E-Book, Deutsch, 528 Seiten
Forstchen The Final Day - Die Welt ohne Strom
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-86552-724-0
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 528 Seiten
ISBN: 978-3-86552-724-0
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
William R. Forstchen (1950 in New Jersey geboren) ist ein US-amerikanischer Historiker und Autor von mehr als 40 Büchern. Er ist Experte für Militär- und Wissenschaftsgeschichte und den Amerikanischen Bürgerkrieg. Weitere Interessen sind Luftfahrt und Archäologie (er nahm an mehreren Expeditionen in die Mongolei, nach Rumänien und Russland teil). 2009 erschien der Roman One Second After, der für 12 Wochen die New York Times-Bestsellerliste anführte. Forstchen hatte dafür jahrelang analysiert, was in einer kleinen Stadt im Zuge eines EMP-Angriffs (Elektromagnetischer Impuls) tatsächlich passieren könnte. Der Sternenturm (Pillar to the Sky) erschien 2014. In diesem Wissenschaftsthriller wird ein Space Elevator geschildert, ein gewaltiger Turm, der bis über die geostationäre Umlaufbahn hinausführt. Forstchen hat diesen Roman mit Beratung der NASA und des Goddard Space Flight Center geschrieben, denn ein solches Megaprojekt ist tatsächlich in Planung und soll die Raumtransporte, Amerikas wirtschaftliche und technologische Bedeutung und die umweltfreundliche Energiegewinnung revolutionieren. Mit Tag des Zorns (Day of Wrath, 2014) schrieb Forstchen einen hochbrisanten Thriller, dessen Thema, der brutale Angriff der Terrormilitz IS auf die westliche Welt, leider keine düstere Fiction ist, sondern erschreckend aktuell.
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KAPITEL EINS
Tag 920
»Erinnert ihr euch an den Anfang dieses Romans von Charles Dickens: ›Es war die beste aller Zeiten, es war die schlechteste aller Zeiten‹?«
Die Hände um einen warmen Becher Kaffee gelegt – das musste man sich einmal vorstellen, Kaffee, richtiger Kaffee – zitierte John Matherson flüsternd die bekannte Zeile. Er blickte zu seinem Freund Forrest Burnett, der mit dem kostbaren Mitbringsel bei ihm aufgekreuzt war. Aus Erfahrung wusste John, dass man besser nicht fragte, wo er es aufgetrieben hatte.
Forrest verzog das verwachsene Gesicht, entstellt von der in Afghanistan erlittenen Verwundung, zu einem Lächeln. Mit der Augenklappe sah er aus wie ein Pirat. »Stammt das nicht aus dem Film, in dem dieser französische Mob dem Typen zum Schluss den Kopf abhackt?«
»Ja, so ungefähr.« John schmunzelte.
»Der Kerl war verrückt, für seinen Freund einzuspringen und an seiner Stelle auf die Guillotine zu gehen. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, entkommt der andere, der gerettet wird, mit dem Mädchen. Der Streifen hat mir noch nie gefallen. Warum erwähnst du ihn?«
Mit einem Seufzen stand John auf, trat ans Fenster seines Büros und blickte ins Freie.
In diesem Spätherbst hatte es früh geschneit, das College-Gelände von Montreat lag unter einer 15 Zentimeter hohen Schneedecke. Mindestens 15 Zentimeter, eher mehr. Alte Hasen, die anhand der Zahl behaarter Raupen und Nüsse sammelnder Eichhörnchen die Entwicklung des Wetters vorhersagen konnten, prophezeiten einen harten Winter. Anscheinend lieferte dieser frühe Novemberschnee die ersten Anzeichen dafür.
Vor Tag eins war der erste Schnee für John immer eine Zeit der Erholung und glücklicher Erinnerungen gewesen. In der Regel fiel dann auf Basis der Vorwarnungen des Weather Channel im Internet der Unterricht aus. Dann legte er sich ein paar Holzscheite mehr zurecht und machte es sich den ganzen Tag mit einem Buch vor dem Kamin gemütlich, während Jennifer und Elizabeth draußen spielten, um danach klitschnass hereinzukommen und heißen Kakao zu trinken. Später am Abend spielten sie dann Cluedo oder Monopoly. Und falls der Strom ausfiel, na und? Das machte es nur umso gemütlicher, die ersten paar Tage zumindest. Man übernachtete vor dem Kamin und sah zu, wie der Wald immer tiefer zuschneite.
