E-Book, Deutsch, Band 3, 534 Seiten
Reihe: Spektrum
Foss Die Ursiden - Spektrum (#3)
1. Auflage, Ungekürzte Ausgabe 2025
ISBN: 978-3-03880-196-2
Verlag: Arctis ein Imprint der Atrium Verlag AG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
»Stranger Things« meets »DARK«: Band 3 des nordischen Fantasy-Mystery-Bestsellers
E-Book, Deutsch, Band 3, 534 Seiten
Reihe: Spektrum
ISBN: 978-3-03880-196-2
Verlag: Arctis ein Imprint der Atrium Verlag AG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nanna Foss wurde 1985 geboren und studierte Journalismus sowie dänische Sprache und Medien. 2016 machte sie zudem ihren Abschluss an der 'Writers' School for Children's Literature'. Bekannt wurde sie als Autorin der Fantasy-Serie ?Spektrum?, die 2014 bis 2019 erstmals veröffentlicht wurde und 2020 in einer Neuausgabe bei Gyldendal erschienen. Nanna Foss unterrichtet literarisches Schreiben, hält Vorträge und Workshops an Schulen und ist Mutter von drei Kindern.
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3
Das neue Sofa im Warteraum der Notaufnahme hat dieselbe Farbe wie die Leiche, die vor unserem Hotel lag. Die Sitzkissen sind gräulichbraun und die Armlehnen ähneln aufgequollenen Beinen. Je näher der Tag rückt, an dem sich das Ganze jährt, desto häufiger kommen mir solche Gedanken.
Ich schaue starr auf die gegenüberliegende Wand, während ich das Wartezimmer durchquere. Der schmelzende Schnee an meinen Stiefeln lässt die Gummisohlen quietschen. Papas Büro liegt im Forschungszentrum im hintersten Teil des Krankenhauses, und mit der Abkürzung an der Notaufnahme vorbei spare ich mir vier Minuten. Ich muss nur das Sofa meiden. Das ist einfacher, als der Weihnachtsdekoration im Krankenhausfoyer aus dem Weg zu gehen. Lichterketten und Wichtel und Lametta-Girlanden, die mich daran erinnern, dass der Dezember der längste Monat des Jahres ist. Die Geschäfte haben das Ganze von Oktober bis Januar ausgedehnt – und die letzten sieben Jahre ist es gefühlt immer länger und länger geworden.
Eine laute Stimme ertönt aus Richtung der Stuhlreihen und des leichenfarbenen Sofas.
»Pi!«
Ich drücke den Türöffner, um in den Wartebereich zu kommen, und schaue an die Wand, schaue an die Wand. Ich schlüpfe durch den Spalt, noch bevor die Tür ganz aufgeschwungen ist. Als ich das Büro meines Vaters erreiche, kommt gerade jemand heraus.
Es ist ein Mädchen, etwa in meinem Alter, aber größer. Helle Locken, verweinte Augen, den Blick zu Boden gerichtet. Ein Schlechte-Neuigkeiten-Gesicht. Nach all den Jahren, die ich im Krankenhaus ein und aus gehe, spreche ich diese wortlose Sprache fließend.
Sie geht schnell an mir vorbei und verschwindet den Gang hinunter. Die Tür steht einen Spalt offen und ich schiebe sie mit dem Fuß ganz auf.
Papa sitzt an seinem Schreibtisch. Er hat diese wohlbekannte Furche über den Augenbrauen, die auch zur Krankenhaussprache gehört – das Gegenstück des Schlechte-Neuigkeiten-Gesichts. Vor Mamas Tod hat er sich gelegentlich die Patientenschicksale zu Herzen genommen. Heute lassen sie ihn gar nicht los.
Als er hört, wie sich die Tür öffnet, sieht er auf. Auf dem Schreibtisch stehen leere Becher mit Instant-Nudelgerichten neben seinem Mikroskop.
»Nasrin.« Er reibt sich mit der Hand über die Augen. Das ist jetzt der dritte Tag, an dem er nicht nach Hause gekommen ist. »Wie geht es dir?«
»Ein Patiententermin am Samstagabend«, sage ich. »Das muss was Ernstes sein.«
Er sieht verwirrt aus.
