Foschini | »Und der Wind weht durch unsere Seelen« | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Reihe: Nagel & Kimche

Foschini »Und der Wind weht durch unsere Seelen«

Marcel Proust und Reynaldo Hahn. Eine Geschichte von Liebe und Freundschaft
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-312-01222-0
Verlag: Nagel & Kimche
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Marcel Proust und Reynaldo Hahn. Eine Geschichte von Liebe und Freundschaft

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Reihe: Nagel & Kimche

ISBN: 978-3-312-01222-0
Verlag: Nagel & Kimche
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Die Geschichte einer großen Liebe zwischen zwei außergewöhnlichen jungen Menschen im Paris des späten 19. Jahrhunderts.
»Der Wind weht durch unsere Seelen«: das notierte der junge und bereits bekannte Musiker Reynaldo Hahn am Rande der Partitur einer von ihm komponierten Oper, »L'Île du rêve«. Es war im Sommer 1894, als er sich in Marcel Proust verliebte, und ebenso Proust in ihn.
Lorenza Foschini hat die Geschichte dieser Beziehung anhand der Briefe rekonstruiert, die vor der Vernichtung durch ihre jeweiligen Familien gerettet werden konnten, die jede Spur von Homosexualität aus dem Leben von Reynaldo und Marcel auslöschen wollten.
Reynaldo Hahn und Marcel Proust verband eine große Liebe, die in den folgenden Jahren zu einer ebenso leidenschaftlichen und intensiven Freundschaft wurde und bis zu Prousts Tod 1922 andauerte.
Wir entdecken hier den Mann, der die Liebe lebt, die schließlich im Mittelpunkt seiner »Recherche du temps perdu«, die Liebe zwischen Swann und Odette, stehen wird. Proust erlebt Momente großen Glücks, doch dann entwickelt sich die Eifersucht, der verzweifelte Wunsch danach, den anderen zu besitzen, was das Ende der Beziehung herbeiführen wird.
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I

Paris, 44 Rue Hamelin

Vor dem Haustor, 22. Oktober 1922, 7 Uhr abends

Am Abend des 22. Oktober 1922 um sieben Uhr tritt ein Mann aus dem Tor des Hauses Rue Hamelin 44, einer grauen Straße, die vom imposanten Bau des Eiffelturms überragt wird.

Der Mann ist etwa fünfzig Jahre alt. Das zum Teil von der Krempe eines breiten Hutes verdeckte Gesicht ist rund, der Schnurrbart grau und ausladend. Den leichten Mantel trägt er aufgeknöpft, man erkennt die kräftige Gestalt. Vornehm ist er, aber nachlässig gekleidet. Er wirkt bedrückt, als wäre er in traurige Gedanken versunken. Er verharrt einen Moment auf dem Bürgersteig, und da nähert sich von der anderen Straßenseite schnellen Schrittes ein mittelgroßer Mann mehr oder weniger im gleichen Alter, der sehr sorgfältig gekleidet ist, mit untadelig gebundener Krawatte, Einstecktuch in der Brusttasche, Lederhandschuhen und Spazierstock. Unter der geschwungenen Krempe des Filzhuts erkennt man das schwarze Haar, Schnurr- und Kinnbart.

Nach einem Augenblick der Unsicherheit, die dem Zwielicht des hereinbrechenden Abends geschuldet ist, erkennen die beiden einander, deuten ein Lächeln an und beginnen, ohne sich lange mit Höflichkeiten aufzuhalten, ein Gespräch. Ihre Stimmen sind leise, als fürchteten sie, der Klang ihrer Worte könne hinauf bis an die Fenster im fünften Stock dringen, aus dem ein schwacher Lichtschein dringt.

In diesem Haus wohnt Marcel Proust.

Nachdem seine Tante die Wohnung am Boulevard Haussmann 102 verkauft hatte und nach einem kurzen Zwischenaufenthalt in der Rue Laurent-Pichat 8, die ihm sein Freund Jacques Porel, Sohn der großen Schauspielerin Réjane, vermietet hatte, war Marcel zum 1. Oktober 1919 in diese Behausung gezogen, die er in Briefen an seine Freunde und Bekannten als »Notunterkunft« bezeichnete, fünfte Etage mit Aufzug. Tatsächlich ist die Wohnung typisch für das XVI. Arrondissement, in dem vorwiegend Adelige und reiche Bourgeois leben, und sie ist eine Kleinausgabe der Wohnung am Boulevard Haussmann, auch wenn nun anstelle der Korkverkleidung schwere Teppiche an den Wänden hängen, um die Geräusche zu dämpfen.

