E-Book, Deutsch, Band 1, 192 Seiten
Reihe: Eddie Feber
Fossum Der Nachtläufer
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98690-832-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman, Eddie Feber 1
E-Book, Deutsch, Band 1, 192 Seiten
Reihe: Eddie Feber
ISBN: 978-3-98690-832-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Karin Fossums international erfolgreiche Krimis sind vielfach preisgekrönt. Ihr genaues Gespür für menschliche Abgründe beweist die norwegische Bestsellerautorin auch in der neuen Eddie-Feber-Reihe. Bei dotbooks veröffentlichte Karin Fossum ihre Krimireihe um Eddie Feber mit den Romanen »Familienbande« und »Nachtläufer«, die auch als Printausgaben und Hörbücher bei Saga Egmont erhältlich sind. Außerdem erscheint bei dotbooks ihre Konrad-Sejer-Reihe mit den Thrillern »Evas Auge«, »Fremde Blicke«, »Schwarzer Wald«, »Dunkler Schlaf« und »Stumme Schreie«, die als Hörbücher bei Saga Egmont erhältlich sind.
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Kapitel 1
Sie war kräftig gebaut: breite Schultern, Fäuste wie ein Mann und ein Heuhaufen aus dunklem Haar. Margot von Hanno war eine große Frau. Wenn sie ihr breites Lächeln lächelte, konnte man glauben, sie hätte mehr Zähne als andere Leute.
Manfred saß neben ihr, hochgeschossen und schlaksig und mager, in seiner Uniform war noch viel Platz. Er betrachtete Margot und fand, dass sie hübsch war mit ihrem üppigen Busen und ihrem breiten Lächeln. Es musste schön sein, den Kopf an ihre Brust zu legen, warm und pochend, wie sie sicherlich war. Mehr als das wollte er von Margot nicht. Doch an sie als ein Ruhekissen zu denken war an sich schon schön. Seine Frau May-Britt war kein Ruhekissen, sie war eher eine Verantwortung, die ein bisschen was wog.
Sie waren auf dem Weg zum Bringebærfjellet, dem Himbeerhügel, nachdem dort ein Todesfall gemeldet worden war. Der Bringebærfjellet lag am Rande der Stadt, eine fruchtbare Anhöhe umgeben von Wald und einer Gruppe schäbiger, wild zusammengewürfelter Häuser – jedes in einer anderen Farbe und Bauart. Wobei Regen und Wind die Fassaden zerfressen hatten, sodass die Gebäude jetzt doch auf eine seltsame Art einheitlich wirkten. Alle hatten einen Grauschimmer. Zwischen ihnen wuchs Unkraut und Giersch.
Nummer 19 war grün und verblichen. Unter dem Grün ahnte man eine andere, schmutzig gelbe Farbe, und an einigen Stellen konnte man die graue Holzverkleidung sehen. Ein weißer Lieferwagen war auf dem Hof abgestellt. Links vom Eingang stand ein rostiger Kugelgrill.
Margot fragte Manfred nach der Hochschule, ob er den Dozenten gehabt hatte, den sie den Großen Grauen nannten.
»Ja, den hatten wir, ich erinnere mich gut an ihn.«
Margot zitierte einen der Lieblingsaussprüche des Dozenten: »Man muss immer auf das Worst-Case-Szenario vorbereitet sein. Ist man nicht auf den Worst Case vorbereitet, besteht die Gefahr, dass man die Fassung verliert und einem auf diese Weise wichtige Beobachtungen entgehen. Dann wird einem Menschen, der den Notruf wählt, nicht mit der ruhigen Autorität begegnet, die er sicherlich nötig hat.«
»Das hier ist kein Worst Case«, sagte Manfred. »Das ist bloß ein alter Mensch, der verstorben ist.«
»Bloß ein alter Mensch?«
»Du weißt, was ich meine.«
»Aber du erhoffst dir etwas Dramatischeres?«
»Das tust du doch auch«, neckte Manfred sie.