Damals, vor Tag eins …
Jennifer war tot. Seine älteste Tochter Elizabeth, ganze 19 Jahre alt, war bereits Mutter und hatte einen zweijährigen Sohn. Vor Kurzem machte sie den nächsten Schritt und zog aus dem gemeinsamen Haus in Montreat aus. Sie hatte Seth Robinson geheiratet – den Sohn seines alten Nachbarn und guten Freundes Lee – und wohnte nun bei ihrem Ehemann, außerdem erwarteten die beiden ein weiteres Kind.
Auch das hatte sich nach Tag eins verändert. Noch vor wenigen Jahren hieß es, 25 sei das neue 18. Von jungen Leuten erwartete man in der Regel, dass sie aufs College gingen, ihren Abschluss machten, den ersten Job auf der Karriereleiter in Angriff nahmen und nach gelegentlichen Dates den richtigen Partner fanden, sich häuslich niederließen, um im Alter von 28 bis 30 Jahren endlich eine Familie zu gründen. Jetzt war es wieder wie zu Zeiten des Bürgerkrieges – mit 16 oder 17 wurde geheiratet. Ein unverheiratetes Mädchen mit 21 Jahren betrachtete man so langsam als alte Jungfer.
Ja, die Umstände hatten sich verändert, und der Historiker in John sah darin so etwas wie den Rückfall auf Urinstinkte: Verlor ein Stamm, eine Stadt, ein ganzes Land durch einen Krieg so viele Menschenleben, fand ein Paradigmenwechsel statt. Man heiratete jung, um frühzeitig eine Familie zu gründen – etwa im Zuge des sogenannten Babybooms der späten 1940er und 1950er.
Jen, am anderen Ende dieses Altersspektrums angesiedelt – die gute, alte Jen, seine Schwiegermutter aus der ersten Ehe mit Mary –, weilte nicht mehr unter den Lebenden. In einer anderen Zeit wäre sie vielleicht fünf, womöglich sogar zehn bis 15 Jahre älter geworden. Aber es gab eben keine Krankenhäuser und Medikamente mehr, um das Leben zu verlängern, und so geschah mit den Alten etwas, das man von primitiven Völkern kannte. Erlebten sie zu viel Schlimmes, erlosch bei vielen der Lebenswille.
Im August war sie sanft entschlafen. Nach Tag eins hatte John es viel zu oft erlebt – eines Tages verkündeten die alten Leute völlig ruhig, sie hätten genug vom Leben mit all seinen Schicksalsschlägen und es sei für sie an der Zeit zu gehen. Eines Abends fand er sie allein draußen auf der Glasveranda, sie saß da und plauderte vergnügt mit ihrem imaginären Ehemann, der kleinen Jennifer und ihrer Tochter – Johns Ehefrau Mary, die lange vor Tag eins gestorben war. Jen unterhielt sich mit den Geistern der Vergangenheit. John blieb schweigend stehen und lauschte, während sie leise über Antworten lachte, die er nicht hörte.
Lautlos war Makala an seine Seite getreten und hörte ebenfalls zu, während ihr die Tränen übers Gesicht rannen. Schließlich führte sie John ans andere Ende des Hauses, erklärte ihm, er solle Jen in Ruhe lassen, als Krankenschwester habe sie so etwas oft erlebt. Es sei ein deutliches Zeichen dafür, dass ihre Angehörigen, die bereits im Jenseits weilten, sich um sie versammelten, um ihr auf der letzten Reise beizustehen.
An jenem Abend bestand Jen darauf, nicht in ihrem Bett, sondern auf der Veranda zu schlafen, von wo aus man einen Blick auf das Grab der kleinen Jennifer hatte. Am nächsten Morgen fanden sie sie dort. Auf den ersten Blick wirkte es, als schliefe sie lediglich.
Sie begruben sie neben Jennifer. Noch ein Faden gekappt, der John mit seinem früheren Leben verband.