Den Verkauf der Wohnzimmermöbel überlebt haben das Porträt von Professor und Madame Proust, ein Bild von Helleu sowie jenes von Jacques-Émile Blanche, das einmal berühmt werden soll und auf dem Marcels weißes, längliches Gesicht so abgebildet ist, dass Jean Cocteau fand, es sehe aus wie ein Ei. Im kleinen Salon steht das goldgesäumte Regal aus schwarzem Ebenholz mit den Herzensbüchern.

Rechts vom Eingang befinden sich die Zimmer der Dienerschaft: Jenes, in dem Céleste mit ihrem Ehemann schläft, dem Fahrer Odilon Albaret, und die anderen, in denen die Schwester der Haushälterin, Marie Gineste, sowie Yvonne Albaret untergebracht sind, eine Nichte, die vor Kurzem eingetroffen ist mit dem Auftrag, auf der Schreibmaschine eine Abschrift des Romans von Monsieur anzufertigen.

Das Zimmer neben dem des Hausherrn steht schon seit einem Jahr leer. Es hatte Henri Rochat gehört, einem ehemaligen Kellner im Ritz, Prousts »Sekretär« und »letzter Gefangener«. Proust hatte einfach nicht den Mut gefunden, ihn wegzuschicken, bis ihm schließlich der befreundete Bankier Horace Finaly zu Hilfe gekommen war und Henri eine Stelle in der argentinischen Filiale der Banque de Paris et des Pays-Bas besorgt hatte, woraufhin der junge Schweizer seine Zelte in Paris abgebrochen hatte und nach Buenos Aires abgereist war.

In den letzten Jahren hat Marcel sein Privatleben ganz der Dienerschaft anvertraut, für die er seit je besonderes Interesse und eine fast krankhafte Neugier hegt. Auch in der Wohnung in der Rue Hamelin tummelt sich ein kleiner Hofstaat aus Bediensteten, diskret, schweigsam, überwacht von Céleste, die mittlerweile in einer dermaßen perfekten Symbiose mit dem Hausherrn lebt, dass sie sogar seine Ausdrucksweise übernommen hat und nun selbst in Paraphrasen, Periphrasen, Arabesken, Sturzbächen aus Komplimenten und beinah orientalischen Nettigkeiten spricht.

Aus Marcels Zimmer, das er in einem Brief an Montesquiou als so winzig beschreibt, dass nur gerade sein »Lager« hineinpasse, ist zwar kein Platz mehr für den Flügel und den Spiegelschrank, doch immerhin stehen dort nun das Messingbett, in dem er schläft, seit er sechzehn ist, ein Fauteuil für Besucher, ein Paravent neben dem Kamin, das geliebte chinesische Möbelstück sowie drei kleine Tische: Auf dem größten, der »Schaluppe«, liegen in Griffweite bunt durcheinander zwischen Stapeln von Büchern und Zeitschriften Taschentücher, die Schachtel mit dem Legras-Pulver, Brille und Uhr, während auf den anderen beiden ein formidables pharmazeutisches Arsenal gehortet liegt: Arzneien, aber auch Drogen und Rauschgift, Fläschchen und Flacons, die Aspirin, Morphin, Adrenalin, Euvalpin und Spartein enthalten, zu denen sich mit der Zeit Koffein und Kokain gesellt haben, Amylperlen und Veronal, Ephedrin und Heroin … 7

Der strenge, pestilenzartige Geruch nach antiasthmatischen Räucherwaren in der Zimmerflucht ist der Gleiche wie am Boulevard Haussmann, wo Cocteau Prousts Körper als »in einem Sarkophag aus Seelenmüll liegend« beschrieben hat. Der Kamin ist erloschen, im Zimmer ist es in diesen ersten frischen Herbsttagen eiskalt. Seit September ist Proust felsenfest überzeugt, dass der Kamin Risse aufweist, durch welche sich Kohlenmonoxiddämpfe verbreiten und ihn vergiften.

Wenn er das Bett verlässt und die Füße auf den Boden setzt, erfasst ihn ein Schwindel, er verliert das Gleichgewicht und fällt.

