E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Reihe: HarperCollins
Forst Gartenglück mit Seeblick
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-365-00046-5
Verlag: HarperCollins
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Reihe: HarperCollins
ISBN: 978-3-365-00046-5
Verlag: HarperCollins
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Paradies zwischen Blumeninsel und Rheinfall
Als Marlene überraschend einen Garten am Bodensee erbt, hat sie keine Ahnung, was sie damit soll. Aber sie muss zumindest einen Blick darauf werfen und Ordnung schaffen, bevor sie ihn verkaufen kann. Und plötzlich hat sie alle Hände voll damit zu tun, ihr eigenes Gemüse zu ziehen, die Erdbeeren vor den Schnecken zu retten und gemeinsam mit den Gartennachbarn für den Erhalt der Anlage zu kämpfen - und sich dabei ganz zufällig zu verlieben.
In Johanna Forsts Grundschulpoesiealbum stand als Traumberuf »Schriftstellerin«, mit dem Schreiben angefangen hat sie aber erst knapp 25 Jahre später. Nach einem literaturwissenschaftlichen Studium unterrichtete sie zunächst im In- und Ausland Deutsch als Fremdsprache, bevor sie sich dem Schreiben von Kurzgeschichten und schließlich Romanen widmete. Die gebürtige Westfälin lebt in Süddeutschland in der Nähe des Elsass, an das sie schon vor vielen Jahren ihr Herz verlor.
Autoren/Hrsg.
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1. Kapitel
Beim Gehen verfing sich mein Schal in der Tür, und ich konnte gerade im letzten Moment noch verhindern, stranguliert zu werden. Erschrocken zuckte ich zurück, löste die Fessel um meinen Hals und suchte hektisch nach meinem Schlüssel. Ich war viel zu spät dran, es war schon … oh herrje, zwei Minuten bis zu meinem Date. Ich zog den Schal aus der Tür, knallte sie erneut zu, dann hastete ich die Treppen hinunter und konnte mich gerade noch so davor retten, über den letzten Absatz zu stolpern.
Eile ist des Teufels Bote, dachte ich an das Sprichwort, das meine Großmutter immer zitierte. Leider war die Eile meine ständige Begleiterin, und aktuell war ich ohnehin schon zu spät für mein Date mit Nils. Aber die akademische Viertelstunde, sagte man, war doch okay. Mein Bus fuhr in vier Minuten, wenn ich Glück hatte, würde ich das mit dem akademischen Viertel gerade noch schaffen.
Ich tippte schnell eine Nachricht in mein Handy, dass ich mich ein bisschen verspätete.
Wie er wohl war, der Nils? Bisher kannte ich nicht mehr von ihm als sein Foto und ein paar Nachrichten. Onlinedating! Nachdem eine Arbeitskollegin meiner Freundin Jasmin vorletzte Woche einen Mann geheiratet hatte, den sie über eine Flirt-App kannte, hatten auch Jasmin und ich uns bei solch einer App angemeldet, um uns selbst einmal umzusehen.
»Wir sind Mitte dreißig, Leni, langsam wird’s eng«, entschied Jasmin, und dann begannen wir fleißig, Fotos anzuschauen und nach rechts und links zu wischen. Ich weigerte mich immer noch, Torschlusspanik zu bekommen. Oder hatte sie unterbewusst schon zugeschlagen? Jedenfalls hatte ich nun doch mein erstes Online-Date.
Selbst das Kennenlernen fand ich auf diese Art schon mühsam. Von einigen Männern hatte ich direkt in der zweiten Nachricht eine Einladung zum Oralsex bekommen und dankend abgelehnt – gut, aber immerhin wusste man da, woran man war. Andere suchten »derzeit nichts Festes« und Sven, 38, hatte »noch nie im Leben ein Date, oh bitte, bitte geh mit mir aus«. Alles nicht so recht mein Fall.