»Die gerade rausgekommen ist«, sage ich.
»Eine Angehörige«, sagt er. »Keine Patientin. Sie und ihre Mutter wurden vor ein paar Tagen zu Hause überfallen. Die Mutter hat eine schwere Gehirnerschütterung erlitten und erkennt ihre Tochter nicht wieder, aber sie konnte noch eine Täterbeschreibung abgeben. Irgendein junger Mann.« Papa seufzt und schüttelt den Kopf. »Der ganze Fall ist irgendwie deprimierend und unlogisch. Es ist ganz normal, sich nach einem Unglück nicht mehr an alle Details zu erinnern, aber man muss schon ein schweres Kopftrauma haben, um Menschen zu vergessen, die man seit Langem kennt. Bei dieser Patientin ist es genau umgekehrt. Und ihr Zustand hat sich verschlechtert, obwohl beim CT keine Anzeichen von Hirnblutungen oder anderen schweren Schäden zu erkennen waren. Sie liegt jetzt im Koma, müsste aber eigentlich auf dem Weg der Besserung sein. Wir werden noch weitere Untersuchungen machen, aber man kann jetzt noch nicht sagen, wie sie sich entwickelt. Ich will dem Mädchen keine falschen Hoffnungen machen.«
»Sonst bekämpfst du falsche Hoffnungen aber nicht am Wochenende«, sage ich. »Da forschst du doch nur.«
»Krankheiten und Unfälle nehmen sich aber nicht frei, nur weil ich das tue. Und die Tochter war den Großteil der Woche hier, also dachte ich, ich sollte …« Er atmet aus und lehnt sich auf seinem Stuhl zurück.
Das ist so eine Angewohnheit von ihm. Sätze in der Luft hängen zu lassen. Gedanken, die nicht zu Ende gebracht werden. Als Mama noch lebte, hat er häufiger versucht, auf den Punkt zu kommen, weil er wusste, dass ihr das wichtig war. Aber jetzt kümmert es ihn nicht mehr. , hat Mama immer gesagt. Sie hat niemals halbe Sachen gesagt oder gemacht. Bei ihr gab es nur ganz oder gar nicht. Auch als sie gestorben ist.
Ich stelle meinen Rucksack auf die Kante des Schreibtischs und hole die Plastikdose heraus. Das Essen ist noch warm, als ich den Deckel abnehme.
Papa nimmt einen Löffel von mir entgegen und isst schnell, fast ohne zu kauen. Das T-Shirt unter seinem weißen Kittel ist schmuddelig. Ich habe ihm die übliche Tasche mit Kleidung zum Wechseln, Deo und einer Zahnbürste gepackt, aber er lässt sie ständig im Auto liegen.
»Schmeckt gut«, sagt er und schaut auf die Dose.
»Gut«, sage ich und schaue zu Boden.
»Es wird wahrscheinlich spät heute.«
»Okay.«
Dieselben Sätze, dieselben Routinen. Sie strukturieren unseren Alltag, jeder von uns hat seine festen Aufgaben. Wir haben die Dinge gerecht zwischen uns aufgeteilt:
Papa arbeitet tagsüber und ich gehe zur Schule und mache meine Hausaufgaben.
Papa arbeitet abends und ich putze, wasche, kaufe ein und koche.
Papa arbeitet am Wochenende und ich häkle eine Milliarde Oktopusse, fauche unsere Katze Prinzessin an und versuche, jenen Tag damals zu vergessen, auch wenn es mir der Dezember wirklich schwer macht.
Das wiederholte die Psychologin ständig. Sie faselte vom Überlebensschuld-Syndrom und sagte, dass das alles ganz normal sei – aber ich fühlte mich nicht schuldig. Ich wusste nur allzu gut, dass mein zehnjähriges Vergangenheits-Ich rein gar nichts hätte tun können. Es war nicht meine Schuld, dass wir genau dort Urlaub gemacht hatten, an genau jenem Tag. Es war nicht meine Schuld, dass ich nicht stark genug war, um sie festzuhalten. Ich weiß es, logisch betrachtet. Dass ich machtlos war.
Und das war das Schlimmste. Schuldgefühle kann man aufarbeiten. Machtlosigkeit ist einfach nur … leer.