Selbst sein vertrautes Büro gab es nicht mehr, es war im Frühjahr bei der Schlacht mit Fredericks ausgebrannt. Also wurde beschlossen, das, was davon übrig war, ins College-Gelände oben in Montreat zu schaffen und im Untergeschoss von Gaither Hall eine neue Stadtverwaltung einzurichten – eine Entscheidung, die logisch schien, nachdem es bei jener Schlacht bereits als Ausweichhauptquartier gedient hatte. Jemand hatte den Vorschlag gemacht, das mittlerweile leer stehende Büro des College-Präsidenten dafür zu nutzen, doch mit diesem Gedanken konnte John sich nicht anfreunden.
Jene Räumlichkeiten besaßen für ihn eine zutiefst symbolische Bedeutung. Jedes Mal wenn eine Sondersitzung mit Vertretern des stetig wachsenden ›Staates Carolina‹ anstand, schloss er sie auf, damit sie dort tagen konnten. An der Wand gegenüber dem Schreibtisch des College-Präsidenten, genau in der Mitte, hing das bekannte Gemälde mit dem knienden George Washington beim Gebet in Valley Forge. Es erinnerte John an seinen Freund Dan Hunt, der dieses Büro einst genutzt hatte und gleich im ersten Jahr nach Kriegsausbruch gestorben war.
Johns neues Büro unten im Keller von Gaither Hall lag nur einen kurzen Fußmarsch von seinem Zuhause entfernt. Ein Stück den Hügel hinunter fand man die neue ›Fabrik‹, der sie den Namen Dreamworks gegeben hatten. In den Mauern des früheren Anderson Auditoriums lief die Serienfertigung neuer Stromgeneratoren. Ferner gab es eine Drahtfabrik zur Herstellung von Kupferkabeln für die Generatoren und zum Verlegen von Stromleitungen in der Siedlung.
Aufgrund von Spannungsschwankungen flackerte das elektrische Licht in Johns Büro regelmäßig. Immerhin war alles nur notdürftig zusammengeschustert, sie tasteten sich langsam an die ungewohnte Materie heran.
Das Schneetreiben nahm zu, Flocken wirbelten über die kleine Wiese unterhalb von Gaither Hall, starr ragte die reichlich mitgenommene US-Flagge, die sie während der Luftschlacht mit Fredericks’ Apache-Hubschraubern gehisst hatten, in den steifen Nordostwind.
Zuzusehen, wie der erste Herbstschnee fiel, hatte früher tatsächlich zu den ›besten aller Zeiten‹ gehört. John gab sich Mühe, nicht in Wehmut zu versinken. Er saß hier, trank richtigen Kaffee, der Raum wurde von einer richtigen Glühbirne erhellt und der Kaminofen, den die Studenten installiert hatten, verströmte eine angenehme Wärme, wie sie nur ein holzbefeuerter Ofen lieferte.
»Warum so niedergeschlagen, John?«, wollte Forrest wissen.
John hörte, wie ein Streichholz angerissen wurde, und als er über die Schulter blickte, lehnte Forrest sich auf seinem Stuhl zurück und zündete sich eine Zigarette an. Eine Zigarette! Grundgütiger, wie gern hätte er jetzt eine geraucht, doch das Versprechen gegenüber seiner sterbenden Tochter hielt ihn davon ab – ebenso wie der zu erwartende Anfall von Makala, sollte sie je in seinem Atem Zigarettenrauch riechen. Allerdings trat er einen Schritt näher und atmete genüsslich den Tabakqualm ein, der in der Luft hing.
»Ach, nichts, der Schnee bringt heute Vormittag nur so viele Erinnerungen zurück«, erwiderte John, während er wieder auf dem Bürosessel Platz nahm. Er hielt den Blick weiterhin auf die im Wind tanzenden Schneeflocken gerichtet. Lachen schallte heran und er erhaschte ein paar seiner Studenten, die mit einem behelfsmäßigen Schlitten den Hang hinunterrutschten. Junge Leute, abgehärtet vom Krieg und schwerer Knochenarbeit, die von den Kämpfen des Frühjahrs bei Gaither Hall angerichtete Schäden beseitigten. Gerade legten sie eine Pause ein und verhielten sich für ein paar Minuten wie Kinder. Bald würde ihr Kommandeur, Kevin Malady, herauskommen und sie auffordern, sich wieder an die Arbeit zu machen. John genoss es, ihnen dabei zuzusehen, wie sie sich amüsierten.
»Ja, geht mir auch so«, erwiderte Forrest. Sein Blick verlor sich in weiter Ferne, während er sich mit der verbliebenen Hand...