Dann kam Nils, 35. »Anwalt, kultiviert, mag Reisen, guten Wein und die schönen Seiten des Lebens.« Okay, der Text war etwas angeberisch, ich schrieb ihn trotzdem an. Seine Nachrichten klangen nett, humorvoll und authentisch. Es hatten sich ein paar witzige Schlagabtäusche ergeben, und wenn ich daran dachte, dass ich Nils in weniger als einer halben Stunde persönlich gegenüberstehen würde, dann war ich durchaus ein bisschen aufgeregt. Deshalb war ich im Übrigen auch so spät dran. Vor lauter Aufregung war mir erst der Föhn auf die Füße gefallen, dann hatte ich meinen Nagellack an den Rock geschmiert, den ich eigentlich anziehen wollte, und schließlich hatte ich mir die Finger in der Tür meines Badezimmerschranks geklemmt. Eine Verspätung von fünfzehn Minuten sollte da doch wirklich zu verzeihen sein. Dafür hatte ich mein Bestes gegeben.
Der Bus hielt an der Steinernen Brücke und ich stieg aus. Siebzehn Minuten nach acht. Ich hatte das akademische Viertel also schon um zwei Minuten überzogen. Die Bar, in der wir verabredet waren, war nur eine Querstraße weiter, hundert, maximal zweihundert Meter entfernt. Dafür brauchte ich keine vier Minuten. Schon war ich bei der Ampel, lag super in der Zeit. Und dann klingelte mein Telefon. Ich zog am Reißverschluss meiner Handtasche, der immer genau in solchen Momenten klemmte. Vielleicht hatte ich ja Glück und es war Nils, der mir sagen wollte, dass er sich ebenfalls verspätete.
Es war nicht Nils.
»Leni, deine Tante ist gestorben!«, rief meine Mutter mir statt einer Begrüßung entgegen.
»O mein Gott, Corinna ist tot?« Mein Herz blieb stehen. Corinna war die beste Freundin meiner Mutter, zu der ich schon von klein auf Tante gesagt hatte. Schwach setzte ich mich auf den Rand eines ausladenden Schaufensters.
»Oh.« Mama unterbrach sich. »Nein, Tante Anni.«
»Oh«, sagte ich ebenfalls und versuchte, möglichst betroffen und nicht nur erleichtert – Corinna ging es also gut – zu klingen, als ich hinzufügte: »Das tut mir sehr leid.« Nach einer angemessen trauernden Pause fragte ich: »Und … wer genau ist Tante Anni?«
Meine Mutter sog scharf die Luft ein. »Kind, du interessierst dich überhaupt nicht für deine Familie!«
Sie hatte also auch keine Ahnung.
»Ich gebe dir mal deinen Vater. Es geht da auch um rechtliche Konsequenzen.«
Rechtliche Konsequenzen? Und was hatte ich damit zu tun, ich kannte die Frau ja noch nicht mal?
Sie murmelte leise, dann raschelte es.
»Leni? Ja, hier ist Papa.« Er räusperte sich umständlich. Doch bevor ich ihn ebenfalls fragen konnte, wer Tante Anni war, sagte er: »Wir erben Annis Schrebergarten.«
Aha. Ich verstand noch immer nicht, warum diese Info wichtig für mich war.
»Ist das nicht toll? Am Bodensee! Er soll direkt am Ufer liegen. Du wirst so viel Spaß haben!«, hörte ich meine Mutter aus dem Hintergrund quietschen.
»Am Bodensee? Wieso werde ich dort Spaß haben?«, fragte ich entsetzt. Der Bodensee war groß und von Ulm bis zum östlichsten Ufer fuhr man bereits eine Stunde.
»Weißt du, es gibt dort einige Auflagen. Der Rasen muss regelmäßig gemäht werden, die Hecken geschnitten, dieses, jenes. Und wir dachten, da du ja nicht richtig arbeitest …«
»Ich arbeite richtig. Ich bin Freiberuflerin!« Und als Journalistin hatte ich jede Menge zu tun. Im Namen der Redaktion, die die meisten meiner Artikel druckte, hetzte ich von einem Termin zum nächsten, ganz zu schweigen von den Abenden, die ich mit Recherche verbrachte.
»Ja, wie gesagt«, Papa räusperte sich erneut. »Da hat die Familie beschlossen … Du musst dich um den Garten kümmern.«
Bitte was? Feine Familie, dachte ich. »Die arme Frau ist noch nicht einmal unter der Erde und ihr verteilt schon ihre Besitztümer.« Diese Entscheidung ließ sich doch sicherlich noch einmal diskutieren, ich versuchte es erst mal mit schlechtem Gewissen.