Niemand wartete draußen. Sie klopften an und traten ein. Sofort schlug ihnen dieser ganz eigene Geruch entgegen – nach fehlender Sauberkeit und vielleicht einem alten Menschen, der es nicht schaffte, sich um sich selbst zu kümmern. Sie gingen weiter in die Küche, wo sich Abwasch und Töpfe, Pizzaschachteln und leere Flaschen auf dem Küchenschrank häuften. Auf einem Stuhl am Fenster saß ein Junge im Teenageralter, schmal und ziemlich bleich, mit dünnen Armen und Beinen und einem Gesicht, das seltsam erwachsen wirkte.
Der Junge deutete auf eine geschlossene Tür.
»Er liegt da drin.«
Margot und Manfred gingen über die knarrenden Bodendielen und öffneten die Tür zum Schlafzimmer. Hier war der Geruch stärker. Die Wände hatten dieselbe Farbe wie die äußere Holzverkleidung, eine Art von Lindgrün. Auf einem Nachtkästchen standen mehrere Arzneigläser, und durch ein offenes Fenster mit Spitzengardinen drang ein Hauch warmer Luft. In einem einfachen Bett lag ein alter Mensch, gezeichnet vom Tod und dessen Auswirkungen.
Nur noch der Körper ist übrig, dachte Margot von Hanno. Die Hände mit lilablauen Flecken lagen hübsch gefaltet auf dem Bauch, und der zahnlose Gaumen stand offen. Die Zahnprothese lag in einem Glas auf dem Nachtkästchen, die Augen waren offen. Die Iris war ausgetrocknet und sah aus wie Luftpolsterfolie, aus der die Luft entwichen war.
»Hast du ihn so gefunden?«
Der Junge war ihnen gefolgt, lautlos wie eine Katze.
Das bleiche Gesicht zeigte keinerlei Regung.
»Großvater«, sagte er.
»Er ist dein Großvater? Und du bist ihn besuchen gekommen?«
»Ich wohne hier«, antwortete der Junge, »ich habe ihn so gefunden.«
»Wann hast du ihn gefunden?«
»Als ich heute aufgestanden bin.«
»Hast du das Fenster aufgemacht?«, fragte Manfred.
»Ja.«
»Und hast du seine Hände bewegt?«, wollte Margot wissen.
Der Junge sah sie mit einer jähen Intensität an. Ihr wurde unwohl bei dem Blick, sie verstand nicht, warum.
»So sollen die Hände liegen, wenn man tot ist, habe ich gehört.«
»Aber wie lagen sie ursprünglich?«
»So wie jetzt.«
»Wann genau bist du heute aufgestanden?«
»Hab nicht auf die Uhr gesehen«, entgegnete der Junge. »Ich bin direkt in Lennarts Zimmer gegangen und hab seinen Namen gerufen. Dann hab ich ihm die Hand an die Wange gelegt und gespürt, dass sein Körper kalt war.«
»Hast du nicht gesagt, dass er dein Großvater ist?«
»Er ist mein Großvater, und er heißt Lennart, sind Sie schwer von Begriff, oder wie?«
Margot ignorierte die Beleidigung.
»Ich habe Sie sofort angerufen«, fügte er hinzu.
»War dein Großvater gestern Abend noch wohlauf?«
»Ja, es ging ihm gut.«
»Wann bist du gestern ins Bett gegangen?«
»Hab nicht auf die Uhr gesehen.«
»Er war aber am Leben, als du ins Bett gegangen bist, da bist du dir sicher?«
»Ich war bei ihm und hab Gute Nacht gesagt, und da war er völlig in Ordnung.«
»Wie muss man sich das vorstellen? Was heißt es, dass dein Großvater ›völlig in Ordnung‹ war?«, fragte Manfred.
»Klar in der Birne und steif in den Gelenken.«
»Habt ihr gestern Abend viel miteinander geredet?«
»Wir reden immer viel.«
»Wie alt ist er?«
»Neunundsiebzig.«
»Hatte er irgendwelche chronischen Krankheiten?«
»So Altmännerzeugs, glaub ich.«
»Altmännerzeugs?«
»Krebs, vielleicht. Schwaches Herz. Und was mit den Nieren.«
Er maß Manfred von oben bis unten mit einem Blick. Dann drehte er sich um, ging wieder hinaus in die Küche und ließ sich auf den Stuhl am Fenster fallen. Er wirkte müde und resigniert, oder gleichgültig, das war schwer abzuschätzen. Manfred ging ihm nach.