Die Psychologin wollte, dass ich über Mama rede, aber die Worte wurden in meiner Lunge zu Wasser. Ich redete ihr nach dem Mund, um nicht zu ertrinken, und kam gerade noch so davon.
In der Zeit danach war meine Überlebensstrategie, zu lügen und »gut« zu sagen, wenn jemand fragte, wie es mir gehe. Aber jetzt lüge ich nicht mehr, aus Prinzip. Die Wahrheit tut weh, aber nicht so sehr wie . Das sagten die Leute zu mir, als wäre das ein Trost. Als wäre der Ort, an dem sie vorher war, also gemeinsam mit uns, nicht gut genug gewesen. Und nach ein paar Monaten fragte auch niemand mehr nach meinem Befinden. Sorgen haben offenbar ein Verfallsdatum. Bei anderen zumindest.
Ich ziehe die Tüte mit den fertigen Oktopussen aus dem Rucksack und lege sie auf den Tisch. Rote, gelbe und violette Streifen, ein starker Kontrast zu all dem Krankenhausweiß. Der blau-grüne Oktopus mit seinen starrenden Kreuzaugen sieht wie eine kleine Voodoo-Puppe aus. Maj hat vorgeschlagen, ich solle doch lieber runde Augen aufsticken, aber Neugeborene können ohnehin noch nichts sehen.
»Nachschub«, sage ich.
Papa sieht sich die Tüte an.
»Fleißig bist du.« Er reicht mir die leere Dose und den Löffel. Ich stecke alles zurück in die immer noch warme Tüte.
»Ich muss abliefern.« Ich ziehe den Reißverschluss zu und lächle, ein automatisches Zucken meiner Wangenmuskeln.
»Wir sehen uns dann nachher zu Hause«, sagt er.
Wir wissen beide, dass es dazu nicht kommen wird. Dass er auf dem Sofa in der Ecke seines Büros schlafen wird, ohne sich zuvor die Wechselkleidung aus dem Auto zu holen.
Papa fummelt am Mikroskop herum und weicht meinem Blick aus.
Man kann vielem im Leben aus dem Weg gehen, wenn man nicht darüber spricht. Wenn man nicht schimpft, keine Fragen stellt und nicht in Worte fasst, was wehtut.
»Gutes Gelingen«, sage ich.
Er nickt. Sein Kopf ist schon wieder über das Mikroskop gebeugt, bevor die Tür hinter mir ins Schloss fällt.
Auf dem Weg zurück durch die Gänge höre ich aus einem der Krankenzimmer ›Wonderful Christmastime‹ von Paul McCartney. Mamas Lieblingsweihnachtslied. Das haben wir immer gehört, wenn wir den Weihnachtsbaum geschmückt haben.
Ich bleibe stehen. Die Musik kommt aus einer offenen Tür weiter vorn. Weiterzugehen würde bedeuten, geradewegs unter eine eiskalte Vergangenheitsdusche zu springen.
Meine Beine machen von allein kehrt, bewegen sich mit schnellen Schritten in die entgegengesetzte Richtung. Steuern auf die Toilette der Kinderstation zu, verschwinden in einer Kabine. Das Schloss rastet mit einem Klicken hinter mir ein.
Ich setze mich auf den heruntergeklappten Toilettendeckel, ziehe die Beine an und bleibe so lange sitzen, bis das Licht ausgeht. Tue so, als würde ich aufhören zu existieren, wenn ich nur lange genug still sitzen bleibe.
Jemand betritt die Toilette. Die Tür der Kabine neben mir wird zugeschmettert und das Schloss klackt laut. Der Klodeckel wird mit einem Knall aufgeklappt. Die Person auf der anderen Seite atmet stoßweise. Und übergibt sich. Heftig. Unterdrücktes Schluchzen hallt in der Toilettenschüssel wider. Und weiteres Erbrechen.
Ich halte die Luft an, bleibe ganz starr auf dem Deckel sitzen.
Scheppern vom Klorollenhalter, Knistern von Papier. Das Geräusch der Spülung. Zweimal. Dreimal. Die Kabinentür öffnet sich, Schritte...