»Die Beerdigung war vor sechs Wochen«, erklärte mein Vater.
»Die … und wieso erfahre ich jetzt erst von Annis …« Tod? Ihrer Existenz?
Ich hörte, wie Mama Papa das Telefon wieder wegnahm.
»Der Kleingartenverein hat schon mehrfach bei Harald angerufen.« Okay, Harald war Papas Bruder. Den kannte ich immerhin. »Die sind mit der aktuellen Situation gar nicht glücklich, es muss sich jemand kümmern.«
»Und da dachtet ihr gleich an mich.«
»Du hast doch einen grünen Daumen.«
»Ich hatte in der Schule mal einen Kaktus.«
»Eben. Du wirst morgen früh um acht zum Rasenmähen erwartet.«
Ich beschloss, die Diskussion mit meiner Familie – Mama, Papa, Harald, Oma und Opa – auf später zu verschieben.
»Aha. Ich melde mich nachher noch mal bei euch. Jetzt habe ich etwas vor. Ich bin grundsätzlich eine viel beschäftigte Frau. Viel zu viel beschäftigt. Bis dann«, verabschiedete ich mich und legte schnell auf. Für mein Date war ich nun schon geschlagene dreißig Minuten zu spät. Falls Nils überhaupt noch da war. Schnell checkte ich meine Nachrichten, aber der letzte Satz stammte von mir: die Entschuldigung, dass ich ein paar Minuten später kam – aktuell ungefähr fünfunddreißig.
Im leichten Jogging-Schritt trabte ich die Straße hinunter, um wenigstens auf den letzten Metern noch ein paar Sekunden gutzumachen. Abgehetzt sah ich ja sowieso schon aus. Ich öffnete die Tür zur Bar und blickte mich um. Außer Frauen und gemischten Gruppen gab es nur zwei einzelne Männer. Einen Endfünfziger am Tresen mit einem halb leeren und einem vollen Bierglas vor sich, dem dazu passenden Bauch und einer geröteten Nase. Wenn Nils seine Profilbilder nicht bis zur Unkenntlichkeit retuschiert hatte, musste er also der andere, etwa zwanzig Jahre jüngere Typ sein, der dort rechts an einem Tisch saß. Ich sah ihn nur im Profil, aber das gefiel mir: eine gerade Nase, dunkle, leicht verwuschelte Haare und schöne Hände, die gelangweilt das Etikett von einer Flasche Beck’s knibbelten.
»Nils?« Ich schob mich auf den Stuhl ihm gegenüber und lächelte ihn an.
Er blickte hoch. Dann auf seine Armbanduhr. »Das ist jetzt nicht dein Ernst«, sagte er.
»Tut mir leid. Ich habe dir geschrieben, ich komm ein bisschen später.« Man hörte meiner Stimme das schlechte Gewissen an, sie klang quäkig.
»Ein paar Minuten.« Er zog spöttisch die Augenbrauen hoch. »Jetzt ist es gleich Viertel vor neun.«
»Die beste Zeit, um ein Bier zu trinken«, versuchte ich, das Positive zu sehen.
»Wir waren um acht verabredet.« Er nahm den offenbar letzten Schluck aus seiner Bierflasche und knallte sie auf den Tisch.
»Dein Beck’s geht auf mich«, gab ich mich immer noch versöhnlich.
Aber er stand schon auf und griff nach seiner Lederjacke, die er über die Stuhllehne gehängt hatte. Braun, wie seine Schuhe. Die Anzughose war dunkel-, das Hemd hellblau. Ich wusste nicht, ob ich seinen Stil attraktiv oder spießig finden sollte. Er betonte seine große schlanke Figur, aber als er erneut demonstrativ auf seine Armbanduhr sah, entschied ich mich für spießig. Eindeutig.
»Jetzt stell dich nicht so an.« Langsam fand ich, er übertrieb. Ja, ich war zu spät, aber ich hatte mich schließlich entschuldigt! War er überhaupt nicht neugierig auf mich? Ich mochte seinen Humor, die schlagfertigen Antworten und dachte, ihm würde es genauso gehen. Und dann wollte er uns nicht einmal eine Chance geben. Wieso war er...




