E-Book, Deutsch, Band 0, 260 Seiten
Reihe: Eddie Feber
Fossum Familienbande
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-143-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman, Eddie Feber 0 | Die Psychologie des Bösen - das spannende Prequel zur Eddie-Feber Reihe von Norwegens Queen-of-Crime
E-Book, Deutsch, Band 0, 260 Seiten
Reihe: Eddie Feber
ISBN: 978-3-98952-143-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Karin Fossums international erfolgreiche Krimis sind vielfach preisgekrönt. Ihr genaues Gespür für menschliche Abgründe beweist die norwegische Bestsellerautorin auch in der neuen Eddie-Feber-Reihe. Bei dotbooks veröffentlichte Karin Fossum ihre Krimireihe um Eddie Feber mit den Romanen »Familienbande« und »Nachtläufer«, die auch als Printausgaben und Hörbücher bei Saga Egmont erhältlich sind. Außerdem erscheint bei dotbooks ihre Konrad-Sejer-Reihe mit den Thrillern »Evas Auge«, »Fremde Blicke«, »Schwarzer Wald«, »Dunkler Schlaf« und »Stumme Schreie«, die als Hörbücher bei Saga Egmont erhältlich sind.
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Kapitel 3
Er war sich sicher, dass die Mutter am Fenster stand und nach ihm Ausschau hielt, denn er war ein kleines bisschen spät dran. Eine absichtliche Verspätung, die ihm das Gefühl von Macht verschaffte. Ein paar erbärmliche Minuten lang kostete er dieses Gefühl aus, während die Zeit auf die Mutter einhackte. Jetzt würde sie die Angst spüren. Angst, dass ihr Sohn die Verabredung nicht einhielt, dass er vielleicht gar nicht käme, dass er niemals mehr kommen würde, denn es kam ja sonst auch niemand. Deutlich sah er ihr Gesicht vor sich: faltig und bleich und mit einem unbenennbaren Ausdruck, der weder Angst noch Freude, Hoffnung oder Erwartung war, sondern nur ein leeres Gesicht.
Vielleicht stand sie da und dachte: Ich werde älter, bin krank und kann jederzeit sterben. Ich will nichts von irgendeiner Wahrheit wissen, keine Anklagen darüber, wo ich mich geirrt habe. Aber wo habe ich mich eigentlich geirrt? Ich begreife es nicht. Und doch ist da jemand, der atmet – hier in diesem Raum, wenn ich allein herumgehe. Ein Wesen, das mir etwas zu sagen versucht, das mich hinunter zur Erkenntnis zu ziehen versucht. Doch wozu soll die Erkenntnis gut sein? Sie führt zu nichts anderem als zu Verzweiflung.
So dachte die Mutter vielleicht, wie sie so am Fenster stand und wartete. Aksel fuhr das letzte Stück zum Haus, hielt vor der Schiefertreppe und machte die Zündung aus.
Dann verschwand er in einem gewaltigen Sog. Als säße er am Ufer des Gezeitenstroms Saltstraumen beim Angeln nach kleinen Kohlfischen und würde die Boote betrachten, die durch den Sund hereinwollten. Wie Papierschiffchen ohne Steuer lagen sie im Wasser, kreiselten umher, bis sie dann plötzlich in der Tiefe verschwanden. Wie der Schwimmer einer ausgeworfenen Angelschnur von der fauchenden Kraft der Gezeiten in die Tiefe gerissen wird, so stark, als hätte man einen Riesenfisch am Haken.
Sie zog ihn nach unten.
Noch im Auto sitzend stellte er sich vor, wie er den Finger auf die Türklingel legen würde, hörte ihren schrillen Ton im Inneren des Hauses und sah vor sich die Mutter, wie sie mit kurzen Schritten angestapft kam.
»Ach!«, würde sie sagen. »Du bist es?«
Auch wenn sie eine Verabredung hatten. Er sollte Holz für sie hacken, und auf die Uhrzeit hatten sie sich geeinigt. Dennoch würde sie in der offenen Tür stehen und überrascht aussehen, wie um anzudeuten, dass sie ein vielbeschäftigter Mensch war. Jemand, der wichtige Dinge erledigen musste und daher ganz vergessen hatte, dass der Sohn kommen sollte.
