht, deine eigene Tochter anzulügen?«

»Warum heute?«, fragt Livia mit erstickter Stimme. Sie ist nicht länger meine Mutter, sondern ein verratenes, verletztes Kind. Zum allerersten Mal bröckelt ihre Fassade.

»Aus Rache«, antwortet Viola. »Du hast Mattia geraten, mit mir Schluss zu machen. Er hat es mir erzählt, aber ich wollte ihm nicht glauben. Als du eben mit ihm telefoniert hast, habe ich dich angeschaut und erkannt, dass es die Wahrheit ist.«

Ich halte den Atem an. Gleich wache ich aus diesem Albtraum auf, und mein Vater lächelt unbeschadet aus seinem Bilderrahmen auf mich herab, Livia und Viola sind ein Herz und eine Seele, Alessio ist mein bester Freund und Vertrauter. Jeder ist wieder an seinem richtigen, angestammten Platz, niemand schert aus.

»Mattia wird seine Frau niemals verlassen«, sagt Livia langsam.

»Du Hexe«, keift Viola.

»Er tut dir nicht gut, er hat dich nicht verdient. Ich will nur dein Bestes, und du fällst mir in den Rücken. Ich habe dir vertraut! Chiara, ich kann dir das erklären …«

»Nicht nötig«, unterbreche ich sie knapp.

Die Auseinandersetzung dieser beiden vom Leben gebeutelten Frauen, die mich aufgezogen haben, macht mich fassungslos.

»Viola lügt«, stößt Livia hervor und packt mich am Arm. »Glaub ihr kein Wort! Dein Vater war ein wunderbarer Mensch, und du bist ihm sehr ähnlich.«

Meine Mutter hat mich gerade freiwillig berührt. Zum ersten Mal seit Jahren. Das ist mindestens genauso verblüffend wie die Information, dass mein sagenumwobener Vater vielleicht nicht mein biologischer Erzeuger ist.

»Livia ist die Lügnerin!« Viola packt mich am anderen Arm. »Ich habe den Brief aufgehoben, in dem sie schreibt, dass es so besser für alle sei. Dieser Franzose kam von einer Insel in der Bretagne und hieß wie irgendein Wetterphänomen. «

»Das verzeihe ich dir nie!« Livia wendet sich an mich, blickt mir fest in die Augen, um mich zu überzeugen. »Dein Vater hatte einen Unfall, als er die Piazza del Popolo überquert hat. Auf dem Weg zu mir. Es war meine Schuld. Ich bin verantwortlich für seinen Tod. Mit dieser Bürde muss ich jeden Tag leben.«

Sie schließt die Lider, sieht mich nicht mehr, ist woanders, an diesem unerträglichen Ort, an dem sie allmorgendlich aufwacht.

»Deinetwegen will Mattia mich in den Wind...


Fouchet, Lorraine
Lorraine Fouchet, geboren 1956, arbeitete als Notärztin, ehe sie sich ganz dem Schreiben widmete. Ihre zahlreichen Romane sind internationale Bestseller. Lorraine Fouchet lebt in der Nähe von Paris und auf der Île de Groix in der Bretagne. Bei Atlantik erschienen von ihr Ein geschenkter Anfang (2017), Die Farben des Lebens (2018) und Die 48 Briefkästen meines Vaters (2019).

Segerer, Katrin
Katrin Segerer, geboren 1987, studierte in Düsseldorf Literaturübersetzen und überträgt seither Literatur für Kinder, Jugendliche und Erwachsene aus dem Englischen und Französischen.

Lorraine Fouchet, geboren 1956, arbeitete als Notärztin, ehe sie sich ganz dem Schreiben widmete. Ihre zahlreichen Romane sind internationale Bestseller. Lorraine Fouchet lebt in der Nähe von Paris und auf der Île de Groix in der Bretagne. Bei Atlantik erschienen von ihr Ein geschenkter Anfang (2017), Die Farben des Lebens (2018) und Die 48 Briefkästen meines Vaters (2019).



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