E-Book, Deutsch, 300 Seiten
Forster / Weiß Kienspan & Rockenstube
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-946309-00-0
Verlag: Yellow King Productions
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Oberpfalz um 1900
E-Book, Deutsch, 300 Seiten
ISBN: 978-3-946309-00-0
Verlag: Yellow King Productions
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Josef Forster ist ein versierter Heimatforscher der mit zwei regionalen Kulturpreisen ausgezeichnet wurde. Aus seinen zahlreichen Veroffentlichungen ragt der historische Roman Kienspan & Rockenstube besonders hervor, weil es darin gelang, aus minuzios recherchierten Details eine einfuhlsame, humorvolle und spannende Geschichte zu weben, wie Menschen aller Generationen auf einem Bauernhof und in einem kleinen Dorf in der Oberpfalz vor etwa 120 Jahren lebten, liebten, arbeiteten und ihr oft nicht einfaches Leben mit einer Prise Schlitzohrigkeit meisterten.Josef Forster, 68 Jahre, managte als Geschaftsleitender Beamter bis zu seiner Pension eine Grenzgemeinde in der Oberpfalz. Nebenbei wirkt er sehr erfolgreich als Vorsitzender eines Heimatkundlichen Arbeitskreises. Einen Großteil seiner Zeit widmet er dem Sammeln, Forschen und Schreiben uber seine geliebte Oberpfalz.
Zielgruppe
Interessenten an Heimat und Brauchtum, der bayerischen Geschichte, insbesondere der Oberpfalz um 1900
Weitere Infos & Material
Erinnerung
Gedankenversunken kauerte der alte Mann auf dem angewitterten Baumstumpf, dem er sich in Farbe und Gestalt anzupassen schien. Auf seinen knorrigen Stock gestützt, hing er müde seinen Gedanken nach. Was war aus ihm geworden? Lange Jahrzehnte seines Lebens waren in gleichmäßiger Ordnung an ihm vorüber gezogen und er war zufrieden gewesen, dass er sein Auskommen hatte. Die Landwirtschaft, die ihm sein Vater als jüngsten Sohn einer vielköpfigen Bauernfamilie vererbte, sorgte für ein bescheidenes aber immerhin regelmäßiges Einkommen. Er hatte gut gewirtschaftet und das Anwesen um einige Tagwerk Acker und Wiesen vergrößert, bevor er es nach langem Drängen und mit schwerem Herzen an seinen Sohn Hans übergab.
Mit seinen sechzig Jahren konnte er sich nur noch schwach an die wichtigsten Stationen seines Lebens erinnern. Davon war lediglich die Kindheit unbeschwert. Sobald er nicht mehr am Rockzipfel der Mutter hing, konnte er frei umherstreunen, von kleineren Pflichten und Arbeiten abgesehen. Die Schule ging nebenbei. Nur die harte Zucht der schlecht ausgebildeten Lehrer war ihm noch im Gedächtnis, die ihr bescheidenes Wissen mit dem Stock in die verschüchterten Kinder eintrichterten. Danach gab es Arbeit, Arbeit und wieder Arbeit, verbunden mit einem einfachen aber auskömmlichen Leben in einem schönen, manchmal unwirtlichen Mittelgebirge, dem bayerischen Nordgau. Unterbrechung brachten zwei Kriege, in denen er 1866 erst mit den Österreichern gegen die Preußen und dann 4 Jahre später mit eben diesen Preußen gegen die Franzosen zog. Erst danach suchten seine Eltern für ihn eine passende Frau. Die gebar ihm acht Kinder, von denen drei am Leben blieben. Vor einigen Jahren war nun seine Frau gestorben. Dies war letztendlich der Anlass, den Hof an seinen Sohn zu übergeben.
Ein altes Sprichwort sagt:
„Übergeb’n – nimmer leb’n“.