»Warum wohnst du bei deinem Großvater?«
»Hab keine Eltern.«
»Sind sie tot?«
»Sie sind keine Eltern.«
»Was sind sie dann?«
Der Junge holte Luft und legte die Dinge dar.
»Mein Vater ist eingebuchtet. Mama ist in einer Einrichtung.«
»Was für eine Einrichtung?«
»Die psychiatrische in Varden. Mein Vater ist in Ullersmo.«
»Seit wann?«
Er krümmte sich bei der Frage.
»Mein Vater hat vier Jahre bekommen und muss noch dreißig Tage davon absitzen. Mama ist seit zwölf Monaten in Varden.«
»Also wird dein Vater in einem Monat freigelassen.«
»Das wird er. Und dann kommt er hierher. Lennart ist tot, daher gehört ihm jetzt das Haus.«
»Das wird schön, wenn dein Vater wieder nach Hause kommt, nicht wahr?«
»Das wird nicht schön, nein.«
»Wie alt bist du?«
»Achtzehn.«
Auf keinen Fall bist du achtzehn, dachte Manfred.
Erneut fiel ihm dieser Blick auf: scharf in der einen Sekunde und gleich darauf seltsam ausweichend. Der Junge trug eine schwarze Kapuzenjacke, jetzt zog er sich die Kapuze über, beugte den Kopf und faltete die Hände auf dem Tisch.
»Hatte dein Großvater irgendeine Hilfe? Einen Pflegedienst oder so?«
»Wollte er nicht.«
»Also hast du ihn versorgt?«
»Ja, ich habe ihn versorgt.«
»Wo befindet sich dein Zimmer? Kann ich es sehen?«
»Nein«, erwiderte der Junge bestimmt und sah ihn unschuldig an.
Manfred blieb freundlich und unternahm einen neuen Versuch. »Ein bisschen Unordnung macht uns nichts aus, das sehen wir nicht zum ersten Mal.«
Der Junge sah ihn unter gesenkten Augenlidern heraus an.
»Hab ich gesagt, dass es unordentlich ist?«
Unwillkürlich musste Manfred lächeln. So viel zu seinen Vorurteilen über Teenager.
»Wir würden gern sehen, wo du so schläfst. Es hat hier einen Todesfall gegeben, und in solchen Fällen müssen wir ein paar routinemäßige Untersuchungen durchführen. Das ist Vorschrift. Der Tod ist eine ernste Angelegenheit.«
»Was für eine ernste Angelegenheit?«, fragte der Junge, »Das ist einfach der Lauf der Natur. Ich will Großvater bloß wegbringen. Hier gibt es nichts zu untersuchen.«
»Du willst ihn wegbringen?«
»Er soll eingeäschert werden. Die Seele verdirbt, wenn sie in einem verfaulenden Körper bleibt. Großvater muss brennen.«
»Wer sagt das?«
»Ich.«
»Vielleicht ist dein Vater anderer Meinung?«
»Ist er nicht.«
Aus dem Jungen konnte man nicht schlau werden. Verblüffend kleine Hände, glatte und weiße Haut, der Blick eines Erwachsenen. Seine Stimme war hell, hatte aber ein großes Register, von zart und sanft bis hin zu scharf und spöttisch-schneidend. Und dazu dieser Blick, die Augen blau und kindlich in der einen Sekunde und in der nächsten schmal und durchtrieben.
Manfred ging im Haus umher, öffnete eine Tür und schaute in ein gefliestes Bad mit etwas Schmutzwäsche auf dem Boden und einer rissigen Seife am Waschbecken. Das Porzellan in der Toilette war braun verfärbt, das Gleiche galt für den Boden der Badewanne. Er versuchte es mit einer anderen Tür, blickte in ein Wohnzimmer mit Sofa und zwei Stühlen, Bücherregalen und Fernseher und vielen Fotografien an der Wand. Versuchte es mit der nächsten Tür und sah in eine Speisekammer mit Eingemachtem in den Regalen. Öffnete auch die nächste Tür und sah auf ein Bett mit blauer...