Auf langen Beinen schritt er über den Kies und legte den Finger auf die Türklingel. Es gab ein Klicken im Schloss.
»Ach!«, sagte sie. »Du bist es?«
Er folgte ihr nach drinnen, das Haus roch nach Tabakrauch.
»Ja, jetzt wird es wirklich Zeit, dass ich etwas Brennholz bekomme«, sagte sie.
Eine Anklage, weil er nicht früher gekommen war. Bevor er etwas erwidern konnte, ging das Gemurre auch schon weiter: »Ein Holzofen hat schon was, eine ganz spezielle Wärme, wenn es knackst und nach Birkenholz riecht und die Funken schlagen. Schade, dass du in deiner Wohnung keinen Holzofen hast, da könntest du viel Geld sparen. Du wischst doch wohl den Staub von deinen Öfen? Wenn sich viel Staub ablagert, kann er zu brennen anfangen. Wir trinken wohl erst eine Tasse Kaffee, es ist noch ein Rest in der Kanne. Hast du was von Ellinor gehört? Ich höre nie ein Wort von ihr, sie ist schon lange nicht mehr hier gewesen.«
Sie redete, ohne ihn anzusehen. Ihre Stimme war stark und zwingend, ohne Melodie, für Nuancen war kein Platz.
Er ließ sich auf einen Lehnstuhl fallen, während sie draußen in der Küche mit dem Geschirr schepperte. Es gab so einiges, was er über seine Schwester hätte berichten können. Zum Beispiel eine einfache Wahrheit.
Sie mag dich nicht.
Sie hat dich nie gemocht.
Sie wird dich nie mögen.
Er ließ seinen Blick zur Wand mit den Fotografien schweifen, alte Bilder mit einem bläulichen Schimmer, der alle kränklich anämisch aussehen ließ. Er selbst in einem viel zu großen Anzug und seine Schwester Ellinor im rosa Kleid. Ein paar Bilder von der Ski-Loipe. Die Mutter als Braut mit Schleier und Myrtenkranz, der Vater angespannt und ernst im schwarzen Anzug.
Daneben entdeckte er das Barometer, das der Vater von seinen Kollegen zum fünfzigsten Geburtstag bekommen hatte. Es hatte die Größe eines Esstellers und einen schönen Rahmen aus Nussbaum. Jeden Abend nach den Fernsehnachrichten hatte der Vater sich vor das feine Instrument gestellt und dreimal an das Glas geklopft, um zu sehen, ob der Pfeil nach unten Richtung »Tiefdruck« oder nach oben Richtung »Hochdruck« zeigte. Das ganze Prozedere war enorm andachtsvoll verlaufen. Vielleicht, weil es dem Vater das Gefühl vermittelte, die Dinge unter Kontrolle zu haben. Er hatte den nächsten Tag kartiert und geklärt, wie die Luftmassen sich verteilen würden: Warme und kalte Fronten über Europa, es galt, einen Schritt voraus zu sein.
Jetzt kam die Mutter mit dem Kaffee. Stellte die Tassen auf den Tisch, rückte sie umher, bis sie korrekt ausgerichtet waren. Schenkte ihm aus der alten Thermoskanne ein, die einmal zu Boden gefallen war, sodass der Henkel abbrach. Der Vater hatte ihn mit Superkleber repariert, und auf diese Weise hatte sie mehrere Hundert Kronen gespart, wie sie mit Triumph in der Stimme sagte. Ein paar Kronen gespart ist immer gut. Geld zu sparen war ihr größtes Talent und ihre große Freude.
Verschwendung ist ein Unding. Wir wissen niemals, was an Prüfungen vor uns liegt, da ist es schlau, etwas in der Hinterhand zu haben. Und dann ein Blick auf ihn, scharf wie Glas, um ihn an den Krieg zu erinnern.
Als Kind und später, im Laufe der Jahre, hatte Aksel oft gedacht, dass Liebe etwas sei, das er im Blick der Mutter finden würde. Dass er sie als mildes Licht sehen, als Sanftheit im Körper fühlen, als Wärme in der Stimme spüren und wissen würde, dass er geliebt wurde. Dass er getragen und beschützt und zum Licht gehoben wurde, dass er bei Gefahr sicher war. Dass er in all dieser Liebe baden und sich reich fühlen könnte, und sich Reserven für die schweren Zeiten zulegen könnte, von denen die Mutter so viel sprach.