Wenn der Hof einmal an den Sohn übergeben war, hatte man viele Sorgen los, man war aber auch überflüssig und eine Last für seine Mitmenschen. Sein Los war, Gott sei Dank, nicht ganz so schlimm, wie er es von anderen Austräglern immer wieder hörte. Sein Sohn hatte sich schon früh ein zweites Standbein geschaffen, um zusammen mit den Ersparnissen seiner Eltern die zwei Schwestern ausbezahlen und gut verheiraten zu können. Diesem Nebengeschäft, dem Handel, besser gesagt dem Paschen mit Rindern und Pferden aus Böhmen, ging sein Sohn immer noch nach und war daher oft unterwegs. Das Paschen oder Schmuggeln war zeitaufwändig und gefährlich, da es verboten war, aber man konnte gutes Geld damit verdienen. Während der regelmäßigen Abwesenheiten seines Sohnes war er nach wie vor der Bauer und konnte sich um alles kümmern. Sein Sohn hielt sich an den vereinbarten Austrag und so konnte er in seiner Stube und auf dem Hof ein zufriedenes Leben führen, bis er vor etwa einem Jahr mit einer fiebrigen Krankheit nieder lag. Davon hatte er sich nicht mehr richtig erholt. Den Sommer über ging es noch recht und schlecht. Jetzt aber, da die Sonne wieder schwächer wurde und die Kühle bereits am späten Nachmittag in die alten Glieder kroch, fühlte er, dass der Körper die Last des Alters nicht mehr tragen wollte. Viel schlimmer war aber noch, dass auch sein Geist müde geworden war. Was ihm sein Sohn und seine Enkel in den letzten Jahren immer wieder erzählten, konnte er nicht mehr verstehen. Nach dem gleichmäßigen Ablauf und Verständnis seines Lebens waren für ihn die Welt und die Menschen auf ihr verrückt geworden.
Schon seit einigen Jahren jammerten die Bauern, dass sie keine Knechte und Mägde mehr bekamen, weil alle jungen Leute in die Fabriken gingen und in die Städte auswanderten, wo sie vermeintlich viel mehr Geld für weniger Arbeit erhielten. Vor einigen Jahren gründeten der Pfarrer, der Schullehrer und einige andere „Närrische“ einen Darlehenskassen-Verein. Nun bewahrten die Leute ihr sauer erspartes Geld nicht mehr im Strohsack oder einem anderen häuslichen Versteck auf, sondern brachten es auf die „Kasse“, wo es in einen eisernen Schrank geschlossen und bei Bedarf gegen Zinsen wieder an andere Leute verliehen wurde. Jetzt war es so, dass der Bauer an Lichtmeß sein Geld von der Kasse holte und den Lohn an seine Dienstboten ausbezahlte. Die zahlten es dann schnellstens wieder im Darlehensverein ein. Sie bekamen dafür sogar noch Geld, „Zinsen“, wie sie sagten. Wollte der Bauer nun etwas anschaffen, konnte er sich vom Verein das Geld seines Gesindes oder anderer Einzahler wieder leihen, natürlich auch gegen „Zinsen“. Das sollte noch jemand verstehen. Er selbst hätte Angst gehabt, sein Geld nie wieder zu sehen. Aber die Jungen waren voll Begeisterung. Über Einlagen von mehr als 100.000 Mark sollte der Verein bereits verfügen. Im vorigen Jahr wurde eine Getreidereinigungsmaschine angeschafft, die gegen eine Gebühr von fünf Pfennigen pro Zentner Getreide die mühselige Arbeit von vielen Tagen in wenigen Stunden erledigte und zugegebenermaßen noch viel besser als bisher. In diesem Jahr sollte sogar noch eine Dampf- und Dreschmaschine gekauft werden, „um auf dem Weltmarkt konkurrieren zu können“, wie der Bürgermeister sagte. Wie sich das rechnen sollte war ihm unklar, vor allem weil die Getreidepreise seit den Bestrebungen des Zollvereins, die Einfuhr aus dem Ausland zu erleichtern, stetig sanken. Dafür baute die Gemeinde selbst in kleinen Orten wie Waidhaus bereits Wasserleitungen bis in die Häuser. Straßenleuchten, die der Nachtwächter täglich anzündete und morgens wieder löschte, erhellten die vormals finsteren Gassen. Vor kurzem beschloss der Gemeinderat sogar, die Eisenbahn bis nach Waidhaus zu holen. Die Grundstücke waren bereits gekauft. Verträge über die Versorgung mit Wasser und den Neubau einer Zufahrt wurden geschlossen. Nun würde es nicht mehr lange dauern, bis das fauchende und Rauch speiende Ungeheuer einer Lokomotive auf den eisernen Schienen die Kühe erschrecken würde, so dass sie keine Milch mehr gaben. Ruß und Asche würden sich auf Wiesen und Felder legen. Mit einer solchen Feuermaschine durch die dichten Wälder der Oberen Pfalz zu fahren, erschien dem Austragsbauern geradezu selbstzerstörerisch, genauso wie die übermütigen Fahrer der Benzinkutschen, die von Zeit zu Zeit auf der alten Handelsstraße nach Böhmen und Prag ratterten. Nein, er verstand die Welt nicht mehr und fühlte sich auch nicht mehr zu ihr gehörend. Wenn er an den bevorstehenden Winter dachte, den er die meiste Zeit allein in seiner Kammer verbringen würde, sah er keinen Sinn mehr in seinem Leben. Für ihn war es Zeit, Frieden mit sich und seinem Herrgott zu machen.