Die seltenen Male, die er das Haus verlassen hat, ist ihm bewusst geworden, dass es ihm viel besser geht, wenn er die erstickende Wärme des Zimmers verlässt, und so hat er angeordnet, kein Feuer mehr im Kamin zu machen. Doch um auszugehen, schreibt er an Gaston Gallimard, »müsste man es bis zum Fahrstuhl schaffen. Leben ist nicht immer bequem.« 8

Im Verlauf dieser Krisen fällt ihm selbst das Sprechen schwer. Am 3. Oktober 1922, ebenfalls in einem Brief an Gallimard, lässt Marcel sich so heftig und berührend über seinen Gesundheitszustand aus, dass man unwillkürlich an Leopardis Vermächtnis An seine Freunde in Toskana denkt, in dem der Dichter offenbart: »Ich bin wie ein dürrer Stamm, der fühlt und leidet.« 9 Proust hingegen vergleicht sich mit einem Insekt: »Andere als ich, und ich freue mich darüber, genießen die Welt. Mir selbst ist Bewegung, Rede, Denken, sogar das schlichte Wohlbefinden der Schmerzlosigkeit versagt. So gleichsam aus mir selber verbannt, flüchte ich mich in die Bände, die ich betaste, da ich sie nicht mehr zu lesen vermag, und lasse ihnen die Vorsorge der Grabwespe angedeihen, über die Fabre die von Metschnikoff zitierten wundervollen Seiten geschrieben hat, die Sie sicherlich kennen. Verkrumpelt wie sie und von allem beraubt, beschäftige ich mich nur noch damit, ihnen durch die Welt der Geister die Entfaltung zu sichern, die mir versagt ist.«10

Und doch hat er in diesen ersten Oktobertagen zum letzten Mal die Kraft gefunden, sich zu einem Empfang bei den Beaumonts in die Rue Duroc 2 zu schleppen. Es ist ein kalter und nebliger Abend, und als er wieder zu Hause ist, fühlt er sich fiebrig und hat starke Halsschmerzen, zu denen sich am folgenden Tag ein unablässiger Husten gesellt. Zur Monatsmitte hat sich die Erkältung zu einer schlimmen Lungenentzündung ausgewachsen, und Proust ringt sich schließlich durch, nach Doktor Bize zu schicken.

Der gute Doktor, der seit vielen Jahren mit unendlicher Geduld den bezaubernden, aber schwierigen Kranken behandelt, kommt mehrmals und beruhigt ihn: Es handele sich um eine gewöhnliche Grippe, die geheilt werden könne, sofern der Patient im Warmen bleibe, Ruhe halte und sich einigen Anwendungen mit Kampferöl unterziehe. Mit diesen Maßnahmen werde der Blutandrang in Bronchien und Lunge in wenigen Tagen beseitigt sein. Doch Marcel befolgt die Ratschläge des Arztes nicht und korrigiert in dem eisigen Zimmer lieber weiter die Umbruchfahnen, die Gallimard dringend zurückerwartet. Während die Tage vergehen, verbessert sich der Zustand des Kranken nicht etwa, sondern er verschlechtert sich so sehr, dass der arme Bize, dessen Vorgaben so gar nicht befolgt werden, Robert benachrichtigt, der wie der Vater Adrien ein renommierter Arzt ist. Die Szene, die sich zwischen den beiden Brüdern abspielt, sagt viel über ihr Verhältnis aus, das auf echter Zuneigung beruht, zugleich jedoch so voller unausgesprochener Worte, voller Pausen ist, dass die Herzlichkeit in ihrer Unterhaltung jederzeit in Gereiztheit umschlagen kann.

Marcel liebt diesen Bruder sehr, der zwei Jahre jünger ist, ein etablierter Mediziner, Ehemann – wenn auch gewiss nicht vorbildlich, wie es eben damals in einer gutbürgerlichen Familie üblich war – sowie Vater eines anmutigen Mädchens. Er liebt ihn und wird von ihm wiedergeliebt, auch wenn er in der Vergangenheit bei Robert wie zuvor schon bei seinem Vater eine unterschwellige Sorge bemerkt hat, ein unbewusstes und zurückgehaltenes Gefühl der Enttäuschung ihm gegenüber.

Dabei hat das außergewöhnliche schriftstellerische Talent des Bruders, das inzwischen von der Kritik anerkannt und mit dem drei Jahre zuvor verliehenen Prix Goncourt offiziell...


Foschini, Lorenza
Lorenza Foschini ist Journalistin und Schriftstellerin. Sie ist in Neapel geboren und lebt heute in Rom. Sie hat als Autorin und Moderatorin Dokumentarfilme und Sendungen wie »Lezioni di democrazia« gemacht.



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