Er hatte während seiner gesamten Kindheit, Jugend und den folgenden Jahren nach Anerkennung gesucht. Nach der Bestätigung, dass er etwas wert war. Doch der Blick der Mutter war immer taxierend geblieben, die Bewegungen hart und kantig, die Stimme schneidend. Denn wenn die Mutter sich jemals entspannt hätte, wenn sie die Schultern gesenkt und sich mit all ihren Fehlern geöffnet hätte, dann hätte jemand sie angreifen können.
»Also«, sagte die Mutter nun und sah zu Aksel. Ihre Augen strahlten keine Liebe und ihre Stimme keine Wärme aus.
»Hast du das Neueste schon gehört? Das hast du sicherlich nicht, denn es stand nichts darüber in der Zeitung, es wurde alles vertuscht. Aber ich habe es gehört, als ich beim Einkaufen war. Von der Frau, die an der Fleischtheke arbeitet. Also diese Sache mit dem Jüngsten der Østergårds. Der, mit dem du so viel zusammen warst, früher, als du jünger warst. Ihr seid doch per Interrail durch Europa gereist, das weiß ich noch, Griechenland und so. Aber ich kann mich nicht mehr erinnern, wo ihr überall wart.«
»Leffe?«, fragte er zögernd.
»Leffe?«, wiederholte sie stupide. »Wurde er so genannt? Wobei Leif als Name auch nicht so viel besser ist, etwas schlaff, finde ich, etwas charakterlos. Aber gut, Leif Østergård. Erinnerst du dich an seine Eltern? Du bist als Junge ja so oft oben auf ihrem Hof gewesen, erinnerst du dich an Anders und Eldbjørg?«
Aksel nickte. Er erinnerte sich, dass Anders – Leffes Vater – den eigenen Namen immer mit einem deutlichen D aussprach, so wie man es in Schweden tat. Und er erinnerte sich an Eldbjørg, heiter und sanft, ihr Gesicht am offenen Küchenfenster, und ihre warme Stimme.
»Jetzt müsst ihr brav sein, Jungs, sonst komme ich und hole euch!«
Vor allem aber erinnerte er sich an dieses Gefühl von Freiheit. Zum Beispiel, wenn er und Leffe auf dem Hofplatz mit dem Luftgewehr auf leere Milchkartons schießen durften, obwohl sie noch als Rotzlöffel galten. Anders und Eldbjørg hatten sich nicht darum gekümmert, was vielleicht passieren konnte: Geht ein Auge hops, so geht ein Auge hops, hier machen wir uns nicht schon vorher Sorgen, das Leben ist ein Spiel.
Ja, dort oben, auf Østergård, war das Paradies seiner Kindheit gewesen.
»Was ist mit Leffe?«, fragte er nervös.
Die Mutter sah ihn triumphierend an. Es geschah fast nie, dass sie etwas zu erzählen hatte, was Aksel nicht bereits erfahren hatte. Schließlich arbeitete er bei der Lokalzeitung.
»Wusstest du, dass Anders und Eldbjørg Østergård am selben Tag Geburtstag haben?«
»Nein.«
»Aber so ist es. Merkwürdige Dinge.«
Sie nahm sich viel Zeit, kostete die Sensation aus, wie ein Bonbon. Nachdem sie einen Schluck Kaffee getrunken hatte, stellte sie die Tasse sorgfältig zurück auf die Untertasse. Dann verschob sie diese ein paar Zentimeter nach rechts, wie um zu sagen, dass hier alles in Ordnung war.
»Aber so ist es«, wiederholte sie. »Die beiden haben am selben Tag Geburtstag. Also feiern sie immer zusammen, denn so sparen sie ja etliche Kronen. Am 20. September wurden sie beide achtzig Jahre alt, und da rührten sie anständig die große Trommel und luden alle ein, die kriechen und gehen konnten. Nicht, dass ich eingeladen worden wäre, aber das hatte ich auch nicht erwartet, ich treffe sie nur hin und wieder beim Einkaufen, und da grüßen wir uns bloß.«
Wieder trank sie einen Schluck Kaffee, stellte die Tasse auf die Untertasse und schob diese...