„
schreckte ihn seine Enkelin Maria aus seinen depressiven Tagträumen. Unwirsch streifte er die Hand beiseite, die ihn stützen wollte. Solange er lebte, würde es sein Stolz nicht zulassen, dass er sich helfen ließ, lieber würde er freiwillig sein Leben beschließen. Die einzige Hilfe, die er sich gestattete, war ein fester Stock aus Haselnussholz, dessen Astwucherung am Ende als Griff diente. So erhob er sich langsam und schlurfte, begleitet von seiner Enkeltochter Maria, die sich in respektvollem Abstand hielt, bedächtig auf das Haus zu.
Er betrachtete sich den Bauernhof mit Wohlgefallen. Für ihn war es immer noch sein Haus, auch wenn nun sein Sohn als Bauer das Sagen hatte. Er hatte das Anwesen von seinem Vater übernommen, erweitert und erhalten. Es war ein typisches Oberpfälzer Anwesen. Die niedrige Traufseite zog sich entlang der Straße und vermittelte einen verschlossenen, wehrhaften Eindruck, der durch die kleinen, durch Sprossen geteilten und von granitenen Laibungen umrandeten Fenster, verstärkt wurde. Der Giebel wandte sich der Südseite zu, wo sich ein großzügiger Hausgarten für frische Kräuter, Blumen und Gemüse anschloss. Die Rückseite des Gebäudes duckte sich tief in das etwas ansteigende Gelände. Durch die niedrigen Fenster kletterten die Kinder direkt auf die angrenzenden Wiesen. West und Ost waren die Wetterseiten. Während von Westen die häufigsten Regenschauer und Gewitter herzogen, blies von Osten regelmäßig der gefürchtete böhmische Wind, der oft tagelang anhielt und im Winter Straßen und Häuser unter großen Schneemassen vergrub. Die Männer mussten dann ausrücken, um mit Hand- und Spanndiensten die Zugänge und Straßen freizuschaufeln. Währenddessen vergnügten sich Kinder und Heranwachsende, indem sie mit ihren Schlitten oder auch nur auf dem Hosenboden von den Dächern rutschten.
Jetzt im Spätherbst war der Hausgarten innerhalb des hohen verwitterten Hanikelzaunes aus dünnen Fichtenstämmen braun und aufgeräumt. Nur noch wenige Blumen trotzten dem schlechter werdenden Wetter.
Von der Straße aus führte ein schmaler Zugang über tiefe Treppenstufen aus Granitplatten zu dem etwas erhöht stehenden Anwesen. Auf die Haustüre zugehend, wanderte der Blick des alten Mannes von links an den beiden Fenstern, die ein schwaches Licht in die Stube des Hauses brachten, vorbei, zu der schmalen zweiflügeligen Eingangstüre und einem weiteren Fenster, das zu seiner eigenen Stube gehörte. Dem Wohnhaus schloss sich der Stall an, mit einer niedrigen Türe und einem kleinen Fenster mit fast blinden Scheiben für die Belüftung und Beleuchtung. Haus und Stall waren aus Stein gebaut. Massive, fünfzig Zentimeter dicke Mauern aus Granitblöcken, verfugt mit einem Mörtel aus Sand und gelöschtem Kalk, trugen das hohe spitze Dach, das erst vor einigen Jahren mit Tonziegeln gedeckt worden war, die sich nach den verheerenden Bränden des letzten Jahrhunderts immer mehr einbürgerten. Von der Haustüre führte ein etwa eineinhalb Meter breiter, mit Steinplatten belegter, Gang entlang der...




